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Aeueste DsHriHten
(Hreße«er Tagevtalt)
Nnaöhängige Tageszeitung
(Hießener Zeitung)
für Oberyessm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gietzm und Umgebmg. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Deutsch-amerikanischer Handelsvertrag
— Ein Interview mit dem Fürsten Bülow. —
Der Reichskanzler Fürst Bülow hat dem Berliner Vertreter des amerikanischen Presse-Verbandes, Herrn Minier Roberts, eine Unterredung gewährt, in der er den Standpunkt des Teutschen Reiches zu dem Handelsverträge mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika darlegte.
Der Reichskanzler wies zunächst darauf hin, daß der alte Zolltarif von 1879 mit Rücksicht auf die deutscl)e Landwirtschaft habe abgeändert werden müssen. Diese im Tarif von 1902 zum Ausdruck gebrachte Tendenz sei dem Abschlusse neuer Handelsverträge durchaus friedlich, wie sich aus dem Abschlusse einer Reihe neuer Handelsverträge ergebe. Das deutsche Handelsabkommen mit Amerika vom Jahre 1900 ist, wie der Reichskanzler weiter ausführte, ausdrücklich auf die alten Zollsätze gestellt. Daher verliert mit dem 1. Januar 190G, dem Tage des Inkrafttretens der neuen Zollsätze, das Abkommen seine Grundlage, und es muß gekündigt lverden. Selbstverständlich habe die deutsche Regierung den aufrichtigen Wunsch, mit der Regierung der Vereinigten Staaten zu einer neuen Verständigung zu gelangen. Der Botschafter Speck von Sternburg, b^r in den nächsten Tagen auf seinen Posten in Washington zurückkehrt, wird, wie Fürst Bülow erklärte, der amerikanischen Regierung entsprechende Vorschläge vorlegen. Ueber die Tendenz dieser Vorschläge ließ sich der Reichskanzler wie folgt vernehmen:
Unsere Anträge werden sich in einem nach unserer Ansicht durchaus erfüllbaren Rahmen halten, und wir werden sicherlich mit keiner Forderung an die amerikanische Regie- -rung herantreten, die ein Lebensinteresse des dortigen Wirt- Ichaftsorganismus verletzt. Mir scheint, daß die $ n t c r - >essenten auf beiden Seiten bald ihre Wünsche zu hoch spannen, bald in ihren Befürchtungen zu weit gehen. Die beiden Regierungen sind eher in der Lage, das Mögliche und Erreichbare abzumessen. Wir glauben daher zuversichtlich, daß sich zwischen, dem amerikanischen und dem deutschen Standpunkte durch Entgegenkommen von beiden Seiten ein gerechter und billiger Ausgleich finden lassen wird.
Für die zweckmäßigste Förderung des Merkes schlug Fürst Bülow einen offenen Meinungsaustausch zwischen solchen Männern beider Länder vor, die auf dem Gebiete der Zoll- und Tariffragen hervorragend erfahren sind. Eine freundliche Aussprache und ein Kennenlernen des Standpunktes des anderen Teils wirkt, wie Fürst Bülow mit Recht bemerkte, immer versöhnlich und förderlich. Vielleicht würde man auf diese Weise am sichersten und schnellsten zu einer Verständigung gelangen.
Mit der nochmaligen Versicherung, daß er diese Verständigung aufrichtig wünsche, schloß der Reichskanzler seine Darlegungen.
Ver Zar giebt nach!
^'^upland soll eine Verfassung nach westeuropäischen, Muster erhalten. Das ist der kurze Sinn des Manishs, das Zar Nikolaus II. der drohenden Revolution als Ve«
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Theater-Derem Gießen.
Der Graf vo« Charolais.
Trauerspiel in 5 Akten von Richard Beer-Hofmann.
Schwer ist der Tritt deS Grafen von Charolais und sein Weg bestimmt. Er weicht nicht ab und wenn er durch Hornenschläge und freudlose Lebenslüsten geht, er muß ihn gMn, er m u ß, er kann nicht anders, alle praktischen Be- stimrnungSgrüvde treten zurück, ihn bestimmt nur der kategorische Imperativ und das macht ihn groß und erhaben, erfüllt aber auch fein Leben mit tiefer Tragik.
