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Nr. 31.

__Montag, den 6. Februar 1905.

14. Jahrgang.

A«ferti»«-prei- x Die einspaltige PetitMe für ganz Ober- Mcn, bis greife Wetzlar «ck Marlurk lOPfg. ssnst IS Vf«. Reklamen die Petitzeile 30 refo. 46 Pfg.

Redaktion u. HauptexpMüonr Gießen, Gelter Sw eg SS. Ker«sPrechM«schl»ß Nr. 368.

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AeueHe DaHnHIen

(Gießenergtageßsatf) Hinav-ängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Overheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lskalameiger für Meßen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhesten.

Vom Kanal zum (Uasserstrassengesetz.

(Ein Interview.)

Die zweite Lesung der vielumstrittenenKanalvorlage", die das preußische M-geordnetenhaus zur Zeit beschäftigt, hat bereits in den ersten Tagen der Debatte gezeigt, daß die fülle, unverdrossene Arbeit der Kommission einen Ausgleich zwischen den widerstreitenden Interessen angebahnt hat. Nicht mehrd e r Kanal" ist es, dessen Bewilligung von der Volksvertretung gefordert wird, sondern ein planmäßiger Ausbau des großen preußischen Wasserstraßennetzes. Wie unser ^.-Mitarbeiter erfährt, hat die Regierung begründete Aussicht, daß die Vorlage in der Konunissionsfassung aus keinen unüberwindbaren Widerspruch stößt. Ein mit der Entstehungsgeschichte des Entwurfes wie mit den weiteren Plänen der Regierung aufs eingehendste vertrauter Par­lamentarier äußerte sich zu ihm wie folgt:

Seit mehr denn fünf Jahren ist das politische Leben in Preußen ungewöhnlich starkvon einem wirtschaftlichen Unternehmen beeinflußt imb bewegt, das der Staat im Interesse des Verkehrs und der Güterversendung plante. Man hatte erkannt es war einfach unmöglich, es nicht zu erkennen daß die Eisenbahnen an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt todten, daß sie den Forderun­gen des Verkehrs gegenüber zu versagen begannen. Nicht Zahl noch Länge der Züge ließ sich weiter vermehren. Selbst die Anlegung neuer Geleise, die Beschaffung von Riesen­wagen und Riesenlokomotiven versprach keine durchgreifende Besserung. Eine Entlastung der Eisenbahnen war nötig, und diese war nur durch die Herstellung von Wasserwegen zu erreichen, die eine billige Beförderung ermöglichen. Aus dieser Erwägung entstand der namentlich vom Kaiser mit impulsiver Anteilnahme begünstigte Plan, unter Benutzung der vorhandenen Kanäle und natürlichen Wasserstraßen über das ganze Land ein dichtes Kanalnetz zu breiten, das den größten Anforderungen des Güterverkehrs genügen würde. Die Ausgaben wurden auf nahe an 400 Millionen Mark geschätzt. Die Vorlage kam und scheiterte im Abgeordneten­haus. Das geschah unter ziemlich eigentümlichen Umstän­den. Der damalige Finanzminister v. Miquel galt für einen Gegner des Entwurfs. Man erzählte ihm nach, er habe von den Konservativen gesagt, sie würden die größten Esel sein, wenn sie dem Kanalgesetzentwurf zustimmten, den er selbß mit eingebracht und unterzeichnet hatte.

Ob das bloß ein Märchen ist, das weiß man nicht genau. Sicher ist, daß Finanzminister Miquel nicht widersprach, daß die Kanalgegner fest zu ihm hielten, und daß die Minister, die von Ressort wegen- an dem Kanalwerk zumeist interessiert waren, mit Herrn Miquel nicht sehr gut standen. Eisenbahn - e*

Der Eselsmütter und die Falschmünze r.

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

3) (Nachdruck verboten.)

Heiner in Uniform, Schleppsäbel an der Seite, Sporn an seinenKanonen" und sitzend unter einem Baumet Er griff in seine Tasche und wollte etwas zu essen holen. Auch da war nichts. Es war zum Ver- zw^feln. Am Sattel seines Gaules hing die Sattel­tasche, worin das von seiner Mutter, wie er seine Frau lnitgegebene Schinkenbrod war. Es war noch achter Westfalischer, den er so gern.

