Nr. 235
Freitag, den 6. Oktober 1905
14. Jahrgang
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Neuelle Wachrichten
(chießener Gagevfatt)
Mnavyängige Tageszeitung
(Gießener ZeUimg)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Die „moderne" frau.
Ein „fortschrittlicher Frauenta g", aus ganz Deutschland beschickt, hat in Berlin stattgefunden. Männliche und weibliche Freunde der radikalen Frauenbewegung haben in langen Reden dargetan, daß die Stellung der Frau eine durchaus andere werden, daß die Frau aus der Knechtschaft zur Freiheit gelangen müsse, daß man ihr nicht ferner vorenthalten dürfe, neben dem Mann genau dessen Rechte zu genießen. Der Vormundschaft des Mannes ledig, solle die Frau dem Manne gleich sein, die nämlichen Befugnisse besitzen, alle gelehrten und gewerblichen Laufbahnen offen finden. Was bisher vielfach noch Ausnahme sei, solle die Regel werden: daß die Frau wirtschaftliche Selbständigkeit erlange, nicht die Kostgängerin des Mannes sei, sondern seine konkurrierende Gefährtin. Demgemäß sei auch dem Bibelwort „er soll dein Herr sein" für die Ehe die Geltung zu nehmen. Ein Wirtschaftsvertrag wird die Ehe, und nicht einmal ein Vertrag auf gemeinsame Wirtschaft, denn die Familie wird durch das „Phalansterium" ersetzt, burd) die MassengemeinsckM, die für Kinderfürsorge, Kindererziehung, häusliche Obhut, Nahrung, Bekleidung usw. das individuelle Walten des Hauses aufhebt. Beinahe selbstverständlich und kaum besonderer Erwähnung bedürftig ist es, daß die Ehe auch die bisherige Form verlieren, daß sie den Zwang aufgeben und sich zur „freien Ehe" erheben soll, die der bloße Wille der Kontrahenten so löst wie schließt.
Der „Fortschrittliche Frauentag" hat sich nicht begnügt, die eben erwähnten Gegenwände zu erörtern. Wahrscheinlich von der Voraussetzung ausgehend, daß es ihm zukomme, zunächst sein eigenes Progrc m in seinem eigenen Tun zu verwirklichen und den Unterschied zwischen Mann und Frau im öffentlichen Leben zu leugnen, hat er Dinge in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen, für die ein spezifisches Fraueninteresse durch keine Kunst zu konstruieren ist. Die F l e i s ch n o t und die F l e i s ch t c u e r u n g ist doch zurzeit noch vorwiegend eine Männerfrage, insofern nämlich es vorwiegend noch die Männer sind, die für den Unterhalt von Frau und ZUnd erwerblich zu sorgen haben. Die B e - Handlung der jugendlichen Delinquenten, über die eine Doktorin der Jurisprudenz mit der radikalen Weisheit eines angehenden Referendars sich ausließ, ist gleichfalls keine spezifische Frauensache.
Es ist nicht gut möglich, über öffentliche Schäden tagelang zu sprechen, ohne dabei ab und zu eine richtige Bemerkung zu machen. Die öffentlichen Schäden liegen eben zutage, man kann gar nicht umhin, sie wahrzunehmen. Es ist auch ganz gut, wenn diese Schäden untersucht, wenn sie auf ihre Abstellbarkeit geprüft und wenn Vorschläge zu ihrer Beseitigung gemacht werden. Es ist aber kindlich, wenn erwachsene Menschen sich einbilden, s i e hätten die Schäden entdeckt, die doch in die Augen springen, s i e erst empfänden die Schäden in edler Menschlichkeit, und man brauchte nur ihrem weisen Rat zu folgen, um allen Schäden ein Ende zu bereiten. In Wirklichkeit besteht dieser weise Rat in der Regel aus tastenden und konfusen, undurchführbaren oder bei der Durchführbarkeit verhängnisvollen Vorschlägen, die aus der Tiefe der Unkenntnis geschöpft sind, schon tausendmal da waren und bereits tausendmal als unreif und unmöglich verworfen worden sind. Sobald man den Empfehlungen der radikalen oder fortschrittlichen Frauenrechtlerinnen näher tritt, zerfließen ihre Gedanken in nichts, zerflattern ihre Vorschläge ins Wesenlose, erweisen sich ihre neuen Ideen als wahlloser Abhub längst abgetaner Vorstellungen. Was immer sie sagen, das ist ^ an tausendmal früher und besser gesagt und durchdacht und geprüft und verworfen worden. Sie machen Eindruck nur auf die ganz Harmlosen, die dem Gegenstand Nachdenken überhaupt noch nicht gewidmet haben und nun bereit sind, die ältesten Dinge als neu anzustaunen.