Sein Vater, der General von Charolais, ist gestorben, arm gestorben, ja mehr als daS: er hat sich, während er dem Lande Provinzen und Frieden gewann, nicht einmal die paar Quadratfuß Ecde erworben, um darin den letzten Sch«f zu schlafen, er ist verschuldet und harte Gläubiger schließen seine Leiche in den Schuldturm und verweigern das Begräbnis. Vergeblich bietet der Sohn, der mit reiner, heißer Kindesliebe am Vater hängt, alles auf, den Leichnam zur Bestattung herauSzubekommen, die Gläubiger bleiben ungerührt. Vor dem Parlamentsgerichtshose macht der Gras von Charolais den letzten Vorschlag: er, der jung und stark ist, will den Gläubigern seine Freiheit zum Pfande geben und für die Verpflichtungen deS Vaters im Schuldturm bürgen. Dieser Opfermut schlägt auf den Präsidenten, er jagt gut für die Forderungen und nimmt den jungen Grafen von Charolais als Sohn in sein HauS. Drei Jahre verfließen. Als wir den Grafen von Charosais miebertriffen, hat er die Tochter deS Präsidenten, die liebreizende Desiree, als Gattin heimgeführt und ist Vater eines KindeS. Die Ehe ist eine sehr glückliche. Da tritt ein früherer Liebhaber, Bhilipp Rochfort, ihres Vaters N»ffe und Mündel wieder Desires Leben. Obwohl sie ihn niemals begünstigt hat, A ein starker magnetischer Strom von ihm auf sie
Mittwoch, den 1. November 1905
A«iertto«-pre1-i Die einspaltige Petttzeile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petttzeile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Haupterp editton: Gießen, SelterSweg 88.
Fer»sprech«nUchl»ß Nr. 863.
sänftigungSmittel Mgegenhält. Der explosive Slusbnidj !des Volksverlangens, der in den letzten Tagen das Zaren- reich in seinen Grundvesten erzittern ließ, hat den passiven und aktiven Widerstand gegen die Gewährung zeitgemäßer Reformen am Kaiserhose hinweggefegt. Ob allerdings die entfesselte Leidenschaft der Massen und die Wünsche der extremen Intellektuellen sich ganz zufrieden geben werden mit diesem späten Einlenken, muß abgewartet werden. Die Meinungen und Auffassungen über die Wirkung des Mani, festes find geteilt, obwohl in den drei Leitsätzen, im Gec?n, satz zu den bisherigen Maßnahmen, viel, recht viel ?er sprachen wird.
Das Manifest.
Es heißt nach der üblichen Einleitung, in der ein N ick- blick auf die Ereignisse geworfen und der Schmerz des Volkes als der Schmerz des Herrschers bezeichnet wird, in dem Manifest wörtlich:
Wir legen der Regierung die Pflicht auf, wie folgt unseren unbeugsamen Willen zu erfüllen: 1. der Bevölkerung die unerschütterlichen Grundlagen der bürgerlichen Freiheit zu verleihen, die gegründet ist auf die Unverletzlichkeit der Personen, die Freiheit des Gewissens, der Rede, der Versammlungen und Vereinigungen; 2. ohne die früher angeordneten Wahlen für die Reichsduma c’if- zuschieben, zur Teilnahme an der Duma in dem Ma^e, als es die Kürze der bis zur Einberufung der Duma noch ablaufenden Zeit gestattet, die Klassen der Bevölkerung zu berufen, welche jetzt der Wahlrechte völlig entbehr.m, wobei sodann die weitere Entwickelung des Grundsares des allgemeinen Wahlrechts der neuerdings begründeten gesetzgeberischen Ordnung der Dinge überlassen wird, und
3. als unerschütterliche Regel aufzustellen, baß kein setz in Kraft treten kann ohne Genehmigung der Rei- duma und daß den Erwählten des Volkes die Möglich der wirklichen Teilnahme an der Überwachung der setzlichkeit der Handlungen der von uns ernannten Hörden gewährleistet wird.
Wenn das alles erfüllt wird, dann würde bei aus.
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tigern guten Willen der Regierenden sich allmählich vielleicht das öffentliche Vertrauen ihnen wieder zuwenden. A er wird es so sein? Zn oft ist den schönen Worten die bittere Enttäuschung gefolgt, fo daß nur ein glücklicher Optimismus sich unbeschränkt der Hoffnung auf eine bessere Zukunft hingeben sann. Es lebt im russischen Volke trotz alledem und alledem erfreulicherweise dieser Optimismus.