- -^"L^^^.- wärest Du hier bei mir! Doch ne, so, sie wurde sonst gleich wieder anfangen! Siehst Du, Hemer, der liebe Gott straft Dich um Deines Fluches willen.« - Dann fuhr er fort,eine liebe brave Frau habe ich paßt man blos nicht für so einen rauhen Kerl wie ich bin. Na muß sich eben leiden. Betet ja für mich, ist doch ein Trost Unser Herrgott wird ein Einsehen haben und mich auch an- nehmen, bin nun einmal so." ' '

f. Doch es schiene als schäme er sich dieser Gedanken, sie hatten rhn sonst an seine frommen Eltern erinnert das durfte nicht sein. Er griff sich deshalb an die Haare, er hatte Hunger und Durst, und schrie- Esels­müller Du bist der leibhaftige Lucifer selbst." " Doch nicht, Herr Grenzjäger", rief der Eselsmüller in diesem Augenblicke.

Wütend sprang Heiner auf,Teufel jetzt stirbst Du," schrie er, zog den Säbel und wollte auf den Wlsmüllec losschlagen. Doch im selben Augenblicke schrie er auch:Au au, verf. . . . Füße, das."

Der Eselsmüller hatte in aller Gemütsruhe sich auf seinen Esel gesetzt und hielt eine großkalibrige Pistole gespannt auf Heiner. Ein Lächeln trat auf sein Gesicht als Heiner schrie. Da brauchte er nicht zu schießen.

minyrer Zweien rweie oas WortGebaut wird er doch!" namentlich gegen seinen Kollegen von der Finanz. Das erste ministerielle Opfer aber, das der Kanal kostete, war der Minister des Innern v. d. Recke. Dieser hatte die Regie- rungsbeamten, die als Abgeordnete gegen die erste Kanal­vorlage gestimmt, Landräte und Regierungspräsidenten, ge­maßregelt, aus dem Dienst entlassen, auf Wartegeld gesetzt. Die Gemaßregelten wurden bald darauf wieder in Gnaden ausgenommen und befördert, der Minister aber mußte gehen. Ihm folgte nach bem Scheitern der zweiten Kanal­vorlage der Eisenbahnminister Thielen, und endlich Finanz­minister v. Miquel selbst, der, mit Recht oder Unrecht, in dieser Sache alsder Vater aller Hindernisse" angesehen wurde. Jetzt war die Bahn frei. Man bemühte sich, zu einer sachlichen Beurteilung des ganzen Planes als eines rein wirtschaftlichen Unternehmens zurückzukehren, man schränkte den ganzen Plan ein, wollte sich gewissernraßen mit Abschlagsbauten begnügen, legte sein Schwergewicht in die Herstellung von Verbindungen innerhalb einzelner Pro­vinzen und willigte schließlich in die Einführung des staat­lichen Schleppmonopols auf den zu erbauenden Kanälen. Auf diese Weise ist aus der Kanalvorlage eine Kanälevorlage geworden, ein Wasserstraßengesetz, wie Minister v. Budde es im ?lbgeordnetenhause nannte.

. Doch selbst damit sind nicht alle Widersacherschaften be­seitigt worden. Aus den Kanälen kann ja jederzeit der ge­fürchtete große Kan all werden. Weshalb namentlich der große Kanal gefürchtet wird, das hat freilich so ganz genau noch niemand gewußt, wenigstens noch niemand gesagt. Gerade deswegen ist es vielleicht besonders klug, dem großen Kanalgespenst aus dem Weg zu gehen. Sind die verschiede­nen Kanäle erst da, hat man sich an diese gewöhnt und ihren Vorteil anerkannt, so findet man sich am Ende auch mit dem großen Kanal ab und macht mit ihm seinen Frieden.

. Vielleicht stößt man in späterer Zeit einmal auf eine Auf­zeichnung des verstorbenen Finanzministers Miquel, die auf seine Kanalfeindlichkeit Licht wirst. Dann stellt sich vielleicht heraus, daß der kluge Mann von dem Kanal nichts wissen wollte, weil er von seinen Bürgermeister-Erfahrungen her den Baumeistern im allgemeinen und den Wasserbaumeistern ganz im besonderen mißtraute, deren Voranschläge in der Regel ums Doppelte und Dreifache überschütten werden.

