Nr. 78.
Erstes Blatt.
Samstag, den 1. April 19^5.
14. Jahrgang
^sfe*tW«a>tH« I Die einspaltige Petit-eile für ganz Ober- MM die Kreise Wetzlar mA Marburg 10 Pfg. s-nst 15 Pfg. Reklamen He Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
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Kernfprachänschlnü Nr. -SR.
Gre ßener
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(Oteßener DageiNatt) Nnaöhângige Tageszeitung (Hießener Zeitung)
für Oberhesfm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzerger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberbessen.
Russische „Sensationen“.
Petersburg, 31. März.
Der Minister des Innern, Bulygin, hat für gut gefunden, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, weshalb bisher noch nichts geschehen fei, die Refonnverspreä)ung des Zaren, die bereits vier Wochen alt ist, zur Erfüllung zu bringen. Er versichert, daß er eine Beschleunigung sich habe angelegen sein lassen, und daß er zu dem Ende von der Berufung einer die Grundlage der Reform beratenden Konferenz Abstand genommen habe. Nach den ihm schriftlich zugestellten Gutachten und Vorschlägen, die sehr weit auseinandergingen, würden die Erörterungen gar, zu viel Zeit beansprucht haben. Deshalb habe er die Grundzüge der Reform selbst ausgearbeitet und die Zustimmung des Zaren dafür bereits gewonnen. Gleichwohl sagt er nicht, welches diese Grundzüge sind. Er begnügt sich mit der Mitteilung, daß er für die Gestaltung der zu berufenden Volksvxrtreümg die allgemeinen Reichsinteressen ebenso wie die örtlichen Interessen in Betracht gezogen habe. Nur noch 2 bis 3 Monate Geduld, und die Vorarbeiten würden beendet sein.
Ei« Konzil der orthodoxen Kirche.
Inzwischen ist auch der „heilig dirigierende Synod" nicht müßig geblieben, der, wie man weiß, von dem General- Prokureur Pobjedonoszew geleitet wird. Der Synod hat die Genehmigung, des Zaren zur Einberufung eines Konzils der orthodoxen Kirche eingeholt. Man geht sicher nicht fehl, wenn man annimmt, daß dieses Konzil im Sinne seines Urhebers dazu bestimmt ist, ein Gegengewicht gegen die Volksvertretung zu bilden und eine freiheitliche Gestaltung der Staatsverwaltung zu hindern. Vielleicht wird das Konzil auch die Aufgabe haben, dem Staat für Kriegs- oder sonstige Zwecke aus dem Kirchenvermögen Vorschüsse zu bewilligen.
Untersuchung von Unregelmäßigkeiten.
Beachtenswert sind die Anläufe, dem Krebsschaden Rußlands, die Bestechlichkeit, auszurotten oder wenigstens ein- I zu schränken. Man spricht von einer Untersuchung gewisser Vorgänge im fernen Osten, die völlig klargestellt werden sollen. Man will die Wahrheit rücksichtslos aufdecken, mögen die beteiligten Personen noch so hoch gestellt sein. Die Botschaft hört man wohl, allein es fehlt der Glaube. Aehn- liche Verheißungen sind schon oft gemacht und noch nie erfüllt worden.
Befreiungen vom Militärdienst.
Es hilft auch gar nichts, wenn ein einzelner Sündenbock herausgegriffm und in die Wüste geschickt wird. Generalmajor Sinolnikow, Direktor des Moskauer Militärhospitals, der von dem Rechtsanwalt Wolow beschuldigt wird, um Geld Personen vom Militärdienst befreit zu haben, mag bestraft werden oder nicht — das Uebel bleibt bestehen, wenn nicht tiefer oder vielmehr Höber gegriffen wird. Es ist ; übrigens nicht ohne Humor, daß gerade jetzt erzählt und geglaubt wird, der Senat von Winland habe für die Befreiung der Finländer vom Kriegsdienst in Ostasien 10 Millionen Rubel angeboten, und der Zar habe dieses Anerbieten angenommen.
Bauernaufstände.