Man muß keineswegs beschränkt sein, um zu den Harmlosen zu zählen. Recht kluge Männer sind der suggestiver Wirkung ausgesetzt, wenn wirkliche aber scheinbare Ueber* zeugung sich ihnen aufdrängt, ohne daß ihr Mißtrauen geweckt wird. Ist das Mißtrauen erst wach, meldet sich bei kritische Verstand, so ist es mit der Wirkung alsbald zu Ende Ein Geschichtchen aus der Zeit Friedrichs des Großen mag das illustrieren:
Friedrich der Große liebte es, seine Minister und Räte seine Generale und Höflinge zeitweilig zu necken, sie aufs Glatteis zu führen. Eines Tages ließ er den elendester Rauchtabak, der zu finden war, säuberlich in Staniol wickeln und in kostbaren Mahagonikästchen verpacken. Die Kistchen wurden nach Königswusterhausen gebracht, dem Stammsitz des „Tabakskollegiums" unter Friedrich Wilhelm I. Danach ergingen Einladungen an die Minister und Räte, Generale und Höflinge, daß sie die Sorte Tabak probieren sollten, die der König von besonderer Seite erhalten habe. Man bewunderte die schönen Kistchen, stopfte die Pfeifen und rauchte. Der König der sich schnupfend gegen den Geruch geschützt hatte, fragte reihum, wie den Herren der Tabak zusage, den sie erbleichend und im Schweiße ihres Angesichtrauchten. Sehr gut fanden ihn die einen, andere sogar vortrefflich: man müsse sich erst an ihn gewöhnen war das Urteil einer dritten Gruvve. Nur der alte Ziethen rauchte
mir stummem Beilagen. An ihn wandte sich der König: „Warum spricht Er denn kein Wort, Ziethen? Was sagt Er denn zu meinem Tabak?" — Ziethen erwiderte: „Was soll ich wohl zu dem Tabak sagen? Das ist ja der Lause- wenzel; den habe ich schon als Rekrut geraucht!"
Tie Redner des fortschrittlichen Frauentags sind nicht mit König Friedrich dem Großen zu vergleichen. Sie haben sich ja auch keinen Witz mit ihren Hörern machen wollen. Wer aber ein alter Soldat ist, der kennt den Tabak, den sie uns vorgeraucht, aus seiner Rekrutenzeit und begrüßt lachend den lieben alten — Lausewenzel, der durch Lagerung nicht besser geworden ist.
Gewiß ist im Leben der Frau manches zu bessern, in rechtlicher, in erwerblicher und noch in anderer Hinsicht. Doch das ist kein Gegenstand für Experimente von Personen, die sicher recht wohlmeinend, aber der selbstgestellten Aufgaben nicht entfernt gewachsen sind. Wir wissen uns frei von der Neigung, einzig das Hergebrachte für gut zu finden imb alles neue zu verwerfen, bloß weil es neu ist. Die Regsamkeit der Frau in der Eroberung neuer beruflicher Gebiete haben wir mit teilnahmvoller Genugtuung verfolgt. Doch die Karikatur, die gar nichts frauliches mehr an sich hat und vor lauter Reform unweiblich wird, mit der mögen wir uns nicht befreunden.
Zweiter aeutscher Kolonial - Kongress.
(Eig. Bericht.)
Berlin, 6. Oktober.
Im Re'chswgsgebäude wurde heute der zweite Kolonial- Kongreß eröffnet. Seit dem ersten derartigen Kongreß, der im Jahre 1902 an der gleichen Stelle tagte, ist das Interesse an der Kolonialsache offenbar im Wachsen begriffen. Denn während vor drei Jahren 70 koloniale Vereine und Gesellschaften sich zu gemeinsamem Wirken zusammenfanden, sind diesmal bereits 86 Vereinigungen vertreten.
