Nr. 206.______Zweites Blatt.
Samstag, den 2. September 1905.
14. Jahrgang
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(Hi-ß-«ee Gagevtatt) Unabhängige Tageszeitung (Hießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung.
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Vie Massen ruhen.
lP-litische Wochenschau.)
Noch ist der Frieden zwischen R u b l a n d u n d Ia p a n licht abgeschlossen, aber der Strieg hat ein Ende, die Mafien üben Die Heere, die tapser miteinander gerungen und inermedliche Mühsal ausgestanden haben, dürfen jetzt daran ,enken. für ihre Wunden Heilung zu suchen. Der Krieger, der den männermordendcn Streit überdauert hat, kann «tzt den müden Leib pflegen. Freilich ist selbst die Heim- 'ebr für ihn eine Strapaze, denn der Weg ist weit und auch ja wo er gebahnt ist, nicht mit Bequemlichteiten ausge- tastet. Beide Parteien, der siegreiche wie der nniibcr gluck» 'icbe Teil bringen sicher keine Kriegslusi nach Hause mit, ändern trotz aller Fricdensentwöhnung die nnngste Friedensliebe Und wie den Heeren, so geht es den Lauern Sie werden lange Zeit brauckum, ehe sie die Ermno cungen an die Schrecken des Krieges verivunden haben. Wa. ihnen helfen mag bei der erneuten Hinwendung zur Frie- dcnèarbeit, das ist in erster Reihe die unabweisbare 9.0b mendigkeit dieser Arbeit. Russen Wie Japaner fingen da beim neue Not, die überwunden sein will und nur in Partei Arbeit überwunden werden kann. Ihre Abwesenheit ha. die verfügbaren Kräfte für den Landbau unter das uner.t behrliche Maß gedrückt, so daß der ungenügenden Aussaat setzt die ungenügende Ernte folgt. Mangel bis an die Grenzen der Hungersnot herrscht in weiten Gebieten Shu? lands, weil es an Korn fehlt, und in Sopan be- klagt man einen drückenden Rückgang des Feld' ertrages an Reis. Doch die Völker, die so Schwere- ertragen haben um des Krieges willen uiib unter den schlimmsten Fährnissen den männlichen Mnt nicht Der loren, werden vor den lebenspendenden Friedensanfgabei nicht verzagen. Ueber anderthalb Jahre war ihr Sinn an Zerstörung gerichtet — die schaffende Tätigkeit, die ihnen seyt vergönnt ist, wird ihre Kraft steigern. Eine leise Be- sorgnis wird man in Rußland vielleicht hegen, daß die ent (offenen Soldaten sich zu dem Heer der Unzn.fcredener schlagen, deren Zahl ohnehin übergroß ist. Hier wird ein weitschauende Staatskunst sich zeigen können, die Vagieren den Kräften eine feste und heilvolle Richtung zu geben vermag. Man spricht von Witte als künftigen Reichskanzler Rußlands, — dieses Amt existiert seit des Fürsten Gortscha- kcw Tode nicht mehr — und verspricht sich viel von ihm Auf ihn ist die Aufmerksamkeit gelenkt, weil er die Friedens' Verhandlungen in Portsmouth mit glücklichem Gelingen geleitet hat und weil dem Anschein nach Rußland seiner großer Finanzkunst jetzt weniger denn je entraten kann. Besäße ei die Neigung des Zaren in dein Grade, wie er das Vertrauen der europäischen Finanzwelt besitzt, so wäre <emc Ernennung außer Zweifel.
Japan hat mit England einen neuen Vertrag geschlossen. Beide Staaten haben sich als asiatische Mächte miteinander auf der Grundlage der gegenseitigen Bürgschaft ihres Besitzes verbündet. Daß sie dabei die Anerkennung und Festhaltung des gegenwärtigen Status qua in Waiheiwai und Kiautschou ausgesprochen haben, ist für uns von besonderem Interesse.
In eine nicht ganz bequeme Lage ist F r a n k r e i ch durck die neueste Gestaltung der Verhältnisse geraten. Mit Rußland ist es verbündet, mit England durch jüngere Freund- schaftsbeziehilngen vereinigt, und so ist sein Herz zwischen zwei stillen Widersachern geteilt. So lange noch zwischen Krieg und Frieden die Schale schwankte, wagte es nicht, der vorbehaltlose Freund Rußlands zu sein, um bei England, dem Freunde Japans nicht anzustoßen.
