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Nr. 231
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(Gießener Gagevlatt)
Montag, den 2. Oktober 1905
__14. Jahrgang
Lbo»»eme«tSpre1S: abgebott monatlich 50 Ps inV s'auS gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen Vierteljahr!. Mk 1.50.
GratiSbeilagra : Qberhefflsche Familienzeitung (täglich) und die Gießrnrr Leiferrblas r» iwöchen lich
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2«lertio«SpreiS» Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Wen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschlnß Nr. 368.
Flnaöyängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
für Ob ermessen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberligen.
Lebrlingszücbterei und Lehrlingsnot
Die Handwerkskammer für den Regierungsbezirk Düsseldorf hat mit Genehmigung des Ministers für Handel und Gewerbe neue Vorschriften zur Regelung des Lehrlings- wesens erlassen. Danach darf in dem genannten Bezirk ein Handwerksmeister für seine Person nur zwei Lehrlinge halfen, deren Einstellung ein Jahr auseinander liegen muß. Uhrmacher, Optiker, Edelmetallarbeiter, Holzschneider, Vild- 'hauer, Graveure, Dachdecker, Barbiere, Friseure und Perückenmacher finb sogar auf die Haltung je eines Lehrlings beschränkt. Für jeden weiteren Lehrling müssen sie dauernd zwei Zur Anleitung von Lehrlingen befähigte, also über 24 Jahre alte Gesellen beschäftigen. Ausnahmen können in besonderen Fällen durch den Vorstand der Handwerkskammern zugelassen werden, gegen dessen Entscheidung Beschwerde an den Regierungspräsidenten zu richten ist.
politische Rundschau
Deutschee Reich«
* Unter den Steuervorlagen, die als Grundlagen der Reichsfinanzreform den Bundesrat demnächst beschäftigen werden, befindet sich die Reichswehrstcuer nicht, wie aus bester Quelle versichert wird. Die Reichsregierung soll auch nicht die Absicht haben, auf die Reichswehrsteuer zurück-
zukommen.
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** Die Abreise der chinesischen Kommission zum Studium Trcmbftnathdter Einrichtungen steht bevor. Durch das auf die Kommission verübte Bombenattentat ist weder an bem Programm noch an der Zusammensetzung der Commission etwas geändert. Bei dem Anschlag ist kein Mitglied der Kommission verletzt, nur einige erlitten unbcbeiitenbe Quetschungen.
Eine allgemeine Vorschrift zur Beschränkung der Lehrlingszahl ist von dem Handelsminister gegenüber wiederholten Anträgen von Handwerkskammern bisher immer zurückgewiesen worden, weil eine allgemeine Vorschrift überhaupt untunlich und eine Beschränkung nur für solche Handwerts- I I zweige rötlich sei, für die eine regelmäßige Lehrlingszüchterei in größerem Umfang nachgewiesen worden. Diesen,9^ach- "weis hat keine Kammer erbracht. Als der Handelsminister i jetzt gleichwohl für den Handwerkskaimnerbezirk Düsseldorj die beschränkende Vorschrift gutbieg, tat er dies unter ausdrücklicher Aufrechterhaltung seiner Bedenken einzig im Hinblick darauf, daß die beteiligten Handwerker seit Jahren tatsächlich bereits den Brauch befolgen, der nunmehr bindende Verpflichtung sein soll. Die handelsministerielle Ge
* ^ie näheren Angaben zur neuen Flottenvorlage sollen erst im November ober Dezember bekannt werden. Die Vorlage ist finanziell nicht unerheblich, weil dies durch die Er-, höhung des Tonnengehaltes der zu erbauenden Schiffe be= dmgt ist Sonst aber charakterisiert sie sich nur als kleine Vorlage. In Verbindung mit der Erhöhung des Tonnen-
° mjrb e^"" Verbreiterung der Schleusen des Nord- x geplant.
Flos und Gesellschaft.
