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Nr. 20X

Dienstag, den 5. September 1905

14. Jahrgang

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Der Schluss der fnedensverhandlungen.

Schneller, wie man erwartete, ist der Friedensvertrag in Portsmouth fertig gestellt worden. Er wurde gestern nach­mittag von den beiderseitigen Delegierten, Minister Witte und Baron Nomura unterzeichnet.

Der Vertrag besteht aus 17 Artikeln und einer kurzen Einleitung. Ein Auszug aus dem Friedensvertrage wird telegraphisch nach Petersburg und Tokio übermittelt, wäh­rend der tatsächliche Wortlaut den Regierungen in den bei­den Hauptstädten erst nach Rückkehr der Friedensunterhänd­ler bekannt werden wird. Die Ratifikationen müssen inner­halb eines Zeitraumes von 50 Tagen ausgetauscht werden.

Die Japaner wollen heute schon, die Russen morgen aus Portsmouth abreifen. Einige besondere Zusätze zu bem Friedensvertrag setzen fest, daß nach dem mit der Unter­zeichnung in Kraft tretenden Waffenstillstand die Armeen nicht mehr vorgehen, wohl aber in ihren Stellungen ver­bleiben bürfen. Genau wird ferner bestimmt, wann beide Teile die Mandschurei räumen müssen. Die Gefangenen sind von ihren Negierungen erst nach der Natifikation des Friedensvertrages heimzubefördern. Der Mikado erklärt nach dem Wortlaut der Bestimmungen seine Einwilligung an den französischen Gesandten in Tokio, der Zar seine Zustim- mung an den amerikanischen Botschafter in Petersburg. Der Waffenstillstand beginnt sofort nach der Unterzeichnung.

Die Begeisterung bei der russischen Armee auf dem Kriegsschauplatz soll unbeschreiblich gelvesen sein, als die Nachricht vom Friedensschluß eintraf. Der jetzige Komman­dierende der Mandschurei, Lenewitsch, soll zum Gouverneur von Sibirien ausersehen sein, einstweilen aber noch mit seinen Truppen an Ort und Stelle verbleiben, wie es schon im Vertrage bestimmt ist. Der Zar hat an Lenewitsch eine längere Depesche gesandt, die der Armee die Beweggründe erklärt, au5 denen der Monarch zur Einigung mit Japan gelangt ist. Der zur Verkündigung an das ganze Heer be­stimmte Erlast lobt die Tapferkeit und Mannhaftigkeit der Krieger in den üblichen Wendungen.

. In Japan ist die Stimmung im allgemeinen wenig freudig. So hat eine Vereinigung fortschrittlicher Abge­ordneter eine Resolution angenommen, die scharfe Unzufrie­denheit ausdrückt und sagt, die vereinigten Mächte Europas urrd Amerikas hätten die Bedingungen Japan aufgezwungen und verweigerten dem asiatischen Jnselreich die Anerken­nung einer gleichberechtigten Großmacht. Man sei gc- Mungen, künftig ausschließlich asiatische Politik zu betvei- ben, denn der Portsmouther Vertrag habe eine unüber­brückbare Kluft zwischen Europäern und Asiaten geschaffen. Das römische BlattTribuna" weiß sogar von offener Re­volution in Japan zu berichten. Alle Kabel seien unter- brochen. Doch das sind wohl Uebertreibungen, obwohl eine gewisse Mißstimmung verständlich erscheint.

Alas wird aus Esten?

Die Russen haben die vormals chinesische Halbinsel Liao- tong geräumt, Port Arthur preisgegeben, die Stadt Dalny, . die ein Kunstprodukt war, den Japanern überlassen, sich aus der Mandschurei zurückgezogen. Damit haben sie auf den âfpruch verzichtet, die Vormacht in Ostasien zu sein. In - diese Stellung ist Japan eingerückt, dem jetzt naturgemäß auch der überwiegende Einfluß in Peking zufällt. Die Chinesen hatten früher schon erfahren, daß ihre gelben I Brüder aus dem Lande der aufgehenden Sonne nicht mit sich spaßen lassen. Wären die Mächte bei Shimonoseki ben Japanern nicht in ben Arm gefallen, China hätte schlimme Tage erlebt und den Anfang einer Teilung, die von einer Zertrümmerung nur schwer zu unterscheiden gewesen wäre.

