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Nr 205.

Freitag, den 1. September 1905.

,14, Jahrgang

J»ser1io»SpreiS t Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober- Hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 63.

Aer«sprech««schl«ß Nr. 362.

Gießener

Ado««eme«isprriS: abgeholl monatlich 50 Pfg., in'S HauS gebrachl 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljâhrl.Mk.1.50. Gratisbeilage«: Oberhefsifche Familie«zettu«g (tSglich) und die Gießener Teise»blase« (wöchentlich).

Das Blatt erfckcint an alle« Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

(chi-tz-n-r Uagevkatt) Maöhängige Tageszeitung (Hießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Sedan.

' Fünfunddreißig Jahre sind seit dem großen Lage ver­gangen, der den Deutschen die jubelnde Gewißheit gab, daß der Traum ganzer Geschlechterfolgen sich nun verwirklichen werde, daß sie ein Volk sein dürften, zu gleichem Wollen und zu gleicher Abwehr geeint. Vierundsechszig Jahre zuvor hatte Franz von Oesterreich die deutsche Kaiserkrone nieder- gelegt, die schon längst kein Machtzeichen und nun auch kein Schmuck mehr war. In anderthalbhundertjährigem Ringen, das Richelieu planvoll eingeleitet, war das Haus Habsburg, das niemals auf Verschmelzung und innere Einigung seiner Länder bedacht gewesen, Schritt für Schritt vor dem damals einzigen wahrhaftigen Einheitsstaat des Hauses Bourbon zurückgewichen, und zumeist hatte das Deutsche Reich den Preis zahlen müssen. Es war nur konsequent, daß die fran­zösischen Gewalthaber mit allen Mitteln danach strebten, Deutschland von dem Wege abzuhalten, den Frankreich selbst zu seinem Heil gegangen war, von dem Weg der nationalen Einigung. Frankreichs kriegerische Ueberlegenheit beruhte darauf, daß die Glieder des Deutschen Reichs sich ihrer Zu­sammengehörigkeit nicht erinnerten. Es bedurfte langer und schicksalsschwerer Erfahrungen, um in Deutschland bei Fürsten und Volk das nationale Bewußtsein zu wecken, das unter dem territorialen und dynastischen Bewußtsein schlum­merte. Allmählich, ganz allmählich wachte es auf, wurde stark und stärker; und als im Jahre 1870 Louis Napoleon ben Versuch erneuerte, auf Deutschlands Kosten Frank­reichs Ruhmbegierde zu nähren da war das deutsche Reichsbewußtsein in allen Gliedern des deutschen Volkes lebendig, bei hoch und niedrig, bei arm und reich. Es brauste wirklichwie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogen- prall" durch die deutschen Lande. In schneller Folge ging es von Sieg zu Sieg, oft in schwerem Ringen. Der Sieg von Sedan war nicht der schwerste und nicht der größte, er tvar eigentlich mehr die Ernte voriger Siege. Auch die Ge­fangennahme Kaiser Napoleons, der weder Regent von Frankreich noch Oberbefehlshaber der Armee war, konnte als etwas besonders Auszeichnendes nicht gelten. Und doch stand plötzlich und unerschütterlich fest: bei Sedan wurde das deutsche Kaisertum neu ge - bo ren! Darum feiern wohl die einzelnen Regimenter die Gedenktage der Schlachten, an denen sie teilgenommen, und die Veteranen in den Kriegervereinen feiern sie mit; aber den Tag von Sedan feiert das Deutsche Reich, das ganze Volk, als des Reiches Geburtstag. Die feierliche Prokla­mation, von den deutschen Fürsten angeregt, erfolgte erst am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal zu Versailles, doch die nicht minder feierliche Proklamation im Herzen des Volkes war am Tag von Sedan vorausgegangen. Als König Wil­helm I. der Königin Augusta in frommer Bescheidenheit dio Meldung zugehen ließ:Welche Wendung durch Gottes Fügung I", da fühlte er bereits die Kaiserkrone auf seinem gesalbten Haupt und fügte sich in die neue Würde, gegen die er sich bis dahin mehr ablehnend verhalten hatte.

