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Nr. 154.

Dienstag, den 4. Juli 19<>5

^«tt,,»»reiS, Die einspaltige Pettyeile für ganz Ober- Mei, Me «reise Wetzlar ond Marburg 10 Pf«, sonst 15 Psg.

Reklamen die P-tiyeil« 30 resp. 40 Psg.

Nedân u. Hauptexvedillon: «teßen, «eltertweg 88. g«r»fvredi»«f*l*6 Rr. 8»».

te^ner

-----14. Jahrgang

^^'^^""" - -bgkh'lt monatlich 50S6fg„ in'« Hau« ° ^^^ W durch die Post bezogen vierteljLhrl. Mk. l.bO. ArâttSbeil«-e«: Oberhesfische Fa»ilte«ze1t««g (tL,lich) und die fcUtom Seifenblase« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittag-.

(Gießener Gageötatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für Oberhessen unb die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzen und Umaebuna. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberteilen * *

prozesswuL

Die ProzeßwuL ist ein deutsches Erbiibel. -Man kann sie aus noch so edlen Wurzeln bereiten — ein Uebel bleibt sie, und baß sie durch Erbschaft überkommen ist, macht sie nur desto schlimmer.

Gewiß hat der Kampf ums Recht etwas Ideales, man der Gegenstand des Rechtsstreits noch so geringwertig sein. Gewiß ist das Nechtsgefühl jeder erhaltenden Pflege würdig, daß man sich nicht daran gewöhne, nur bei großen Dingen die Frage der Gerechtigkeit mit genauer Abwägung zu prüfen. Aber Eigensinn ist noch lange kein Gerechtigkeits­gefühl; und die Einbildung, daß man ganz allein die nötige Einsicht habe, eine Sache richtig zu beurteilen, ist auch noch kein Beweis dafür, daß man alle Tugenden des Aristides in sich vereinige.

Der rechte Mann folgt einzig seiner aufrichtigen Ucbcr- zeugung. In eigener Sache aber soll man seinem Urteil mißtrauen, weil man in eigener Sache in einem ganz an­deren Sinne parteilich ist. Der Staat hat Richter dafür ein­gesetzt, daß sie bei Rechtsstreitigkeiten zwischen zwei Bürgern entscheiden, auf wessen Seite nach den Gesetzen das Recht ist. Der Richter steht über den Parteien, sein Urteil ist nicht durch persönliches Interesse befangen. Gleichwohl kann er irren. Und in der Voraussetzung dieser Möglichkeit ist ein Jnstanzenzug eingerichtet. Das Urteil des ersten Richters kann durch einen höheren Richter umgestoßen und umge­wandelt werden. Und damit ist es noch nicht genug. Bei einer gewissen Höhe des Streitwertes können die Parteien auch noch das oberste Gericht, das Reichsgericht, anrufen. Sie können, aber sie müssen nicht. Daß von Gesetzes wegen eine — neuerlich erst wesentlich erhöhte — Wertgrenze für die Streitgegenstände gezogen worden ist, um deren willen ein Urteil des Reichsgerichts verlangt werden darf, ist schon ein Beweis dafür, daß nach der öffentlicher Moral, der Staatsmoral, die anwendbaren Rechtsmittel in einem leid­lichen Verhältnis zu der praktischen, der materiellen Bc- dcutung der jeweiligen Rechtsfrage stehen muß. Das Recht, theoretisch genommen, ist genau das gleiche, mag ein Pfennig auf dem Spiele stehen oder ein großes Vermögen. Doch das Recht bleibt auch in zwei Instanzen gewahrt, und es würde selbst bei einer einzigen Instanz nicht zu schaden kommen. Denn wenn der Richter fehlbar ist, was keinem Zweifel unterliegt, so ist eu es in der drit- 1 ten Instanz nicht viel weniger als in der ersten. Der Staat hat nicht die Möglichkeit, ein objektiv richtiges Urteil immer und überall zu gewährleisten. Das geht über die Grenzen des Menschenmöglichen Hinans. Er kann nur dafür sorgen, daß mit subjektiver Gerechtigkeit geurteilt werde. Und das geschieht in allen Instanzen.

