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Nr. 234.
LNsertio«SpreiS, Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- heGen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Pelitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, SelterSweg 83.
Ker«sprech<mschl»ß Nr. 863.
Donnerstag, den 5. Oktober 1905
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14. Jahrgang
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für Lberhefseu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalameiger für Gietzen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Der Reichskanzler über JVIarokko.
Fürst Bülow hat in Baden-Baden einen Redakteur des Pariser Blattes „Petit Parisien" empfangen. Der Reichskanzler sprach sich gegen den Journalisten ausführlich über die Marokko-Affäre und die dadurch für eine Zeitlang ungünstig beeinflußten Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland aus. Die Einigung in der Frage bezeichnete der Kanzler als ein glückliches Ereignis für beide Völker, das zu den besten Erwartungen für die Zukunft berechtige.
Der Fürst führte im einzelnen aus, Frankreichs Politik sei zu gewissen Zeiten in einer Weise geleitet worden, daß man es für ihr Ziel halten mußte, Deutschland zu isolieren und feinbfeiig entgegenzutreten. Er betonte weiter: Es kam der Tag, wo zweifellos zur Krönung ihres Werkes diese Ausschlietzungspolitik eine Tendenz verriet, Marokko in ein zweites Tunis umzugestalten. Deutschland, das an Marokkos Handel interessiert ist, und das ein Recht hatte, seine berechtigten Interessen zu verteidigen, sah sich genötigt, dies Recht geltend zu niachen. Frankreich zeigte die Absicht, sich eine Sonderstellung in ganz Marokko zu schaffen. Dies war unvereinbar mit der Unabhängigkeit Marokkos, die durch internationale Verträge bekräftigt war, unvereinbar auch mit der wirtschaftlichen und handelspolitischen Freiheit, kurz eine ernste Lage war das Ergebnis und es schien schwer, aus dieser Lage herauszukommen, ohne daß die Würde eines der beiden Länder darunter litt. Wer hat dies verschuldet? Und wie kann man sagen, daß Deutschland durch seine Intervention irgend welche Voreingenommenheit oder Hintergedanken an den Tag legte, daß es Frankreich feindselig war, während Deutschland doch nur für seine Staatsangehörigen und ihre Interessen sorgte, während es doch nur seine Pflicht als große Nation erfüllte wie Frankreich selbst es getan hätte! Um derartiges zu behaupten, muß man absichtlich vergessen, daß die Politik Deutschlands seit langem den Wunsch hegt, die Beziehungen mit Frankreich zu verbessern. Zeigen die soeben stattgesun- denen Unterhandlungen nicht, daß wir uns darauf beschränkt haben, in Marokko das Regime der offenen Tür zu sichern, daß wir keine Vorteile besonderer Natur terri
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tonaler oder sonstiger Art für uns verlangten? Da unsere wirtschaftlichen Interessen, die zu ihrem Schutze in Marokko nur des freien Wettbewerbs bedürfen, nunmehr nichts zu befürchten haben, und unsere nationale Würde vor jeder Verletzung sicher ist, haben wir Frankreich die besondere Stellung zuerkannt, die es seiner Grenze verdankt. Bezüglich der marokkanischen Frage selbst haben wir es gleichfalls und mit Rücksicht auf alle irgendwie beteiligten Nationen der Konferenz überlassen, diese Frage zu studieren und Abhilfe zu finden. Die eben stattgehabten Verhandlungen, das jüngst abgeschlossene Abkommen, haben den Deutschen gezeigt, daß ihnen gegenüber in Frankreich sich etwas geändert hat, und daß man seit einiger Zeit ihnen gegenüber eine loyale Politik verfolgt. Das ist ein für beide Völker glückliches Ereignis; ich freue mich, das Verdienst daran zum großen Teil Herrn Rouvier beizumessen, der die Lage von einem höheren Gesichtspunkt aus beurteilt und aufrichtig an dem Aushören der Spannung Mltgearbeitet hat. Ich weiß wohl, es gibt Unzufriedene. Ter Presse der beiden Länder liegt es ob, zwischen unseren beiden Völkern ein Gefühl des Vertrauens zu schaffen, d i e beiden Negierungen wünschen dies aufrich ° t i g. Mit Beruhigung und mit Freude würde man die künftigen Zeiten erwarten können, wenn gewisse Franzosen und gewisse Deutsche sich nicht mehr als notgedrungen traditionelle Feinde betrachten würden, wenn sie einsehen würden, wie fruchtbar der aufrichtige völlige Friede zwischen zwei großen Völkern ist, wieviel Großes er verbürgt. Die bereits errungenen Verbesserungen der deutsch - französischen Beziehungen werden nicht durch unsere Schuld verloren gehen, denn wir wollen in Algeciras dieselbe Aufrichtigkeit zeigen, wie in Paris.
