Nr. 207.
Montag, den 4. September 1905.
14. Jahrgang
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Fer»sprecha«schl«ß Nr. 362.
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(Hießener Tageblatt) MaShängige Tageszeitung (Hießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Zur Gebtimge schichte des Krieges.
Aus diplomatischen Kreisen wird uns geschrieben:
Die Londoner Zeitung „Daily Chronicle" schrieb dreser Tage- „Wir haben nicht die Aufgabe, die Erneuerung unt Erweiterung des gestern durch ein Morgenblatt angekum digten englisch-japanischen Bündnisses zu bestätigen. Cx ist wahr, daß diese Erneuerung gewiß Nt. . Dieser Vertrag allein hat Frankreich gestattet, Nw ab- seits des Krieges im fernen Osten^zu halten und fernen Bundesgenossen die Herrschaft zur See verlieren zu lassen Wenn Frankreich nicht gewußt hätte, daß der geringste B ersuch zugtlnsten Rußlands seine Flotte der unierigen gegenüberstellte so wäre es verpflichtet gewesen, ehrenhalber zugunsten seines Verbündeten zu intervenieren." —
Was das Londoner Blatt hier eingesteht, ist nicht gan- neu denn die Eingeweihten haben es gewußt, aber die Offenheit'des Bekenntnisses ist überraschend. Jetzt ist auch weiteren Kreisen bekannt geworden, daß Frankreich unter dem Druck englischer Drohung — der Drohung mit Vernichtung seiner Flotte — stand, als es während des russisch-iapaur schen Krieges so gar nichts von seiner Bundesgenossenschaft mit Rußland spüren ließ. Frankreich wäre gewiß auch sanft neutral geblieben, denn zu unmittelbarem Eingreifen wai es durch seinen Vertrag mit Rußland nicht verpflichtet' ober nur jene Drohung konnte es bestimmen, sich während -des Krieges weniger in der Nähe Rußlands als in der Nähc des Bundesgenossen der Gegner Rußlands zu halten. Man mag hieraus entnehmen, wie aufrichtig die Freundsclfafts- gefühle des amtlichen Frankreich gegenüber England sind
England ist die größte Seemacht und es will die einzige Seemacht sein. Seinen Wünschen genügt, es nicht, eine größere Kriegsflotte zu haben, als irgenb ein anderer Staat, sondern es will auch jeder Koalition von Flotten gewachsen sein. Im englischen Parlament ist wiederholt der Grundsatz ausgesprochen worden, die englische Flotte müsse den beiden nächstgrößten Flotten zusammen überlegen lein. Daß England dieses Ziel verfolgt, ist sein gutes Recht. Um solchen Ehrgeizes willen darf es nicht gescholten werden. Wir würden ihn auch hegen, wenn wir eine große Flotte besäßen, und da wir sie nicht besitzen, so wollen wir sie erlangen. Wenn England seinen Ehrgeiz auf eigene Kosten und durch eigene Anstrengungen befriedigt, wenn es jeden Ausbau einer anderen Flotte mit dem doppelten Ausbau seiner Flotte beantwortet, so tut es gleichfalls nur, was seinem Recht entspricht und im gleichen Falle dem Recht ledes anderen entspräche. Darüber hinaus aber dürfte England nicht gehen, ohne den Vorwurf auf sich zu laden, es treibt Räuberpolitik. Das geht heutzutage nicht mehr an. Die öffentliche Meinung würde es nicht dulden, auch die englische nicht. Eine Flottenverbrennung wie die im Hafen von Kopenhagen dürfte sich nicht wiederholen.
Englands Flotte war bisher immer den beiden nächststärksten Flotten zusammen überlegen. Vereinigten sich aber drei Flotten, etwa die französische, deutsche und russische, so gab es keine englische Ueberlegenheit zur See mehr. An diese Kombination mag man in England manchmal gedacht haben. Jetzt hat man es nicht nötig, denn die russische Flotte existiert nicht mehr, und Japan, dessen Flotte die russischen Schiffe zerstört hat, ist mit England verbündet. Der Ausgang des russisch-japanischen Krieges hat also die englische Meerherrschaft neu befestigt.