Die Aushebung neuer Soldaten, die für eine etwaige Verlängerung des Krieges notwendig ist, wird immer schwieriger. Im Kreis Gori, Gouvernement Tiflis, sind die Osseten von den Bergen herniedergestiegen und haben sich mit den aufständischen Bauern vereinigt. Die Kanzleiurkunden sind vernichtet, so daß die Unterlage für eine Mobilisierung - fehlt. Die Behörden sind ohnmächtig. Die Bauern verlangen von den Eigentümern die schriftliche Bestätigung des Verzichts auf ihr Eigentum. Die gemieteten Feldarbeiten sind von den Bauern verjagt, die sich auf den Ländereien * häuslich eingerichtet haben. Von feiten der Behörden hat : man die Bauern aufgefordert, ihre Bedürfnisse anzugeben. Die Bauern haben darauf bloß politische Wünsche geäußert — die materiellen haben sie schon selbst befriedigt. Die Stadt Gori steht unter der Herrschaft der Bauern, die am 27. März zu Tausenden mit roten Fahnen Umzüge hielten, Läden ausplünderten und eine Patromlle von 6 Mann entwaffnen wollten. Die Patrouille wehrte sich freilich und gab eine ■ Salve ab, durch die 10 Personen verwundet wurden, ein Mann getötet. Zwei Sotnien Kosaken und eine Kompagnie Infanterie sind nach Gori beordert. Aehnlich geht es in der Provinz Tschernigow zu, wo 7000 bewaffnete Bauern mit her Gendarmerie leicht fertig wurden.
Angriffe auf die deutschen Ansiedler.
Im (Soubermcment Jekaterinoslaw haben die Bauern von Caseno Geschmack an den Besitzungen der deutschen Ansiedler gewonnen. Sie wollen das Ergebnis des deutschen Ueißes einfach an sich reißen. Selbstverständlich weichen die Deutschen nicht gutwillig. Militär ist zu ihrem Schutz aufgeboten.
Bombenfunde und Attentatsgerüchte.
An unheimlichen Vorkommnissen fehlt es auch in der Hauptstadt nicht. An der Ecke der Großen Moskaja und der Postgasse, d. i. unweit des Winterpalais, hat gestern ein Mann in Dienstmannstracht einen Revolverschuß auf einen Dienstmann abgegeben, heute hat man in einem Zimmer des
Palai-> Royal, einem Hotel garni, eine Bombe gefunden per Simmennhaber ist verhaftet. Selbstverständlich knüpften sich hieran die ungeheuerlichsten Gerüchte: Ein Attentat sei auf Trepow versucht worden, man habe ein Dutzend Nihilisten und Anarchisten verhaftet, man habe eine Verschwörung gegen den Großfürsten Wladimir entdeckt Wahr ist nur der Bombenfund und der Revolverschuß. Es ist aber gerade genug.
Der Krieg in Ortasien.
Weder in Petersburg noch in Tokio merkt man bisher etwas von einem bald bevorstehenden Frieden. Im Gegenteil ist man mit Eifer darauf bedacht, weiter zu rüsten. Trotzdem erhalten sich mit Hartnäckigkeit die Friedensgerüchte, in denen stets Roosevelt die Vermittlerrolle zugeschrieben wird.
Die russische Regierung erklärt betn gegenüber ziemlich schroff, daß von einem Nachgeben ihrerseits vorläufig absolut keine Rede sein könne. Seit einigen Tagen ist ein
Kricgsrat in Petersburg
dabei, festzustellen, ob Rußland imstande ist, den Krieg fortzusetzen, ob insbesondere die Möglichkeit vorliegt, ein neues Heer in der Stärke von 600 000 Mann auf den Kriegsschm Platz zu versammeln. Erst nach gründlicher Untersuchung dieser Fragen soll eine endgültige Entscheidung gefällt werden. Jedenfalls beabsichtigt die russische Regierung, vorläufig alle Vorbereitungen zur Führung des Krieges sowohl in militärischer wie in finanzieller Hinsicht energisch fortzusetzen. Sogar für den Fall, daß die Entscheidung zugunsten eines Friedensschlusses getroffen würde, beabsichtigt die russische Negierung, nur auf einen für sie ehrenvollen Frieden einzugchen.
Japanische Rüstungen.
Ebenso kriegerisch ist trotz der Friedensgerüchte die Haltung Japans. Man ist in Tokio entschlossen, die Kriegsoperationen energisch weiterzubetreiben, ohne irgendwelche Rücksichtnahme auf die Erörterungen über die Ereignisse in Rußland oder sonstwo. Heer und Flotte, setzen die Vorbereitungen für einen mehrjährigen Feldzug fort. Fortwährend gehen frisch ausgehobene Truppen zur Front ab und Transportkolonnen breiten sich über die nördliche Mandschurei auS.