Mit warmen Worten hieß der Präsident Herzag Johann Albrecht zu Mecklenburg, die Delegierten willkommen. Er entnahm aus den Schwierigkeiten, die in den Kolonien sich ergeben haben, und aus den Ausstellungen, die seitens der Gegner der kolonialen Sache an deren Fortgang gemacht werden, die Pflicht, um so ernster und gewissenhafter die verschiedenen Ansichten unbefangen zu prüfen und die Wege zu suchen, um begangene Fehler zu bessern und gerechten Forderungen zum Siege zu verhelfen. Nur durch mündlichen Austausch der Ansichten sei ein schneller Ueber = blick über eine strittige Sache zu gewinnen, nur auf diese Weise könnten schnell die führenden Gesichtspunkte gewonnen, nur so die Grundzüge der weiteren eingehenden Untersuchungen festgestellt werden. Die Beratungen, so schloß der Herzog seine Ausführungen unter allseitigem Beifall, sollten dazu dienen, den Weg zu führen, der unsere Kolonien der Blüte entgegenführe und sie zu einem strahlenden Juwel in der kaiserlichen Krone Deutschlands werden lasse.
Im Namen des Reichskanzlers begrüßte sodann Graf Posadowsky den Kongreß, indem er der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Beratungen für die Erwägungen und Entschließungen der verbündeten Negierungen eine wertvolle Grundlage bilden würben. Graf Posadowsky wies auf die durch die Aufstände in Ost- und Südwest-Afrika geschaffene ernste Lage hin und gab folgende Schilderung der kolonialen Lage und ihrer Entwickelung: Wir haben einen Kolonialbesitz erworben von annähernd dem fünffachen Flächeninhalt des deutschen Mutterlandes. Wir hatten bis dahin weder koloniale Erfahrungen, noch einen Stab geschulter Kolonialbeamter, noch eine mit den tropischen Verhältnissen vertraute bewaffnete Macht. Wir haben Kolonien erworben, in denen noch alles zu schaffen war, was eine zivilisierte Verwaltung erfordert. Gegenüber diesen unsäglichen Schwierigkeiten hat man sich offenbar in manchen kolonialfreundlichen Kreisen die zu bewältigende Aufgabe zu leicht gedacht und die Opfer unterschätzt, welche für die Beherrschung, Verwaltung imb Erschließung eines sllch gewaltigen, tropischen Kolonialgebietes zu bringen sind. Bei nüchterner Beurteilung der Verhältnisse und nach den Erfahrungen anderer Kolonialmächte konnte sich indes niemand darüber unklar sein, daß die Verfolgung eines solchen Zieles mit herben Erfahrungen und vielfachen Rückschlägen verbunden sein mußte. Ein Volk aber, welches sich sein Ansehen im Nate der Völker erhalten will, muß es vor allem verstehen, auch in schweren Zeiten still und zähe durch- 31 hatten. Dann erst, wenn wieder geordnete Verhällnisse hergestellt sind, wird eine sichere Grundlage für ein gerechtes Urteil und für weitere Entschließungen, betreffs der Verwaltung jener bedrohten Gebiete, gegeben sein. Mit rühmenden Worten hob Redner die einen Lichtpunkt in diesen trüben Ereignissen bietende Haltung unserer Truppen hervor, die unter der Schwere tropischen Klimas, in dem unabsehbaren, wegelosen Gelände mit bewundernswerter Ausdauer ihre Pflicht bis zum Tode erfüllen und so den alten Ruhm deutscher Soldatenehre von neuem bewährt haben: sie haben sich sicher den Anspruch auf die Dankbarkeit des deutschen Volkes für diesen Dienst am Vaterlande ebenso erworben, als ob sie zur Verteidigung unserer hemuscl-en Grenzen ausgezogen wären. ~
Nachdem Kolonialdirektor Dr. Stübel den Kongreß
rm Namen der Kolonialverwaltung begrüßt Hatle, trat der Kongreß in die eigentlichen Arbeiten ein. Den ersten Vor- trag hielt Pc vwstor Helsterich über die Bedeutung der Kolonien für die deutsche Volkswirtscl-aft.
Der Hrbeitskampf in Berlin.
Die durch die Riesen-Aussperrung in der Elektriziu ts- branche geschaffene Lage hat eine weitere Verschärfung erfahren. Der Verband der Berliner Metallindustriclle« hat beschlossen, am 14. Oktober die Betriebe zu schließen. In Betracht kommen 80 bis 90 Betriebe mit etwa 20 000 Arbeitern. Somit würden zum Schluß der nächsten Woche etwa 65 000 Leute arbeitslos sein. Mit Frauen und ßint 'm würben also etwa eine Viertel-Million Menschen vor der Vernichtung ihrer Existenz stehen.
