Nr. 5.
Freitag, den 6. Januar 1905.
14. Jahrgang.
3»sertio«Spre1S i Die einspaltige Petit-eile für ganz Ober- Heffen, die Kreise Wetzlar mA Marburg 10 Pfg. sonst 16 Pfg» Reklamen die PetitzeUe 30 resp. 40 Pf«.
Redaktion u. Hauptexpettttoru Gießen, Sekter-weg 89.
Seenfprechmtschlnst Nr. SS».
Gie ken er
««MEeit-pretSr abgehalt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg^ durch die Poft bezogen vierteljährl. Mk. 1.50.
•telMeiliigeit r Oberhesstsche Familienzeitung (tSglich) und He Gießener Seifenblasen (wöchentlich).
DaS Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Meue^le
(Kießener GageSraLL)
HLnaöhängige Tageszeitung
richte
(Kteßencr ZsUung)
für Oberheffen und die Kr^tf^ ^^^l^ââ^^ uiw â^^^F0t ^ sL^^'Eâiâttâ^l^Er für E^^e^en and Hingebung.
Enthält alle nmtlichen Bekanntmachungen der Großh. Biirgermcisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Neubestellungen
auf die unabhängigen
Mim Neuesten UuchriGen- werden fortwährend von allen Postanstalten, Briefträgern, unsern Agenten und Trägerinnen angenommen.
Zur Kapitulation von port Hrtbur.
Der letzte Akt des großen Dramas hat sich vollzogen. Dit Garnison von Port Arthur hat die Waffen gestreckt und «if in Kriegsgefangenschaft abgeführt worden, mit Ausnahmt derjenigen Offiziere, die auf Ehrenwort, nicht mehr geger Japan die Waffen zu ergreifen, freigelassen wurden.
Der Abmarsch der kriegsgefangenen Garnison wird in einem Londoner Telegramm folgendermaßen geschildert:
Die ganze Garnison und alle Nichtkombattanten mar. frisierten aus der Stadt nach dem Dorfe Japuthwie naht der Küste an der, Taubenbucht. Von diesem Ort werden die Offiziere nach Dalny gebracht, von wo sie Hin- befördert werden, wohin sie wünschen. Die Kriegsgefangenen werden so lange in einer russischen Kaserne im Dorsi bleiben, bis sie nach Dalny und von dort nach Japan gebracht werden können.
General Stössel hat den Auszug seiner Truppen nicht mit anzusehen brauchen. Er liegt krank im Bett. Mehr noch als die Strapazen, die er während der Belagerung durchzumachen hatte, und die Wunden, die er erhielt, quält ihn wohl der Schmerz, daß er die Flagge des Zaren von den so lange treu gehüteten Wällen schließlich doch herabholen mußte.
Stössel vor einem Kriegsgericht.
Soll er doch — fast ist es zum Lachen — zum Lohn für seine heldenhafte Aufopferung noch vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Stössel depeschierte, als er sah, daß die Ka- pitulation unvermeidlich war, an den Zaren: „Großer Kaiser, verzeihe uns! Wir haben alles getan, was in Menschen- Mächten stand. Nichte uns auf Grund des § 64 des Regle* ments über die Verteidigung der Festungen. Aber richte gnädig. Fast 11 Monate ununterbrochenen Kampfes haben unsere Kräfte erschöpft. Nur ein Viertel der Verteidiger, von denen die Hälfte krank ist, hält 27 Werst der Festung besetzt, ohne Hilfe zu erhalten, ja sogar, ohne auch nur für eine kurze Zeit abgelöst zu werden. Die Leute sehen wie Schatten aus." — Der § 64 des Reglements besagt tatsächlich, daß der Kommandant einer übergebenen Festung, selbst wenn er diese noch so heldenhaft verteidigt hat, einem Gericht übergeben wird. Es ist aber nicht zu zweifeln, daß das Ganze eine leere Form ist. General Nogi selbst sprich! von Stössel nur als dem „Helden von Port Arthur"" und sagt, daß sein Ruhm durch die Kapitulation durchaus nickst geschmälert wurde.