Der Verkehr des italienischen Ministers Tittonr mit dem Reichskanzler Grafen Bülow in Baden-Baden gestaltete sich sehr intim. Tittoni nahm beim Grafen Bülow nach einer längeren Konferenz das Mittagsmahl ein. Dann unternahmen die beiden Staatsmänner zusammen eine Ausfahrt, bei der das neue und das alte Schloß besucht wurde. Nach der Rückkehr fand zu Ehren Tittonis beim Reichskanzler ein Diner statt, zu dem eine größere Anzahl Einladungen ergangen waren. '
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nehmigung ist übrigens auf den Zeitraum von 15 Monaten, d. i. bis zum 31. Dezember 1906, beschränkt.
Somit schafft die neue Bestimmung auch im Handwerkskammerbezirk Düsseldorf keinen neuen Zustand, sondern bildet bloß eine für 15 Monate aufgerichtete Schranke gegen eine Aenderung des seitherigen Brauchs in der Richtung der Lehrllngsvermehrung. Daß eine solche Vermehrung beabsichtigt gewesen oder eingetreten wäre, wenn die neue Verordnung nicht kam, ist von keiner Seite behauptet, geschweige denn nachgewiesen worden. Die wirklichen Verhältnisse bleiben also, wie sie gewesen sind, und selbst die Zulassung einer Lehrlingsvermehrung ist nicht ausgeschlossen, da der Handwerkskammervorstand in besonderen Fällen die ausnahmsweise Erlaubnis erteilen, sogar zur Erteilung der Erlaubnis durch den Regierungspräsidenten angehalten werden kann. Demzufolge ist die ganze angebliche Neuerung ein Schlag ins Wasser. Man möchte nun glauben, daß eine Verfügung solcher Art keinen Widerspruch herausfordern könnte. Die Handwerksmeister, die seit Jahren sich in der Haltung von Lehrlingen freiwillig Beschränkung auferlegen, werden die formale Sanktionierung dieser Beschränkung nicht als ein Hemmnis in ihrer Bewegungsfreiheit empfinden und faum Einrede erheben, im Gegenteil eher geneigt sein, darin eine Ermunterung zum Ausharren aus dem von ihnen eingeschlagenen Wege zu erblicken. Außerhalb des Düsseldorfer Bezirks aber hat man gar keine Ursache, sich gegen eine Maßregel aufzulehnen, von der man überhaupt nicht betroffen wird und die die Betroffenen selbst durch ihr eigenes freiwilliges Verhalten vorbereitet und gewissermaßen im voraus gutgeheißen haben. Man könnte sogar zu der Ansicht kommen, daß der Handelsminister unvorsichtig gewesen sei, als er seine Genehmigung zeitlich aus die recht enge Frist von 15 Monaten begrenzte, nach deren Ablauf das alte Recht ohne weiteres wieder in Geltung zu treten hat, wofern nicht eine Erneuerung oder Verlängerung der Genehmigung erfolgt.
Doch schon die zögernde Art des Handelsministers läßt Bedenken auftauchen, denn sie zeigt, daß er selbst schwere Bedenken gehabt hat, die auch sicher nicht grundlos waren. Das Handwerk klagt vielfach über L e h r l i n g s n o t, daß die junge Welt sich von ihm abwende, in die Fabrik gehe, das Kaufmannsgewerbe vorziehe. Auf solche Klage ist es eine eigentümliche Antwort, daß man Verordnungen erläßt, die ihrem Wortlaut nach die Ausbildung von Lehrlingen an erschwerende Bedingungen knüpft und der Lehrlingszahl eine recht enge Höchstgrenze setzt. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: Es ist oben nachgewiesen, daß die Düsseldorfer Verordnung die bestehenden Zustände so gut wie gar nicht beeinflußt. Sie schmälert auch die ortsherkömmliche Zahl der Lehrlinge nicht; aber sie will doch den Anschein erwecken, als schüfe sie eine bessere Einrichtung, während sie es nicht tut. Das ist unter allen Umständen bedenklich. Wem zu Liebe und zu welchem Zweck soll denn hier der falsche Anschein hervorgerufen werden, daß für das Handwerk und sein Gedeihen etwas getan werde, während doch alles beim Alten bleibt! .
Die Lehrlingszüchterei hat keine Verteidiger. Wo sie sich findet da kann und wird man ihr entgegentreten. Aber wo sie nicht vorhanden ist, da braust man sie auch nicht zu bekämpfen. Die Arbeit, die hierbei ausgewendet wird, ist vergebliche Arbeit.