Yi^n ^an in betreff der Urheberschaft eines Krieges die vite smminahitenfrage stellen dürste: „cui bono?" d i -.wer hatte den Vorteil?", so würde die Antwort auf England deuten. Und darauf deuten noch andere Umstände Ohne Englands Bundesgenossenschaft und die feste Zusicherung seiner Hilfe im schlimmen Falle hätte Japan nie den Tigerkatzensprung gegen Rußland gewagt.
Es war nach dem Frieden von Schimonoseki, daß England den Japanern die große und wertvolle Konzession machte, auf die Konsulargerichtsbarkeit in Japan zu verzichten. Japan mar damit als gleichberechtigte zivilisierte Macht anerkannt. England tut das nicht umsonst. Es bedang sich dafür aus, daß auf seinen Werften die japanische Flotte gebaut würde. Und diese japanische Flotte, an der England ein Heidengeld verdiente, tat Englands Arbeit indem sie die russische Flotte im Stillen Ozean vernichtete!
Das war als Diplomatenwerk ein Meisterstück, wie es in der Geschichte kaum ein gleiches gibt.
Nachdem die japanische Flotte geleistet hatte, was sie für England leisten sollte, erneuerte und erweiterte England sein Bündnis mit Japan, garantierte Japans Erwerbungen in Ostasien und ließ sich seine asiatischen Besitzungen und seine asiatische Einflußsphäre von Japan garantieren. Das war wiederum ein Meisterstück.
Wer hat den Krieg in Ostasien veranlaßt? Rußland tat es nicht, denn es war, wie sich gezeigt hat, auf den Krieg nicht vorbereitet und hatte durch Vertrag mit Frankreich den größten Teil seines Heeres an der Westgrenze gefesselt. Japan hat nicht aus eigenem Antrieb gehandelt und hätte ohne deckendes Bündnis den Angriff nicht gewagt.
Wer hat den Krieg in Ostasien veranlaßt? Die Antwort üegt auf der Hand.
Der friedensvertrag
Die Beauftragten in Portsmouth haben den Wortlaul des Vertrages soweit fertiggestellt, daß seine Unterzeichnung wahrscheinlich baldmöglichst erfolgt.
Der Waffenstillstand
Da mittlerweile der Waffenstillstand von beiden Seiten dugenommen worden ist, so liegt anscheinend kein Hindernis zum völligen Abschluß mehr vor. Die Japaner bestanden darauf, daß das Abkommen über den Waffenstillstand erst nach Unterzeichnung des Friedensivertrages wirksam werde. Beide Teile wurden aber sofort von ihren Regie- rungeii verständigt, daß den Höchstkommandierenden im Felde einstweilen die Einstellung der Feindseligkeiten befohlen worben ist. Da die Stellungen der Armeen von der mongolischen Grenze bis zur Küste von Nordkorea ausgedehnt sind, wird der Besehl zur Einstellung der Feindselig- feiten manche Abteilungen möglicherweise später erreichen. Es könnten sich, wenn an einem entlegenen Punkte des MiegssäiauplaneS Detachements sich gegenüberftänben, von denen das eine vom Waffenstillstand unterrichtet ist, das aridere noch nicht, Mißverständnisse ergeben. Lenewitsch und Ovama Werben bis Grenze feststellen, welche ihre Truppen nicht überschreiten dürfen. Ter Transport von Verstärkungen ist untersagt. Truppen, welche bereits unterwegs sind, dürfen auf der russischen Seite Charbin und auf der japanischen Seite Mukden nicht überschreiten.
Meinungsverschiedenheiten.
Geringe Meinungsverschiedenheiten zwischen den japa- Nischen und russischen Delegierten entstanden in der Man- dschureifrage. Japan verlangt, daß die Russen alle Folgen ihrer Verpflichtungen betreffend die Aèandschurei tragen und den Japanern alsbald die Kontrolle von Port Arthur und der Halbinsel Liaotung übergeben. Auch wegen der Insel Sachalin mußten die Bevollmächtigten befragt werden. Ter japanische Rechtsbeirat wollte das Befestigungsverbot nur in den Worten formulieren: Die Straße von La Perouse bleibt frei und offen. Tie Russen setzten jedoch schließlich ihren Willen und die Fassung durch, daß auf Sachalin überhaupt keine Befestigungen angelegt werden dürfen. Ferner waren die Japaner der Ansicht, daß die Verpflichtung, diese Insel nicht zu befestigen, eine gegenseitige Verpflichtung beider Mächte sei, während Rußland in dem Glauben, daß diese Abmachung allein für Japan gelte. Varon Ko- mura machte schließlich Witte einen Besuch und verhandelte mit ihm eine halbe Stunde in Gegenwart von Martens und Plancon. Dort wurde eine vollkommene Uebereinstimmung erzielt.
