Nr. 179.______________________
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Mittwoch, den 2, August 19u5,
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__14. Jahrgang
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für ©Bergen und die Steife Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Stefan und Umnebuna Enthält alle nmtlicken Bekanntmachiwc,cn der Gro^h. Bürgermeisterei Siefan und anderer Behörden von Oberhessen “
Das Wahlrecht der Städte.
Nach dem b sherigen Wahlgcs tze, das allerWahrschein- lichkeit nach auch auf für die kommenden Landtagswahlen in Wuksamkeit bleiben wird, wählen die Städe 10 Abgeordnete (städtische Mandate svhen übrigens diesmal nicht zur Neuwahl) ; von diesen werden je 2 in Mainz und Darmstadt, je einer in Worms, Off nbach, Gießen, Alsfeld, Friedberg und Bingen gewählt. Da die sog. Wahlrechtsreform mit dem diesmalig n Scheitern voraussichtlich nicht endgültig erledigt, sondern wahrscheinlich vielleicht in etwas anderer Form wieder austauchen wird, so lohnt es sich, eine Betrachtung über das Wahlrecht der Städte in quantitativer und qualitativer Beziehung um so mehr anzusteUen, als die Frage des städtischen Wahlrechts nunmehr schon wiederholt ein Hauptgrund für das Scheitern der neuen WahlrechtS- vor.age gewesen ist. Denn die Zweite Kammer der vorigen LegiSlatUlperiode wollte überhaupt keine Vermehrung der städtischen Mandate und diesmal hob die Zweite Kammer das alte Privileg der drei kleinen Städte aus. Wie dem nun sei, sicher ist, so schreibt daS „Wormser Tageblatt",
der
daß eine Wahlrechtsvorlage nur bei Vermehrung städtischen Mandate unter Wahrung der Privilegien der kleinen Städte Aussicht auf Erfolg hat.
Was nun die Vermehrung der städtischen Mandate
an«
belangt, so hat die Regierungsvorlage auch zwei wesentliche Mängel, daß sie nämlich einmal unterschiedslos jeder der fünf größeren Städte einen Wahlkreis unhr geben will, ohne Berücksichtigung der Seelenzahl und der Aussicht auf Wachsen in der Zukunft, und zweitens, daß sie den städtischen Wahlkreisen nicht diejenigen Orte zuteilt, die über kurz oder lang der Eingemeindung aller Voraussicht nach verfallen. In dieser letzteren Beziehung hat ja allerdings der Wahlgesetz- ausschuß der Zweiten Kammer einen etwas anderen Weg eingeschlagen, indem er die Octe Heuchelheim und Wies eck den städtischen Wahlkreisen Gießen zudachte. Das war allerdings ganz unangebracht; denn Wresck und Heuchelheim liegen so abseits von Gießen, daß eine Eingemeindung dieser Orte an Gießen für absehbare Zeiten als ausgeschlossen erscheint. Es ist bei dieser Sachlage nicht zu verwundern, daß manche diesen Vorgang so deuteten, als habe es sich um eine Entlastung des Wahlkreises Gießen- Land von diesen sozialistischen Orten gedreht. Wenn man bloß von der heutigen Sachlage auègeht, so erscheint es für völlig unbegründet, die Stadt Gießen auf eine Stufe mit der Stadt Worms zu stellen, bei einem Einwohnerunter- schied von nahezu 20 000 Seelen. Entsprechender ist es schon, wenn Worms mit Offenbach, und Darmstadt mit Mainz auf eine Stufe gestellt werden.
Aber noch anders wird die Sachlage, wenn die Eingemeindungspolitik in Betracht gezogen wird. Da hat für absehbare Zeit Gießen und Worms keinen außergewöhnlichen Zuwachs und Darmstadt höchstens den von Arheilgen zu erwarten. Was aber Mainz anbelangt, so steht die Einverleibung der großen Vororte Mombach, Bretzenheim, Gustavsburg und Griesheim bevor, und wohl auch die Einverleibung von Kastel, Kostheim, Weistnau und Marienborn ist nur eine Frage der ßdt, sodaß Mainz in wenigen Jahren einen großen Vorsprung in der Seelenzahl vor Darmstadt haben w rd. Unter diesen Umständen würde eè sich empfehlen den größeren Städten, einschließlich der zu benennenden Vororte, folgende Anzahl von Mandaten zuzuerkennen: Mainz 4, Darmstadt 3, Offenbach 2, Worms 2 und Gießen L Als Durchschnittseinwohnerzahl hätte dann etwa 35 000 zu gelten. Dann wären die Verhältnisse aus längere Znt gerecht geregelt, und dabei wäre unsere Provinz um einen wahrhaft ländlichen Kreis reicher.
