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Nr. 180.____________________

.>^<rtt»«SPre1S * Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- ^«im, die Kreise Wetzlar imb Marburg 10 Psg. sonst l6 Psg- Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.

Bastion u. Hauptexpeditio«: Gießen, Geltersweg 88. KerNsprech«Afchl«ft Nr. SSL.

Donnerstag, den 3. August 1905

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_______14. Jahrgang

: abgehoU monatlich 50 Ma. in« Hau- Fracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vterteljäbrl. Mk. Gratisbeilage«: Oberhessische Kamilienzeit««.; (lcßlto) unb die Gietzeuer Seifenblase« (wöchentlich).

Das Blatt erscheint an alle« Werktagen nachmittags.

(Hießener Hagevtatt)

Unabhängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

enthält alle omtlicken Bekanntmachungen der Grosch, Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen

Was ist uns Ungarn ?

In Ungarn ist zwischen Kammer und Krone ein Streif ausgebrochen, der schon zu seltsamen Erscheinungen ge- führt hat.

Das ist ein ungarisches Internum, bas als solches uns nichts angeht. Es hat ober Einwirkungen auch nach außen, und diese gehen uns reckst sehr an. Wir haben einen Han­delsvertrag mit Oesterreich-Ungarn abgeschlossen. Die cis- leithanischen Parlamente haben ihn bereits genehmigt, die transleithanischo Genehmigung steht noch aus, und es ist fraglich geworden, ob sie zustande kommt. Bleibt Ungarns Zustimmung ausständig, so ist der ganze Vertrag geschei­tert, denn nicht mit Oesterreich und Ungarn, sondern mit Oesterreich-Ungarn als Staatsganzem haben wir ihn verab­redet. Ueberdies ist Oesterreich-Ungarn Deutschlands Ver­bündeter. Wir haben nichts dreinzureden, wenn in Oester­reich-Ungarn das Heer zerrissen wird, aber wir haben ein lebhaftes Interesse daran. Darum glauben wir unseren Lesern einen Gefallen zu tun, wenn wir ihnen im folger" en aus der Feder eines Kundigen eine Darstellung der un­garischen Verhältnisse geben:

Ungarn erweist sich mehr und mehr als das politisch rück­ständigste Land, die Bewohnerschaft Ungarns als das po­litisch unreifste Volk Europas. Bis vor 38 Jahren genossen Land und Volk Ungarns den gegenteiligen Ruhm. Mit dem Ausgleich von 1867, den der besonnene Franz D4ak zum Abschluß brachte, war der Nachklang der Revolution von 1848 verhallt, der innere Frieden wiederhergestellt, die staatliche Ordnung auf eine feste Grundlage gebracht. Das hatten die Ungarn durch große Zähigkeit, die eine politische Tugend ist, und durch kluge Benutzung der Zwangslage er­reicht, in die die habsburgische Gesamtmonarchie geraten war. SeLdem aber sind die Ungarn stehen geblieben. Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen. In 38 langen Fahren haben sie nicht einen einzigen neuen politischen Ge­danken gefaßt, jeden Wirklichkeätsmaßstab verloren, und bilden sich ein, Muster politischer Erbweisheit zu sein, weil sie von dem Erbe veralteter, verrotteter, jedes sinnigen In­halts barer politischer Wahnvorstellungen leben und aus deren Bannkreis sich nicht entfernen mögen. Aergerlich blicken sie sogar auf die Ansätze zur Jnduslriebildnng im eigenen Lande, ohne die sie längst hätten verhungern oder wenigstens vollends verarmen müssen. Wie ihre Großväter sehen sie in dem Staat einen Feind, den man nach Kräften kurzen und schädigen müsse, verwechseln sieFreiheiten" mit Freiheit, rasseln sie stolz mit den Ketten einer jede gedeihliche Entwickelung hemmenden Ueberlieferung. Frei­lich haben sie erreicht, daß die Staatsgewalt ungefähr ohn­mächtig geworden ist. Doch gerade damit brüsten sie sich, und ihre Absicht ist darauf gerichtet, zum Werkzeug der Partei zu machen, was zum allgemeinen Vesten über den Parteien stehen soll.

