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Nr. 2.

Dienstag, den 3. Januar 1905

14 Jahrgang

Neue

(Gießener Gageökrtt)

JasertiouSpretS t Die einspaMge Petitzeile für ganz Ober- hesicn, die Kreise Wetzlar mck Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg- Reklamen die PetitzeUe 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptexpeditiour Gießen, Selter- weg 88.

Fer»fprecha«fchl«ß Nr. 868.

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Unabhängige Tageszeitung

AkWWUG«e«tOpret-: abgehrlt monatlich 50 Pfq., in'- Haus gekracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. GUOtiSbeUage« : Oberhessische Famitteuzeit««», (tögltch) und die Gtetzener Seifenblase, (wöchenilicb).

Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

richte

(Gießener Leitung)

für OSerhesim und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lökalameiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die Kapitulation port H/thurs.

Was die letzten Erfolge der Japaner vor Port Arthur als unabwendbares Geschick voraussehen ließen, hat sich weit schneller erfüllt, als man selbst in Tokio gehofft hatte. Die stolze Feste, die solange unter des tapferen General Stössels Leitung dem heldenhaften Ansturm der Belagerer nicht minder heldenhaften Widerstand geleistet hatte, ist nun den unermüdlichen Angreifern wie eine reife Frucht zugefallen.

Weitere interessante Einzelheiten geben die Erklärung, wie es zur Uebergabe kam.

General Stössel mußte sehen, wie die Werke, die er teilweise erst neu hatte errichten lassen, eines nach dem anderen vom Feinde unterminiert, zerschossen und im Sturm genommen wurden. So blieb denn schließlich nichts übrig, als die ehrenhafte Kapitulation. Ueber den Schluß des Dramas wird in folgendem Telegramm aus Tokio vom 2. d. Mts. berichtet:

Nach der Einnahme des Fortsgnrtcls von Palnngfchan bis Sungschuschan wurden die vorliegenden Höhen be­schossen und genommen. Dann erfolgte der Sturm ans das Fort Wangtai, der ebenfalls gelang. Damit beherrsch­ten die Japaner die ganze russische Stellung, und auch der Rückzug auf Liauteschan, das als letztes Bollwerk herge­richtet war, konnte nur noch auf wenige Tage den Fall der Festung aufhalten. Unter diesen Umständen entschloß sich General Stöffel, die Uebergabe anznbicten. In seinem Briefe an General Nogi erklärte General Stössel aus­drücklich, daß jeder Widerstand jetzt unnütz sei. Der Mikado sprach in einem Telegramm an General Nogi seine hohe Anerkennung für General Stössel aus und wies Nogi an, Stössel und der Besatzung von Port Arthnr alle Ehren zu erweisen. Darauf wurden die- Feindseligkeiten eingestellt, und die beiderseitigen Bevollmächtigten vereinbarten die Uebergabe der Festung und den Abzug der Garnison mit allen kriegerischen Ehren.

Aus den letzten Kämpfen ist noch ein schöner Zug von Menschlichkeit

zu erwähnen. Die in Port Arthur anwesenden Nichtkombat­tanten, die Frauen und Kinder, hatten unterhalb Liautschans Zuflucht gefunben. Die Russen ersuchten die Japaner, diese Stellung nicht zu beschießen, indem sie ihrerseits sich verpflich­ten wollten, von dorther ebenfalls nicht weiter feuern zu wol­len. Die Japaner willigten in diesen Vorschlag, eine Art Asyl für die Nichtkämpfer zu gewähren.

Im letzten Augenblick vor der Uebergabe sind einige ruffische Schiffe entkommen.

Es wird darüber telegraphisch aus Tschifu vom 2. d. Mts. gemeldet: Heute früh 7 Uhr sind die Torpedobootszerstörer

Ignaz von Tzargos, der Schäfer

Bon Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck verboten.

Meister Clemens und dec Zerlassene gingen, nach­dem das Licht ausgelöscht war, nach Sassenburg.