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Zwar einer der Intervenienten, Rußland, ließ sich die Hilfe grimmig teuer bezahlen, denn er nahm die Mandschurei. Nur vorläufig freilich. Etwa so vorläufig, wie die Eng­länder Aegypten genommen haben, um es aus dem Auf­stand Arabi Paschas zuretten". Tewfik Pascha heißt ja immer noch Khedive von Aegypten, nur daß er, um mit dem Fürsten von Lippe, seligen und bismarckfeindlichen An­gedenkens, zu reden,nix tau seggen" hat. Jetzt hat Japan das Netteramt übernommen, es hat die Mandschurei aus Rußlands Händengerettet". Ob für China, steht dahin. Selbst bei nomineller Rückgabe an China wird Japan eine tatsächliche Oberhoheit ausüben. Und hinter Japan steht das mit ihm Verbündete, zu Schutz und Trutz verbündete England.

Man müßte von unerlaubter Kindlichkeit des Gemütes sein, wollte man glauben, daß England aus plötzlicher Liebe zu den Japanern sich zu diesem Bündnis entschlossen hätte. Das glaubt auch niemand. Es ist offenbar, daß England sei n e n Krieg durch die Japaner gegen Rußland hat führen lassen. Das ist immer englische Staatskunst gewesen. Solcher Kunst barf' Man Anerkennung nicht versagen, auch wenn ihre Ausübung nicht jedermanns Sache ist. Es gehört viel Klugheit unb Voraussicht dazu; man muß weiten Blick Laben und sehr zielbewußt sein, um sich darin anszuzeichnen.

Schon im Verlauf des russisch-japanischen Krieges trat dag deutlich zutage. Sobald die Russen geschlagen waren und ganz gewiß nicht mehr die Kraft besaßen, gegen den Hima­laja vorzurücken, schickten die Engländer eine Expedition zum Dalai Lama, der sich aus seiner heiligen Stadt mit un­rühmlicher, aber verständlicher Eile entfernte. Sie etablier­ten dort sich und ihren Einfluß. Unmittelbar darauf ver­kündeten sie mit einer Festigkeit, die sie immer nur bann entwickeln, wenn sie selbst die Arme frei haben, ihr voraus­sichtlicher Gegner aber gefesselt ist, daß sie jedes zentral­astatische Vorrücken Rußlands und selbst den Bau von Eisen­bahnen durch die Russen als einen Akt der Feindseligkeit an sehen und behandeln würden. Sie sagten das mit einer Ungeniertheit, die ihnen von dem Belvußtseiu der augenblicklichen Wehrlosigkeit Rußlands eingegeben war. Auf die unbegrenzte Tauer dieser Wehr­losigkeit durften sie natürlich nicht rechnen. Der Krieg mußte irgendwann einmal ein Ende nehmen; und hatte Rußland die Wunden geheilt, die ihm der Krieg gc- schlagen, so war zu erwarten, daß es seine Revanche neh­men und die.englische Uelerhebung heimzahlcy^ würde. Hier mußte vorgesorgt werden, und das ist geschehen, in geradezu genialer Art geschehen, wenn auch diese Art wiederum nicht jedermanns Sache sein mag. Von: englifcl}cn Standpunkt aus und nach englischer Ueberlieferung konnte die Sache gar nicht besser gemacht werden. Die Engländer gönnten den Japanern aus dem Kriege großen Gewinn, machten sie aber für diesen Gewinn zugleich schutzbedürftig und boten sich selbst als Schützer an. Natürlich nicht umsonst. Die Japaner mußten, um den englischen Schutz zu genießen, sich in den Dienst des englischen Interesses stellen. Man hat oft Rußland mit einem Bären, England mit einem Walfisch verglichen. Ter Bär ist ein gewaltiges Landtier, der Wal­fisch ein gewaltiges Seetier. Wollen sie gegeneinander, so müssen sie beide Gehilfen aus dem anderen Element haben. Der Bär, um im Bilde zu bleiben, findet keine Wassertiere, die ihm im tTampf gegen den Walfisch beistehen könnten siehe: Frankreichs Haltung im letzten Kriege! aber der Walfisch hat noch immer Landtiere als Bundesgenossen zu werben verstanden. Eben jetzt die Japaner. Sie sind Eng­lands asiatische Landtruppen geworden. Will Rußland nach seiner Erholung gegen Indien marschieren, so wird es von Japan in der Flanke angegriffen, und die jüngste Erfah­rung hat gezeigt, daß ein japanischer Angriff zu seiner Ab­wehr alle Kräfte erfordert. England aber, als Beherrscherin der Meere, ist nur in Indien angreifbar. Dort ist das Herz seiner Kolonialmacht und eine der Hauptquellen seines Reichtums. Tas hat schon der erste Napoleon eingesehen allerdings vergeblich. Von Aegypten aus wollte er In­dien erobern. Er hat den Plan aufgegeben, so daß seine Ausführbarkeit nicht praktisch erwiesen ist.