Die Berliner Metallindustriellen stehen in keinem näheren Zusammenhang mit den ElektriMtswerken, welche die Aussperrung für notwendig hielten. Anläßlich einer .Kalamität, durch die mehr Wie 250 000 Menschen, also ein Achtel der Einwohnerschaft Berlins, zum allergrößten Teil ohne eigenes Verschulden betroffen werden, ist es wohl an acu Zeit, die Frage nach der öffentlichen Fürsorgepflicht Der Kommune und des Staates zu erheben. Denn die erzw n- g ne Untätigfeit von vielen Tausenden bedeutet mehr als eine Lohnauseinand.rsetzung zwischen Arbeitgebern und ir- beitnehmern, es ist eine Katastrophe, geeignet, das allgemeine Wohl auf das schlimmste zu gefährden. Bei ' er Generalaussperrung kommen etwa 100 Fabri m in Frage. Cs ist dringend zu hoffen, daß vor Ablauf oer gestellten Frist auf irgend einem Wege eine Einigung erzielt und die Rückkehr zu normalen Verhältnissen ermöglicht wird. Das ist ebenso wünschenswert wie notwenbif..
Die Ankündigung der Generalaussperrung hat bei den Arbeitern zierlliche Erbitterung hervorgerufen, und man spricht von einem Generalstreik als Antwort. £ I) verlautet auch von einer sich anbahnenden Einigung. Die polizeilichen Vorsichtsmaßregeln sind erheblich eingeschränkt worden, da sich keiner! i Anlaß zum Einschreiten bietet. Straßenbahnen und öffentliche Beleuchtung funktionieren bisher ohne erhebliche Storung. Dagegen kommen aus Privatkreisen schon lebhafte Klagen über mangelhafte Lieferung von Kraft und Licht.
Die für den 7. b. Mt.. beabsichtigte Eröffnungsvorstellung des Berliner Theaters i mn, da infolge der Aussperrung die elektrische ; .age nicht artig gen arbeit st, vorläufig nicht stattfindcn.
Wahrsä.änlich angeregt durch den Beschluß der Metoil- industriellen, gaben die Berliner M ö b e l ° Industriellen in einer außerordentlichen Sitzung ihrer Meinung über die Aussperrung im Elektrogewerbe Ausdruck. Zur Diskussion stand die Frage, ob man sich dem Solidaritätsbeschluß der Metallwarenindustriellen anschließen soll oder nicht. Da aber weder eine vertragliche Verpflichtung gegenüber den Elektroindustriellen vorliegt, noch die gegenwärtige Situation eine solch ungünstige Tür die Arbeitgeber ist, daß sie des Beistandes bedürfen, so will man vorläufig von jeder Maßnahme absehen. — Auf den Straßen herrscht überall Ruhe.
politische Rundschau.
Deutschee Reich.
* Wie man in einzelnen Kreisen wissen will, soll die Reichsfinanzreform des Freiherrn von Stengel Aenderungen der Brausteuer-, Tabaksteuer- und Reichsstempelsteuergesetze und die Einführung einer Reichserbschaftssteuer um- fassen. Die eben jetzt beginnenden Beratungen des Bundesrats werden ergeben, ob sich die Angaben bewahrheiten.
• Der Reichskanzler Fürst Bülow empfing in Baden-Baden einen Mitarbeiter des Pariser Blattes „Temps". In bei Unterredung wiederholte der Kanzler in bezug auf die Marotkopvlitik die Grundsätze, die er schon gegenüber einem Vertreter des „Petit Parifien" ausgesprochen hatte.
Alle Beunruhigungen in Frankreich wegen einer feindlichen Haltung Deutschlands seien unbegründet, sowohl in bezug auf die französische Kolonialpolitik wie auf einen Krieg mit England. Weder in Deutschland noch in England denken die Regierungen entfernt an eine kriegerische Auseinandersetzung. Am russisch-französischen Bündnis nehme Deutschland keinen Anstoß. Ein doppeltes System von Allianzen die beide friedlich sind, sichere das Gleichgeww^ Europas/ Diesen Allianzen könnten und f^ M^ schäften bcigeielleu. Offenheit lei die Bette Poetik. Für«' Bülow wünscht, daß die Beendigung der Spannung das Borspiel zu einem gegenseitigen Vertrauen bildenmöge.D e deutsche öffentliche Meinung wurde „ch gern d esem Gefühle hingeben, sobald sie die Sicherheit hat, daß m Paris m-- niand mehr daran denkt, Teiitschland zu isolieren was unter Kulturvölkern wie unter Unzivilisierten immer als ein ubley Vorgehen gelten wird.