Ueber
das Schauspiel einer Waffenstrcckung
wird uns von unserem »^-Mitarbeiter noch berichtet: Wenn Jett und Ort der Waffenstreckung festgesetzt sind, hat sich die gesamte Garnison, die in die Gewalt des Feindes gekommen ist, nach Truppengattungen formiert, unterabteilungsweise zu versammeln S:e Soldaten tragen Seiten- und Feuerwaffe. Sie stehen unter den: Kommando ihrer Offiziere, ^™n - te«e nn borltegenben Fall - die Beibehaltung der Wa,fen gestattet w«den sann. Wenn die Abgabe der Wah fen an den Sieger beginnt, marschieren die Kapitulierenden, -mmer nur in vorher bestimmten Partien (kompagnicn. oder eskadronsweise) auf den vorbestimmten Platz, stellen die Gewehre zu Pyramiden und legen die Seitenwaffe ab Dann treten sie in Reih und Glied zurück und werden unter Be deckung von Truppen des Siegers abtransportiert. Sie sind vom Augenblick an, da die Kapitulation unterzeichnet ist Kriegsgefangene. Nach dem Vollzug der Waffenabgabe der Mannschaft ist es den Offizieren, die gegen ihr Ehrenwort, an dem Feldzug nicht mehr teilzunehmen, die Freiheit er halten haben, gestattet, den von ihnen übergebenen Platz zu verlassen. Dies vollzieht sich unter Erweisung militärischer Ehren.
Der formelle Einzug der Japaner findet am 8. d. Mts. statt; am 10. Januar wird ein Festmahl die japanischen Offi. pere in der Stadt vereinigen.
Als verloren vereits aufgegebene 200 japanische Gefangene wurden in einem Fort wiedergefunden und unter großem Enthusiasmus der japanischen Kameraden befreit; es sind zumeist Matrosen, die bei den Versuchen, den Hafen zu sperren, beteiligt waren. v _
Revolutionsgerücbte in Rufölari.
Petersburg, 5. Januar
Wahrend die Regierung eifrig darauf bedacht ist, durch eine vielgeschäftige Reformation die Gemüter zu beruhigen, bereiten sich im Lande selbst ernste Dürge vor. Die Revo- lutionäre treten aus dem Dunkel heraus, um durch die Propaganda der Tat und ein Schreckenßregiment die konstitutionelle Verfassung zu erzwingen. Einzelne Kreise wollen sogar ganz genau wissen, daß das russische Neujahr der Termin für den Ausbruch der Unruhen sein werde. Eine Konferenz der revolutionären Elemente ist nach dem Auslande einberufen, und es ist der russischen Negierung bereits mitgeteilt, daß Dynamit und Pulver in starkem Maße einge- schmuggclt worden sind und daß der Schleichhandel immer noch blüht. Die Situation ist sehr ernst, der Ausbruch der Unruhen steht vor der Tür. In dieser schweren Stunde erklingt ein Brief des Fürsten Trubetzkoi, des Präsidenten der Semstwos im Bezirk Moskau, an den Fürsten Swiatopolk- Mirski wie eine Mahnung zur Umkehr. Er rechtfertigt in diesem Briefe die Beweggründe, die ibn zur Zulassung einer Adresse an den Zaren bestimmten. Fürst Trubetzkoi sieht in dem gegenwärtigen Zustande eine Epoche der Anarchie und Revolution, aber doch immerhin eine Abspiegelung der gegenwärtigen allgemeinen An- fTeilungen. Der Zustand erscheint ihm äußerst gefährlich, sowohl für den Staat, als auch für die Person des Kaisers' und er könne nur durch das Vertrauen des Monarchen zu den ständischen Kräften überwunden werden. Es liege, wie es bezeichnenderweise in der Kundgebung heißt, nicht in Menschenmacht, den Ständen die Möglichkeit zu versagen, dem Kaiser auszusprechen, was jedem das Herz qualvoll be- drückt. Sollte er, so schließt Fürst Trubetzkoi, für schuldig erkannt werden, so sei sein Gewissen gegenüber dem Zaren ruhig und rein.
Ob man diese Stimme der Vernunft auf dem Throne wirklich hört, ob der Ruf Trubetzkois überhaupt bis dorthin dringt? - -
Kulturqcmcin febafts-p ’ ane.