Jedenfalls wird man jetzt zu einem vorläufigen Abschluß ^mmen, und das ist gut. Die Auflegung war stärker, als bi Sache verdiente. Es wird der Sache nur nützlich sein, wenn man eine Zeitlang nicht von ihr spricht.

Der Krieg in OFtafien.

General Kuropatkin hat sich durch den ersten Mißerfolg nicht abschrecken lassen und bereits wieder einen Vorstoß be­gonnen.

MBieHmEeMSHHaHDeeeeesaraHBHsmHHaaesöt

Herr Grenzaufseher," sprach er darum, Ihr Gaul ist fort. Hülfe ist eben sobald keine zu erhoffen. Hunger und Durst tut weh. Wißt Ihr was? Ich gebe Euch dieses Fläschchen Nordhäuser und ein großes Stück Pumpernikel, hier im Wams habe ich es mit Schinken belegt, dieses reicht für heute und morgen Vormittag. Hoffentlich kommt bis dahin ein rettender Wagen, welcher Euch nach Arnsberg oder Iserlohn mit­nimmt. Schlafen, Herr Grenzaufseher, müßt Ihr aller­dings bei Mutter Grün. Wollte ich Euch meinen Hans geben, ich täte es gerne,aber der bockt, Ihr habfts erfahren. Soll ich ihn führen, dann kommen wir zwei in zu nahe Berührung. Später, wenn Ihr zahm seid, wie Euere Vorgänger, dann, nun dann könnt ihr Euch mal einen Eselsritt erlauben auf meinem Grauchen und ich bürge dafür er bockt nicht."

Hör auf, Halunke," schrie Heiner und sprang wieder auf den Müller los.Au, au, meine Kloben da unten" und er stampfte mit den Füßen (Kloben), um aufs neue aufzuschreien.Kerl, wären meine Füße gut, wie meine Fäuste, Dich würde ich würgen."

Weiß schon," sagte der Eselsmüller,ist gut für Euch und mich. Wären Euere Kloben gut, so ständen wir jetzt gegeneinander Fassen ließe ich mich von einem Grünrock nicht. Gewehr habt Ihr keins; auf Euren Säbel aber pfeife ich. Ehe Ihr den zöget, liegt Ihr erschossen im Graben. Dann wäre ich ein Mörder. Meine seligen Eltern haben mich aber die zehn Gebote gelernt, davon heißt das fünfte: Du sollst nicht töten. Ja höre es Grünrock, es steht also geschrieben. Doch ich will Dir ja nicht predigen, das mag Dein Ernst tun. Hier stelle ich den Nordhäuser hin mit dem Anderen. So Bruder Saufaus, laß es Dir gut schmecken. Stärkung tut not bis Hülfe kommt. Wünsche gut zu ruhen! Adieu, Herr Grenzaufseher." Dann ritt er fort auf Hüsten zu.

Der Kontrolleur Heiner, wie er in Werl eigentlich stets genannt wurde, tobte und raste wie ein Stier.

Die russische Offensive

richtet sich vor allem gegen Heikoutai, doch haben bisher die russischen Angriffe ihr Ziel nicht erreicht. Der Korrespon­dent des Reuterschen Bureaus bei der Armee des Generals Oku meldet, daß ein russisches Detachement Heikoutai an­gegriffen habe, aber mit einem Verlust von 160 Toten zurück- geschlagen worden sei. Wie man in London annimmt, geht der Plan Kuropatkins darauf hinaus, Liaojang von neuem zu besetzen.. Doch ist dies wohl bloß eine müßige Kombi- nchion. Eine Depesche des Marschalls Oyama besagt, daß dre Russen ihre Tätigkeit gegen den linken japanischen Flügel wieder aufnahmen und daß beständig Scharmützel stattfanden. Heftige gegenseitige Beschießung mit Artillerie fand an der Front aller beiderseitigen Armeen statt.

Die Japaner beschuldigen die Russen aufs neue der

Verstümmelung von japanischen Verwundeten.