Die Politik.
4= In Lissabon hat eine Huldigung deutscher Sozialisten vor Kaiser Wilhelm stattgefunden. Eine Deputation der deutschen Glasarbeiter aus Amora, die der deutsch-sozialistischen Partei angehören, erbat eine Audienz und übew reichte dem Kaiser einen silbernen Teller als Geschenk. Als in der Versammlung, die diesen Beschluß gefaßt hatte, von einem der Anwesenden Widerspruch erhoben wurde, da Herr Bebel mit einem solchen Geschenk nicht einverstanden sein wüllde, wurde dem Sprecher von allen Seiten entgegnet, Bebel und die Parteileitung in Berlin gingen sie nichts an. Sie seien freie Männer, und wenn der deutsche Kaiser ins Ausland käme, wollten auch sie, wie alle anderen Deutschen, ihrem Kaiser huldigen. Der Kaiser nahm das Geschenk der Arbeiter sehr frerlndlich entgegen, sprach mit den einzelnen über ihre Arbeit und spendere der Arberterkolonie ein größeres Geldgeschenk.
»^ Der Preußische Bergarbeiterkongreß in Berlin hat seine Beratungen zu Ende geführt. Man einigte sich über zwei Anträge, die eine Neuregelung des Strafwesens auf einer von den Vorschriften der jüngsten Berggesetznovellen etwas abweichenden Basis verlangen. Daß das , Wagennullen zu beseitigen sei, darüber herrscht Uebereinstimmung. Geldstrafen sollten 50 Pfennig in der Regel nicht iiberschrei- ten, nur bei erheblichen Verstößen die Hälfte eines durchschnittlichen Tagesverdienstes erreichen. Frauenarbeit solle gänzlich verboten, die Altersgrenze für die Jugendlichen auf 18 Jahre hinaufgesetzt werden. Die Teilnahme der Arbeiter an der Kassenverwaltung bei geheimer Wahl der Arbeitervertreter wurde verlangt. Bedauerlicherweise fand auch ein Antrag Mehrheit, die Arbeitervertreter aufzufordern, sie sollten sich an den Zechenuntersuchungen nicht beteiligen, bis genügende Gewähr gegeben sei, daß die Untersuchungen auch die Wahrheit zutage fördern würden. Hoffentlich sind die Arbeitervertreter klüger, als dieser Beschluß. — Endlich wurde noch bestimmt, daß die Siebenerkommission ständig weiter fungieren solle. *
■fr Domdechant Konrad Busch in Speyer ist zum Bischof von Speyer ernannt worden.
T Die Truppen des Generals v. Trotha machen in Deutsch- Südwestafrika erfreuliche Fortschritte. Hauptmann von Oertzen, dem das Vorhandensein einer Hererobande 40 Kilometer östlich Otjituo gemeldet war, rückte am 29. März dieser nach, fand sie aber nicht mehr vor. Dagegen haben
sich in Otjivero am weißen Nossob, 120 Kilometer östlich Windhuk, die Kapitäne Erasmus und Kermangati mit 150 Seelen freiwillig gestellt. Ein wiederholter Angriff von Veldtschoondragers, dre das ihnen abgenominene Vieh zurück, gewinnen wollten, wurde am 5. März von der 3. Ersatz- komvagnie unter Leutnant v. Rheinbaben zurückgewiesen. Diesseits kein Verlust, die Angreifer hatten 5 Tote und büßten 150 Stück Großvieh ein. — Oberst Deimling kehrt nach Deutschland zurück, um die Gebrauchsfähigkeit des rechten Arms, der im Dezember durch einen Sturz verletzt war, wiederzuerlangen.
Oerterrdcb-Ungam.
G Wie verlautet, ist es dem Botschafter Grafen Szogyeny während seines jüngsten Aufenthaltes in Budapest gelungen, ein Kompromiß mit der ungarischen Opposition zustande zu bringen. Zwei Jahre lang soll eine Art Gottesfrieden herrschen. Verwaltung und Opposition sollen für diese Zeit alle niilitüri sehen Forderungen vertagen. In dieser Voraussetzung würde Graf Andrassy Ministerpräsident werden. Die Ernennung, sagt man, wird erst nach einer Woche erfolgen.