Man hat hier und da wohl gesagt, daß die Sedanfeier minder laut sein, vielleicht ganz aufhören möchte, aus Rück­sicht auf Frankreich, das die Erinnerung an seine Nieder­lage, namentlich die jubelnde Erinnerung, peinlich und bei­nahe als eine Kränkung empfinden müßte. Wir sind uns bewußt, nicht rücksichtslos gegenüber den Gefühlen anderer zu sein, wenn wir auch nicht der übertreibenden Rücksicht­nahme das Wort reden wollen, die bis zur Selbstvergessen- heit und bis zur Hintansetzung der eigenen Würde geht. Hier aber ist durch besondere Fügung gar nicht von Sieg und Niederlage die Rede. Daß wir bei Sedan gesiegt und das Fazit früherer Siege gezogen haben, kommt für unsere Feier kaum in Betracht, jedenfalls nicht in vorderster Reihe. In dem Sinne, in dem wir den Sedantag als nationalen Feiertag begehen, könnten die Franzosen selbst daran teil­nehmen in ihrem Kreise und in ihrer Art. Ihnen war der 15. August, der Napoleonstag, als nationaler Feiertag aufgezwungen gewesen jetzt könnten sie den Sedantag als den Tag ihrer Befreiung vom napoleonischen Joch feiern. Der Sedantag hat sie frei gemacht oder, wenn die Franzosen das lieber hören mögen: durch den Sedantag haben sie. sich befreien können. Sie freuen sich heute noch dieser Freiheit warum sollten sie sich sträuben, den Geburtstag ihrer dritten Republik festlich zu begehen! warum sollte ihnen peinlich sein, den Tag, der ihnen die Freiheit gebracht, auch von uns ausgezeichnet zu sehen!

Sedantag des Reiches Geburtstag.

Wem ein deutsches Herz im Busen schlägt, wer deutsch empfindet, der jubelt an des Deutschen Reiches Geburtstag.

stach dem friedensschlufe.

Allmählich tritt an die Stelle der Ueberraschung, die der plö^Iidje und anscheinend für Rußland so günstige Friedens­schluß hervorrirf, die ruhigere Erwägung. Sie tut aller­dings der rückhaltlosen Befriedigung über die Beendi­gung des schrecklichen Krieges keinen Abbruch. Das zeigt sich auch in den zahlreichen, aus aller Welt von Staatsober- Härrptern und sonstigen hervorragenden Persönlichkeiten an den Präsidenten Roosevelt eingelaufenen Glücklminsch- bebefdxn.

Der deutsche Kaiser und der Frieden.

.Kaiser Wilhelm sandte an Roosevelt sofort nach dem Be- kannlwerden des Abschusses eine Depesche, in der es heißt: Ich bin hocherfreut und spreche Ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche zu dem großen Erfolge aus, der Ihren uner= müdlichen Anstrengungen zu verdanken ist. Die ganze Menschheit muß sich vereinen und wird dies auch tun, um Ihnen für die große Wohltat, die Sie ihr erwiesen haben, zu danken."

Darauf antwortete Präsident Roosevelt:Ich danke Euerer Majestät herzlichst für Ihre Glückwünsche und möchte diese Gelegenheit ergreifen, um meine tiefgefühlte Würdi­gung der Art und Weise auszudrücken, in der Euere Majestät in jedem Stadium bei der Bemühung, Frieden im Osten zustande zu bringen, mitgewirkt haben. Es ist eine sehr große Freude gewesen, mit Euerer Majestät zu diesem Ziele zu arbeiten."

Mit diesem Telegrammwechsel sind wohl am besten die albernen Erfindungen widerlegt, mit denen vor einiger Zeit die Haltung Deutschlands zu verdächtigen gesucht wurde, Depesck)enwëchsel fand auch statt zwischen Roosevelt, bcni König von England und dem französischen Präsidenten Loubet.

Die Benachrichtigung des Zaren durch Witte.

Minister Witte, der heute unbedingt als Rußlands bester Mann gelten kann, gab dem .Kaiser durch ein Telegramm Kenntnis von dein abgeschlossenen Frieden. Witte sagt: Japan hat Eurer Majestät Forderungen betreffend die Friedensbedingungen angenommen, und so wird der Friede dank Eurer Majestät weisen und festen Entscheidungen her- gestellt iverden, und dies in genauer Uebereinstimmung mit den Anweisungen Eurer Nkajestät. Rußland wird im fer­nen Osten die Großmacht bleiben, die es bisher gewesen ist und für immer sein wird. Wir haben auf die Ausführung der Befehle Eurer Majestät alle unsere Geisteskraft und unser rrissisches Herz gewandt und bitten, uns barmherzig zu verzeihen, daß wir nicht mehr zu tun vermochten." Das Flehen um Verzeihung ist nur als eine höfische Formel zu betrachten. In Wirklichkeit hat der russische Hof alle Veranlassung, dem Minister Witte dankbar zu sein und das nicht wenig, er hat mehr erreicht, als man nur ahnen konnte. Der Zar hat denn auch seinem Unterhändler eine Beglück­wünschung nach Portsmouth gesandt.

