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Nr. 106.
SamStag, den 6. Mai 1905.
14. Jahrgang
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enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Bekautrtmachung.
Die hiesige Volksschule veranstaltet
Sonntag, den 7. Mai, nachmittags 4 Uhr in der Turnhalle des Turnvereins an der Nord- anlage eine
Schillerfeier.
Wegen Raummangel können zu dieser Feier nur solche Personen zugelaffen werden, welche eine besondere Einladungskarte erhalten haben.
Gießen, den 5. Mai 1905.
Der Schulvorstand:
Das dritte russische Geschwader
ist nunmehr auch in die Gewässar des Chinesisèn Meeres eingelaufen. Nachdem es bereits hieß, daß es Malakka passiert habe, ist es jetzt bei Singapore gesichtet worden. Das Geschwader des Admirals Nebogatow besteht aus zehn Schiffen, sechs Kriegs- und vier Transportschiffen.
Die finanzreform in Marokko.
Die von Frankreich aufgestellten Reformvorschläge
für
Mecum, Oberbürgermeister.
Hahn, Rektor.
Der Krieg m Oftasier*
Die Frage, ob Roschdjestwenskys Flotte sich noch in französischen Territorialgewässern befindet, ist immer noch nicht geklärt. In Japan wächst infolge der ausweichenden Antworten, die der Pariser japanischen Gesandtschaft auf ihre diesbezüglichen Anfragen zuteil geworden sind, die Er-
rcgmrg inmier mehr.
In Paris verlautet,
gegen
Frankreichs
unmittelbar bevorstände.
daß ein neuer japanischer Protest
Neutralitätsverletzung
Veranlaßt sei er durch die Mel-
dung, daß die Flotte Roschdjestwenskys am 30. April im Hafen Port Dayot in der Penghoibucht Anker geworfen habe. Der japaniscl>e Gesandte Motono habe bereits die Aufmerksamkeit Delcassès auf diese Angelegenheit gelenkt, bs heißt, die französisä^e Regierung habe am Dienstag eine Abteilung des französischen ostasiatischen Geschwaders unter dem Befehle des Admirals Jonquières nach der Penghoibucht entsandt, um über genaue Beachtung der französischen Neutralität zu Wallin.
In Japan bezeichnet man diese französischen Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Neutralität als eitel Spiegelfechterei. Man behauptet in Tokio allen Ernstes, daß zurzeit die ganze anrwmitische Küste von den Russen als Stützpunkt benutzt wird. Man wird sich and) dadurch nicht beruhigen lassen, daß das offiziöse französisck-e Depeschenbureau mitteilt, daß das russische Geschwader, das bei der Hrn-Kohe-Bucht nördlich der Kamranh-Bucht am 2. d. M. vor Anker lag, beabsichtige, am Morgen des 3. Mai den Ankerplatz zu verlassen. Der russische Admiral hätte die französischen Behörden davon in Kenntnis gesetzt. Die japanische öffentliche Meinung verlangt die strikte Erklärung, daß sich kein russisck)es Kriegsschiff mehr in französischen Gewässern befindet.
die marokkaniscl)en Finanzen sind numirehr in ihrem Wortlaut besannt geworden. Ein Beamter in Tanger hat das Verdienst, die Oeffentlichkeit über die Plane unterrichtet imb sie in den Bereich der Diskussion gestellt zu haben.
Eine marokkanische Staatsbmik soll gegründet werden, die alle Geldnnilaufsfragen und ben frein den Wechselkurs regeln soll. Die marokkanische Münze wird im Pariwerte der englischen und französischen gleichgestellt. Alle Zahlungen an Beamte und Heer leistet die Bank, nimmt ©teuern und Zölle in Empfang und verwaltet den Negierungsbesitz. Der Maghzen, b. h. der Staatsrat, soll Anleihen nur von dieser Bank nehmen, die gehalten ist, Ueberschüsse aus dem Besitz der Ncoscheem zur Gründung und Erhaltung Don Schulen zur Verbreitung der französischen Sprache zu verwenden. Zur Erhöhung der Staatseinnahmen wird vorgeschlagen, von allen Personen, die Marokko betreten, eine Steuer zu erheben und den Paßzwang einzuführen.
Diese Refornworschläg».' sind in mehr wie einer Beziehung geeignet, Widerspruch hervorzurufen. Der französische Einfluß auf die Geschäftsfühnmg der Bank würde bei unveränderter Annahme des Projektes schon deshalb zlveifellos fein, weil für die Gründung zunächst ein Gutachten der Bangue de Paris et des Pays-Bas eingeholt werden soll. Das soll wohl mit anderen Worten heißen, daß diese Bank und damit das französische Kapi-
Die Marokkaner selbst ziehen ähnliche Schlüsse aus ben fränkischen Sirenen klängen. Der Maghzen, also die Versammlung der vom Sultan berufenen Senatoren, hat erklärt, er erkenne die Notwendigkeit der ^Reformen an, wolle aber zu ihrer' Verwirklichung nur den gemeinsamen Beistand aller e'u r o p ä i s ch e n Mächte, nicht denjenigen Frankreichs allein, annehmen. Nach der unzweideutigen Stellungnahme Deutschlands, mit dem Italien und Spanien auch ohne offizielle Verlautbarung Arm in Arm gehen, werden die Reformvorschläge" wohl noch einer gründlichen Umarbeitung bedürfen, ehe sie aus der schönen Welt des Scheins in die nüchterne Wirklichkefi' treten können.
