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Nr. 283. Erstes Blatt.
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AernsPrechanschlnß Nr. 368.
Samstag den 2. Dezember 1905
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__________________14. Jahrgang
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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
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Kulturaufgaben.
sPoli tische Wocheuschau.s
Wer seit einer Reihe von Jahrzehnten das politische Leben in Deutschland mit Aufmerksamkeit verfolgt, erinnert sich wohl noch der Zeiten, in denen es gewissermaßen zum guten Ton gehörte, seufzend die Unerschwinglichkeit der Heer- ausgaben und den Druck der Militärlast zu beklagen. Man seufzte aus aufrichtigem Herzen und glaubte allen Ernstes, daß der Druck überschwer sei und beispielsweise die Ursache für die starke Auswanderung bilde. Der Wunsch nach der Errichtung des Reichs sand damals eine Unterstützung in der Vorstellung, daß die Militärlast, aus mehr Schultern verteilt, sich leichter werde tragen lassen. Heute belächelt man eine solche Anschauung. Die Zerrissenheit des Reichs, das damit teilweise im Zusammenhang stehende Fehlen einer Industrie, die mangelnde Möglichkeit für das Land, seine Kinder zu ernähren, trieb die Auswanderer in die Fremde. Seitdem ist die wirtschaftliche Kraft mächtig gewachsen, sodaß es den gesteigerten Anforderungen an seine Wehrhaftigkeit immer leichter genügen konnte. Die Auswanderlmg aber hat nachgelassen und fast völlig aufgehört — ein Beweis dafür, daß nicht die Militärpflicht die frühere Vaterlandsflucht veranlaßt hatte. Auch sonst haben die Aufwendungen des Reiches und der Staaten nicht nachgelassen. Sie sind im Gegenteil mächtig gestiegen. Und niemand mehr ist so kurzsichtig, sich darüber zu beklagen.
Selbstverständlich ist die Erfüllung neuer Aufgaben mit neuen Aufwendungen verbunden. Die soziale Fürsorge erfordert fortgesetzt hunderte von Millionen. Wenn Straßen und Wege in bessere Pflege genommen worden sind, wenn man der Beamtenschaft und ihren Hinterbliebenen auskömmlichere Zuwendungen gemacht, Wissenschaften und Fünfte mit reichlicheren Dotationen bedacht hat, so hat das natürlich Geld und immer wieder Geld gekostet, und nicht in jedem Falle war nachzuweisen, daß die Ausgaben sich unmittelbar bezahlt machten. Das verlangte man auch garnicht, denn man war zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Staat um so reicher wird, je größere Lasten er sich für Kulturausgaben nuferlegt. Und ganz gewiß nicht die letzte Kulturaufgabe ist es, die eigene Kultur zu schlitzen.
Der Reichsetat mit allem Zubehör — Flottengesetz- novelle und Reichsfinanzreform - Vorlage — der jetzt den Reichstag beschäftigen soll, ist eine Illustration dafür, wie die Kulturaufgaben des Reiches gewachsen sind. Die Erhöhung der Sicherheitsprämie, die in bem Militär- und Marinebudget liegt, deutet auf den gesteigerten Wert des Versicherungsobjekts. Daß^ die Prämie aber keine Luxusausgabe, daß sie eine Notwendigkeit ist, hat die Thronrede in ernsten Worten dargetan.
Die Beendigung des T ex t i l a r b e i t r st r e i ks in Thüringen ist insofern ein erfreuliches Ereignis, als damit einem auf die Dauer unerträglichen Zustand ein Ende bereitet worden ist. Jeder Tag, der dem wirtschaftlichen Frieden gewonnen wird, ist dem Elend von Tausenden abgerungen. Man braucht kein grundsätzlicher Gegner der Streiks zu sein, man kann in dem Ausstand ein legales und loyales Mlttel zur Durchsetzung berechtigter oder für berechtigt gehaltener Forderungen anerkennen, und doch ben dringenden Wunsch liegen, daß zu diesem äußersten Mittel nur in äußerster Not gegriffen werde, nicht ohne vorgängige Erschöpfung aller Versuche einer gütlichen Erledigung. Es wäre eine überaus lohnende Kulturaufgabe, Vorkehrungen zu treffen, die Ausstände verhüten, indem sie Streitigkeiten zlvischen Unternehmern und Arbeitern schiedsgerichtlich schlichten. Nicht der staatliche Zwang kann hier helfen, nur die freiwillige Selbst- zucht, die am letzten Ende die Skala aller sozialen Friedens- arbeit ist.