Auf die Frage, was er über die russisch-deutsche Annäherung denke, antwortete der Reichskanzler: Alles mögliche gute, die russisch-deutsche Freundschaft besteht und ich glaube, daß es Frankreich nur angenehm sein kann, Rußland mit uns in guten Beziehungen zu sehen. Die Franzosen haben ein Interesse daran, daß ihr Verbündeter einen Freund mehr hat; wir beglückwünschen uns aus demselben Grunde zu der französisch-italienischen Freundschaft. —
Die Aeußerungen des ersten Reichsbeamten decken sich
vollständig mit dem Erwartungen und Hoffnungen aller besonnenen deutschen Politiker. Sicherlich werden sie in Frankreich ein wohlwollendes Echo finden, wenn auch hüben und drüben Chauvinisten und Renommisten, leichtfertige Schreier und blindwütige Hetzer noch einigen Spektakel voll-
* öM^ Schreier und blindwütige Hetzer noch einigen Spektakel voll- ÄUtE führen. Deutschland und Frankreich, die beiden führenden / tjon ^a° ' Nationen des europäischen Kontinents, können und werden
’^h6 nur dabei gewinnen, wenn ^ mehr und mehr sich aneinander u anschließen, allen Zwist vergessen und sich beständig der ihne-7 itit’ -JMI obliegenden friedlichen Kulturmission erinnern.
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Der Berliner Lobnhampf.
Die Anzahl der feiernden Arbeiter hat sich noch vermehrt. Die von der Aussperrung nicht betroffenen Elektro-Mon- tcure der Siemens-Werke und der Allgemeinen Elektrizitäts- geseüschaft haben die Arbeit niedergelegt und wollen sie nicht eher aufnehmen, als bis die Ausgesperrten wieder eingestellt sind. Ferner sind sämtliche Arbeiter der Gesellschaft „Elektromotor" in Ausstand getreten, weil diese Gesellschaft eine Tochtergesellschaft der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft ist.
Aus den mit dieser Gesellschaft in Verbindung stehenden Werken zu Hannover, Lichterfelde, Breslau und anderen Orten wird berichtet, daß die Arbeiter in den Solidaritätsstreik treten wollen. Magistratsrat von Schulz erklärte, es sei nicht richtig, daß er von Einigungsverhandlungen ab- sehe. Die Mitteilungen in dieser Beziehung seien unrichtig. Die Arbeiter seien zu weiteren Verhandlungen bereit. Falsch sei es auch, daß er gesagt haben solle, er habe den Eindruck gewonnen, daß diesmal die Arbeitgeber tatsächlich an die äußerste Grenze des Entgegenkommens gegangen seien. Wenn ferner berichtet werde, er hielte die Arbeiter in diesen: Kampfe für die Schwächeren, so sei das ebenfalls nur ein grobes Mißverständnis. Schließlich habe er auch keine Aeußerung dahin getan, daß Berlin, was den Verkehr und die Beleuchtung anbelangt, unter keinen Umständen leiden werde, auch dann nicht, wenn der Streik fortdauere.
Die Aktiengesellschaft Siemens u. Halste hat angeordnet, daß am 7. d. M. auf den Bauten ihrer Werke am Nonnendamm die Arbeit eingestellt werden soll, falls bis dahin in den Fabriken der Elektrizitätsgesellschaften nicht der Betrieb wieder ausgenommen ist.
Mit Zustimmung der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands hat der Ausschuß der Berliner Ge- werkschaftskcmmission beschlossen, sofort Sammlungen zu veranstalten, um den Ausgesperrten hilfreich zur Seite zu stehen.
Die elektrische Straßenbahn und die städtische Beleuchtung in Berlin sanktionieren ohne Störung. Auf zwei Vorortlinien der Staatsbahn, die bisher elektrisch betrieben wurden, behilft man sich für alle Fälle mit Dampflokomotiven. Unruhen sind nirgends zu bemerken, die freiwillige Arbeiterpolizei der Feiernden unterstützt die Polizei ii bester Weise.
Die Deutschenhetze in JMähren.
