Nr. 153. ______________
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Montag, den 3, Juli 1905, Gießener
14. Jahrgang
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Neuere WaHriHIen
(Gießener GageLtatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Weitung)
für Oberheffe» und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für ©testen und Umaebuna Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von OberstaNen " ^ ""^'
Die Revolten in Russland.
An den verschiedensten Stellen im weiten Zarenreiche erhebt die Revolution ihr Haupt. Die Bande der Ordnung lösen sich, und das ganze Gefüge des Staates erscheint bedroht. Immer deutlicher macht sich ein planmäßiges Vorgehen geltend. Auf Odessa, von wo die Bewegung einen besonderen Anstoß erhielt, richtet sich fortgesetzt das Interesse.
Was ging in Odessa vor?
Tagelang haben die russischen Regierungskreise unter dem Vanne dieser Frage gestanden, und tatsächlich konnte ihnen von dort die Entscheidung über ihr Sein oder Nichtsein kommen. Aus Petersburg wird uns vom 1. Juli gemeldet:
Eine Aufregung, die bis zur Verzweiflung st ff steigerte, begann aller Kreise sich zu bemächtigen. Bis zürn frühen Nachmittag wußte man absolut nicht, was eigent lich in der großen Handels- und Marincstadt am Schwarzen Meer vorgegangen war. Die Regierung behandelt alles mit äußerster Geheimniskrämerei. Sicher ist nur, daß auch das Begräbnis des Malrosen Omeltschnt nicht ohne blutige Zusammenstöße abgegangen ist und daß dafür der „Knäs Potemkin" scharfe Schüsse ans die Stadt abgegeben hat, sowie ferner, daß eine wahre Flucht der besitzenden Klassen in Odessa eingerissen und aller Arbeits- betrieb vollständig gestört ist. Was sonst an 9? ad) richten von dort angelangt ist, steht untereinander im denkbar schärfsten Widerspruch. Nach der einen Gruppe der Meldungen haben sich die meuterischen Matrosen des „Knäs Potemkin" dem Schwarzen Meer-Geschwader ohne weiteres ergeben, als dasselbe das revolutionierende Schiff umzingelte und die Kanoneu darauf richtete, bereit, es in Grund und Boden zu schießen. Ganz anders lautet dagegen eine weitere Nachricht, derzufolge der „Knäs Potemkin" sich nach wie vor im Besitz der Meuterer befinde und daß ein zweites großes Kriegsschiff, der „Georgi Pobjedonoszew", sich jenen angcschlosscn habe. Die Offi ziere seien von den eigenen Matrosen in Ketten gelegt. Die meuterischen Schiffe sollen bereit sein, einen Angriff der übrigen Panzer abznwrhren. Es wird sogar behauptet, daß immer mehr Schiffe zu den Aufständischen übergehen. Kein Mensch weiß natürlich mit diesen vollen- deten Widersprüchen etwas airzufangen, und es ist nm allzu begreiflich, daß daraus die schlimmsten Befürchtungen entstehen und eine wahre Panik anszubrechen droht.
In der ganzen Küstenlandschaft des Schwarzen Meeres ist der Kriegszustand verhängt, und bald wird es soweit gekommen fein, daß dieser Ausnahmezustand im Zarenreiche die Regel bildet. Daß eine Revolte in Kronstadt ausgebrochen sei, wird insoweit in Abrede gestellt, als es sich nicht um Matrosen, sondern um mehrere Hundert Kohlenzieher handle, die einen Marineoffizier mißhandelten. Schlimme Dinge werden aus dem Innern des Zarenreiches gemeldet, und sie beweisen, daß auch dort bereits die Empörung sich mehr und mehr unter der Armee ausbreitet.
Blutige Vorkommnisse in Kursk.
Aus einem Rencontre auf dem Bahnhöfe der Stadt Knrsk, der Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements, entstand Mord und Blutvergießen. Es wird uns darüber berichtet:
Auf dem Bahnhöfe zu Kursk befahl ein Offizier die Festnahme eines betrunkenen Soldaten, und als dieser unverschämte Antworten gab, zog der Offizier den Säbel und stieß den Soldaten nieder. Die Volksmenge stürzte sich auf den Offizier, der in seinen Wagen flüchtete. Dieser wurde mit Steinen und Balken bombardiert, während der Offizier mehrere Revolverschüsse abgab. Mit Mühe gelang es, seine Familie aus dem Wagen zu retten; die Menge begoß den Wagen mit Petroleum und steckte ihn in Brand. Der Offizier kam in den Flammen um. Eine Dragonerfchwadron zerstreute die Menge.