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die Finanzierung in die Hand nimmt. Der
maroffanifdhen Bank soll dns Recht zustehen, dem Mcrghzen die Entnahme von Geldern zu verweigern. Wer das Geld hat, hat die Macht, das ist eine Binsenwahrheit. Sicherte sich Frankreich also auf diese Weise die Herrschaft über die Finanzen, so wäre seine Suprematie in allen übrigen Dingen selbstverständlich, und es würde sicherlich nicht lange zögern, diese Machtvollkomnvenheit in ausgiebiger Weise für den französischen Hainidel und die französisä-e Politik auszunützen. Daß dabei Interessen ariderer Länder und namentlich diejenigen des beneideten und gefürchteten Deutschland in das Hintertreffen gedrängt würden, braucht nicht erst nochgewiesen zu werden. Die weitere Forderung, die Ueber» schüsse aus dein fird>Hd)en Vermögen, aus dem Besitz der Moscheen, für französische Schulen zu verwenden, zeigt den Pferdefuß ebenso deutlich. Warum nicht gleich für eine ansehnliche Jnvasionstr.rppe der niedlichen Piou-Pious oder einige Bataillone der Fremdenlegion? Und was soll die Einwanderungssteirer, und gegen wen wird sie angewandt?
Die Politik.
* Der Kriegsminister bringt das Verbot des Vertriebs von Druckwerken beim Militär in Erinnerung. Untcroffi» zieren und Mannsäxiften ist dienstlich untersagt, auf Veranlassung von Zivilpersonen Drucksachen und Waren bei Truppenteilen oder Behörden zu verteilen
*
O Ein Abkommen des Deutschen Reichs mit Luxemburg über Unfallversicherung und den Bezug von Invaliden- und Unfallrenten wurde vom Bundesrat genehmigt. Es soll dadurch verhütet werden, daß Personen, die auf deutschem Baden arbeiten und in Luxemburg wohnen, die ihnen durch Tätigkeit und Einzahlung zustehenden Renten verlieren.
*
C3 In der Frage der Personeutarifrefvrm soll die bayerische Verwaltung auf dem Standpunkte der unbedingten Ablehnung der 4. Wagen klasse füll das rechtsrheinische Bayern stehen. Dagegen ist man geneigt, den Tarif für die 3. Klasse von 3,4 auf 2 Pfennig pro Kilometer zu ermäßigen. Dafür sollen die Sätze für die 1. und 2. Klasse etwas erhöht werden. Die Konferenz der derckschen Eisenbahnverwal- tungen in Berlin unter Vorsitz des preußischen Eisenbahii- ministers Budde hat begonnen
es Im Lauf der kommenden Woche, ant 10. Mai, wird der deutsche Reichstag seine Plenarsitzungen wieder aufneh- men. Man nimmt an, daß das Reichsparlament am 30. Mai geschlossen oder vertagt wird. Mit besonderem Interesse sieht man allgemein der Beratung der Militär- P e n s i o n s g e s e tz e entgegen.
6ö Der preußische Landing wird sich nach den Osterferien in erster Linie mit den Berggesetznovellen, der Nebenbahn- vorlage, dem Gesetzentwnrf über die Verwaltung gemeinschaftlicher Jagdbezirke und demjenigen über den Vertragsbruch landwirtsä)aftlicher Arbeiter zu befassen haben.
Russland*
□ Obwohl der angefünbigte Generalstreik in Russisch- Polen als mißlungen gilt, nimmt die Beunruhigung der Bevölkerung nicht ab. In Warschau wurden abermals eine Anzahl Personen durch das Militär venvundet. Die
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Die Schiller-Feier in Gießen.
Der erste Festakt.
Die Aufführungen der Studenten.
So feiert ihn! Denn was dem Mann das Leben Nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben.