Die Grenzen, die, wie oben erwähnt, die Staatsmoral aufgestellt hat, sollte auch der Einzelne respektieren, indem er bei jedem Streit bedenkt, ob seine Austragung bk Kosten wert ist. Wer einen Pfennig sucht und dabei eine Kerze verbrennt, ist ein Narr. Wer einen Prozeß führt, dessen Aufwendungen an Zeit und Geld außer Verhältnis zum Prozeßgegenstand stehen, ist nicht minder ein Narr. Er be­ruft sich vergeblich auf sein „Gerechtigkeitsgefühl", das keine Kränkung vertrage. Eigensinnig ist er, nichts als eigeiv sinnig und beschränkt, ein Feind seiner selbst, ein Feind seiner Frau und seiner Kinder. Denn von seinem Gerech- I tigkeitsgefühl ist gar nicht die Rede. Er mag nach seiner Ueberzeugung Recht haben, und in seiner Ueberzeugung darf er es auch behalten. Das ist aber kein Grund, um einer Bagatelle willen eine Anzahl gelehrter Richter in Anspruch zu nehmen, Anwälte zu besolden, Kosten zu häufen.

Der Bauer, der sich durch seine Prozeßwut ruiniert, ist eine typische Figur. Und solche Bauern gibt es nicht weni­ger in den Städten. Man sollte sie unter Kuratel stellen. Damit wäre ihnen und den Ihrigen am besten geholfen, man sparte ihnen Krimmer und Schaden.

Man soll immer so handeln, daß man überzeugt sein darf, Recht zu haben. Man braucht aber keineswegs immer Recht zu behalten. Man soll immer daran denken, daß man im Irrtum sein kann, namentlich wo das eigene Inter­esse das Urteil beeinflußt. Es ist eine maßlose Ueberheblich- feit, wenn man sich allein unter allen Umständen das rich­tige Urteil und bk richtige Erkenntnis zutraut unb den Irr­tum immer auf der Seite des Andern voraussetzt Solche Ueberheblichkeit, die nicht bewußt zu sein braucht, ist die Voraussetzung und die geistige, moralische Unterlage der Prozeßwut. Wer das bedenkt, wird seiner Neigung zur Prozeßwut beizeiten Zügel anlegen.

piarohk.

Unser Berliner Bestarbeiter schreibt uns: Marok- kanische Kultur ist von europäischer viel weiter entfernt, als rein geographisch gerechtfertigt wäre. Einst haben die Mau- nn als Herren Spaniens hohe Blüte und Entwickelung in die pyrenäische Halbinfel getragen — aber bei rhrem er- - zwungenen Rückzug haben sie nichts davon nach Afrika geret­tet. Die vormaligen Beherrscher des südwestlichen Europa verloren völlig ihre ftaatenbilbenbe Kraft, als ste sich nun zum dunklen Erdteil wandten, an dessen nördlichem Saurn sie sich als Railbgenossenichasten niederließen. Mit ihren