Aber auch die Frage der Regelung der Art des Wahlrechts gehört anders erledigt. Viele, welche das direkte Wahlrecht (nach Art deS Reichstagswahlrechts) für die ländlichen Bezirke befürworten, wollen es nicht für die Städte, weil das sozialistische Proletariat derart ausschlaggebend würde, daß das alteinges ssme Bürgertum überhaupt nicht mehr zum Worte käme. Das Mitglied der Ersten Ständekammer, Reichstagsabgeordneter Frhr. v. Hkys, hat nun, leider ohne Erfolg, in der Ersten Kammer den Versuch gemacht, den Mißstand dadurch zu beseitigen, daß er bean* tragte, die fünf größeren Städte nach der Verhältniswahl wählen zu lassen. Daß der Antrag kein reaktionärer ist, geht schon dareus hervor, daß in dem demokratischen Württemberg das Proportionalwahlrecht für die Städte gelegentlich des kürzlich angebrachten Entwurfs auf Verfassungsänderung den Ständen vorgeschlagen und von diesen nicht nur angenommen, sondern wahrscheinlich auch noch in
dem Ämne ausgedehnt weiden wird, daß jeder der vi r Kreise eine Anzahl Abgeordocter nach dem Pcoporz wählt. Aus ad* dem erhellt wohl, daß die Neueinbringung eines Wahlgesetzes von vornherein wieder wenig Aussicht hätte, falls nicht hm- sichtlich des Wahlrechts der Städte nach den verschiedenen Richtungen bessere und gerechtere Bestimmungen getroffen werden.
Kalt Blut!
Es gibt keine Sauregurkenzeit mehr. Seit Jahren nicht Wenn früher die Parlamente auf Sommerurlaub gegangen waren, die Minister von der Ferienfrische aus die Staak- geschäfte führten — da gab es eben keine Staatsgeschäüc mehr, die Politik ruhte, und es begann der Reigen bei Fabeltiere, die den Würmern glichen, die nicht sterben. Tic „Seeschlange" tauchte auf, in grausiger Länge und unwahrscheinlichen Windungen, von den glaubwürdigsten Schiffern bezeugt, die „längste Aehre" fand sich ein, der Methusalem unter den Maikäfern wurde produziert und mit den Ahnen verglichen, kurz: man dämmerte in der Sonnenglut ohne Aufregung hin. Dieser idyllische Zustand ist zur Sage ge worden. Der japanisä)-chinesische Krieg, der Borerausstant und seine Niederwerfung durch das vereinigte Europa, der dreijährige Feldzug der Engländer gegen die Transvaalrepublik, der jagamjch-r'ussisehe Krieg, der jetzt achtzehn Monate währt und nur unsichere Aussichten auf das Ende eröffnet, der Aufstand in Deutsch-Südwestafrika, der auct den zweiten Sommer zu überdauern droht — alle diese Ereignisse haben eine vollständige Verschiebung zuwege gebracht, so daß man sich gewöhnt hat, vom Sommer die größten „Sensationen" zu erwarten. Und aus der Gewöhnung ist, wie üblich, eine Verwöhnung geworden. Stellt sich dic Sensation nicht freiwillig ein, so wird sie gemacht, zur Not direkt erfunden^ und die Einbildung wird für Wahrheit genommen.