Das ist die Anschauung nicht bloß einer einzelnen Partei m Ungarn, sondern aller Parteien: bei ihnen ist die Vor­stellung von einem Staatsgedanken fast völlig erloschen. Baron Banffy, der bei den Ungarn für einen Staatsmann gilt, ist auf den rettenden Gedanken verfallen, die liberale Minderheit des ungarischen Abgeordnetenhauses solle der oppositionellen koalierten Mehrheit beitreten. Dann wäre die Gesamtheit des ungarischen Abgeordnetenhauses eine einzige oppositionelle Masse, ohne die es eine Regierung in tngern nicht geben könne. Man muß ein Magyar sein, unrettbar .^staatsrechtlichen Formalismus versunken, um auf einen solchen Gedanken zu kommen, um zu glauben, daß eine Unmöglichkeit zur Möglichkeit werde, weil ein Parla- ment es einhellig votiert. In England sagt man zum Scherz: das Unterhaus könne alles, nur nicht einen Mann in eine Frau verwandeln. Die Magyaren schreiben ihrem Unterhaus in allem Ernst solche Allmacht zu.

Inzwischen geht Ungarn seinem politischen Staats- bankerott unaufhaltsam entgegen. Die Steuern werden nicht entrichtet, und wo die Zahlung freiwillig erfolgen möchte, da weigern sich die Kommunen, die entgegengebrach­ten Leistungen anzunehmen. Man tut eben so, als ob die Staaksmaschine ohne Schaden auch einmal stillstehen könne, als ob der Staat die Einlösung seiner Verpflichtungen' versagen oder verzögern dürfe, weil zwischen den gesetz­gebenden Gewalten eine Meinungsverschiedenheit herrscht. Auch die Rekrutenaushebung findet nicht statt, weil wie­derum die Kommunen ihre Mitarbeit versagen. Daß der ganze Heeresorganismus dadurch in Unordnung gerät, daß die Fortdauer des Ausnahmezustandes das Land allmählich wehrlos macht, das kümmert den echten Magyaren nicht weil er kein Staatsgefühl hat, weil seine politische Reife un­gefähr mit der Reife jenes Knaben auf einer Stufe steht, der trotzig erklärte^es geschieht meinem Vater schon Recht, wenn ich mir die Hände erfriere; warum kauft er mir feine Handschuhe!"

Ungarns Finanzen sind nie glänzend gewesen, und jetzt sind sie es gewiß nicht. Mit welchen: Recht haben die R Kanaren die großen Summen für das Heerwesen be- '.villigt, wenn sie diese Aufwendungen nicht für unbedingt erforderlich hielten? Und mit welchem Recht getrauen fit sich jetzt, dieses Heerwesen zu untergraben? Die Staats- nolwendigkeiten sollten doch nicht in den staatsrechtlich^

Streit hineingezogen werden, auch wenn man noch so gro­ßen Wert auf staatsrechtliche Formalitäten legt.

Für den Magyaren existiert das alles nickst, gibt es weder Bedenken noch Rücksicht. Das wäre unentschuldbarer und geradezu verbrecherischer, selbstmörderischer Wahnsinn, wenn nicht von Wien aus stets und immer wieder nach dem Grundsatz gehandelt worden wäre: der Klügere gibt nach. Die Magyaren legen offenbar nicht den geringsten Wert darauf, für den Klügeren zu gelten. Sie wollen iij.cn Willen durchsetzen, uni jeden Preis, und wenn das Vater­land barüber in Gefahr und Not geriete. Sie tourten ja, daß sie sich deswegen keine Sorge zu machen brauchten, daß man am letzten Ende in Wien abermals ein Auge zudrücken und neue Opfer bringen würde, um den Staat zu erhalten.

So wird es auch jetzt wieder gehen. Man wird neuer­dings den Magyaren ihren Willen tun und die magyarische Kommandosprache ein führen. Ob das wirklich eine so schwer­wiegende Konzession ist, wie man in Wien initiier behauptet hat, möchten wir nicht erörtern. Das mag dahingestellt bleiben. Sicher aber ist, daß die magyarischen Forderungen noch weiter und immer weiter gehen und vor dem Unmög» lichen nicht Halt machen werden. Denn ihre Einbildung hindert ihre Erkenntnis. Sie sind freiwillig blind und darum unheilbar blind.

politische Rundschau.

Deutsches Reich,

* Eine bemâkenswevte Aeußersung über Deutschlands Neutralität im rnssisch-japanischrn Kriege hat das Mitglied de'r japanischen Friedenskommission Sato getan. Sato be tonte bei einer Unterredung in Newyork, Deutschland hab: stets korrekte Neutralität beobachtet.