Von einem deutschen Gelehrten wird rms geschrieben: Der Kaiser hat diesnial bei dem diplomatischen Neuwhrs- empfang mit dem amerikanischen Gesandten Charlemagne Tower den Plan eines wissenschaftlichen Gedankenai'.stausches besprochen, der ihn zweifellos schon seit einer Reihe von Jahren beschäftigt. Um eine große Kulturgemeinschaft zwischen Deutschland und Amerika herzustellen, sollen Professoren aus beiben Ländern zum gegenseitigen Austaus ) an den Universitäten Vorlesungen halten, so daß also eine Anzahl deutscher Gelehrter an amerikanischen und amerikanische Professoren an deutschen Universitäten Vorträge halten würden. Offenbar ist durch den Kaiser auch in dem verstorbenen Cecil Rhodes der Plan, die zwischen Deutschland und England bestehenden Gegensätze durch einen wissenschaftlichen Gedankenaustausch zu überbrücken, geweckt worden, so daß wohl auch die Cecil Rhodes-Stiftung, die deutschen Studierenden den Besuch einer englischen Universität ermöglicht i i 'hrem letzten Ende auf die Jnitiaüve des Kaisers ^urik. führt.
Sollte der Plan wirklich zur Durchführung kommen, dann wird aUerdings die deutsche Wissenschaft die Rolle d^- 'reigebigen Spenders spielen, denn in Amerika fehlt noch in eigentliches wissenschaftliches Leben. Von den bewegenden Weltanschauungen, die Deutschlands Kulturwelt mit ein n r twähren den Wechsel in der Erscheinung erfüllt haben, in Rationalismus, der Romantik und der Neuhumanismus,
■ eigentlich nur der Rationalismus bei den Amerikanel.tr ' ^»gedrungen, weil er ihrer kalten Nüchternheit nnb ihrem eiste am meisten entspricht. Amerika hat allenfalls eine anwandte Wissenschaft und die auf den Universitäten gelehr- 11 Kenntnisse haben nicht, wie in Deutschland, die Ten- enz, eine selbständige Persönlichkeit zu entwickeln und zu ■gnem geordneten Denken zu erziehen, sondern sie erfüllen i rzugsweise den Zweck, die Schüler in der praktischen An- wendnng wissenschaftlicher Kenntnisse zu unterweisen. Es st vielleicht ein gesundes Gegengewicht gegen die scharf aus- psprochene Neigung der Deutschen zu allzu abstraktem Theoretisieren, wenn der Geist des amerikanischen Wissenschaft- edens mit seiner praktischen Nüchternheit in unseren Hoch- chulen ebenfalls in bescheidenen^ Maße zu Worte sammt.
3 ist auch gewiß keine Unbescheidenheit, wenn wir uns in T reinen und exakten Wissenschaft den Amerikanern über- gen fühlen. Dieses Zeugnis ist uns von namhaften Führern des englischen Volkes, inbesonders von Chamberlain msgestellt worden, der alle Erfolge der deutschen Technik 'wrauf zurückführt, daß dem Geist unserer wissenschaftlichen ugenderziehnng die Fortschritte auf allen Gebieten zu dan- u.siüln lveil er in dem Menschen die selbständige .Perjön-
ulichfeit entwickelt und das eigene Urteil formttcy wu- oerän macht und sonach auch befähigt, sich aus eigener Kraft über den angelernten Wissensstoff zu erheben und zu ver- r 'Kfemmnen. Deutschland beleuchtet mit der Fackel bot Wissenschaft den Weg zur Kultur, während das amerikanische Professorentum mit seiner nüchternen Praxis die wissenschaftlichen Werte für den täglichen Verbrauch um- und aus-- niünzt. Selbst diese Geistesarbeit hat das amerikanische Volk nur unter Verwendung europäischer, speziell deutsche- Gelehrter, leisten können.
