Nr. 290
Kasseler Neueste Nachrichten
Siebzehnter Zahraanq.
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HANS M\ÄN
Bindewald dJ
Bilder
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Das beste Geschäft auf dem Weihnachtsmartt macht der Händler, der sich auf der Leipziger Messe das oeneste und billigste Spielzeug gesichert hat.
And heute?
?ege« die Konkurrenz de« lichtdurchfluteten Warenhauses vermag sich der ansprnchSlosere Weihnachtsmartt
«ur schwer z« behaupte«.
So toae es einst' 3» den engen Zeltstraßen deS WeihnachtSmarkteS, ans de« alle DevSllerungSschichte« ihr« Einkäufe tätigt«», drängte sich eine festlich gestimmt« Menge.
4. Beilage
Sonnt»«, H. Dezemder 1927.
'chon recht umfangreiche Warenhäuser und sogar Spezia» zeschäste, die den Martt als Verkaufsort überflüssig machen; «S sei denn, daß es sich um den Vertrieb von Lebensmitteln aller Art handelt. Aber wenn die Weih- .rachtsmärkte auch immer mehr zurückgehen, so scheint ihr Ersatz, der große Schaumartt, sich die Gunst der Mass« bewahrt zu haben. In gewisser Weise lebt ja auch der Martt weiter, nämlich in Form der Messe, wie sie in Leipzig zu den verschiedensten Zeiten abgehalten und von Den Gewerbetreibenden auf das lebhafteste frequentiert wird. Hier haben sich ungeahnte Geschäftsmöglichkeiten nrtwickelt.
schwindtempo entwickelte, all ei mehr und mehr seinm romantische« Zauber verlor und Welt» und Industriestadt wurde, da verschwand mit der Schloßfreiheit auch der WeihnachtSmartt. Er ging mehr nach der Gertraudten- straße zurück und besonders in der Gegend der Frankfurter Straße hält er sich in bescheidenem Umfange heute noch.
Derartige Weihnachtsmärkte gab es in größerem und geringerem Umfang in allen deutschen Großstädten. Ihren Ursprung, hatten sie wohl, ebenso wie jeder Wochen- und JahrmaI, in dem Umstand, daß die verschiedenen Orte darauf angewiesen waren, ihre Waren gegenseitig auszutauschen. Der Handel war bei der geringen Anzahl der Verkaussgeschäfte mit Schwierigkeiten verknüpft. Auf den Märkten konnte man alles kaufen, was sonst in den Städten nicht zu haben war. Und besonders zu Weihnachten hatte jeder Bedarf nach außergewöhnlichen Gegenständen und Geschenken. Hier und da siedelten sich bei dieser Gelegenheit auch Schaubuden an. So wurde zum Beispiel der .Hamburger Som* allmählich zu einer Veranstaltung, die überhaupt vom Warenverkauf absah. Zu kaufen gab und gibt es dort nur Eßwaren, insbesondere Pfefferkuchen und Würstchen. Selbstverständlich auch Getränke Im übrigen ist alles auf eine Schau im größten Stil zu geschnitten. Zu vergleichen ist der .Dom' etwa mit den Münchener Oktoberfest. Aber et wirkt dadurch, daß er sick über das ganze Heilige-Geist-Feld hinzieht, unendlich die großartiger. So unter dem Sternenhimmel bei klaren B^rost oder dem in Hamburg häufigeren Rebel holt de: anseate aus dieser Sache eine Stimmung heraus, die mar. dem schwerfällige« Menschen von der Wasserkante gar nicht zutraut.
Was sich nur erdenke« läßt an Dergnügungs Maschinerie, das ist hier versammelt. Und vor allen Dingen sind alle diese Zelte und Buden mit einem elek irischen Lichterglanz überschüttet, der etwas Fabelhastei hat. Daß man auf der Luftschaukel jauchzend in der Nachthimmel fliegt, ist nichts Neues. Das dickste Mädcher der Welt, angeblich fünfhundert Pfund schwer und dai jüngste von sieben Geschwistern, die alle noch mehr wiegen: der Hautmensch, den man doppelt einwickeln kann in feine eigene Pelle, goldblonde Odalisken in verräterischer Seidenf ahnen, das sind ja die bekannten Jngredienzie: eines jeden Rummelplatzes. Aber hier gibt’S mehr uni Ungewöhnlicheres zu sehen. Daß man auf einem eiserner See elettrisch herumrudern kann, war auch schon da. Abei das Neueste vom Neuen ist das rollende Fatz, waS be sonders dann interessant wird, wenn auch die Damen ini Rollen kommen. Und die allerletzte Sensation heißt de: »Störrische Esel', ein hölzernes Auto mit einem Esels köpf, das in der Vorwärtsbewegung wie jenes Grautie: nach hinten auSkeflt und die Insassen durcheinander wirbelt.