* Die anhaltende Fleischtenernng hat den konservativen Reichstagsabgeordneten Grafen Udo Stolberg veranlaßt, eine Eingabe an den Reichskanzler zu richten. In dieser wird der Kanzler ersucht, um die Fleischteuerung in den großen Städten und den Jndustriebezirken herabzumindern, eine Ermäßigung der Eisenbahntarise für lebendes Vieh herbeiz sichren. Zugleich müßte eine Ermäßigung der Transportkosten für frisches Fleisch eingeführt werden, bannt bi« vom Gesetzgeber beabsichtigte „Freizügigkeit des Fleisches", die bisher mehr oder weniger nur auf dem Papier steht, ebenfalls eine verbilligende Wirkung auf den großstädtischen Fleischkonsum ausüben könne. — Dem Vorbild Solingens folgend beschlossen nunmehr auch die Gemeindell Wald, Berg und Gladbach den Einkauf von Nordseefischen in großen Mengen, die zum Selbstkostenpreise unter städtischer Regie an die Bürgerschaft verkauft werden. Mehrere andere rheinische Städte werden in der nächsten Woche folgen.
* Das deutsche Aufsichtsamt für Privatversicherungen läßt über den Geschäftsbetrieb der amerikanischen Versicherungsgesellschaften in Amerika Erkundigungen einziehen. Bis zum Abschluß dieser Untersuchungen muß ein Vorgehen gegen die manchmal eigentümlichen Geschäftspraktiken der Gesellschaften ausgesetzt werden.
* Der General-Inspekteur der Marine, Großadmiral von Köster, ist auf Lebenszeit zum Mitglied des preußischen Herrenhauses ernannt worden.
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* Der Empfang des russischen Ministers von Witte beim Kaiser in Rominten war ein sehr huldvoller. Der Kaiser verlieh dem Minister die Kette zum Schwarzen Adlerorden, sowie sein Porträt in goldenem Rahmen mit einer Inschrift, die sich auf Wittes Friedensmission bezieht.
Frankreich«
** Wie Ministerpräsident Rouvier im. Ministerrate mitteilte, ist die Einladung zur zweiten Friedenskonferenz im Haag von Frankreich angenommen worden,
Cngtand«
** Beunruhigende Nachrichten kommen aus Britisch-Ost indien. Die Bevölkerung will die fremde Einfuhr boykottieren. In dem Tempel der Göttin Kali versammelten sich 5000 Hindus. Sie schworen bei der Göttin, soweit es irgend durchführbar sei, keine ausländischen Waren zu gebrauchen und in fremden Läden nichts zu kaufen, was sie in einheimischen erhalten könnten. Die allgemeine Erregung gegen die Fremden ist im Steigen,
Norwegen»
** Der Storthing hat in geheimer Sitzung mit 86 gegen 22 Stimmen einen Antrag angenommen, der die Erhöhung des Zuckerzolles um 10 Oere bezweckt. Die endgültige Entscheidung wird am 5. Oktober getroffen werden.
Russland«
** Dem Friedensstifter von Portsmouth ist eine Ehrung widerfahren: der Zar hat den Minister von Witte in den Grafenstand erhoben. — Das Kriegsgericht in Warschau hat eine Anzahl Hörer der Handelsschule, die den bewaffneten Versuch gemacht hatten, einen politischen Verbrecher auf dem Wege zur Hinrichtung zu befreien, zu vier bis acht Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. — General Swetlow, der während der Unruhen in Baku den Armeniern den Schutz versagte, sich aber gewaltsam des Eigentums von Armeniern bemächtigte, ist seines Postens enthoben worden. — Im Kaukasus hatte man den Versuch gemacht, einen Revolutionär namens Staroselsky zum Gouverneur eines größeren Gebietes zu ernennen. Das Experiment ist vollständig mißglückt, da sowohl die Beamten wie die Revolutionäre dem neuen Gouverneur mißtrauten.
Soziales Leben.