In der mährischen Hauptstadt Brünn hat ein deutscher Volkstag stattgefunden. Dabei sind keinerlei Provokationen vorgekommen, kein Wort ist gesprochen worden, das als Angriff auf eine andere Nationalität hätte empfunden, als eine Beleidigung hätte aufgefaßt werden können. Der deutsche Volkstag gab nur schlicht und würdig der Meinung Ausdruck, daß die deutsche Bevölkerung in Mähren ebenso gutes Recht habe, wie das Slawentum und das Tschechentum, und daß die von anderer Seite gestellte Forderung der Einrichtung einer tschechischen Universität in Brünn dem legitimen deutschen Interesse widerspreche, eine unberechtigte Bevorzugung der Tschechen darstelle.
Das genügte, um die Tschechen in eine ungerechtfertigte, deshalb aber vielleicht gerade um so wüster auftretende Erregung zu versetzen. Ten tätlichen Angriffen auf die Deutschen am Sonntag und Montag folgten Dienstag wieder schlimme Ausschreitungen. Tausende von Tschechen überfielen mit Stöcken und Steinwürsen die Deutschen. Polizei und Gendarmerie erwiesen sich als machtlos, es mußte Militär herbeigeholt werden. Die Soldaten wurden mit Steinwürfen empfangen, zerstreuten aber durch einen Angriff mit dem Bajonett die Tschechen. Zahlreiche Läden wurden demoliert. Eine Gendarmeriepatrouille wurde mit Ziegelsteinen beworfen und gab Feuer, wobei ein Tscheche schwer verletzt wurde. Schließlich mußte die ganze Garnison aufgeboten werden. Zahlreiche Personen erhielten Bajonettstiche. Die Verhängung des Belagerungszustandes soll bevorstehen.
Es mag zugegeben werden, daß die Tschechen von ihrem Standpunkt aus in Mähren die Dinge anders ansehen und beurteilen dürfen, als die Deutschen. Denn sie sind von der österreichischen Regierung verwöhnt und zu Ansprüchen künstlich aufgestachelt worden, die auch nur zu denken sie früher nie den Mut gefunden hätten. Unter der Minister- Präsidentschaft des unseligen Grafen Thun, der am meisten unter allen österreichischen Staatsmännern zur Verwüstung und Auflösung Oesterreichs beigetragen hat, wurde Kaiser Franz Josef veranlaßt, in einer Thronrede das unglückliche Wort von der böhmischen Krone zu sprechen und eine Andeutung in der Richtung zu geben, als ob den böhmischen Landen innerhalb der habsburgischen Monarchie eine gleiche oder ähnliche Stellung eingeräumt werden sollte, wie dem ungarischen Staat. Seitdem haben die WpefWl nicht ausgehört, das Deutschtum in Böhmen zu bedrängt, Mähren als böhmisches Land gleichsam mit BeMaa ^u belegen und ungefähr jede.Provinz Oesterreichs, m bei etne böhmische Köchin am Herd mästete. als zu Böhmen z
gehörig anzusprechen. Uiuu unsrem genoß üb i e n uce Ehre, von den Tschechen als tschechische Stadt ausgegeben zu werden. Die Regierung des Grasen Thun und seiner Nachfolger konnte freilich das ursprüngliche böhmische Programm nicht zur Ausführung bringen — weil es einfach unmöglich war. So gut wie Böhmen dürfte Galizien auf Selbständigkeit Forderung erheben, die Slowenen und Italiener blieben mit ihren Separationsgelüsten nicht still, und endlich konnte doch das Recht der deutschen Bevölkerlmg nicht völlig ignoriert werden. Aber was irgend in der Möglichkeit lag, das geschah, um die Teutschen in Böhmen und Mähren zu drangsalieren. Die deutsche Sprache wurde, wo es sich überhaupt machen ließ, wo auch nur Spreugsel tschechischer Nationalität vorhanden waren, durch die Verwaltung förmlich in Bann getan, vom Gericht und ans dem behördlichen Verkehr förmlich ausgeschlossen, zum mindesten in die zweite Stelle gerückt. Die höhere deutsche Kultur wurde von den Tschechen überschrieen und vergewaltigt, und die Regierung des Fürsten, dessen Vorfahren durch Jahrhunderte sich römische Kaiser deutscher Nation genannt hatten, förderten nach besten Kräften den Niedergang des Deutschtums gegenüber dem Tschechentum.