Der gegenwärtige Hochsommer ist der scnsationshung- rigste, der je dagewesen. Die Marokko frage bildete sozusagen das Präludium. Hier hatte die öffentliche Meinung gewissermaßen den Anschluß versäumt. Als sie aufmerksam tourbe, war die eigentliche Sensation schon vor. über. Der von der leichtherzigen Gewissenlosigkeit Delcassös hercufbeschworene Konflikt zwischen Frankreich rind Deutschland und die damit verbundene sehr nahe Kriegsgefahr hatte eigentlich erst Beachtung gefunden, nachdem es der Klugheit und Entschlossenheit Rouviers gelungen war, Herrn Delcass^s klebende Zähigkeit zu überwinden und ihn mit Anwendung sanfter Gewalt aus beni Ministerium hinaus- .mbefördern. Als die Organe der öffentlichen Meinuna zu tiemmeln begannen, war die Gefahr bereits vorüber, hätte man richtiger Friedenssckralmeien blasen sollen. Seitdem hat sich die öffentliche Meinung nicht mehr beruhigt. Sie hat sich allem Anschein nach nicht verzeihen können, daß sie nicht zur rechten Zeit erregt gewesen ist und Lärm geschlagen hat. Um diesen Fehler sicher nicht zu wiederholen, hat sie sich fest voraenommen, von jetzt ab die möglicherweise fommenben Sensationen vorauszusehen und sie vorgreifend zu begrüßen. Der Vorsatz ist so getreulich ausgeführt worden. daß die öffentliche Meinung nicht wieder zur Ruhe ge- kowmen ist. Was geschah und ivas nicht geschah, was nach bestimmter Voraussage eintraf und was sich unerwartet ereignete, war gleichmäßig Anlaß zur Erregung. Der Krieg war sicher, zur See wie zu Lande. Nur die Gegner stau den noch nicht cymd fest. Um den Kriegsgrund war man nicht verlegen. Der Krieg wurde einfach als eine Notwen digkeit empfunden, er lag in der Luft; man hielt sich überzeugt, die Gewehre müßten bald von selbst losgehen.
Das war in Frankreich die herrschende Anschauung, sic war es in England und nicht zuletzt in Deutschland — so weit eben die Bevölkerungskreise von Sensationslust ergriffen waren. Was Rußland anging, so hielt man sich beinahe für betrogen, wenn einige Tage lang von dort aus kein Attentat, keine Meuterei gemeldet wurde. Dem Moskauer Semstwokongreß hat man seinen sanften Verlauf förmlia übelgencmmen. Daß der Zar nicht abgelebt, die Steuerbei weiger ung nicht proklamiert wurde, ernpfand man als eine Art Beleidigung. Man hatte sich doch schon darauf gefreut und das Sensationsbedürfnis verlangte danach.
Die Nordlandsreise Kaiser Wilhelms, seine vom Zaren geNr'inschte Begegnung mit diesem in den finnischen Schä ren, sein Besuch in Kopenhagen, das Anlaufen des deu schen Geschwaders im Hafen der dänischen Hauptstadt, dic seit Mai airgemeldete Uebrrngsfahrt einer englischen Flott, in der Ostsee, der durch Panzerschiffe vermittelte englisch französische Höflichkeitsaustausch — das war beinahe schoi zuviel Stoff für die Sensationslüsternheit, der übrigens auch vorher der Zivillord der enalischen Admiralität, Lee durch ungeschickte und deutungsfähige, der emeritierte eng lische Admiral Fitzgerald im Vollgefühl seiner Unveranu Wörtlichkeit durch grobe und unzweideutige Reden unk Schriften Nahrung genug gegeben hatten.
Einzig die Verantwortlichen sprechen nicht, weder die Regenten noch ihre berufenen Ratgeber. Wo sie es taten, sprachen sie zum Frieden, gaben sie Freundsckaftsversicbe- rungen ab. Auch geschah nichts, absolut nichts, was als eine Vorbereitung 311 einem Wechsel in der friedlichen Haltung nur hätte ausgelegt werden können.
Woher also der Lärm .
Qum Qärm?n . llmreg'mg, Ne ricavinr.^f Ä SÄ* BÄ B«e
Neue Kämpfe in Südafrika!
Wie aus Meldungen des Generals von Trotha hervor. ,eht, stehen unsere Truppen in Dcutsch.Südwcstasrika am Grabend neuer Kämpfe gegen die Witbois, die von ihren Schlupfwinkeln auf englischem Gebiet wieder in deutsches -and vorzustoßen beginnen.
Wo ist Hendrik Witboi?