schnellen Schiffen bedrohten sie alles fahrende Gut auf dem mittelländischen Meer, und die reiche Beute, die sie erlang­ten, überhob sie der Notwendigkeit, bei sich zu Haus Einrich­tungen zu treffen, bic nach unseren Vorstellungen für einen Staat unentbehrlich sind. Tie Zeit der afrikanischen Pira­ten ist längst vorüber, doch zu Lande ist im Norden Afrika- bis in unsere Tage hinein die Räuberei die Grundlage der gesellschaftlichen Beziehungen geblieben. Ganz allmählich erst hat das Eindringen europäischer Elemente, die sich auf den Schutz der Heimat verlassen durften, einen Wandel zum besseren bewirkt. Am langsamsten war der Fortschritt in Marokko. Nicht weil der Scherif von Marokko gar so mäch­tig gewesen wäre. Im Gegenteil: weil seine Untertanen seine Macht nicht weiter anerkannten, als sie sie unmittel­bar spürten. Wenn jetzt der Sultan von Marokko in seinem Lande sich sicherer fühlt, so dankt er das in erster Reihe den europäischen Mächten, die sein Ansehen stärken mußten, da­mit nur überhaupt eine Autorität vorhanden sei, mit der sie verhandeln konnten und deren Abmachungen einige Dauer versprachen. Der Sultan von Marokko hat diese Gunst der Verhältnisse mit außerordentlicher Schlauheit für sich zu nützen verstanden. Er hat sich mit überraschender Gewandt­heit in das diplomatische Spiel hineingefunden und weiß ganz vortrefflich, die widerstreitenden Interessen der Mächte gegeneinander auszusvielen. Daß das englisch-französische Abkommen von 1904 Deutschlands Rechte beeinträchtigte, hat man in Fez sofort eingesehen und demgemäß an Deutsch­land Anlehnung gesucht. Das überschneidige Vorgehen Frankreichs ließ auch gar kein Mißverständnis aufkommen. Dos französische Verbot der Waffeneinfuhr auf dem Wege Namours— Zaller— Marina nach Marokko bestimmte den Sultan, dem deutschen Gesandten Grafen Tattenbach, den Bau eines neuen Hafens in Borisaida durch deutsche Unter­nehmer anzubieten. Das Anerbieten wurde aber schleunig zurückgezogen, als Frankreich das Einfuhrverbot aufhob. Dieses Vorgehen ist für die Schlauheit der marokkanischen Politik bezeichnend. Ueberfsüffig zu sagen, daß man an lei­tender Stelle in Berlin Art und Wert Marokkos kennt, daß man sich daher dort nicht um der schönen Augen des Scherifs willen für dessen Unabhängigkeit begeistert. Die Abhängig­keit soll nur keine ausschließliche Oberherrschaft Frankreichs werden. Das festznstellen ist die Aufgabe ber Marokko-Kon­ferenz, in deren Berufung Frankreich nach einigem Zögern gewilligt hat. 9iad) den Vorbesprechungen soll Frankreich an der marokkanischen Grenze die aus diesem Grenzverhält­nis natürlich resultierenden Vorrechte genießen, die ge­naue Umschreibung erfahren werden, soll ferner die Souve­ränität des Sultans und die Unverletzlichkeit seines Gebie­tes allgemeine Anerkennung finden. Das ist deutlich und verständlich. Nicht ganz so verständlich ist die angebliche vorläufige Abmachung, daß das französisch-englische und das französisch-spanische Abkommen keinen Eintrag erfahren sol­len. Diese Bestimmung ist wohl richtig dahin aufzufassen, daß die kommende Marokko-Konferenz eine authentische Er­klärung der früheren Verabredungen bringen wird. Wäre das nicht, so bliebe die Aufgabe der neuen Konferenz mehr als fragwürdig.

Die Meuterei der russischen flotte.

Der „Knäs Potemkin", deir Panzer, der das Signal zu der aufständischen Bewegung innerhalb der russischen Flotte gegeben hat, liegt noch im Hafen der rumänischen Küstenstadt Küstendsche, das zweite Meuterschiff, ber „Gorgi Podjedo- noszeff" hat sich bereit erklärt, sich der Schwarzen Mcer- Flotte wieder anzuschließen. Diese selbst aber ist von Odessa nach Sebastopol wieder abgefahren«, ohne etwas Ernstliches ausgerichtet zu haben.

Die Abrüstung der Schwarzen Meer-Flotte.

Der in der Geschichte aller Kriegsmarinen ganz uner­hörte Vorgang vor Odessa erklärt sich dadurch, daß auf den Resten der ruffkd)en Flotte, die noch in den haimischen Häfen sich befinden, der weniger gute Teil der Bemannung ver> blieben ist. Alle besseren und brauchbareren Elemente sind mit Roschdjestwensky und Nebogatow in die Ferne gezogen und ruhen auf dem Boden des Meeres oder befinden sich in japanischer Gefangenschaft. So hat man sich denn zu einem Schritt entschließen müssen, ber im Grunde einer Abdankung gleichkommt. Es wird uns darüber aus Se­wastopol berichtet: „ „ t £ u „

Das Schwarze Meer-Geschwader kehrte unverrichteter Dinge von Odessa hierher zurück, ohne den mit ihm von hier ausgelaufenen „Gorji Pobjedonoszeff . Unter Lor- fitz des Admirals Krieger fand eine Beratung der Schiffskommandanten statt. Alle Öftrere und Mann­schaften, die darum nachfuchten, erhielten Erlaubnis an Land zu gehen. Alle Reservisten, der Jahresklassen 1886 bis 1899, das heißt der größte Teil der Besatzung, wnrdcn auf zwei Monate in die Heimat beurlaubt. Der Panzer Katharina II/ wurde zugleich abgermtet.