Desto geradliniger und aufrichtiger zeigte sich Deuts ch- lands Politik, überall den Frieden pflegend und sichernd, unbeirrt durch böswillige Ausstreuungen von geheimen, auf die Verfolgung von Sonderinteressen gerichtetem Plänen. Sogar in Frankreich mußte man schließlich erkennen und anerkennen, daß es Verleumdung genesen, . Deutschland habe in Marokko den Hochmut des Sultans und seine Europäerfeindlichkeit gestärkt, indem es sich dein englisch-französischen Marokko-Abkommen widersetzte und auf Berufung einer Maroklokonferenz zu gemeinsamer Regelung gemeinsamer Interessen bestand. Die Verhaftung eines Algeriers in Marokko, die im Widerspruch zu dem Recht der Konsulargerichte stehen sollte, wurde auf Rechnung der deut- fdxn Politik gestellt. Nachdem gerade die Intervention des beutfdjen Gesandten Grafen Tattenbach den Sultan zur Freilassung des Algerier bestimmt hat, war es nicht mehr möglich, von der deutschen Politik als von einem das europäische Gemeininte- " störenden Element 311 sprechen. Hartnäckige verleumd - e Nachrede war es auch gewesen, daß Kaiser Wilheli. CH Zaren in seiner Unnachgiebigkeit gegenüber den japanischen Forderungen bestärkt und bem Friedensabschluß entgegengearbeitet habe. Präsident Roosevelt hat öffentlich Zeugnis abgelegt, daß gerade Kaiser Wilhelm und dieser allein seine Bemühungen um Herstellung des Friedens nachhaltig, unausgesetzt und wirksam unterstützt habe. Die aufrichtige Freundschaft Kaiser Wilhelnis für den Zaren und Rußland hat sich glänzend bewährt. Deutschland hat gute und treue Nachbarsèft gehalten und Rußlands Kräfte für
den Krieg so frei gemacht, daß für Rußland ein ehrenvoller Friede möglich wurde. Es muß gesagt werden, daß es vorzugsweise ein Teil der englischen Presse ist, die sich an dem Verleumdungsfeldzug gegen Deutschland beteiligt, ja dic führende Rolle dabei gehabt. Welches die dunklen treibenden Kräfte sind, ist schwer zu erkennen. Aber gerade diesen fortgesetzten Verhetzungsversuchen gegenüber muß auch gesagt und von allen besonnenen Elementen betont werden, daß die englische Negierung selbst eine korrekte und freundliche Haltung niemals hat vermissen lassen. Man tut nur du Arbeit der Gegner Deutschlands, wenn man in den Tor jener verleumderischen Presse verfällt und ihr die unverdiente Ehre erweist, sie für das zu halten, was sie wohl sein möchte, aber nicht ist: für das Sprachrohr der englischen Regierung. Ter Besuch der englischen Kriegsflotte in Swinemünde ist unter allen Umständen ein Zeichen guter Freundnachbarlichkeit. Tie englischen Gäste sind liebenswürdig ausgenommen worden und haben sich selbst liebenswürdig gezeigt, und unsere Flotte hat die englische begrüßt. Vielleicht ist es nicht ganz ohne Absicht gewesen, daß man bei diesem Anlaß Helviesen hat, wie man bei uns versteht, auch ohne Errnunterung und ohne die Zusage unbedingter Gegenseitigkeit gutes Beispiel zu geben. König Edriard, der deutscher Großadtniral ist, wird es verstanden haben.
Wenig erfreulich haben sich die Verhältnisse in unsern afrikanischen Kolonien gestaltet. Im Südwesten lmd im Osten dauert der Aufruhr fort, der Opfer an Blut unb Gelb fordert. Das ist bedauerlich, aber es muß ertragen und durchgehalten werden. Solche Erfahrungen sind keiner Kolonialmacht erspart geblieben. England und die Niederlande, Frankreich und Rußland können davon erzählen. Wir haben keinen Anspruch darauf, vom allgemeinen Geschick ausgenommen zu werden, und kein Recht auf Ungeduld. Auch in Afrika wird die Zeit fommen, in der die Waffen ruhen dürfen und die Friedensarbeit und Ernte verspricht.
Im palast des Schahs.