Einstweilen ist England Herr über das nichtrussische Asien; im Westen für sich allein, im Osten durch Veinnitte- lung Japans, das den Westen decken muß.

Das ist die augenblickliche Lage der Dinge, die aber nicht unverrückbar ist. Japan muß nicht in alle Zukunft der englische Landsoldat bleiben, der Prätorianer, der den in­dischen Kaiserthron des Königs von England bewacht. Am Ende kann ihm doch der Gedanke kommen, daß es besser wäre, er hätte für sich gesiegt und nicht zur Erhaltung der englischen Herrschaft über Asien, und daß es möglich wäre, einen assen zu finden, der rricht so genialisch­schlau ist wie Etcgland.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Die Marokkofrage ist zwischen Frankreich und Deutsch- 'anb zu beiderseitiger Zufriedenheit so gut wie erledigt. Für die baldige Berufung der Marokkokonferenz, die allseitig gewünscht wird, bildet die Affäre Bu Mzian einen ärger­lichen und möglicherweise verzögernden Zwischenfall. Di^ Freilassung Bu Mzians, der als geborener Algerier fran­zösischer Untertan ist, als Mohammedaner aber vom Sultan von Marokko für seine Genchtsbarkeit in Anspruch genom­men wird, ist in einer Art erfolgt, die Frankreichs Forde­rungen nicht genügt, vielmehr eher als beleidigend aufge­faßt wird Frankreich droht deshalb mit einer Art Exe­kution. und eine solche Gewaltanwendung würde wahr­scheinlich zu Weiterungen führen, deren Verlauf und Ende nicht abzusehen ist. Es besteht aber die Hoffnung, daß es gelingen wird, den Sultan zur Vermeidung jeder Zwangs­einwirkung und dazu zu bestimmen, daß er freiwillig den legitimen Ansprüchen Frankreichs nachkommt.

*

* Die Meldung, daß der Gouverneur von Ostafrika, Gras von Götzen, den Direktor der Kolonialabteilung im Au^- wärtigen Amt, Herrn Dr. Stübel, ersetzen, vielleicht auch an die Spitze eines neu zu bildenden Kolonialamts treten meine ist zum mindesten verfrüht und jedenfalls im «{mieno n nicht richtig, wie unser ^-Mitarbeiter erfährt. Die Nach­richt ist vielleicht als Vermutung daraus entstanden, oab nach dem im Reichstag schon vor längerer Zeit bekannt ge­gebenen Willen des Reichskanzlers Fürsten Bulow im L

- cn $Gr^ *n Berlin eine Beratung der sachverständigen Manner, zu denen in vorderster Reihe auch Graf Götzen gehört, stattfin ben und eine Neueinrichtung der Kolonial- Verwaltung bestimmen sollte. Graf Götzen hatte auch schon den Tag seiner Abreise aus Ostafrika festgesetzt. Daraus mag die Konjektur einer anderweiten dienstlichen Verwen- dung des Grafen Götzen in der angedeuteten Richtung ent' Itanbcn sein. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sich die Konfettur irgendwann einmal bewahrheitet. Einstweilen aber kann davon nicht die Rede sein, schon weil Graf Götzcii jetzt in Ostafrika auf seinem Gouverneurposten unabkömmlich ist und für die Dauer des Aufstandes sein wird.

*

* Wegen der Choleragesahr hat der Deutsche Ostmarlen Verein beschlossen, seine für den 16. bis 18. September in Marienburg geplanten Festlichkeiten zu verschieben.