Nach glaubwürdiger Meldung, so heißt es in einem Be­richt aus dem Hauptquartier, wurde eine aus einem Offi-^ zrer und 28 Mann bestehende japanische Abteilung am 26 i ^anuar bet Houaulachzou von Russen eingeschlossen; sie ver­teidigte sich, bis die Mehrzahl der Leute verwundet war, unb ergab sich dann; die Russen verstümmelten alle unsere Ver­wundeten. Bekanntlich haben s. Zt. die Russen denselben Vorwurf gegen die Japaner erhoben, die ihn mit Entrüstung Zuruckwiesen. Jetzt wird den Russen von japanischer Seite mit Zinsen heimgezahlt, doch werden auch sie Wohl nur vev- leuntbet sein.

Vom Bergarbeiter streik.

Esten, 4. Februar.

So groß die Befriedigung ist, die man bei der Wahr­nehmung empfindet, daß die Bergarbeiter im westfälischen Kohlengebiet musterhafte Ordnung zu wahren wissen, daß sie noch an keiner Stelle zum Einschreiten der Polizei oder auch nur zu einem Tadel Anlaß gegeben haben man bleibt doch unter dem Druck eines unbehaglichen Gefühls: es könnte jeden Augenblick ein Wechsel eintreten, die Stim­mung könnte umschlagen. Diese Möglichkeit ist nicht bloß vorhanden, sie wird sogar von Tag zu Tag mehr zur Wahr­scheinlichkeit Das liegt in der Natur der Dinge und der Menschen. Der Streikende ist schon gereizt, ehe er zu dem Entschluß des Streikens kommt. Er weiß, daß er den wirt­schaftlich Stärkeren sich gegenüber hat, daß er Bundesgenoft sen haben muß, um Aussicht auf Erfolg zu gewinnen. Sein eigener Einsatz ist schmal, aber er stellt seinen ganzen Besitz dar, den Stolz und die Frerrde seines Lebens, den Ertrag einer langen Sparsamkeit. Schwindet dieser Einsatz, so ivächst die gereizte Stimmung, und die Gefahr ist da, daß der beste Vorsatz, Ruhe zu halten, dem gewalttätigen In­stinkt aeaenüber seine Kraft verliert. Darum sieht man mit

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Dann fluchte und haderte ec mit Gott und der Welt. Warum hatte unser Herr Gott ihm, den Heiner könig­lichen Grenzaufseher, auch so miserable Füße gegeben? Wenn die Knoten noch oben druff wären", so sprach er, aber sie sind unnen drunner. Da mag der Teufel druff gehen, ich kanns nicht. Hätte ich nur meinen Gaul, sich ritt ein ganzes Dorf eben in meiner Wut zusammen.

Doch was half all sein Toben? Hunger und Turst hatte er. Nach Neheim zu gehen, das ging nicht, kriechen konnte er doch nicht die drei Wegestunden. Nach Hüsten zurück? Nee, ob gleich es nur eine Wegstunde war, nicht zurück.Ich kann nicht, auch wenn ich könnte, dann auch nicht. Lieber hier bei Mutter Grün im Straßengraben liegen bleiben," wie ihm der verfluchte Eselsmüller geraten. Wenn er seine empfindlichen Beine wirklich bis Hüsten zurückschleife, was dann . . . Lächerlich, der ,'königliche berittene Grenzaufseher Heiner ritt stolz auf seinem Schimmel aus Hüsten und käme jetzt gekrochen wie ein Kind das nicht laufen kann. Den Spott trage ich nicht. Also Heiner, alter Junge, nimm von diesem Teufelsauswurf, dem Eselsmüller, die Gnade an, seinen Pumper­nikel mit Schinken und seinen eingeschmuggelten Nord­häuser, daß er der Halunke ist, der Schmuggler, daran ist kein Zweifel. Nur zweifle ich bald an meinem Ver­stände, daß so ein Kunde mich bis in den Straßen­graben mit meiner herrlichen Uniform gebracht hat. Wäre doch jetzt nur mein Ernst hier, der könnte mir eine Predigt halten über den Wechsel der Geschicke. Mein Lorenz aber würde mit seiner matematischen Weisheit mir beweisen, daß, wer vom Esel fällt, im Straßengraben, wenn er Glück hat, ankommt."

Jetzt, nachdem Heiner etwas ruhiger geworden war, er wirklich von des Eselsmüllers Pumpernikel mit Schinken. Es war ein etwa 1 Pfund wiegendes Stück, dann trank er auch einen tüchtigen Schluck vom Nordhäuser. O wie wohl ihm dieses tat. (Forts, folgt.)