Den praktischen Nutzen von einem wissenschaftlichen Gedankenaustausch wird also vorzugsweise Amerika haben. Aber trotzdem verspricht die Durchführung dieses Planes einen idealen Gewinn, weil die beiderseitigen Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika sich um so inniger gestalt fen müssen, je mehr beide Völker sich mit ihrer spezifischen Eigenart auf einer gemeinsamen Kulturbasis förmlich ergärt* zen. Das war auch offenbar das Ziel, das deu Kaiser vor. schwebte. Wir Deutsche können mit unserem Wissenschaft« lichen Reichtum fremden Nationen gegenüber eine hoch« herzige Freigebigkeit pflegen; der Appell des Kaisers an die deutsche Gelehrtenwelt wird also gern befolgt werden, wenn sich daraus angenehme politische Beziehungen entwickelns die den Frieden sichern und dadurch das Volk der Denker befähigen, durch seine wissenschaftlichen Theorien führend mitzuarbcitcn an der Kulturerzieh'" t
_ Die p&HÜk»
CJ Dadurch, daß die Verwaltung der Zech/ÄruWraße iw ihrer Antwort an die Belegschaft das Festhalten an der Ver- fü ung über die Verlängerung der Ein- und Ausfahrts-, zei en betont, ist die Lage im Ruhrgebiet sehr ernst Zwar, wi d von der Verwaltung vor einem Ausstand gewarnt;, aber es ist doch immerhin bedenklich, daß die sämtlichen Gewerkschaften, die sozialistischen Gewerkvereine mit 60 000, der christliche Bergarbeiterverband mit 40 000 und die sonstigen organisierten Arbeitervereine mit 11000 Mitglie» ber.i in der Verurteilung dieser Verfügung einig und zu einem Ausstand entschlossen sind. Man hofft aber im Ruhrgeb. ct noch, daß es gelingen werde, die streitenden Parteien zur Anrufung eines Schiâsspruches durch die Oberbergamtsbehörde zu gewinnen.
c? Behufs Berichterstattung ist der Oberst Leutwcin in Berlin eingetroffen. Zunächst wird er im Auswärtigen Amt seine Haltung zu rechtfertigen haben, ehe er zum Kaiser be- fol sen wird.
c? Dank der energischen Bohrversuche einer Hamburger Kapitalistengesellschaft sind bedeutende Petroleumlager bei dem Dorfe Wietze in der Lüneburger Heide gefunden worden. Die Ergiebigkeit auf dieser Bohrgrube — Eickeloh heißt sie — sind so bedeutend, daß man hofft, ganz Deutschland mit Brenn- und Schmieröl versorgen zu können.
Oesterreich-Ungarn«
d Die ungarischen Neuwahlen sind auf den 26. Februar festgesetzt. Die Vorbereitungen werden von den Parteien mit fieberhafter Eile betrieben. Gegen die 42 Abgeordneten, die an der Zerstörung des Abgeordnetensitzungssaales teilgenommen haben, ist Anklage erhoben, und sie haben bereits ihre Vorladung vor das Polizeigericht erhalten. Zwei Abgeordnete haben erklärt, daß sie jede Antwort verweigern, iveil sie als Abgeordnete nur dem Parlament verantworllich seien. Das ist allerdings eine eigentümliche Auffassung der Abgeordneteniminunität, wenn sie auch vandalische Akte beefen soll. Graf Tisza sieht nicht danach aus, als ob er darauf verzichten würde, die wilder: Wüteriche Mores zu lehren.
A Trotzdem der Papst den Ueberbringer des Vetos der habsburgischen Morrarchie gegen die Papstkandidaürr des Kardinals Rampolla gemaßregelt hat, wird das Vetorecht von der Wiener Regierung nicht preisgegeben. Auch Spanien und Frankreich vertreten den Standpunkt, daß es ein ersessenes R>echt ist und daß es Mittel und Wege geben werde, um die Abneigung gegen eine Kmrdidatur einent Konklave bekannt zu geben.
Marokko.
Ä Während der Sultan nach außen hin eine gefährliche fremdenfeindliche Politik betreibt,, wird die Lage im Innern durch den Feldzug gegen den Prätendenten Buhamara kompliziert. Zwischen den Truppen des Sultans und dem Prätendenten hat bei Udida im Nordosten Marokkos an der algerischen Grenze abermals ein Gefecht stattgefunden. Die Truppen des Sultans sind vollständig geschlagen und viele gefangen genommen worden. Buhamara hat die Gefangenen aber wieder feeigelassen, nachdem er ihnen die Waffen und 5Aeidung abgenommen hatte.
Hmerika.
=4= Wie sehr die Regierung auf die Schaffung einer Handelsflotte bedacht ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß in einer Vorlage Subventionen für Dampferbanten und die Einrichtung von 10 Postdampferlinien gefordert wird und die ausländischen Dmnpfertransporte einer Differentialbelastung unterworfen werden.