„Der Inhalt dieser Meldung macht das kühne Auftreten des Knäs Potemkin" begreiflich, der einem ganzen Ge­schwader, beswhend aus 4 Panzerschiffen, ememâ^er und mehreren Torpedobooten Trotz bot und den Befehlen bc,’ Admirals mit offenbarem Hohn begegnete. *

. 'âir bleiben hier!"

mS» LiSlLSL. S SÄ ttmnh^h®^^ T* Dâanchf dicht an dem ganzen Sc ?6 «??V1 zwar m einer so geringen Entfernung, bau man den Kommandanten des meuternden Schifte-- er- &«&“ Ono '" Bürgerlicher Kleidung mit dichtem Mââ'^ andere Leute in Zwilkleidung will man von den, ®*Ät Ä m^ "Potemkin" gesehen haben. Kein

auf dre Akuterer, bie stolz und ungehindert vor- bekämpften. Admiral Krieger begnügte sich, das Signal zu geben: „®ir fahren nach Sebastopol." Die Antwort lautete zuerst Pom „Potemkin" und dann aus Kriegers eigenem Ge- Ichwader von dem Gorji Pobjedonoszeff" kurz und bündig: „Wir bleiben hier! Und Kriegers Geschwader machte Kehrr und fuhr nach Sewastopol, von wo es gekommen war.

„Pobjedonoszeffs" Umkehr.

Ein leiser Trost ist den Marinebehörden geblieben im »ofern auf dem zweiten Meuterschiff doch wohl Bedenken über die weiteren Folgen aufgekommen sind. Ails Odessa wird uns darüber gemeldet:

. Der Panzer „Gorji Pobjedonoszeff" setzte alle Offi­ziere an Land. Dann aber brachen Streitigkeiten unter der Mannschaft aus. Die Partei, die für Rückkehr 'zinn Geschwader war, wuchs an. Die russische Flagge mürbe wieder gehißt, die Bemannung lieferte die Gcschntzvcr- schlnsse ab und erklärte sich bereit, die Offiziere wieder an Bord zu nehmen.

Es mag wohl Mangel an Vorräten gewesen sein, der die aufsässige Mannschaft zur Umkehr veranlaßt hat.

Der „Potemkin" in Rumänien.

Dem „Knäs Potemkin" geht es an der rumänischen Küste nicht allzu gut. Aus Bukarest liegt uns darüber folgende Meldung vor:

Nachdem der „Knäs Potemkin" auf der Reede von Küstendsche vor Anker gegangen war, begab sich der Hafen­kapitän an Bord des Schiffes und verlangte, daß es den Hafen verlasse. Auf dem Schiffe befanden sich keine Offi­ziere, aber 700 Matrosen, die Lebensmittel und Kohlen verlangten. Die Behörden schlugen auf Anweisung aus Bukarest hin das Verlangen ab und forderten die Matrosen auf, das Schiff ohne Waffen zu verlassen, mit der Mit­teilung, daß sie ayf rumänischem Boden als ausländische Deserteure behandelt werden würden. Für den Fall, daß sie sich nicht unterwürfen und eine feindselige Handlung gegen die Stadt unternähmen, seien die rumänischen Kriegs­schiffe mit Befehl versehen, Gewalt anzuwenden.

’ Inzwischen nimmt die Meuterei der russischen Flotte ihren Fortgang. Auch von der Ostseeküste mirb wieder von ähnlichen Vorgängen berichtet. Im Petersburger Seehafen ist ein Ausstand der Hafenarbeiter aller Art eingetreten, und ein Gerücht will wissen, daß von Kronstadt ein Lmien- schiff ohne Offiziere in See gegangen sei. .

Anaereat durch die revolutionären Regungen in Manne- kreisen ist auch die gesamte Arbeiterschaft im Zarenreiche wieder in stärkere Bewegung gekommen. Von überallher wird von Versammlungen und Ausschreitungen berichtet.

Die russische Regierung hat den Grafen Jgnatiow mit außer­ordentlichen Vollmachten nach Odessa abgesandt, um dort die Ordnung wieder herzustellen.

Der Krieg in Ostasien.

Die unerhörten Vorgänge in der rnssischen Marine haben die Anfmerksamkeit einen Augenblick von den Schlachtlân, deutet vielmehr auf einen bevorstehenden .

Angriff her Japaner am Wladiwostok , hin. Die Japaner wollen anscheinend ^m Nordasten Km reas aus gegen Wladiwostok Vorgehen. 1500 Ruf en raum

men werde. Inzwischen haben

die Friedensverhondliingc»

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