Auch im russischen Offizierkorps geht der Geist der Re- volution um, und alle Grade beginnen sich ihm zu ergeben.
Verhaftung meuternder Offiziere.
In der Grenzfcstung Kvwuo wurden auf eine anonyme Anzeige hin bei einer Anzahl Offiziere eine Haussuchung abgehalten und die Entdeckung gemacht, daß sie revolutionären Vereinen angehören, die dazu bestimmt sind, die Soldaten gegen die Regierung aufzuwiegeln. Unter den Verhafteten ist ein General und ein Oberst.
Wenn es nicht gelingt, den Geist, der hier sich zeigt, ein- zudämmen, dann ist der Zusammenbruch unvermeidlich.
Wer sind die Revolutionäre?
— Ein Beitrag zur Gärung im Zarenreich. ■
Man schreibt uns: „Was im heiligen Rußland vorgeht, das dürfen die Russen nicht ohne weiteres erfahren, die nicht bloß unmünbig, sondern auch — wenn der Ausdruck gestattet ist — unohrig sind, wenigstens dafür angesehen und
gehalten werden. Sie haben freilich einen Mund aber zum Sprechen bedürfen sie besonderer Erlaubnis; sie haben freilich Ohren, aber es darf ihnen nur zu Ohren kommen, was eine hohe Obrigkeit als dazu geeignet abgestempelt hat. Die Zensur gilt nicht bloß den Gesinnungen, sie gilt ebenso den Tatsachen gegenüber. Den Zeitungen werden unbequeme Erörterungen bei Strafe der Unterdrückung verboten; sie werden gleichermaßen gehindert, tatsächliche Mitteilungen zu veröffentlichen, die als unbequem empfunden werden. Ten auswärtigen Zeitungen kann die Zensur sreilich nichts verbieten, aber in der Zensurschwärze hat sie ein auskömmliches Hilfsmittel. Aus diese Weise wäre die Möglichkeit, sich aus Blättern zu unterrichten, die die Wahrheit sagen dürfen, völlig abgeschnitten, wenn nicht das System der „Privilegien" einen Ausweg böte. Wer einen gelotsten Rang einnimmt und durch seine gesellschaftliche Stellung Gewähr dafür bietet, daß er mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden und gegen das Gift des politischen Miß- Vergnügens gefeit ist, der hat das Privilegium, auswärtige Blätter mit Umgehung der Zensur zu erhalten. Diesen Bevorzugten, nimmt man an, schadet die Kenntnis der Wahrheit nichts. Natürlich behalten die „Privilegierten" nicht für sich, was sie lesen. Mündlich wird es weiter getragen, mit erstaunlicher Schnelligkeit und ebenso erstaunlicher Entstellung. So werden breite Schichten der Bevölkerung mit Märchen gefüttert, die aus der Quelle der Wahrheit fließen, aber recht starke unkontrollierte Zusätze enthalten.