Die freiwillige Unterwerfung des Sohnes Hendrik Wit- boois bringt hoffentlich den Herero-Aufstand in Deutsch- S ü d w e st a f r i k a zu schnellem Abschluß. Der neue Gou-
für Uebcrraschuiigen daraus für die einzelnen nationalen Interessengruppen entspringen möchten. In Ungarn will man durch obstruierende Verweigerung aller bürgerlichen Leistungen die Regierung zur Abdankung zwingen. Baron Fefervary droht mit einem Nachfolger, der energischer sein werde als er uiib nicht vor der Einführung militärischen Regiments zurückschrecken werde. Die Opposition erklärt, daß der ungarische ^Reichstag, der am 19. Dezember zusammentritt, einer Auflösung trotzen, Baron Fefervary, daß er den trotzenden mit Gewalt vertreiben werde. Unter solchen Umständen ist die Staatsmaschine dem Versagen nahe, jedenfalls sind für die Erfüllung von Kultnraufgaben leine Kräfte mehr frei.
König Haakon ist in Christiania eingezogen, hoffnungsvoll begrüßt von dem Volk, oas ihn zuni König gewählt hat, herzlich beglückwünscht von den Monarchen, de^en Synchathien ihti bei der Uebernahme der neuen Würde oegleitet haben. Seine umschriebenen Machtbefugnisse sind gering. Aber eines Königs Eii.flnß überragt auch ohne Gesetzesverletzung tatfäd)ui6 die gesetzlichen Grenzen. König Haakon wird deshalb ei' vollen Anteil an dem Verdienst gebühren. wenn das alleinstehende Ätorwegen zu Kulturtaten sich aiifrant
König Alfons ist unbeweibt und unverlobt in sein Heimatland zurückgekehrt, gerade zur rechten Zeit, um die katatonischen Trennungsbestrebungen in gefährlicher Weise ausflammen zu sehen. Der Ausnahmezustand ist über die Provinz verhängt. Ob das heroische Mittel die beabsichtigte niederschlagende Wirkung haben, ob cs nicht die Empörung in weitere Kreise tragen wird, steht dahin. Im äußersten Westen Europas ist wie im äußersten Osten unseres Erdteils der Boden stark durchwühlt. In Spanien hat man die Löiung von Kulturaufgaben allzu lange vernachlässigt. Die Folge davon ist, daß sich die breiten Bevölkerungsmassen von der oberen Schicht vollständig losgelöst haben.
Die Flottendemonstration der Mächte gegen die Türkei hat sich programmgemäß und in aller Friedlichkeit vollzogen. Auch die Balkanstaaten haben keinen Versuch gemacht, den unregelmäßigen Zustand zu einem Vorstoß zu benutzen. Freilich sind sie eindringlich vermahnt worden. Immerhin bleibt zu wünschen, daß die gespannten Verhältnisse sich bald schlichteten, damit nicht, trotz aller Mahnung und Vorsicht, unerwartete Zwischenfälle eintreten. So langsam der Schritt der Pforte ist, wenn es sich um Lösung von Kulturaufgaben handelt — ein kriegerisches Eingreifen der Baltanstaasten würde jeden Fortschritt hemmen.
verneur v. Lindequist tritt sein Amt unter glücklichen Zeichen 5 an. Ihm ist vergönnt, sofort mit Friedensarbeiten, mit dem 11 Wiederaufbau zu beginnen, Kult uraufgaben im eigentlichsten ' ' Sinne des Worts in Angriff zu nehmen. Auch für die I Tätigkeit des kommenden Kolonial - Sekretärs Erbprinzen v. Hohenlohe-Langenburg tut sich freie Bahn auf, da der , Aufstand in Ostafrika den älteren und gefährlicheren faum überdauern wird.
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In Rußland hindert das erneute Auflammen von Unruhen und militärischen Revolten den Grafen Witte, die Kulturaufgabe, der er sich gewidmet hat und die in der Herstellung verfassungsmäßiger Zustände besteht, in schnellerem Tempo ihrer Lösung entgegenzuführen. Daß in Sebastopol förmliche Schlachten zwischen Meuterern und fahnentreuen Mannschaften geschlagen werden mußten, läßt die Tiefe der Zerrüttung erkennen, in die Rußland durch das vorige Regime geraten ist. Der Streik der Telegraphenbeamten, der die Verbindung des Auslandes mit der russischen Hauptstadt Verlangsamt, die Verbindung mit dem Innern des Landes völlig unterbricht, erhöht die ängstliche Sorge, bereitet unheimliches Dunkel über das große Reich.