^ Unterwegs erzählte auf Befragen des alten Meisters aus seiner Jugendzeit auf Ritra in Ungarn. 6 tourbe dec Weg nicht langweilig und Ignaz ver- ^i^rrd der Erzählung seinen großen Schmerz und ^Mt Dieses wollte aber der alte Clemens bezwecken mit feinen Fragen. Nach einer Stunde des Wanderns erreichten sie des alten Mannes Haus, übern achtet^o ^bundltch ausgenommen, bewirtet und

Morgen ging Ignaz in die Viehställe emens und fand, daß es nicht recht stand ^s^ ^rCC\ §c,â Kenner von der Pusta sah es & fr^ *â abzuhelfen sei. Nach einigen ^^r^ sich Clemens mit dem Bürgermeister und Stadtrat. Schon längst sollte ein sechster Schafhirt angestellt werden. Die Weide war groß nur fehlte es am geeigneten Schäfer. Clemens schlug Ignaz vor und Ignaz von Tzargos, eigentlich Graf von Viermund wucde Schäfer von Sassenburg. Armer Graf er erkannte dieses auch sehr gut, deshalb bat er, man möge ihn nur Tzargos heißen, zum Andenken an sein lieb Schwesterlein Macia So hieß er denn 8ur noch Ignaz von Tzargos. Auch den Rat, sich nur Dzargos zu nennen hatte ihm Clemens gegeben. Dieser Rat stimmte so ganz mit seinem eigenen Gefühl überein, oaß er ihn fröhlich annahm Also, sprach eines Abends Tzargos zu sich selber, als er schon Schäfer war, Mo deinen Graf von Viermund hängst du anden Nagel, deinen Schäfercanzen. Aber deinen treuenMächter und

Skory",Statny", ,,WlasMy",Sserdity" unD das Kanonen­boot des StatthaltersDrei" aus Port Arthur mit Depeschen hier eingelaufen, die an Land gebracht wurden. Der Kom­mandant desStatny" erklärt, die Fahrzeuge hätten Port Arthur verlassen, weil es nach Einnahme des 203 Meter- Hügels durch die Japaner für die russischen Schiffe unmöglich gewesen sei, im Hafen zu bleiben. Die Schiffe waren von ben Japanern verfolgt, das Kanonenboot, das früher eine Jacht war, ist von einem Granatsplitter getroffen.

Die Belagerung port Hrthure.

Ein strategischer Rückblick.

»& Berlin, 2. Januar.

Die große Tragödie auf der Kwantunghalbinsel ist zu Ende gespielt. Nach mehr als sieben Monaten des zähesten Widerstandes hat der heldenmütige Verteidiger von Port Arthur die Feste den Japanern übergeben müssen. Er sah ein, daß jeder Widerstand von nun an nutzlos sei. Auf Ent­satz war weder von der Land- noch von der Seeseite her zu hoffen. Weiteres Blutvergießen hätte daher bem Zaren den festen Platz nicht retten können, dagegen sicher noch Tau­senden braver Krieger das Leben gekostet. Mit jener Selbst­überwindung, die der wahren Größe eigen, bot General Stössel angesichts dieser Sachlage dem Gegner den schlacht­gewohnten Degen. Er durfte es, ohne daß ihm durch seine Ergebung auch nur ein Blättchen aus seinem Ruhmeskranz geraubt worden wäre.

Einen Nuhmeskranz für Sieger und Besiegte bildet diese mit beispiellosem Mut durchgeführte und mit heroischer Standhaftigkeit abgewehrte Belagerung. Seit dem 25. Mai des vorigen Jahres war Port Arthur von der Landseite ein­geschlossen und zwei Tage später von der Seeseite blockiert worden. Seitdem haben die Japaner die unermüdlichsten Anstrengungen gemacht, in den Besitz der Festung zu kommen. Erst vor wenigen Tagen aber gelang es ihnen, die erste Bresche in den granitnen Gürtel der Hauptforts zu legen, nachdem sich ungezählte Tausende von ihnen an den Wällen der Forts den Schädel eingerannt batten. Ströme von Blut bezeichnen den Weg, den die Belagerer genommen haben. Ihr Hauptaugenmerk war von vornherein darauf gerichtet, die russische Flotte im Hafen von Port Arthur unschädlich zu machen. Bereits in der Nacht vom 2. zum 9. Februar,, kaum zwei Tage nach der Kriegserklärung, fiel Admiral Togo über die sorglose Port Arthur-Flotte her und richtete unter ihr durch einen ebenso kühn angesetzten wie fachmännisch kühl und überlegen durck)geführten Torpedoangriff. die größte Verwirrung an. Mehrere russische Schlachtschiffe nmrben ernstlich beschädigt und für mehrere Monate gefechtsunfähig gemacht.