So setzte Goethe vor fast 100 Jahren — bei der Schiller-Gedächtnièfeier in Weimar am 9. Mai 1810 — dem großen Heimgegangenen ein lebendes Lorbeerreis. Wie tief Goethe auch immer geforscht und mit wie großem Rüstzeug ein gütiges Geschick ihn auch dazu versehen, so hatte sein Adlerblick doch klar wie kein anderer erkannt, daß eine Generation die gewaltigen Ströme des Schillerschen Genius, die für die ganze Menschheit rauschen, auszuschöpfen nicht imstande ist. So wandte er sich an die kommenden Geschlechter. Und sein Ruf ist nicht ungehört verhallt, sein Wort hat gezündet! In allen Kreisen hat man sich aufgemacht, Schiller dem Volke zu geben und heute, nachdem ein Jahrhundert über seinen Hügel hinweggegangen ist, gehört er dem Volke. Wie schnell auch in dieser Zeit die Epochen übereinander stürzten und Welt und Geschicke mit bunten Reflexen überzogen, immer deutlicher schritt der Dichter deS Menschentums dem Volke entgegen. Er donnerte furchtlos mit flammenden Worten dem Despotismus sein Menetekel zu und verklärte die Hütte des Armen mit dem goldenen, wärmenden Strahl der Schönheit, an seinem hohen Menschentum zerbrachen der Dolch des MöroS und die Menschenverachtung des Tyrannen. Alles ist frei an ihm, er ist der Künder der Freiheit im höchsten, edelsten Sinne und weil
er „vor dem Sklaven, der die Fessel bricht, nicht erzittert", darum strebt die Menschheit seinem hohen Fluge nach, der zu den höchsten Höhen führt, darum sieht sie auf ihn als ein hohes Bild, das ihr errichtet worden und bringt ihm ihre Huldigungen dar. Einig eilt sie zu ihm hin und in seinem Bannkreis verstummt aller kleinlicher Parteihader.
In Gießen ist die offizielle Schillerfeier gestern Abend durch die Aufführung der Studenten bei ungemein gut besetztem Hause des Stadttheaters in würdiger Weise eingeleitet worden. Festbereit harrte die Menge, als vom Orchester, das die Hüpede unserer 116er eingenommen hatte, der Meyerbeersche Schillermarsch in gewaltigen Akkorden durch den Saal brauste. Gleich darauf rollte der Vorhang auf und das Festspiel, das als Erinnerungsblatt an die erste Aufführung des „Wilhelm Tell" am 17. März 1804 in Weimar von Alexander Otto gewidmet ist, ging in in Szene. Anlage und Durchführung dieser kleinen dramatischen Arbeit sind sehr zweckentsprechende, die Sprache ist feurig und von Schillerschem Schwünge. Der Dichter dient dadurch ebenso sehr der Objektivität wie dem Rahmen des Werkes. In dem Festspiel nahen sich Schiller schon die Todesahnungen, aber nicht bang und grauenerregend, sondern in überirdischer Erscheinung die Erkenntnis ihm bringend, daß er seine Lebensarbeit vollendet habe. Hingerissen von dem Gedanken an die Erscheinung teilt er sie der treuen Lebensgefährtin mit und wartet dann klopfenden Herzens ab, ob das Volk auch seinen Tell, der drüben im Theater zum ersten Mal zur Aufführung gelangt, verstehen wird. Da öffnet sich die Tür — herein stürzt Heinrich Boß und wirft sich von dem Genius bezwungen, dem Meister vor die Füße.
Unb während er daliegt, tönen von draußen die Hochrufe der entflammten Menge herein. — Das Stück machte, best nders da eS recht flott gegeben wurde, einen recht wirkungsvollen Eindruck und wir bedauern nur, daß uns zur eingehenden Würdigung der Einzeldarstellungen in diesem Spiel wie auch in der „Rütli-Szene" und „Wallensteins Lager" nicht der genügende Raum zur Verfügung steht. Dem Festspiel reihte sich die Festouverture von Klu^hardt an und dann hob sich der Vorhang zum zweiten Male und der Zuschauer erblickte die Rütli-Szene mit der gewaltigen Massenentwicklung, der die Regie des Herrn Direktor Stein- go etter und die gut durchdachte Auffassung der Darsteller ein prächtiges, lebendfrisches Kolorit verliehen. Dasselbe läßt sich auch von der Aufführung des Wallensteinschen Lagers, das den Abend wirkungsvoll abschloß, sagen. DaS Haus hielt mit seinem Beifall nicht zurück. G. H.
Der Dichter der Glocke.
Zur Schillerseier wird in der „Köln. Ztg." angeregt, daß am 9. Mai die Glocken im ganzen deutschen Lande zur selben Stunde — und zwar in der Todesstunde Schillers: 5 bis 6 Uhr nachmittags — geläutet werden. Der Gedanke ist ausgezeichnet; seine Verwirklichung ergäbe eine würdige Huldigung für den Dichter des Liedevon der Glocke: ein vieltausendstimmiger Preis aus ehernem Munde — ein Meer gewaltiger Klangwogen brauste über ganz Deutschland hin ihm zu Ehren. Mögen daher auch die Glockm Gießens dem gewaltigen deutschen GeffteSheros ihren ehernen Gruß entbieten!