In O e st e r r e i ch - U n g a r n bauert zu beiden Seiten der Leitha die Aera der Radau- und Krawallpolitik an. In Tisleithanien schreit alles nach dem allgemeinen Wahlrecht, und hat dabei doch das stille Gefühl der Unsicherheit, was
Die russische Tragödie.
Allen Ernstes ist von einer finanziellen Operation die Rede, die nichts Geringeres als den Anfang vom russischen Staatsbankerott bedeuten würde. Zwar wird die Behauptung, daß die russische Regierung bereits ein Moratorium nachgesucht habe, noch in Abrede gestellt; allein gewisse finanzielle Abmachungen deuten auf eine herannahende Katastrophe hin. Wie sehr die ganze russische Freiheits-Politik durch die Rücksicht auf die Geldbeschaffung diktiert worden, ist bekannt. Jetzt scheint aber auch hier der Zeitpunkt verpaßt zu sein.
Als symptomatisch für die Zustände im Zarenreich können die neuesten unerhörten Vorgänge in Sebastopol gelten.
Bericht des Admirals Tschukuiu.
Vom Marineministerium in Petersburg wird je^t veröffentlicht, was der Admiral Tschuknin, der die treugebhebenen Truppen kommandierte, über ben Kampf meldet. Im großen und ganzen wird die erste Meldung über die Schlacht bestätigt. Ueber interessante Einzelheiten aus dem Bericht wird aus Petersburg gemeldet:
Die Aufforderung zur Ergebung beantworteten die Meuterer, die über vier Torpedoboote und das Panzerschiff „Otschakow" verfügten, mit dem Hissen der roten Flagge und dem Signal: „Schmidt befehligt die Flotte!" Die Meuterer nahmen die abgerüstet im Hafen liegende Flotte und setzten die Offiziere als Geiseln auf dem „Otschakow" gefangen. Schmidt drohte, die Offiziere hängen zu lassen, wenn etwas gegen ihn unternommen würde. Trotzdem begann das Feuer von den Batterien und den Panzerschiffen. Die Torpedoboote wurden kampfunfähig gemacht, der „Otschakow" geriet in Brand und zog die weiße Flagge auf. Schmidt wurde festgenommen, als er in Matrosenkleidung zu entkommen suchte. Das Regiment Brest, das von den Meuterern abgefallen war, erstürmte die Kasernen, in denen jene saßen. Zweitausend mußten sich ergeben.
Lcach anderen Meldlmgen sind weitere zweitausend Meuterer nlil Maschinen-Gewehren in das Innere des Landes geflüchtet. Auch an anderen Stellen der Schwarzen Meer- Küste haben Meuterer ihr Unwesen getrieben. So haben sie in Balnm ein österreichisches Schiff fortgenommen und verlangen Lösegeld. Die Annahme, daß es sich um einen österreichischen Lloyddainpser handele, wird aus Triest für un» richtig erklärt.
Streikende Soldaten und Arbeiter.
. ^ siibt nicht nur meuternde Soldaten, sondern auch richtige Streiks kommen im Heere vor. So wird aus Peteis- burg gemeldet:
In der Garnison von Grodno erklärten die Artilleristen, sie mürben die Dienstpflicht verweigern, bis ihre Forde- rungen, die besonders hohen Lohn betreffen, erfüllt seien. ,e verweisen auf die Taujelide, die von feigen Generälen, wie Kuropatkin, eingesteckt würden.
Während der Streik der Telegraphisten anhält, beginnt aiich in arideren Branchen das Streikfieber mieber zu erwachen, iinb auch in polnischen Jndustriebezirken gährt es unter ben -Arbeitern. Ueberall kommt es zu Zusamineiistößen. Der Präfekt in Blos kau droht den Rkitgliedern der Streikkoniitees. mit Ausweisung. Die Lage spitzt sich mehr und mehr z»i. Das gesamte Telegraphenpersonal in Finnland ist ebenfalls in den Ausstand getreten.
Deutscher Reichstag.
(4. Sitzung). CB. Berlin, 1. Dezember.