=4= Wohltätige Stiftungen. Die deutschen Solvaywerke in Bernburg haben anläßlich ihres 25jährigen Bestehens eine Million Mark zu gemeinnützigen Zwecken gestiftet, darunter sind 600 000 Mark für die Arbeiter und 200 000 Mark für die Beamten bestimmt. — Der verstorbene Professor deS Konservatoriums in Köln, Seiß, hat eine Stiftung im Betrage von 534 000 Mark hinterlassen. Davon sind 200 000 Mark zum Besten von Kölner Volksschullehrern und Lehrerinnen, 200 000 Mark zur Verteilung an die bei seinem Tode am Konservatorium Wirkenden aller Fächer und 100 000 für Kölner Krankenhäuser bestimmt. Ferner sollen 20 000 Mark zur gleichmäßigen Verteilung an die bei seinem Tode seinen Unterrichtsklassen zugewiesenen Schüler gelangen und 10 000 Mark der Lehrerpensionskasse des Konservatoriums zugeteilt werden.
Die tote Stadt.
(Eig. Bericht.) Baku, Ende September.
Die Greuelszenen, die den Wohlstand der Stadt und ungezählte Menschenleben zerstörten, sind vorbei. Noch grollt und murrt es in den Massen, noch ist man nicht sicher vor
einem abermaligen gewaltsamen Ausbruch der Leidenschaften, aber äußerlich herrscht Ruhe. Vielleicht nu£ die Ruhe vor neuen Schreckenstaten. Kein Bewohner der Stadt sieht mit Vertrauen in die Zukunft. Daran ändern auch die Maßnahmen der Behörden nichts. Vielfach sind sie vielmehr geeignet, das Gefühl des Unbehagens noch zu verstärken. Ein besonders seltsames Bild bietet Baku nach 8 Uhr abends. . Von dieser Stunde ab dürfen die Bewohner laut Anordnung des Gouverneurs sich nicht mehr in den Straßen blicken lassen. Die, große Stadt stirbt vollständig aus; die leeren Straßen werden vom elektrischen Licht beleuchtet, unter dem das Straßenpflaster und die eisernen Läden der geschlossenen Magazine gespensterhaft glänzen. An verschiedenen Stellen ertönen in dieser Totenstille die schrillen Pfiffe der Schutzleute durch die verödeten Straßen. Hier und da sieht man Militärpatrouillen; von Zeit zu Zeit reitet eine Kosakenabteilung vorüber, oder es marschiert in aufgelöstem Zuge eine Konipagnie Fußsoldaten vorbei. Die Soldaten gehen in großen Abständen voneinander dahin im Hinblick darauf, daß dann eine geschleuderte Bonrbe oder eine abgefeuerte Kugel nur wenige Leute treffen kann . . . Alles erinnert an das Blutvergießen der letzten Zeit und an den Haß und die Zwietracht, die noch nicht gestillt sind. Grämn und " heil brütet noch immer über der erstorbenen Stadt.
Gespenster der Mordtaten und Greuel schweben in drückenden Atmosphäre der qualvoll langen Nacht. —
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Zu zahlreichen Mißverständnissen ist es ber der schießung der Häuser gekommen. Oft ist auf die falsche Anzeige hin, daß aus einem Hause geschossen worden sei, so manches Haus bedroht und nur durch flehentliches Bitten des Hausbesitzers vor Demolierung bewahrt worden. Unter anderen Häusern war auch ein ausschließlich von Ausländern bewohntes beschossen worden. Eine Schar von Bakuer Hau^- besitzerii begab sich schließlich zuni General Faddejew, um Klage zu führen; unter den Hausbesitzern befanden sich mehrere Ausländer, imb es entwickelte sich folgendes Gespräch: Sie sind ein Engländer?" (so fragte der General). „Wenden Sie sich nur au Ihren Konsul. Ich werde Maßregeln treffen." — „Sie sind ein Deutscher? Wenden Sie Pch^an Ihren Konsul." — „Sie find ein Franzose? Wenden ^ie sich" n L w. Die Schar der Russen steht lchweigend da. Plötzlich ertönt aus ihrer Mitte der Schmerzensschrer:,,Wo ist aber der russische Konsul?" General Faddeiew steht s^ zornig nach dem Sprecher um: es ^lt ein Herr ^oi itow, der chon 37 Jahre in Baku lebt. „Erzellenz!" nist der Russe aus, „sagen Sie uns doch, wo der rusiische Konsul M Die Engländer, die Teutschen, die Franzosen finden Schutz Wo sollen wir Sclnitz finden?" — „^ie sind
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