— Erinnerungen an einen Besuch in Teheran. —-
Der Schah von Persien weilt augenblicklich in Europa. Nachdem er seine Gesundheit in füb französischen Bädern herzustellen versucht hat, reiste er nach Paris. Von dort ist ei gestern nach Petersburg gefahren. Er kommt gerade zurecht nur Dom Zaren zu hören, wie dieser über den abgeschlossener! Frieden mit Japan denkt. Während nun der großmächtigc Herrscher des persischen Reiches seine sprichwörtlichen Diamanten an den europäischen Fürstenhöfen spaziererr führt. Hat ein französischer Forschungsreisender, Herr Claude Anet, den Palast des Schahs in Teheran einer gründlichen Besich tigung unterzogen. Der Reisende ist nicht entzückt von der Wohnung des Schahs. Er erzählt:
„Man darf sich nicht vorstellen, daß der orientalische König der Könige in einem üppigen Schlosse orientalischen Stils wohnt; sein Palast ist vielmehr ganz nach europäischem Geschmack eingerichtet, und zwar nach allerschlechtestenc Geschmack. Man kennt die wunderbaren Erzeugnisse der persischen Kunst, in Europa und Amerika reißt man sich um persische Teppick)e, Miniaturen u. s. w. Beim Schah aber sieht man nichts von der alten persischen Kunst; in seinem melgerühmten Museum liegen unter Glas Papierfächer Pariser Herkunft, und damit keiner über den Preis im unklaren sei, klebt er gleich dran: 0 Francs 65! Neben ben Papierfächern liegt ein Handspiegel für 3 Francs 35. Eä ist ja wahr, der berühmte Pfauenthron ist auch da, aber dieser ^hron ist nie in Delhi gewesen und es saß nie ein Großmogul braus; der Thron ist vielmehr im 19. Jahrhundert in Jspahcrn angefertigt worden, unb bie echten Edelsteine, Die ihn einst geschmückt haben sollen, sind längst auSgebrodjen worden und durch falfdje ersetzt worden. In dem Museum findet man auch Gegenstände aus Sèvres und aus anderen Manufakturen, derer sich europäische Monarchen klugerweise zugunsten ihres persischen Kollegen entledigt haben.'
Stundenlang schleppte man uns durch die Säle, die mit den abscheulichsten Sachen vollgestopft sind. Da hängen Bilder an der Wand, — aber was für Bilder! Mitten in eine sonst ausgezeichnete Photographie einer Baumlandschaft hat man das kolorierte Reliefbild einer träurneuben Dame hin- eingeklebt. Da stehen Schränke mit Gegenständen zu 19 Sous und gegenüber Schränke mit Gegenständen zu 45 Sous — lauter Geschenke! Ich wußte gar nicht, daß es unter den europäischen Herrlchern Herren gibt, die sich mit einem von ihrer Art derartige Scherze erlauben; denn diese Geschenke sind wirklich nur als Scherzartikel aufzufassen Ganz prächtig sind die Gärten des Palastes mit ihren nephritfarbenen Wassern; da sieht man große Springbrunnen und Gartenflächen mit Lilien, die in allen Farben glänzen, starke Platanen und kleine Kanäle, deren Grund mit blauen Kacheln ausgelegt ist. In den Gemächern des Schahs aber ist es fürchterlich! Die. Möbel sind mit ordinärstem Pariser Samt und Plüsch bekleidet und an füllen Ecken und Enden stehen und liegen „Mustkschachteln ; es ist eine mahre Orgie von automatischen Pwnos Leierkastew Hannoniums. Im Schlafzimmer M Schahs suchte ich unter ben vielen Musikinstrumenten das Bett u'id mnd e. nicht: das kommt daher, daß der „Nabel der Welt . bie
^Himmelsleiter', auf zwei Kissen liegt, die einfach auf die
. ^wm:fen werben. Ueber diesem priinitiDeii „Bett" bindet sich eine Etagère, aus der ich fünf Photographien entbcifte. rcdjtâ und links von dem Bilde des Schahs stehen König Eduard A II und seine hohe Gemahlin und rechts und links von diezen beiden Zar Nikolaus nebst Frau Da- sind also die Schutzengel, die den Schlummer des Königs der Könige bewachen."
Wie die Märchen aus „Tausend und eine Nacht" schwinden also beim Näherkommen die fabelhaften Erzählungen von der Pracht im Palast des Schahs in das Nichts Es ist eben alles eitel auf dieser Welt.
Vermischtes.