Keine versteckte Kriegsentschädigung.
In Petersburg ist von dem Geheimrat Schipow, der Witt" für Finan.stragen beigegeben ist, eine Nachricht eingelaufen, nach der alle Gerüchte über irgend welche direkte ober maskierte Geldentschädigung an Japan durchaus unbegründet sind. Japan erhalte nur die Differenz der tatsächlichen Kosten für den Unterhalt der Kriegsgefangenen Rußlands und Japans, die zwar noch nicht ermittelt sei, aber keinesfalls groß sein könne. Die von Rußland abgelebten japa- mfeben Entschädigungsforderungen seien die Hauptursache ernster Verwickelungen gewesen und hätten beinahe den Abbruch der Friedenskonferenz herbeigeführt.
Die Kosten des Krieges.
Nach einer ziemlich genauen Schätzung hat die Erhaltung des Heeres im Felde Japan täglich 4 Millionen Mark gekostet; das macht also für eine Zeit von 600 Tagen 2400 Millionen Mark. Die Kosten der Unterhaltung und der Verluste der Kriegsmarine und weiter der Handelsmarine beziffern sich auf 1000 Mill. Mark. Dazu kommen die an Familien, Witwen und Waisen gezahlten Summen, die in Japan von 800 Mark für gemeine Soldaten bis zu 8000 Mark für Obersten betragen. Wahrscheinlich wird der ganze Betrag sich also an 4000 Mill. Mark belaufen. Die Kosten für das Heer werden für Rußland etwa die gleichen wie für Japan sein, denn obgleich es weniger Mann im Felde stehen hatte, mußten sie doch weiter befördert werden. Die Verluste der Marine können auf 600 Mill. Mark geschätzt werden, so daß Rußlands Verluste im ganzen etwa 5000 Mill. betragen werden.
Der Huf stand in Deutsch-Ostafrika.
Die wiederholt einlaufenden Hiobsposten bekunden, daß die Unruhen im ostafrikanischen Schutzgebiet nicht so unwesentlich sind, wie es anfangs den Anschein hatte. Nach Privatmeldungen soll die Station Liwale durch die Aufständischen vollständig ansgeraubt sein. In Liwale befanden sich zwölf Soldaten der Schutztrupps, über bereu Schichal nichts bekannt ist.
Die Meldung ist amtlich noch nicht bestätigt und so kann man noch immer die leise Hoffnung hegen, daß fi^ fiel) mein bestätigen könnte. Tie Ermordung des Bischofs Spres uno seiner Begleiter vor einiger Zeit aber fam ebenrans unerwartet, und man muü sich leider mit der Amick
traut machen, daß gleichwie in Südwestafrika, so auch im gÜen größere Anstrengungen notwendig sind, um wieder Ruhe und Ordnung zu schaffen.
Unterredung hat der Gouverneur von Deutsch- Ostafrika Graf Gotzen, bemerkenswerte Aufschlüsse über die Ursachen des Auytandes gegeben Graf Götzen glaubt, daß der Ausbruch der Unruhen wesentlich im Aufleben des alten heidnischen Schlangenkultus seine Erklärung findet. Die Priester des Schlangendienstes, die früher im Volke großes Ansehen als Zauberer besaßen, sehen diesen infolge der ein» dringenden Kultur schwinden. Sie verbreiten also die Irrlehre, die Schwarzen könnten sich durch Rückkehr zu bem alten Götzendienst von allen Abgaben und öffentlichen Arbeiten befreien. Die Freiuden müßten natürlich zuerst aus dem Lande getrieben werden. Deshalb richtet sich die Er- regung auch nicht etwa allein gegen die deutschen Schutz- truppen und Ansiedler, sondern auch gegen Inder, Araber und die eingeborenen Unterbeamten. Allerdings haben diese manchmal sich unnötigerweise verhaßt gemacht. Das Vor- schußsystem der fremden Händler, mit der sie die Neger in ihre Gewalt bekommen, ist nicht ohne Schuld. Die Hauptunruhen beschränken sich zurzeit auf die Bezirke Kilwa, Mo- horo und Lindi. Die Matumbiberge waren auch diesmal wie früher der Ausgangspunkt der Unruhen. Die Aufständischen führen als Waffen Vorderlader und vergiftete Pfeile, auch einige erbeutete Hinterlader.