Die gestrige Debatte^über die Fleischteuerung wurde heute fortgesetzt. Sitzungssaal und Tribünen waren heute schwächer bejucht, als gestern. Die Debatte nahm denselben ruhigen Verlauf. Den Reigen der Redner eröffnete der Avg. Dore von der freisinnigen Vereinigung, per unter Seitenhieben gegen den Minister von Podbielski in gemäßig- ter Form die Oeffnung der Grenzen verlangte. Den entgegengesetzten Standpunkt vertrat mit gleicher Mäßigung der Abg. Stubbendorff von der Reichspartei, der bei dieser Gelegenheit feine Jungfernrebe hielt.Einen lebhafteren Ton schlug dernational- liberale Abg. Dr. Paasche an, der sich namens seiner Fraktion mit der Haltung der Regierung einverstanden erklärte, aber sein Bedauern über die bekannten scherzhaften Aeußerungen aussprach, die der Minister, wenn auch in vertrautem Kreise, getan habe. Aehnlich äußerte sich in seiner Polemik gegen die Linke in scharf pointierter Weise Abgeordneter Graf Reventlow. Der Pole von Skar - c z y n s k i trat anscheinend für die Oeffnung der Grenze im Interesse der polnischen Arbeiter ein, zu verstehen war von ihm infolge der im Hause herrschenden Unruhe nur wenig. Dann machte sich der sozialdemokratische Avg. Molkenbuhr an die Widerlegung der gegnerischen Auslassungen. Beschlüsse werden ja bei Interpellationen nicht gefaßt, aber der Verlauf zeigte doch, daß die Regierung bei der Aufrechterhaltung der Grenzsperren dieselbe starke Mehrheit für sich hat, wie bei der Feststellung des neuen Zolltarifs.
politische Rundschau. *
Deutsches Reich«
• Eine Neuregelung des Uuterstützunqswohnsitzes bezweckt ein dem Reichstage zugegangener Gesetzentwurf. Nach dem Entwurf soll die Altersgrenze für den Erwerb eines neuen Unterstützungswohnsitzes vom vollendeten 18. auf das vollendete 16. Lebensjahr herabgesetzt werden. Zugleich mit der Herabsetzung der Altersgrenze wird auf die Frist, deren Ablauf den Verlust des bisherigen Unterstützungswohnsitzes bedingt, von zwei Jahren auf ein Jahr abgekürzt. Die Fürsorgepflicht der Heimatgemeinden für die im Alter von 16 Jahren oder früher abgewanderten Arbeiter würde alsdann bereits mit dem vollendeten 17. Lebensjahre, mithin drei Jahre früher als gegenwärtig ihr Ende erreichen.
* Nach ziemlich glaubwürdigen Nachrichten aus Deutsch- Südwestafrika sind Friedensverhandlungen zwischen den deutschen Behörden und den noch im Aufstand befindlichen Eingeborenen eröffnet worden. Die Meldung klingt nach der Unterwerfung Samuel Isaaks nicht unwahrscheinlich, doch liegen amtliche Aeußerungen noch nicht vor.
Gegen die erhöhte Belastung der Gesellschaften mit beschränkter Haftung, welche die geplante Reform des preußischen Einkommensteuergesetzes bringen soll, wendet sich eine von verschiedenen derartigen Gesellschaften ausgearbeitele Denkschrift. Die Denkschrift bekämpft die Idee der Besteuerung und schließt mit den Worten: „Wenn die preußische Regierung ihr Ziel der Besteuerung bei G. m. b. H. erreicht, so wird sie vielleicht mit Genugtuung auf eine neue Steuer- gnelle blicken, aber sie wird die Gewerbetätigkeit nach den
Staaten hinleiten, wo solche Belastung nicht besteht man die Aufgabe einer weisen Steuerpolitik darin die Entstehung neuer gewerblicher Unternehmungen hemmen, sondern zu fördern und damit die gesamte kraft des Landes zu heben."
und wo erblickt, nicht zu Steuer-
* Eine Petition an die sächsische Staatsregierung und den Bundesrat gegen die geplante Erhöhung der Tabaksteuer beschloß das Stadtverordnetenkollegium in Dresden. — Bei den Ersatzwahlen für die Dresdener Stadtverordneten wurden im ganzen 22 bürgerliche und 6 sozialdemokratische Abgeordnete gewählt, die bisherigen <8 Vertreter der antisemitischen Resormpartei wurden nicht wiedergewählt.