Ruffische Stimmungen.

Im ganzen Lande hat das Zustandekommen des Frie­dens freudigen Eindnlck hervorgerufen, wie aus Peters­burg, Moskau. Nishni-Nowgorod, Kiew und anderen Haupt­städten gemeldet wird. Die Blätter äußern fick) nach Lage der Dinge zwar niedergeschlagen, aber doch zustim­mend. Mehr wäre nach den ungeheuren Mißerfolgen auf dem Schlachtfelde nicht zu erreichn gewesen. Allein die Nowoje Wremja", das Blatt der Korruptions- und Kriegs­partei, verliert auch jetzt noch nicht den Ton albernen Hoch­muts und dünkelhafter Anmaßung. Sie bedauert den Frie­densschluß und wünscht, daß weitergekämpft worden wäre. Dieser Frieden könne nur ein zeitweiliger sein. In den russischen Handelszentren wird vom Friedensschluß ein Auf­schwung des Handels erwartet. An der Moskauer Börse stiegen Privat- wie S^tsfonds. In Odessa erhofft man eine schnelle Entwickel. .... der Handelsbeziehungen zu beni fernen Osten. In Nishni-Nowgorod wurde unter dem Ein­druck der Friedensnieldung eine Belebung der Messe vor- spürt.

Die weiteren Verhandlungen.

Die mit der Abfassung des Friedensvertrages beauf­tragten Herren Professor von Viertens und Mr. Dennison haben in Portsmouth bereits begonnen mit der Redigierung des Friedensvertrages. Erst nach der Vollendung wird der gestern in großen Zügen besprochene Handelsvertrag er­örtert werden. In Korea erhält Rußland keine Meistbe­günstigung. Die Festsetzungen werden noch längere Wochen in Anspruch nehmen. Ein Waffenstillstand ist bis­her noch nicht abgeschlossen, im Gegenteil, von der Front wird von einer Anzahl kleinerer Gefechte berichtet. Doch hat der Zar bereits den Befehl gegeben, die tn Aarskow Selo eingerückten Reservisten sofort zu entlassen. ^n sicht- Heb fröhlicher Stimmung teilte der Zar den Offizieren mit, daß der Friede geschlossen sei und daß auch Leuewitlch unö -Oyama sich bezüglich eines Waffenstillstandes geeinigt haben lieber die zukünftigen Beziehungen zwischen Rutzlanö

macht Baron Rosen eine bedeutsame Erklärung. ^ betonte, wir werden jetzt engste Beziehnngeii mit Japan kultivieren in der Hoffnung, späterhin England aus der Alliance mit Japan zu verdrängen. Wie verlautet ist der Paragraph betreffend die Handelsbeziehungen beider Län- der in dem Friedensvertrage nur provisorisch. Beide Län- der beabsichtigen, später einen besonderen Spezial-Handels. vertrag abzuschließen. Als Beweggrund für den unerwar- teten Entschluß Japans zum Frieden wird die drohende Miß- ernte dieses Jahres angeführt. Die japanische Reisernte wird dieses Jahr wegen der Ungunst des Wetters nach bis- heriger Schätzung um 20 v. H., das sind 80 Millionen Yen, unter dem Durchschnitt ausfallen. Auch bei der Seiden­produktion wird eine wesentliche Einbuße befürchtet. Zur Hauptsache wird aber wohl die finanzielle Erschöpfung maß­gebend gewesen sein.

Kriegsko Ften-Gntscbädig ung.