Graf Götzen hält die zur Verfügung stehenden 1800 Mann Schutztruppen für zu schwach in dem großen Gebiet mit ca. acht Millionen Einwohnern. Es sind Werbungen von Massaualeuten beabsichtigt, aus denen dann vier Kom- pagnien schwarzer Truppen gebildet werden sollen. Eine längere Besetzung der unruhigen Gebiete wird für unerläßlich gehalten.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Der kürzlich aus dem Urlaub abberufene Kvlonialdirck- tor Stübel soll, wie verlautet, für einen freiwerdenden Gesandtenposten bestimmt sein, während der jetzige Gouverneur von Teutsch-Ostafrika Graf von Götzen als Stübels Nachfolger genannt wird. Hand in Hand mit diesem Personenwechsel werben Feuerungen im System der Kolonialver- waltung angekündigt.
* Die Bewegung gegen die Fleischteuerung zieht weitere Kreise. Die Stadtbehörden in Erfurt, Duisburg, Aachen taten weitere Sck)ritte in der Angelegenheit, die Stadtvertretung Berlins will ebenfalls entsprechende Beschlüsse fassen. An zahlreichen anderen Orten finden Versammlungen statt, die Resolutionen gegen die herrschenden Zustände fassen. Das badische Ministerium hat sämtliche Bezirksämter aufgefordert, unverzüglich Erhebungen über die Ursachen und die Höhe der Fleischnot zu veranstalten.
♦ Die vor Neufahrwasser ankernde englische Flotte wird Menstag früh in See gehen. In Sattig fanden verschiedene Feierlichkeiten anläßlich der Anwesenheit der engiDcbcn Seeleute statt, wobei sich auf beiden Seiten herzliches Einvernehmen zeigte. Admiral Sir Arthur Wilson hat ein Telegramm an den Kaiser Wilhelm gesandt, in welchem er das große Vergnügen betont, das die englischen Offiziere beim Zusammentreffen mit den deutschen Kameraden empfunden hätten. Der Kaiser erwiderte: „Es ist mir eine große Freude, zu erfahren, daß Sie es als Vergnügen empfanden, ihren Kameraden der deutschen Flotte zu begegnen.
— Die Stadt Flensburg veranstaltete zu Ehren der ^Ui- ziere des dort eingetroffenen englischen Torpedobootgeschwa- ders ein Festmahl
* Pariser Blätter äußern sich mit einer gewissen Befriedigung über den englisch-japanischen Bündnisvertrag. Zwar wäre es ihnen lieber gewesen, daß ihr rulsycher Verbündeter gesiegt hätte' da das aber einmal nicht der WL 10 hätten sie Ursache zu der Hoffnung, baß die Japaner mit ihrem langen Löffel in Asien nicht gerade nach den französischen Brocken füdfcn wurden: vor folger Geen la- UM sei Frankreich durch die cngluchc Freundschaft gefchutzt. Damit soll angedeutet werden, daß Japan wohl bie sicht haben und ausführen könnte, seinen „langen Toffel nach Kiautschon auszustreckeu. Diese französische Erwar- tuna die übrigens von arger Kurzsichtigkeit Zeugnis ab- leat wird sich, wie unser Berliner ^-Mitarbeiter erfahrt, als unzuttessend erweisen. Richtig ist es ja, daß Kmutschou unbefestigt ist, auch nicht befestigt werden soll oderkann, die Japaner wohl in der Lage waren, Kiantschou zu nehmen ehe unsere Schiffe zur Verteidigung hmnber- kämen Japan aber wird sich zu einerJ)erarhgen Nauber- Politik die ihm Deutschlands ewige ,yeinbld)aTt zuziehen mürbe 'um so weniger hergeben, als es an den Folgen des Krieges den es im wesentlichen für England übernommen hat noch lange zu tragen haben wird. Auch der engstschen Regierung ist die Unklugheit nicht zuzutrauen, etwa ^apan