Nr. 28.
Donnerstag, den 2. Februar 1905.
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
e tchießerrer U»geSr«tt) Unabhängige Hageszntnng (Hießener Zeitung)
für Oßerhefsen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält Oe amtliche» Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheg«,.
Bril unserm ?ürstenhsuse!
Zur Vermahlung unseres Grotzherzogs Ernst Ludwig mit Prinzessin Eleonore zu Lolms-yohtnsolms-luch.
in einziger gewaltiger Jubel durchbraust heute das ganze Hessen- Volk: Sein Fürst Großherzog Ernst Ludwig führt ihuz die Landes- mutter zu. Keine Fremde auS mächtigem Fürstenhause der Newa oder Donau zieht zu Darmstadts Thoren herein, sondern eine Tochter seines Landes führt Ernst Ludwig auf den Hessenthron. Ihn leiteten bei der Herzenswahl nicht die Welthandel, ihn banden nicht die politischen Rücksichtnahmen, nein, als freier Mann schritt er unter sein Volk und trug der Gefährtin seiner Kindertage Hand und Herz zum LebenSbunde an. Nicht die Lust, in der man gewohnt ist, die Geschicke der Völker zu diktieren, bringt Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms- Lich ihrem hohen Gemahl auf den Thron mit, wohl aber unzählige Fäden und Beziehungen, die sie mit dem Vclke verknüpfen, um das starke Band zwischen Herrscherhaus und Volk, dem sie jetzt Landes- mutter sein soll, noch fester zu weben. Der Jubel deS Hessenlandes ist deshalb verständlich. Wohl nirgends mehr besteht ein so inniges Verhältnis zwischen Fürst und Volk wie hier. Aber nicht nur das Volk der Hessen und nicht nur die, die in den Traditionen der Monarchie heranwuchsen, huldigen Großherzog Ernst Ludwig, sondern auch in den Reihen derer, die über die heutige Ordnung hinweg zu einer anderen Weltanschauung schritten, in den Reihen der Sozialdemokratie findet man Töne der Anerkennung für ihn. „Seine Gestalt ist uns sympathisch," erklärten vor einigen Tagen ihre Vertreter im Mainzer Stadtrat. Eine solche Volkstümlichkeit teilt kein anderer Herrscher mit Ernst Ludwig. Der giftige Geifer, den das große Meer der heutigen Unzufriedenheit auSwirft, reicht an sein Bild nicht heran!
Und Fürst und Volk wissen dies mächtige Band zu würdigen, das zwischen ihnen gesponnen ist, sie wissen, daß sie gemeinsam das Hessen - land auf die Höhe getragen haben, zu der die Welt bewundernd auf- blickt. Vertrauen ist gegen Vertrauen getauscht worden. Eng einander verbunden sind Fürst und Volk den Weg gewandelt. Das ganze Hessenland kündet, daß sein Großherzog scharfen AugeS über seine Geschicke
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Darmstadt, den 2. Februar 1905.
Gestern Abend fand die zu Ehren der Hohen Vermählten von den vereinigten Männergesangvereinen veranstaltete große Serenade im sog. Glock-nhofe des Residenzschlosses statt, an der sich 29 Vereine mit ca. 500 Sängern unter der Leitung deS Dirigenten des Gesangvereins „HumanitaS", Herrn Fahr beteiligten. Die Sänger brachten unter der schneidigen und verständnisvollen Leitung des Herrn Fahr die folgenden 4 Chöre mit Ausdruck und Gefühl zu kraftvollem Vortrag: „Die Himmel rühmen deS Ewigen Ehre" von Beethoven, „Es steht ein Baum im Odenwald" von A. Ackermann, „Das stille Tal" (Volkslied) und „Rosenzeit" von L. Liebe. Der Großherzog, welcher mit seinen Hohen Gästen zum Hoffeste vereinigt war, hatte mit Beginn deS zweiten LledeS mit Seiner Hohen Braut von den Fenstern der Assemblee-Zimmer im Ersten Stock aus dem Gesänge beigewohnt. Nach Beendigung desselben sprach er etwa Folgendes: „Ich Dante auch im Namen meiner Braut nicht nur für die schönen Lieder, welche Sle so herrlich gesungen haben, sondern auch für die Empfindung, mit welcher dieselben zum Ausdruck kamen." Vorher dankte im Namen des Ausschusses der Präsident Herr HanS Schramm für die Huld und Gnade, in der Die Lieder entgegengenommen wurden und brachte auf das hohe Brautpaar ein mit Begeisterung ausgenommenes Hoch aus. Die Sänger stimmten dann noch gemeinsam: „Sie leben Hoch" ein,
wacht, daß er seinen geistigen und materiellen Gütern Schützer und Mehrer ist, daß er das Ansehen des Staates mit starker, fester Hand hebt, nicht in glänzenden politischen Erfolgen nach außen hin, sondern auf dem Gebiete innerer Wohlfahrt, in der Schöpfung und Vervollkommnung sozialer Einrichtungen, die der ganzen Kulturwelt als Vorbild dienen.