»

* Bei dem Festmahl, das die Stadt Danzig zu Ehren der Anwesenheit des englischen Ostsccgcschwaders gab, hielt Oberbürgermeister Ehlers eine Ansprache, in welcher ci einen geschichtlichen Rückblick auf die Beziehungen Danzigs zu England gab; er erwähnte die Kämpfe Danzigs gegen König Eduard IV. vor 430 Jahren und sprach die Hoff­nung aus, daß weitere 430 Jahre in Frieden vorübergeheu werden; beide Nationen müßten sich in gemeinsamer ibiltur» arbeit zusammenfinden. In seiner Erwiderung nahm Ab. miral Wilson Bezug auf die Ausführungen des Oberbürger­meisters über die guten englisch-deutschen Beziehungen in der Vergangenheit und sagte weiter: Ich gedenke der guten Aufnahme, die das Kanalgeschwader überall gesunben hat und hoffe mit Ihnen, daß weitere 430 Jahre in Frieden

dahingehen mögen.

^cst dauerte unter Sei (nähme

zahlreiä-er englischer und deutscher Offiziere bis MiLteruach:.

* Ein neuer militärischer Erfolg in Deutschostafrika ist zu verzeichnen. Oberleutnant von der Marwitz von der Schutz- truppe schlug die Rebellen im Hinterland von Kilwa gründ­lich. Der Feind hatte 40 Tote, sowie zahlreiche Verwundete.

* In Frankfurt a. M. wurde der Kongreß der deutschen Mittelstands-Vereinigung eröffnet. In der Eröffnungs­sitzung war der Geh. Regierungsrat Lusinsky vom preußi­schen Handelsministerium erschienen, der unter lebhaftem Beifall der Versammlung eine Begrüßungsrede hielt, in der er die Beihilfe des Staates zur Förderung des Mittelstandes in Aussicht stellte und die Wünsche des preußischen Handels- Ministers und des Staatssekretärs des Innern übermittelte.

Ocftcrreich-Ungam

** Kaiser Franz Josef hat sich im engeren Kreise über die ungarische Frage geäußert und soll dabei folgenden ver ständigen Aussvruch getan haben:Der Friede von Poris- niouth wird hoffentlich nicht ohne Einfluß auf die ungarische Kruse bleiben. Was zwischen Japan und Rußland möglich war, wird doch hier nicht unmöglich sein., Die ungarische Koalition kann sich an Japan ein Beispiel nehmen und sehen, daß eine der schönsten Eigenschaften des Memchen Mäßigung heißt." Ob es etwas helfen wird?

Russland.

** Noch immer sind die blutigen Zusammenstöße Misch n Mohammedanern und Armeniern im Zunehrnen begriffen. Auch im Gouvernement Jelisawetpol durchziehen tatarische Räuberbanden mordend und plündernd die ländlm-en Distrikte. In Schuscha sind aufs neue Unruhen ausgebrochen, bei denen viele Personen ihren Tod fanden und eine Feuers­brunst entstand. Auch in Baku finden Straßenkämpfe statt. Der Naphthapreis hat eine noch nie dagewesene Höhe von 53 Kopeken für das Pud erreicht. Wie verlautet, sollen die Wahlen für die Reichsduma auf ein Jahr verschoben werden. Durch derartige Maßnahmen wird die Unzufriedei.- heit nur noch vergrößert. So hat der Gesamtverband der Berufsverbände der Aerzte, Juristen, Ingenieure usw. du einzelnen Verbände mit der Aufgabe der praktischen Durch­führung des Generalausstandes beauftragt.

Spanien.

** Abermals ist ein Bombenanschlag verübt worden und zwar diesmal in Barcelona Sonntag mittag 1 - Uhr ent­lud sich auf der Ramba flores eine Bombe mit furchtbarer Gewalt Mehr ale 60 Personen wurden verwundet, darun- ter die meisten schwer, zwei Frauen und getötet. Alle Fenster in der Umgebung zersplitterten, die Bombe war mit Nägeln und Eisenstücken geladen. Die Nachforschungen nach dem Täter waren bisher ohne Erfolg.

'Cürbei.

** Hohe Pforte hat den Finanzreformplan ...uze- doniel^ der von den curo; Mächten vorgeschlagen wurde/ wiederholt abgelehnt. Tie Machte wollen sich aber damit nicht zufrieden geben, sondern im gegebenen Fall du Durchführung ihrer Forderungen erzwingen.

Hfrika.

Sie Verwickelungen in Marokko nehmen eine gesahr- tzrohende Gestalt an. Ter Anjerastamm griff mehrere Dorier

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