Eine hoffnungsvolle Stimme.
So erhält b:e „Deutsche Reform-Korrespondenz" v n einem hervorragenden Mitgliede der in Berlin lebenden russischen Kolonie folgende Meinungsäußerung:
„Die russische Revolution ist beendet — Zar Nikolaus II. hat sie durch weise Nachgiebigkeit besiegt. Es war hohe Zeit, daß es gesetzt). Der Zar, der sich dazu entschlossen, die Räte, die ihm den Entschluß eingegeben, haben sich um Rußland und um die Dvnastie der Romanows im höchsten
über, der sie in den Bann des Verführers zwingt. Am Kaminfeuer kommt es zu einer hochdramatischen und feinsinnig gearbeiteten symbolischen Szene: der Ehebrecher, der das Feuer schürt, verbrennt sich die Hand. Desiree verbindet sie ihm und folgt ihm dann in ein Kupplerhaus. Dort findet der Graf Charolais das Paar. Den Verführer erwürgt er sofort, während er Desiree vom eigenen Vater zum Tode verurteilen läßt. Mit eigener Hand vollzieht die Verurteilte das Verdikt und inachdem Gras Charolais den Sohn der Obhut des erprobten Freundes übergeben hat, stürzt er hinaus in die Welt — ein haltloser Mann, ein Mann, dem der Glaube an Liebe und Treue zerstört wurde.
Mit furchtbarer dramatischer Wucht saust der eherne Schicksalshammer auf den Helden herab und mit eiserner Folgerichtigkeit erfüllt sich das Geschick des Grafen v. Charolais. Groß und gewaltig wächst er an, so gewaltig, daß er dem Dichter die Form zersprengt. Das Stück besteht aus zwei Teilen, die nur lose, wenn auch nicht unmotiviert, miteinander verbunden sind. Dringen wir tiefer ein in das Werk, so stoßen wir bald aus die charakterischen Merkmale des Doppeldramas, ganz besonders scharf prägt sich aber die doppelte Exposition aus, wo die inhaltliche weit über die technische des einfachen Dramas hinausfällt. Denn während diese der erste Akte zuende führt und auch noch die erste Steigerung ausnimmt, geht die andere bis in den zweiten Akt. Hätte Beer-Hofmann die Katastrophe gleich auf das Doppeldrama gespannt, so wäre sein großangelegter Graf von Charolais noch größer und gewaltiger gewesen. Im ersten Teil hätte sich dann das Gegenspiel — die Absichten Philipps — schärfer herauSarbeiten lassen. Kraft genug hätte der Dichter besessen; verschiedene Partien, über die jetzt skrupellos der Blaustift gehen darf, wären in ganz anderen Fluß geraten, beispielsweise hätte Beer-Hoffmann Destins Rekapitulation in der VersührungSszene sparen können, da
14. Jahrgang
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Aaßc_ verdient gemacht. Denn dreie Dynastie wâr in äußerster Gefahr. Das russische Volk trennt sich nur schwer dem der leit Jahrhunderten überlieferten Loyalität gegenüber dem Herrscherhaus — doch die Zeit des Selbstherrscher- tnms war um, war unwiderrnflich dahin, und wer sie halten wollte, der wendete den Zorn des Volkes nicht von der alten, überholten Einrichtung ab, sondern gab in deren Träger dem Volkszorn ein neues Ziel.
Es ist nirgend gesagt, aber man kann vermuten, wer dem Zaren den guten, ben allein möglichen Rat gegeben hak. Pobjedonoszew war es nicht. Der hat sich, wie imm r, in Zeiten der Gefahr, feige versteckt und sich für todkra ik ausgegeben, damit die Volkswut ihn vergesse oder schone. Graf Witte hat den Mut gehabt, dem Zaren zu empfehlen, daß er die Revolutiou zerbreche, indem er sich an ihre Spitze stelle. Und Zar Nikolaus hat den Mut gehabt, diesem mutigen Rat zu folgen. Vor mehr als sieben Monaten bat Zar Nikolaus, den Einflüsterungen Pobjedonoszews gehorchend. die Einrichtung einer Neichsduma verheißen, die bem Selbstherrschertum keinen Eintrag tun sollte. Tie Reichsduma war die Karikatur eines Parlaments. Sie sollte öffentlich nur reden dürfen, wenn sie befragt wurde: sie sollte nichts beschließen, nur raten dürfen, und niemand war gehalten, auf ihren Nat zu hören. Eine Wahlordnung, von Pobjedonoszew und seinen Kreaturen entworfen, ließ nur wenige Wahlprivilegierte bestehen und stellte die Privilegierten unter die Drohung administrativer Willkiir, wenn sie von ihrem Privileg mißfälligen Gebrauch machten.