Ueber Hendrik Witbvis Aufenthalt waren widerspre- hende Nachrichten im deutschen Hauptquartier .eingetrof 6n. Anfang ^nli war von Major von Estorff gemeldet Hendrik Witboi stehe mit einem starken und ansehnlichen Anhang auf englischem Gebiet bei Lehutitu in der Abi! i )kl Begum der Regenzeit in deutsches Gebiet einzusallen 8ald darauf kam von einem Agenten die Nachricht, Hendrii er in vier Kolonnen im Anmarsch, um sich mit dem nack )6m Nordost-Rand der großen Karasberge geflüchteten Räuber Morenga zu bereinigen. Durch Aufklärungen^unfe- er Truppen wurde diefe Agenten-Meldung nicht bestätigt voh! aber Ansammlungen von Hottentotten-Banden unt Durchzüge feindlicher Trupps in der Nähe von Gibeon fest, gestellt. Neuerdings haben sich die Anzeichen gemehrt, daf )ie Witbois beu Au ob nach Westen überschritten haben, unè :reu gebliebene Leute vom Bersebo-Stamm wollen Hendrii elber in der Naukluft gesehen haben. Diese Aufklärungen laben nun zu einem sicheren Resultate geführt. Es wird wrüber berichtet:
Generalleutnant von Trotha meldet, daß nach zuver> lässigen Nachrichten Hendrik Witboi und Samuel Jfaal nach bem Hudup-Revier gelangt waren. Sie sollen fick neuerdings nach dem südlich davon gelegenen Keitsub-Re- vier gezogen haben. Der General wird nach erfolgter Bestätigung dieser Nachricht alle verfügbaren Kräfte zum Angriff einsetzen.
An anderen Stellen des Kriegsschauplatzes haba l bereits Zusammenstöße stattgefunden.
Die Verfolgung des Häuptlings Coruelius.
Nach dem Gefecht bei Keidorus am 27. Juni wurde so- 'ort die Verfolgung der Scharen des Cornelius aufgenom- neu. Darüber liegen folgende Meldungen vor:
Es fanden wiederholt Zusammenstöße mit dem den Abzug seiner Werften deckenden Gegner statt, und die feindlichen Stellungen mußten zum Teil mit dem Bajo. nett gestürmt werden. Der Feind hatte beträchtliche Verluste an Kriegsleuten, Pferden und Vieh, seine durch wilde Felsschluchten führende Rückzugsstraße zeichneten liegengebliebene Hottentottenleichen, Kadaver geschlachte« ter Rinder, sowie zurückgebliebenes Jungvieh.
Die Schwierigkeiten, die unseren Truppen durch ^ Uw vegsamkeit des Geländes bereitet find, werden noch erheblich ^"^ Aufhebung von Verpflegungs-Transporten
-erwehrt. So wurde am 20. Juli hei Seß-Kameelbaum, 30 Kilometer nördlich Glbeon, eine Verpflegungskolonne von 5 Wagen durch eine etwa 150 Mann ^?^. H^^nwtten- janbe überfallen und geplündert. Auch nördlich vom Oram jeflufa gelang es schwächeren §ottentotten6anben, faer uni >0 deutsche Verpflegungstransporte anzufallen. Die Ve^ pflegung der im Süden fechtenden Truppen Wirb durch Mefe Unsicherheit der Zuftchp beeinträchtigt,
politucbe Kuti ->; k
Deutsches Reid),
* Der neue Handelsvertrag zwischen dem Teutschen Reich und Bulgarien ist gestern in Berlin von dem Unterstaats- fefretär des Auswärtigen Amts Dr. von Muhlberg und den bulgarischen Delegierten unterzeichnet worden.
* Wenn auch als ein unwesentlicher, so doch unmerhin beachtenswerter Schritt zur Verminderung der Flelschnot kann eine Vereinbarung zwischen dem Deutschen R el che , um) Luremburq betrachtet werden. Nachdem die ^chlachtvleh- und Fleischbeschau im Großherzogtum Luxemburg neu remis und mit den vom Teutschen Reiche über den gleichen Gegenstand erlassenen Bestimmungen in Uebereinstimmung gebracht worden ist soll Fleisch, das in Luxemburg nach den