— Neue Einrichtungen am Telephon. Im Berliner Fern- sprechnetz wird demnächst ein neues System, das der sog. Zentral-Batterie zur Anwendung gelangen. Die bemerkenswerteste Neuerung ist, daß dabei die Kurbel fchlt; man nimmt lediglich den Hörer Dom Haken. Dadurch wird ein Strom eingefd)altet der beim Amt eine kleine Glühlampe in Tätigkeit setzt. Durch Auf- und Abbewegung des Hakens kann man bei dem Amt Flackersignale hervorrltfen. Die Gehilfin hat forttvähvend vor Allgen, meldje Stellen noch [predjen. Das lästige Abfragen: „Sprechen Sie noch?" fällt ganz weg. Auch das Rufen der anderen Aemter und der Teilnehmer erfolgt Dom Amte aus mit einem dort gemeinsam zur Verfügung stehenden Strom. Die Batterien, weläze die ©predntcKen heute noch haben, fallen ganz mcg. Eine weitere Quelle des Versagens ist damit auägcfdjalteh
= Eigenartige Gasthäuser. In London machte ein nnto nehmender Mann ein Wirtshaus auf, in dem keine Getränke ohne Speisen Derabfolgt werden; für einen Halfpennn (vier Pfennig) bekommt man ein belegtes Butterbrot und für weitere vier Pfennig ein Glas Bier, doch besteht für die Entnahme von leDterem kein Zwang. Sofort nach Er- öffnung des Lokals kamen eine Menge Kinder und kauften Butterbrot; in der Nabe liegen viele Straßen, wo die Eltern die Kinder sich Tags über selber überlassen müssen, diè dann bei den wenigen erbettelten Pfennigen leben. Der Wirt eröffnete jetzt ein Wirtsbaus für Kinder, mo auch kleine appetitliche Butterbrote für zwei Pfennig verabreicht wer- den. Der Erfolg war mit beiben Arten Gasthäuser ein derartiger. daß der Unternehmer in verschiedenen Teilen Englands 350 Häuser aufzumacben gedenkt.
1 1= NachgemÄchtk Moselwenk. DÄ MkersucMgsrichter des Landgerichts in Frankenthal hat anläßlich der wegen Beihilfe zur Weinfälschung erfolgten Verhaftung des Chemikers Dr. Möslinger bei einer Anzahl Firmen Erhebungen anstellen lassen. Diese ergaben das überraschende Resultat, daß die Firmen aus Neustadt a. H., dem Wohnsitze des Dr. Möslinger, sogenannte Weine, die mit Chemcka- Iten hergestellt waren, zum Preise von 95 Mark für das Fuder bezogen und als Moselweine verkauften.
— Wieder ein amerikanischer Blaubart. In Newyork erschien vor Gericht ein Deutscher, Dr. Georg Witzhoff, besten Leistungen im Heiraten noch die des zum Tode verurteilten Frauenmörders Hoch übertreffen; freilich hat der neue^ Blaubart es beim Betrug seiner Frauen belassen und ist mcht bis zum Mord gegangen. Immerhin hat Witzhon, der sehr distinguiert auftrat, mehr als 50 Frauen geheiratet. Einmal brachte er es in einer Woche zu sieben Hochzeiten. Alle Frauen ließ er im Stich, nachdem er ihre Wertsachen an um erbracht hatte. Der Mensch hat tatsächlich die letzten tuns Jahre von seinen Heirats-Betrügereien aelebt.
= Die Hinrichtung bei Mörders. Im Gefängnisse zu Gabelheim bei München erfolgte die ^tnr'djtungbeé Staub- Mörders Johann Huber genau an dem Tage, da er Jahre das Dienstmädchen Cents Falch ermordet hatte ^er Mörder hatte die Nacht im Schlaf verbracht und geg Morgen Bier und Zigarren verlangt ^"Eü>o^vör die hatte er zurückgewiesen. Als man ihm die,Bmdc vor dic. Augen legte, sagte er ganz gelassen: „^ wäre auch so ■ ° = Das Duell auf dem Meeresgrunde. Vor dem Polizei- gcricht in Palermo hatten sich zwei Zaudjer wegen eines u - qewHnlichen Zweikampfes zu verantworten. Emer von ihnen war auf ben Meeresgrund hrnabgestiegen, um emen gesunkenen Kohlenkahn zu untersuchen. Als 'hw sem Kol icae dorthin folgte, erblickte der erste darin eine Verletzung des alten Taucherrechtes, demzufolge dem ersten, .der am Meeresgrunde anlangt, alles zusteht, was ^ 'm nun 30 Metern finbet. Es entstand tief unten ein hitziger Streit Als man ben zuerst hinabgestiegenen Taucher al
urteilt, ____________