Russland.
^ Das englische Reutersche Bureau meldet angeblich aus Warschau und angeblich aus guter Quelle, daß die russische Negierung zur Ablehnung jedes Zugestärrdnisses bezüglich des Gebrauchs der polnisck)en Spraä)e sich lediglich auf Grund deutscher Proteste und Vorstellungen entschlossen habe. — An der ganzen Meldung ist kein wahres Wort; sie ist in jedem Punkt erstunken und erlogen.
Balkan-Staaten,
0 Die serbische Regierung hat von der Vornahme von Geschützproben Abstand genommen.^ Als Grund gibt sie an, daß die Banken eine Anleihe mit Serbien nun ohne Verzug abschließen wollen, weil die Lage des Geld^ rnarkts nach Monaten sich völlig geändert haben könnte. — Eine unglaublichere Ausrede ist schwerlich jemals ersonnen worden.
Hmenka.
lll Präsident Roosevelt hat angeordnet, daß in Santo Domingo bis zur endgültigen Senatsentscheidung der Status quo unbedingt aufrecht erhalten werden soll. Der amerikanische Zollerheber ist daher angewiesen, die stipulierte Quote aus den Zolleinkünften für die ariswärtigen Gläubiger zu rückzubehalten.
Hof und Gesellschaft.
*** Der Kaiser traf Freitag früh 8 Uhr 35 Minuten an Bord des Darnpfers „Hamburg" in der Bucht von Tanger ein, begrüßt durch den Salut der Hafenbatterie und der französischen Kreuzer „Du Chayle" und „Linois". Infolge der schweren See konnte der- Kaiser erst um 11% Uhr an Land gehen. Bei der Landung wurde der Kaiser von den Vertretern des Sultans und den diplomatischen Korps empfangen. Ueberall innren die Häuser beflaggt, wobei die marokkanischen, spanischen und deutschen Farben überwogen. Außer den Angehörigen der fremden Kolonien haten auch die Marokkaner zahlreiche Triumphbögen errichtet. Es wurden Stimmen laut, die, nicht mit Unrecht, dieses Uebennaß von Ausschmückung der Stadt bedauerten, da dem Kaiser dadurch ihr gewöhnlicher Pittoresker orientalischer Charakter verdeckt würde. Der Kaiser und das Gefolge ritten durch die Hauptstraße zur Kasbah, die vom Sultan dem Kaiser als Persönliche Wohnung zugewiesen worden ist, dann zum Marschan, wo der Kaiser im eigenen Zelt des Sultans von den marokkanischen Behörden bewirtet wurde. Dort erfolgte auch die Ueber- reichung des scherifischen Handschreibens und der übrigen kostbaren Geschenke des Sultans, außer den Pferden, die von Abd el Maler mitgebracht worden sind. Auf dem Marschan fanden Fantasias von 800 Reitern unter dem Kommando des -Kaid Maclean statt. Dann bewegte sich der durch den Garten der belgischen zur deutschen Gesandtschaft, wo die marokkanischen Behörden, die deutsche Kolonie und die Diplomaten mit ihren Damen Erfrischungen einnahmen. Vor der Gesandtschaft auf dem äußern Markt wurden Kriegs- tänze der wilden Berberstärmne ausgeführt, die unter Raisulis Anführung nach Tanger gekommen sind. Deutschenfeinde hatten diese Krieger, die noch niemals den Boden der Stadt betreten hatten, durch die Ausstreuung des Gerüchts, sie würden umzingelt und gefangen werden, am Erscheinen zu hindern gesucht. Nach 3 Uhr erfolgte die Weiterfahrt nach Gibraltar. — Des Kaisers Abschied von Lissabon war äußerst herzlich. Der König, der Kronprinz, sowie der Herzog von Oporto begleiteten ihn bis an Bord der „Hamburg", die unter Salutschüssen und den Klängen der Natio- nalhynin-en in See stach. — In Mahon auf der Insel Menorca (spanische Provinz Balearen), das der Kaiser anzulaufen gedenkt, ist der Kreuzer „Cisneros" eingetroften, um die militärischen Ehren zu erweisen. Die Bevölkerung trifft Anstalten, den Kaiser aufs festlichste zu empfangen.