* Die amtliche Veröffentlichung der Berggesetznovelli steht unmittelbar bevor. Alle Vorbereitungen sind getroffen damit die Wahlen zu den Bergarbeiter-Ausschüssen sofori 00,'rgenommen werden können.

Der wegen Spionagevcrdachts in Swinemünde fest genomineue österreichische Photograph ist wieder freigelasser worden. Er hatte versucht, photographische Aufnahmen bei Festungswerke zu machen. Die Berliner Firma, bei wel cher der Verhaftete angestellt ist, bestätigt", daß er ledigrick in ihrem Auftrage die Aufnahmen anfertigte, die gänzlick unverfänglichen Zwecken dienen io fiten.

slINg Amt rium men:

Schwede

Anlässlich der Beschlüsse des Reichstages über die der Union mit Schweden hatte das Ministerium wir

niedergelegt. Jetzt ist ein neues Koalitionsministe- gebildet worden. Es setzt sich folgendermaßen zusam

Präsident ist der bisherige Führer der Mehrheit bei ersten Kammer Lundeberg ; Aeußeres: Graf Wachtmeister Justiz: Berg; Krieg: Oberst Shigsten; Marine: Lindman Inneres: Widän; Finanzen: Liefert; Kirche: von Ham

marskjöld: Ackerbau: Peterson; ohne Portefeuilles: Justiz rat Petterson und der Abgeordnete Staaff.

England»

** Die unnötige Erregung, die sich in England wegen des angeblichen Ankaufs ton Kohlengruben in Wales dur.h deutsche Kapitalisten bemerkbar gemacht hatte, kennzeichnete Ministerpräsident Balfour als burdjauâ unberechtigt. Der Liberale Thomas stellte im Unterhaus die Anfrage, ob Bal­four die Einbringung eines Gesetzentwurfes für lvünschens- wert erachte, der die Regierung ermächtige, in gewissen Fällen die Ausfuhr wallisischer Dampfkohle zu verhindern, Balfour erwiderte, er halte es nicht für nötig, daß der Re­gierung besondere Ermächtigungen erteilt werden, weil ihr genügend Befugnisse zu Gebote ständen, um die Ausfm r von Dampfkohle zu verhindern. Balfour sagte wörtlich: Wir haben keinen Grund zur Annahme, daß ein deutsches Snndikat Verhandlungen pflegt, die auf den Ankauf eines wichtigen oder überhaupt eines Gebietes hinzielen, in dem Dampfkohlc gefördert wird, wie sie von der britischen Flotte gebraucht wird.-

CürhcL

** Gegen die Aufrührer auf Kreta gehen jetzt die euro­päischen Schutzmächte mit Energie vor. Da die den Auf­ständischen gewährte Frist zur Unterwerfung ohne Erfolo abgelaufen ist, haben die Generalkonsuln der vier Schutz

Mächte das Standrecht verkündigt.

Russland,

Neuerdings wird wieder der Erlaß eines Manifestes über die Schaffung einer Volksvertretung für den 12. Au­gust, den Geburtstag des Thjronfolgers, angekündigt. Es wird hinzugefügt, der Entwurf des Ministers Bulygin sei in liberaler Richtung umgearbeitet. Inzwischen ist es an 'verschiedenen Orten zu Unruhen und Ausschreitungen ge­kommen. In Reval kam es zwischen Arbeitern, die vom Gouverneur die Freigabe verhafteter Kameraden verlangten, and Kosaken zu Zusammenstößen. Mit Hilfe des Militärs hinderte die Polizei die Versuche der Arbeitesr, das Unter­suchungsgefängnis zu überfallen. Auf dem Bahnhofr

beitern, die gegen den Krieg m.i 2. ^E ^ eichen Ar-

Hfun,

N'rE»^ Knegsschanplatz in Oftafien kommt die Meldung daß Generalleutnant Haraguchi die Militärverwaltung für Sachalin proklamiert hat, Die Gesamtverluste der jap°. wichen Manne während des bisherigen Kriegsverlaufes be. ^^v nach der jetzigen genauen amtlichen Festttellung 200s Aote und 16Go Verwundete, General Linewitsch vat dem Zaren eine Meldung übersandt, in der bestritten Wb, daß bie russische Mandfchureiarmee sich in gefährlich t Lage bcfinb°

Fiof und Gesellschaft

Der Kaiser hat Kopenhagen nach herzlichem Ab- Imieb von dem Könige und dessen Familie verlassen. D 7 Aufenthalt am dänischen Königshofe war dem intimen Hin» gang mit der Familie des Königs Christian gewidmet. Den Höhepunkt bildete ein Diner an Bord derHohenzollern". Vor seiner Abreise lud der Kaiser den Prinzen Harald, Sohn des Kronprinzen, ein, den diesjährigen dentschen M > növern beizuwohnen.