Zar Nikolaus erkannte, daß man ihn betrogen hatte, als man ihm das Festhalten am selbstherrscherlichen Regiment empfahl, als man ihn verleiten sollte, zu dulden, daß an seinem eigenen fürstlichen Wort gedreht und gedeutelt wurde, bis sein ganzer Inhalt verschwunden war. Zar Nikolaus hörte endlich auf den Manu, der ihm lange Zeit ein unbequemer Mahner und ein verkörperter Widerspruch geworden war. Er tat das Klügste, was getan Werben, das Einzige, was noch retten konnte: er sagte unumwunden dem Absolutismus ab und gab Rußland eine Repräsen- tativ-Verfassung, dem russischen Volk Grundrechte
Tas ist ein ungeheurer Fortschritt. . '
Unter den obwaltenden Umständen war es ein großes Wagnis wenn auch ein notwendiges, und es ist vollkommen geglückt. Tas russische Volk hat für das unwiderrufliche Verfasßlngsgeschenk, das ihm der Zar gemacht, und für den Wert dieses Geschenks volles Verständnis gehabt und sofort ein Gegengeschenk dargebracht, indem es zur Ruhe zuriick- kehrte, die Ordnung herstellte, sein Vertrauen kundgab. Ter Ausstand der Eisenbahner war sofort beendigt. Der Bahnverkehr zwischen Moskau und Petersburg, Moskau und Archangelsk war plötzlich wieder im Gange. In Warschau, wo der Aufruhr in wildester Form geherrscht, war Verbrüderung eingekehrt. _ . , _
Gewiss?, ^reihe^ Reden-'l?'.t. Vcnyanrmlungssrechert, Koalitionsire' 9 Ungute .eit der Wwn hat der Zar den RnfiLn ^ tw, er hat oen Tuffen bannt zum Wenigen
er alles auf dem natürlichen Wege erreicht hätte. Der Dichter hat sich aber anders entschieden und auch so ein Werk geschaffen, daß Anerkennung vrrdient. Die Handlung geht ständig vorwärts und die einzelnen Szenen sind stark bewegt und zumeist meisterhafte Feinarbeit von poetischem Hauche umfächelt, ohne in die verflachende und ablenkende Meiningerei zu verfallen.
Mit feinem Taktgefühl hat die Regieführung deS Direktor Steingoetter es verstanden, den stimmungsvollen Rahmen zu geben. Den Preis des Abends trug Hermann Leffler vom Wiesbadener Hoftheater davon, der den Grasen von Charolais in echt künstlerischer Weise in einem Guß vorführte. Trotzdem die Rolle mit ihrem schweren und heißen Blute die höchsten Anforderungen, namentlich in der Schattierung der Uebergänge, an den Darsteller stellt, fand er stets den richtigen Ton und Ausdruck. Würdig an seiner Secke stand Lily Donecker, die in ihrer Desuee ein verständnisvolles, feinnuanziertes Spiel gepaart mit vornehmer Zurückhaltung entfaltete, sodaß das Publikum sie durch Blumen noch besonders ehrte. Den Hauptmann Rochefort zeichnete Otto Steinmann mit kräftigen eindrucksvollen Strichen, nur gab er sich manchmal etwas zu früh aus. Reinhold LüttjohannS Phil'pp war mit der gewohnten Sorgfalt gearbeitet, während Bruno Reimer als Wirt zuweilen etwas Unruhe verriet, im übriaen aber auch gut wer. Georg Mendel hatte seinem roten 36!g den Juden Shylot in Ton und Marke zugrunde gelegt und fäuf eine sehr lebensvolle S-stalt, während Georg Wittmann den Präsidenten mit einsacherm Mitteln gab. Daè HauS spendete dem Werke und der Aufführung den wohlverdienten Beisall, von dem auch ein Teil aus den Theater-Verein sällt, der unS mit duser hervor- ragenden und — erfreulichen dramatischen Arbeit bekannt gemacht hat. G- H-