Wir halten uns nicht für befugt, die Gründe zu beurteilen, die zu der jetzigen inneren Politik Oesterreichs geführt haben. Wir bekennen ohne weiteres, daß wir dazu viel zu sehr Partei sind, daß wir Dinge, bei denen das Deutschtum interessiert ist, nicht ohne Parteilichkeit betrachten können, es auch gar nicht wollen. Wir beschränken uns deshalb darauf, die Tatsache zu konstatieren, daß seit der Ministerpräsidentschaft des Grafen Thun, d. i. seit langen Jahren, das Tschechentum in Oesterreich künstlich gehegt und gezüchtet und in Gegenden verpflanzt worden ist, wo man es vorher kaum kannte, und alles das auf Kosten der deutschen Bet-ölkerung Oesterreichs und des Deutschtums.
Selbstverständlich haben die Deutschen Oesterreichs das mcU schweigend geduldet. Sie haben sich zur Wehr gesetzt und ihr deutsches Volkstum energischer als früher betont. Sie hatten allerdings viel nachzuholen. Tenn ehe sie sich auf sich selbst besonnen hatten, waren sie bereits aus der führenden und herrschenden Stellung, die ihnen schon um ihrer Zahl und der Geschichte willen zukam, verdrängt und zur Defensive gezwungen. In der Verteidigurrgsstellnng sind sie noch jetzt, und nach mehr als einer Front zugleich müssen sie sümpfen. Nicht zuletzt gegen die cisleithanische Regierung, die es als ihre Hauptaufgabe betrachtet, Schritt um Schritt dem Deutschtum den Boden abzugraben, es sei zugunsten der Tschechen, der Slowenen oder wessen immer. Höchstens die Italiener machen eine Ausnahme. Das hat seinen besonderen Grund: die Italiener Oesterreichs greifen ohne Scheu nach einer Hand, die sich vom Ausland her ihnen entgegenstreckt.
Den Deutschen Oesterreichs, die immer gute Oesterreicher gewesen sind, wird es herzlich schwer gemacht, gute Oesterreicher zu bleiben. Sie können das säum, ohne ihr Deutschtum zu verraten, und das wollen sie nicht. In der Zwangslage aber sind sie durch die seltsame Politik versetzt, die in Oesterreich jede separatistische nationale Bestrebung belohnt, wofern sie sich nur gegen das Deutschtum richtet, Es wäre für Oesterreich sicher ein Gewinn, wenn es von dieser Politik Abstand nähme. _____ •
politische Rundschau.
Deutsches Reich»
* Der Aufstand in Deutsch-Ostafrika erstreckt seine Wir, kungen bis in die unmittelbare Nähe von Dar-es-Salam, Die Aufständischen, wahvfcheinkich^K-isangireleüte, haben die Dörfer Kmranga, SungUni und Wipsi, 15 bis 20 Kilometer von Tar-es-Salam, anMzündet. Mehrere Truppenabteilun« gen sind abgegangen, um die Vereinigung der nach Süden ausweichenden Aufständischen mit den Rebellen südlich des Rufidji zu verhindern. - Die Straße Bagamoyo-Mrogora ist sicher, der, Gesundheitszustand der weißen Truppen gut. Die Missionsstation von Berlin I Jacobi in der Nähe des Sultanssitzes Utengule wurde von Aufständischen angegriffen. Tie Missionare flüchteten.
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* lieber die Beziehungen zwischen China und Deutschland verbreitetes en^ifcfje Blätter die Nachricht, China habe die deutschen Forderullgön hinsichtlich weiterer Bergwerks- und Eisenbahnkonzessionen in der Provinz Schantung abgelehnt. Dafür habe Deutschland, uM einen Druck auszuüben, bm Handèlsöevtraäsverhaudlungen mit China abgebrochen. ^re Folgè davon fei; daß der englisch-chinesische Handelsvertrag, dessen Gültigkeit vom Abschlusse von Verträgen mit den übrigen Mächten abhänge, vorläüftg nicht in Kraft treten könne. ' Diese ganze Schaüernachricht wird von deutscher amtlicher Stelle als erfunben diu rafturifiert Deutschland verhandelt zurzeit überhaupt nicht mit China wegen werterer B^g- merU und Eisenbahn konzessiv neu m SchanMng und in den -Händelsvertragsverhaudlungen haben die Komrssion-sttzun- gen mit dem chinesischen Bevollmächtigten in bie.en ~age begonnen, *
^m» :M Röichstagsgebäude zu Berlin ist der von einer câo^n Anzahl kolonialfreündlicher Vereine einberufene