dem Musikinstrument holst du dir aus dem ViermundscheU Hof. Du magst hier blasen nach Herzenslust. Niemand wehrt es dir, und aller Kummer bläst sich ab. Eins aber konnte er, mit dem alten Meister zu reden, nicht an den Nagel hängen. Es war der Schmerz um sein lieb Schwesteclein Macia.

Wenn er später die Schafherde hoch oben auf der Attenberg unter den Ungarn-Bäumen, wie diese starken Buchen auf den Weideplätzen genannt werpen, liegen hatte, dann holte er sein Instrument hervor und entlockte denselben Töne wie Engelsharfen. Wer sie gehört vergaß sie nie. Zuerst klagend, dann jammernd, zuletzt mit einer solchen Verzweiflung ringend, daß man glaubte einen Wahnsinnigen vor sich Zu haben. Nein wahnsinnig war dieser Grafensohn Tzargos, wie er sich

nachher wirklich schrieb, nicht.

Die Stadträten, hatten einen^guten Griff getan, als sie ihm die Herde Schafe anvertrauten. Die Tiere kannten ihn sehr bald. Und er? er war ein rechter Hirte, der seiner Schafe und Lämmer mit " ~ wartete. Seine Herde war die beste unter

aller Treue

im Felde bei seinen Schafen allein fand seiner Verlassenheit.

Wenn er Nachts in seiner Hütte bei

allen. Hier er Trost in

den Hunden gar ost an

aus Strohlager sich ausstreckte, gedachte er andere Zeiten. Dann stand er auf, setzte sich auf die Deichsel seiner mit zwei großen Rädern versehenen Schäferhütte" und zog sein Instrument hervor und spielte seine ungarischen Weisen. Mancher späte Wanderer stand staunend still, wenn er dieses hörte.

Bald wußte die ganze Umgegend, der nächtliche Spieler sei der Ungar von dec Hermannsburg. Nach damaliger Sitte mußte auch dec Schäfer, welcher auf einer Stufe dec Ehre, eigentlich Unehre mit den Wasen- gcäbec stand, ein Gelöbnis dec Treue ablegen.

Nachdem düseS geschehen war und die Hütepcobe, (dieselbe währte einen Monat) gut ausgefallen war, erhielt ec seine föcmliche Bestallung in einec Urkunde des

Die russischen Befehlshaber merkten, daß es auf eine Erdrosselling ihrer kostbaren Flottenstreitmacht abgesehen sei. Die Aussicht auf Entsatz von der Landseite her schwand sehr schnell. General Stackelberg versuchte am 15. Juni einen kühnen Vorstoß, konnte aber nur mit genauer Not dem Schicksal entgehen, abgeschnitten zu werden.. Seitdem ist an dem eisernen Riegel auf der Landseite nicht mehr ge- rüttelt worden. Er schloß die Ktvantunghalbinsel nach der Nordseite hermetisch ab. Anders stand es mit der Seeseite. Hier mußte es nach Ansicht der russischen Sachverständigen möglich sein, die Blockade zu durchbrechen und eine Vereini­gung mit der Wladiwostokflotte ins Werk zu setzen. Auch hier machte man aber die Rechnung ohne den Wirt. Am 10. August machte die Flotte einen verzweifelten Durch- bruchsverfuch, jedoch fiel dieser völlig ins Wasser. Die Ja­paner zeigten sich den Russen bedeutend überlegen. Ein größerer Teil der russischen Schiffe wurde vernichtet. Der Rest mußte sich sang- und klanglos nach Port Arthur zurück- ziehen, wo er zu trauriger Untätigkeit verdammt war, bis ihm im Dezember durch die schweren Geschütze der japa­nischen Belagerungsarmee völlig der Garaus gemacht wurde.