*** Der Sultan hat dem Reichskanzler Fürsten Bülow den Nicken Jftikar-Otrden in Brillanten verliehen.

*** Die Gerüchte von einer bevorstehenden Verloluntg des G r o ß h e r z o g s v o n S a ch s e n - W e i m a r wes' : nicht verstummen, obwohl der Meldung von einer angel j geplanten Verlobung mit der Prinzessin K'"''mnc , i 'teuß ä. 2., einer Schwester der verstorbenen Gemahlin bi 5 Üroßherzogs, das Dementi auf dein Fuße gefolgt ist

beer und flotte.

Neue Kriegsschiffe für die deutsche Flotte. Die vom Reichstag bewilligten 6 Kriegsschiffsneubauten werden sämt­lich 1908 an die Reichsmarine abgeliefert werden. . Das Neichsmarineamt hat der Germaniawerft und der Schrchau- Werft für den Bau zweier Linienschiffe eine dreijährige Frist vorgeschrieben. Die Weserwerft wird für bie Voll­endung des großen Kreuzes D ebenfalls drei Jahre ge­brauchen. Der .Kreuzer D erhält eine wesentlich verstärkte Artillerie. Die drei kleinen Kreuzer O, Ersatz Wacht und Blitz werden im Frühjahr 1908 verwendungsbereit sein. Der große .Kreuzer Ydrk, den die Hamburger Werft von Blohm und Noß im Herbst vollendet, wird zum Herbst Flagg­schiff des Befehlshabers der Aufklärringsschiffe werden.

Uebungen des Beurlaubtenstandes im deutschen Heere. Während * vor 10 Jahren beim preußischen Kontmgen. 150 325 Mann eingezogen wurden, üben in diesem ^abre 200 169 Mann So stark ist allmählich wahrend eine^ Jahrzehntes die Zahl der Einberufenen angewachsen. Die Förderung der Gefechtsausbildiing wird jetzt als der wich­tigste Gesickitspiinkt bei der Durchführung der Uebungen be­zeichnet, während frühere Vorschriften es ermöglichten, oaß die Uebungstage nur für Einzelmarsch, Einzalgriffe u. a. verwendet wurden. Da Mir obigen 3pbf noeb bie Hebung^ Mannschaften Bayerns, Sachsens und Wilrttembergs hm- zukommen, erhöbt sich die Friedensprasenzstarke des deiit- schen Heeres für kurze Zeit um eine Viertelmillion Streiter.

Preußische Muster für die chilenische Armee. Eine chile­nische Kommission von acht Herren, darunter StaatsmiNl- ster Davila Baeza, ist in Berlin eingetroffen Sie ist be­auflagt, sich über das preußische Militarwesen wie Klei­dung Ausrüstung usw., zu unterrichten, nach dessen Muster die chilenische Armee ausgestattet werden soll.

Die Krankenhäuser in Preussen.

Das preußische Ministerium der geistlichen, Unterrichts, und Medizinal-Angclegenheiten, dem die Austichl ^ über das Krankenhausweseu im Lande untenteht. hat . Berichte über den Stand und den Zustand der Krankenhäuser von den Re- visorcn einaefordert und dic,e Berichte zuiammcngcstellt Die unmittelbare Aufsicht wird von den ^'^»"^ denten qeiibt. Es liegt in der Natur der Sacl>e, daß bei 6er. artige,i^Nevisionsbcrichten in der Hauptsache nur das er- wähnt wird, was zu Beanstanduugen Deranlastung gibt. Das Normale unb selbst das Rühmenswerte tritt in den Be- richten positiv kaum hervor, weil es als selbltverstanolich ailt Hat ein Revisorzu Bemerkungen keinen Anlatz ge- funden", so klingt das gar nicht schmeichelhaft, der Laie Hori daraus höchstens ein bescheidenstes Maß halb widerwillig er.