Was in Lodz und Warschau geschehen, was sich jetzt in Odessa ereignet hat, das wissen wir ganz genau, obwohl es in keiner russischen Zeitung gestanden, und noch weit mehr — was freilich nicht wahr zu sein braucht. Dafür ist uns Wiederum bekannt, was die auswärtigen Zeiti-ngen so leicht nicht erfahren können, weil es in den russischen Blättern keinen Widerhall findet: daß die russische Gesellschaft durch und durch revolutioniert ist. Wenn junge Leute radikalen Anschauungen huldigen, wenn katili- narE^e Existenzen, die ihre Sache auf nichts gestellt haben, mit dem Gedanken einer Schreckensherrschaft spielen und zu Experimenten bereit sind, bei denen sie nur gewinnen fön» nen, weil sie nichts zu verlieren haben, so sind das Erscheinungen, die man schon überall angetroffen hat. Die Jugend neigt eben aus Mangel an Erfahrung zum Radikalismus, und die Catilinarier sind zu allen Zeiten dieselben gewesen. Hier aber kann man Tag für Tag Männer tum Rang und Besitz und durchaus gemäßigter Gesinnung, die sich ein ganzes Leben hindurch bewährt hat, versichern hören, daß sie in der Errichtung von Barrikaden ein notwendiges Heilmittel sehen, und daß sie bereit sind, ohne Rücksicht auf Frau urfl Kinder, selbst auf die Barrikade zu gehen. Das kennzeichnet eine ganz einzigartige Stimmung aussichtsloser Verzweiflung auch dann, wann man an der Ausführung der heroischen Versicherung sich noch einige Zweifel erlaubt. Daß solche Gedanken in den „sattesten" Kreisen gehegt werden, deren persönliches Behagen in keinem Punkt in Frage gestellt ist, läßt Rückschlüsse auf die Stimmung in beamteten „Jntelligenz"-Kreisen zu, auch unter den Offizieren. Die Marine galt in biefer Beziehung schon immer für angekränkelt. Und mit Grund. Sie hatte die schlimmste Korruption mit ihren bösartigsten Wirkungen greifbar vor Augen, uni das hat die monarchische Gesinnung bei ihr nahezu ausge- rottet. Die Meuterei auf dem „Knäs Potemkin" hat deshalb in Petersburg auch gar kein Erstaunen hervorgerufen. Weit eher hat man sich gewundert, daß bloß 8 Offizien mit den Meuterern gemeinsame Sache gemacht haben.
Der Kriegs in Ostasien.
Spärliche Nachrichten kommen jetzt von den Operationsfeldern in der Mandschurei. Möglicherweise üben auch schon der erwartete Waffenstillstand oder
die begonnenen Friedensverhandlnngen
ihren Einfluß aus. In Amerika will man bestimmt wissen, daß Verhandlungen Wiegen eines Waffenstillstandes in der Mandschurei im Gange sind. Man glaube, daß die Wafien-- ruhe von Leuewitsch und Oyama vereinbart werde. Von russischer Seite soll der Botschafter in Rom, Murawiew als Bevollmächtigter für den Friedenskongreß bestimmt wor- ben sein. r ,
Ein Angriff auf Wladiwostok wird allerdings auch in ben Bereich der Möglichkeit gezogen. So sollen sich bi? 6. und 7. japanische Armee unter den Generalen Takahira und Akiama bei Ninguta auf halbem Lr^eg zwischen $irm und Wladiwostok bereinigt haben, um Wladiwostok zu belagern. . o
Aris dem japanischen Hauptquartier wird beruhter L ne- witsch empsange Verstärkungen, es scheine aber nicht, daß e die Qsfensive zu ergreifen beabsichtige. m
Mit dieser Vermutung wird man nach dem Di^.iuqm Verlauf der Dinge wahrscheinlich recht behalten. Sur ^ee schneidet Rußland fortgesetzt schlecht ab. Neuerdrngo in W^or ei" russischer Dampfer ausser Aktion gesetzt.
Der russische Hilfskreuzer „Terek" ist in Batavia abgerüstet worden, da er wegen Arbeitsverweigerung der Knlw nicht inistande war, in Tandjong Prick die notigen S ob^
innerhalb der v^rgelcyrreKn^ H zu nehmen. Vor kur- (^.m. dieser Kreuzer sich noch den Streich geleistet den dänischen Danipfer „Prinzeß Marie" zu versenken.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
h„m ^K^^“"^'.1^ in der Marokkofraqe zwilchen /m, deutschen Botschafter Radolin und dem Ministerpräsi- nana" Pouwe K'" .f°"â nehmen zufriedenstellenden Roi'b Gang. Rouvier durste in den nächsten Tagen eine Zirkular- "’£ m ^""R^ Vertreter im Auslande erlassen, in der B «rA*»? ?^ Notenaustausches mit dem Reichskanzler ^itoto und der nachfolgenden mündlichen Erörterungen die h;S. t3^?" ^ 3um Konferenzprojekte genau gelenn- zeichnet werden loll, -- Dem deutschen Botschafter wurde bereits eine neue Rote Frankrcichs überreicht, worin Frank- reich formell den Entschluß mitteilt, an der internationalen Maroktotonferenz teilzunehmen, vorausgesetzt, daß die in der Konferenz vorzulcgenden Verhandlungspunkte von beiden Regierungen schriftlich niedergelegt werden entsprechend den bisher gesuchten mündlichen Verhandlungen.