Unser ^-Mitarbeiter hat mit einem deutschen Staatsmann eine Unterredung gehabt, deren Gegen­stand das russisch-japanische Friedensübereinkommen, speziell die Frage der KriegSkosten-Entschüdigung, war. Wir geben die Aeußerungen des Staatsmannes im folgenden wieder:

Die Festsetzung von Friedensbedingungen ist immer eine Macht frage, keine Rechtsfrage. Hat jemand den Feind nwdergezwungen, so kann er ihm soviel Zahlungen aufer­legen, als dieser irgend zu leisten vermag. Ter in seiner Widerstandskraft Gebrochene muß sich eben alles gefallen lassen. Wenn aber die Voraussetzung nicht zutrifft, so muß sich auch der siegreiche Teil die Frage verlegen, ob es kliig und lohnend ist, auf einer Bedingung zu bestehen, die der andere Teil abzulehneii den Willen und die Kraft hat, ob sich ihm das Wagnis empfiehlt, das Kriegsglirch das sehr man« betbar ist, noch einmal zu versuchen. Die Kriegskontribution aber, die im Grunde nur ein anderer Name für die Kriegs- kosteueiitschädigung ist, stellt lediglich die moderne und zivili­sier.e Form des Ersatzes für das alte, barbarische Plünde- r u n g s r e ch t dar. Schon in den ältesten Zeiten kam es vor, daß ein milder Eroberer sich das Plünderungsrecht ab­kaufen ließ, das auf der Vorstellung beruhte, daß im kriegs- Mi ßig eingenommenen Lande alles Besitztum auf den Sieger übergegangen sei. Die Befreiung des Privatbesitzes vom Kricgsrecht ist noch nicht gar so alt, und auch jetzt noch nicht unbedingt. Der Erobererrequiriert", was er brauchen kann, und stellt nur Empfangsbescheinigungen aus, deren Honorierung dem besiegten Staat überlassen bleibt. Einer eroberten Stadt, nicht ihren einzelnen Bürgern, wird eine Kontribution auserlegt; doch die Stadt muß schließlich, wenn sie die verlangte Summe nicht bar verfügbar hat, das Geld durch Bürgschaften ihrer reichen Bewohner aufbringen. Zu solcher Kontributionsforderung nun hatte Japan sozusagen kein Recht, denn es fehlte die materielle Unterlage einer Er­oberung fremder Gebietsteile. Aus Port Arthur und Talny konnte Japan nichts nehmen, auch nichts au3 dem südlichen Teil der Insel Sachalin, denn diese Gebiete wollte es be­halten, und eigenes Land schätzt man natürlich nicht. Au^ dem nördlichen Sachalin war nichts zu holen, und anderes russisches Land war nicht in japanischen Besitz gelangt. Dre Forderung der Kriegskostenentschädigung war somit Ruß­land gegenüber eine Zuurutung des Zugeständnisses, datz Rußland wehrlos geworden sei, und es begreift sich, daß Ruß­land solcher Zumutung sich nicht fügen mochte. Dazu durste es sich nur entschließen, wenn es keine Hoffnung hatw den Feldzug mit irgend einer Aussicht auf Erfolg sortzusetzen. So lagen aber die Dinge anscheinend nicht. General Leno- Witsch hatte die Armee, die er geschlagen und 3M reut übernommen, wieder gesammelt, er hatte sie ^ ruhigen Zuwarten erheblich verstärkt und ihr numerische H^er^ege - heit über das Heer des Fcldmarschatts ^voma verschalst, die immer mehr zunahm. Es ist kein Geheimnis ^uehr, daß £nama einen entsckseidendeii Angriff ohne weiteren Ver­zug wagen mußte, um die entschwindende Superwritat zu- rückzugewinnen, wenn nicht der Friedensschluß den Mili­tärischen Aktionen ein Ende bereitete. Die Japaner haben den Friedensschluß vorgczogen, und das war sehr klug von ihnen. Sie haben bamii nur auf den K^iegstostenersatz durch Rußland, nicht aus den Kriegskostenersatz überhaupt ver- zichtet, Denn erobertes Land haben sie alv Fachtpfand in Besitz' allerdings nicht russisches, sondern chinesisches -anb: bie Mandschurei. Niemand kann sie zwingen, dieses Land, das sie erobert haben, ohne Ersatz der Kosten an China zu- rüefwaeben Daß. China nicht die Kraft, den Mut oder den Millen gehabt hat, die Mandschurei selbst zuruckzuiiehmen, schmälert zum mindesten seinen Besitztitel, der ohne Kuitininiung nicht wiederhergestellt werden kann, und ^a- ~ - c -np Nervflichtung hat, für Ehina Kriege Zii Mren ist 2 LienLerfX befugt, feine Zustimmung Lon feinCVinSe®unnt«bS

E" w wundern, wsder über die entschlossene Festig- mit der Rußland die Kri^skostenzahlung ablehnte, noch über die Liebigkeit der Japaner, die weit menir sentimental als klug berechnet tun.