ES ist vielleicht ein Zeichen der Zeit, daß die Dugertt von heutzutage ebenso tote auch die Erwachsenen diese Ar Vergnügen dem stillen Zauber der ehemaligen WeihnachtS Märkte vorziehen; es ist die Mechanisierung deS öffentliche. Lebens, die so stark auf den einzelnen einwirkt, daß c gar nicht mehr die Sammlung aufbringt und die Beschau lichkett, ohne die das Dasein in früherer Zeit undenkba gewesen wäre. Aber es hat keinen Zweck, dem Ver gangenen nachzutrauern, oder gar die alten Zeiten Wiede: aufleben lassen zu wollen. Heute mehr als je vollzieht fid alles, was ist und geschieht, aus wirtschaftlichen Gründen Dadurch erklärt e5 sich, daß die Weihnachtsmärkte al Kauf- und Derkaufsgelegenhett sehr an Zugkraft ein gebüßt haben. Selbst an kleineren Orten existieren heut
herrschte ein unbeschreiblicher Radau. Waldteufel brummten, Knarren knarrten, Blechflöten quietschten und dazwischen das Geschrei der Jungen: „’n Sechser der Hampel mann! ’n Groschen die laufende Maus!” und „Vorne nickt er, hinten pickt er, ein Groschen der schöne Weihnachts- vogel!" Dazu eine nebelige Kälte, Tannenduft und der scharfe Geruch in Schmalz gebackener Pfannkuchen, der nachtdunkle Himmel darüber und eine Menschenfüllc zwischen den Budenreihen, als wäre die ganze Stadt aus den Beinem Friedrich Wilhelm HI. pflegte sich hier mit Lüste von Preußen zu zeigen und, von den Berlinern urn- jub.tt, kleine Einkäufe zu machen. Und Wilhelm I. übernahm von seinem Vater diesen hübsche« Brauch. Als sich dann unter der Regierung Wilhelms 1L Berlin im Ge
Lon den Märtten in jeder Form lebt heute eine über- raschend große Menge von Menschen. Man wird die Zahl der Schausteller, die regelmäßig die Märkte beziehen, auf dreitausend veranschlagen dürfen. Aber die Zahl derer, die diese Tätigkeit im Nebenberuf betreiben, ist unendlich viel größer. Und bei den dreitausend sind nur die Leiter resp. die Besitzer der einzelnen Schaubuden gerechnet. Bedenkt man, daß schon ein kleineres Unternehmen an Familienmitgliedern und Angestellten zehn bis fünfzehn Personen mit sich führt, daß es aber Geschäfte gibt, die Hunderte von Menschen beschäftigen, so vervielfacht sich die an sich be- scheidene Zahl von dreitausend. Hierbei ist aber nur die Rede von Vergnügungsschaustellern und Arttsten. An Arttsten gibt es tn Deutschland gegenwärtig vielleicht 8000 vollberuflich tätige Leute. Natürlich sind sie nicht alle auf Märtten tätig, aber sie stellen doch ein bedeutendes Kontingent zur Gesamtzahl der Schausteller. Run kommt aber außerdem für die Märkte die große Menge der Wander, gewerbetreibenden in Frage, der Händler und Hausierer. Insgesamt verdanken also nennenswerte Teile der Bevöl. keruna den Märkten ihre Existenz.
Wenn immer wieder Stimmen erklingen, die diese Art von Volksbelustigungen als geschmackverdcrbend und entsittlichend darstellen, so sollte man ober nicht nur ihres volkswirtschaftlichen Wertes gedenken, sondern auch nicht vergessen, daß sie in die Nüchternheit des Alltagslebens bunte, lustige Farben mischen und daß deshalb der roman. trsche Zauber der Märkte trotz ihrer neuzeitlichen Der. änderuna fortbestebt.
Weihnachten .. . Fest der Kinderfreude mtb der De.söhnung. Es wird wohl wenig deutsche Mensche» geben, die beim Anblick des Lichterbaumes nicht mit Weh. mut ihrer Jugend gedenken. Die moderne Zeit hat viel von dieser Poesie und von dem Zauber der Weihnachis- klänge fortgetoischt. Vielleicht fehlt uns Heutige« auch die Ruhe und Sammlung, um diese Stunden so zu durch leben, tote wir sie einst empfanden. Aber auch das Bild der Städte mit ihrem rasenden Verkehr, ihre« funkelnden Lichtrellamen und ihrem tollen Wirrwarr ist jener an ein Märchen gemahnenden Einrichtung nicht günstig.
Der größte deutsche Weihnachtsmartt fand zweifellos dis zum Ende des vorigen Jahrhunderts in Berlin statt Um das Berliner Schloß herum baute sich da mit Zauber schnelle die Buden- und Zeltstadt auf. Wirk- und Strumpf waren, Haushaltungsgegenstände aller Art, Stoffe unt Kleider und die berühmten „Kalauer", worunter man abei
nicht Witze, sondern eine Sorte derber Stiefel verstand, die in Kölau gefertigt wurden, und vor allen Dingen Pfefferkuchenbuden. Mit der Berliner Spezialität, dem „Steinpflaster". Schaubuden, wie sie sonst auf den Jahr Märkte« zu sehe« waren, gab es hier kaum. Aber