Die Vorarbeiten für eine Reform der Arbeiter-Versiche- rungsgesetze sind seit längerer Zeit im Gange, sind aber noch nicht so weit gediehen, daß an die Einbringung eines Gesetzes in der nächsten Reichstagssession gedacht werden kann. Ob die Zusammenlegung der Alters-, Invaliden- und Kranken- kassen-Gesetzgebung zur Tatsache werden wird, steht noch da- bin. Jedenfalls wird eine gründliche Reform der Krankenversicherung geplant.
* Der Lotterievertrag mit Preußen wurde von dem reußischen Landtag in Gera genehmigt. Damit ist der feit längerer Zeit in der Schwebe befindliche Vertrag 311m M. schluß gekommen.
* Der nächste Weltpoftkongreß wird sich mit grundlegenden Reformen zu beschäftigen haben. Die Schweizer Postverwaltung will beantragen, daß das zulässige Gewicht eines einfachen Briefes im internationalen Verkehr von 15 auf 20 Gramm erhöht und die Tare für Gefchäftspapiere von 25 auf 10 Centimes ermäßigt werden soll. Für,nicht genügend frei gemachte Briefe soll nur der einfache, nicht der doppelte Betrag der fehlenden Freimarken erhoben werden.
* Die Kammer der Abgeordneten in Stuttgart hat ben Entwurf der Versa ssungsreform für Württemberg einer Kommission überwiesen. Damit dürfte das Zustandekommen der Reform gesichert sein.
* Gegen die vorgeschlagene Einführung der Schiffahrts- abgaben auf deutschen Flüssen beabsichtigt die sächsische Regierung Stellung zu nehmen. Auch mehrere fubbciihdic Regierungen stehen dem Plan dem Vernehmen nach ablehnend gegenüber.
Oesterreicb-Ungam
** Im Wiener Abgeordnetenhaus? erklärte der Ministerpräsident bei der Beratung des Handelsvertrages mst Dentschsand, die Regierung werde alles unternehmen, nm du handelspolitische Aktionsfähigkeit Oesterreichs fieber. Fistelten Die von der ungarischen Regierung cmgegmwne Note besage, daß die ungarische Regierung unter Vyrbehali ben weiteren handelspolitischen Verhandlungen keine L-u^.rle- rigkeiten in den Weg stellen werde. Er, der Mnusterprcm- dent erachte hierdurch die handelspolttisme ^-tuafton für gebessert. Man dürfe mit Bestimmtbeir erwarte;,, das; b-- zum Ablauf des Termins das ist bis zum h MW 1900. für den deutschen Handelsvertrag auch in bi anderen Reichshälfte die Möglichkeit der varlameutaiischeii Crleoi- gung. gegeben sein wird.
Skandinavien»
** Bei der Anseinandersetzimg mit Norwegen werden miei von den durch die sckwedische Regierung a urgeste cen Bedingungen für wichtig gehalten, näinlich die der Schal,ung einer neutralen Zone an den Grenzen 'md d.e Ga.â don Rorwcreu bei dein Erztransport über )<cimr umm Exportzolls Die Gerüchte von Miferm;«-. m Norwegen und Schweden werden offiziell als völlig gumd-
los bez^chnot.
Türkei.
" Ein hartnäckiger Kaurpf zwischen tretischen WW schcn und russischen Truppen land m A Nahe «n * Innin ^Vr Kamps büiiGrie viele Stunden. "tumlwe Kanonenböote^i-nd ein französischer ®or* rtiihtp hip °anbtriü)ben, indem sie bav "agei der anninnw Len bei ^gm Marina bombardieren. Aus.^Z^"^^ ^meldet daß bulgarische Komitatschis das griechliche Kloster Prodomos bei Ridusta niedergebrannt.
Amerika.
•• ^n Newbury ist der Staatssekretär John Hay gestor. , Ä" !»>7 ^âe alt aewordcu, war aus dem Juristen, stände hervorgcgangen und leitete acht Jahre lang das M,- nisterium des Auswärtigen.