Die Japaner hatten auf der Landseite in ununter­brochenen Mühen Schritt vor Schritt die Außenwerke nieder- getampft und schließlich den 203 Meter-Hügel erobert, der es ihnen ermöglichte, den Hafen zu übersehen und unter indirektes Feuex zu nehmen. Von diesem Augenblick an war das Geschick der Festung besiegelt. Zwar wurden auch weiterhin die Eingriffe der Japaner mit blutigen Köpfen zurückgewiesen, aber es trat bereits klar zutage, daß der Widerstand der Belagerten gebrochen sei. Dem Fall des Außenforts von Kikwanschan folgte fast unmittelbar die Eroberung von Erlungschan, dem ersten eigentlichen Haupt- fort. Und nun folgten in wenigen Tagen Sungschuschan, Palnngßchan, Wangtai und der Signalhügel. . . Stössel mußte einsehen, daß ein weiteres Fortfetzen des furchtbaren Blutvergießens aussichtslos sei.

Belagerer wie Belagerte kämpften während der ganzen Zeit nicht nur mit todesverachtendem Löwenmut, sondern auch mit großem strategischen Geschick und unter Benutzung des ganzen Arsenals an Hilfsmitteln, das die Kriegstechnik bietet. Da gab es Drahthindernisse, Wolfsgruben, und be­sonders spielten Flatterminen eine verhängnisvolle Rolle. Ganze japanische und russische Regimenter sind durch die ver­nichtende Wirkung der modernen Explosivstoffe im nu auf­gerieben worden.' Besonders die Japaner haben ungeheure Opfer an Menschenleben bringen müssen. Allerdings wuß­ten sie auch, warum und schreckten auch vor einem Meer Don Blut nicht zurück. Port Arthur war der Siegespreis, den daS japanische Volk von seinen Kriegern für die schweren Kriegslasten verlangte. Daß die stolze Feste ihnen 1895 nach Beendüxung des Feldzuges mit China durch das Dazwischen­treten der Mächte entrissen wurde und an Rußland fiel, war seit damals eine offene Wunde im japanischen Volksgemüt. Jetzt ist sie verharrscht und wird wohl auch nicht wieder auf»

Magistrates als wohlbesiallter Schäfer von Sassenburg. Sein Gehalt betrug 25 Taler oder 10 Brabanter nach unserem Gelde etwa 100 Mark. Doch für ihn genügte dieses Gehalt vollkommen. Mittags- und Abendtssen mußten ihm die Schafherrn inLeuben" (Essentragkorb) in das Feld bringen lassen. Jeden Tag ein anderer. Die Morgensuppe er in dem Hause des Herrn, der ihn denselben Tag inFutter" hatte. Es war dieses eine wirklich beschämende Stellung. Doch unser Ignaz fand nichts dabei. Er hatte ehrlich Brot. Dieses war für ihn übergenug, daß er ein Verlassener war, dieses tat ihm am wehesten. Ec, der gräfliche Sproß, man bedenke den Wechsel, Graf und fast Bettler!

Doch er hatte diesen Wechsel nicht verschuldet. In recht traurigen Stunden, wenn die Verzweiflung sich seiner bemächtigte, schrie er den Fluch über den, der sein Vater war. Aber sofort empfand er Reue und gedachte der Ermahnung dessen, der ihn erzogen hatte, des Rikolay. Da rettete ihn dann immer aus der Schwermut sein liebes Instrument.

Die Sassenburger sind oft noch spät in das Feld hinausgegangen, nur um den Tönen decTzargosflöte", wie das Instrument genannt wurde, zu lauschen. Ignaz Tzargos war eine schweigsame Natur geworden. Er hatte nur mit bem alten Clemens Verkehr. Bei demselben hatte er sein Stübchen unb; für den Winter seine Hundehütte. Viel war er nicht in seinem Heim, wie er es nannte. Außer zur Winterszeit sah man ihn in der Stadt nur seine Morgensuppe holend. Er lebte für seine Schafe und schlief bei denselben im Freien. Was brauchte er weiter. Besonders an den Sonntagen fühlte er sich einsam. Da setzte er sich hin und gedachte, wie so oft das Schwesterlein zu ihm am Tage des Herrn gekommen und sie in der freien Natur ihre Loblieder dem Höchsten dargebracht hatten.

(Fortsetzung folgt.)