Großherzog Ernst Ludwig ist Mensch, seine Würde ist nicht als Schranke zwischen ihm und das Volk getreten; er ist nicht nur der Repräsentant desselben, sondern auch der gute Kenner deS Volkes, der mitten unter ihm schreitet und am Pulse dem Schlage seiner Lebens lauscht. Und darum steht daS Hessenvolt fest zu ihm, darum trauerte eS mit seinem Landesfürsten, als das Verhängnis mit seinen düsteren Fittichen über seinem Hause rauschte, und darum jubelt es jetzt auch auf, wo die Stunde gekommen ist, die Großherzog Ernst Ludwig daS lang und schmerzlich entbehrte Familienglück in der anmutigen und liebreizenden jungen Großherzogin Eleonore bringt.
Großherzogin Eleonore hat im Sturme alle Hessenherzen gewonnen. Ihr Einzug in deS Landes Hauptstadt war ein einziger Triumphzug.
Hessenbraut, die Darmstadt naht, Umjauchzt auf allen Wegen,
Dich grüßet auch die alte Stadt Und wünscht Dir GotteS Segen.
So begrüßte die junge Landesfürstin in Alt-Darmstadt ein farbige- Transparent, von der Stimmung der ^Bevölkerung beredte- Zeugnis ablegend.
Wenn diese Zeilen dem Leser zu Augen kommen, dann hat der Salut der Geschütze mit gewaltiger Stimme in die Welt hinau-gedonnert, daß Ernst Ludwig mit seiner Lebensgefährtin die Ringe gewechselt, daß Hessens Thron wieder eine Großherzogin bestiegen. Aber durch die hessischen Lande wird er fort und fort tönen, wird er von Grenze zu Grenze fliegen und nie mehr verklingen der Ruf:
Keil unserem Kerrscherpaare!
* worauf die sehr einfache aber würdige Feier ihr Ende erreicht hatte.
Zu dem eigentlichen Hosfefte waren ca. 170 Personen, Damen und Herren der Hofgesellschaft, die Gesandten, die Minister und Spitzen geladen. Dasselbe verlies sehr einfach; daS Brautpaar hielt Cercle und später waren Büffets und Erfrischungen ausgestellt. DaS hohe Paar unterhielt sich auf daS liebenswürdigste mit den Gästen und fand das Fest gegen 11 Uhr sein Ende.
Die sämtlichen hier zur Hochzeit-feier anwesenden Fürstlichkeiten waren anwesend; auch Prinz Friedrich Karl von Hessen und Gemahlin, welche Nachmittag- 5,23 mit dem fahrplanmäßigen Schnellzuge auS Frankfurt eingetroffen waren. Von fremden Gesandten sind anwesend und wohnten der Feier bei: Der belg. Gesandte Baron Greindl, der oestereich. Gesandte Freiherr von Pereira, der württemb. Gesandte Freiherr von Soden, der sächsische Gesandte Freiherr von Friesen, der Hess. Gesandte in Berlin von Neidhardt.
Herr Pros. Noll dahier hat Ihrer Durchlaucht der Prinzessin- Braut einen Hochzeit-Marsch, den „E l e o n o r e n - M a r s ch" gewidmet, welcher den großen Beifall deS Großherzogs fand, sodaß er denselben dem Musikdirektor Hilge zum Instrumentieren übergab. Der Marsch wird heute zum ersten Mal zu Beginn der Hochzeitstafel von der Kapelle Hilge, welche die Tafelmusik stellt, zum Vortrag kommen.