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Kasseler Neueste Nachnchtm

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 26V Amtliches Organ oer Stadl Kassel. Sonnabend, 5. November 1927. Amtliche-Organ der Stadt Kassel. 17. Iahrqang

pilfuöski knebelt sein Volk.

Dee Nepaeationsagent glaubt an unsere Stärke / Feiern 120000 Xabakarbeiter?

Selbstkritik.

Was Franzosen bei sich selbst bemängeln.

Deutsche Urteile über Deutschland sind in französischen Zeitungen nicht selten zu dem Zweck zurechtgemacht, um der Welt unter der Spitzmarke mitgeteilt zu werden: .Deutsche über sich selbst." Diese .deutschen" Urteile sind in der Regel Denunziationen, um Material gegen die deutsche Ehrlichkeit, den deutschen Friedenswillen usw zu fiefern und bienen praktisch dazu, um unter Berufung auf sie die Räumung des Rheinlands zu ver­weigern oder immer mehr französische .Sicherheits"-Forderungen zu begründen. W;e aber, wenn uns an einer Stelle, die so unver­dächtig wäre, dem Auslande Material gegen Frankreich liefern zu wollen, wie derTemps" selbst, eine französische Selb st an klage unvcrhülltester Art begegnete? Würde sie nicht auf jeden Fall anders zu bewerten fein, als die Ausgrabungen hyperpazisistischer deutscher Selbstbezichtigungen oder präparierter Kuckucks­eier in einer deutsch geschriebenen aber nicht deutsch empfindenden Presse?

Seltfam ober wahr: in demselben .Temps" der jene zweifelhaft riechende RubrikDeutsche über sich selbst" in feinen Spalten so ausgiebig pflegt, fand sich unter dem TitelMeinungen aus der Provinz" vor einiger Zeit ein Artikel, dessen scharfe Selbstkritik unsere Aufmerksam­keit eben deshalb verdient, weil Franzosen sonst nicht gewohnt sind, dem Auslande Einblick in ihre häuslichen Angelegenheiten zu geben. Der Verfasser zollt zuerst demgroßen, guten und bezaubernden Frankreich" den gewöhnlichen Tribut, aber dann geht er zu der Frage über: Woher kommt es, daß auf dieses Volk mit dem starken Temperament, mit der leidenschaft­lichen Aktivität und der edlen Initiative ein Staat gefolgt ist, der es mit feiner verwickelten und veralteten Maschinerie ruiniert? Aus die­sem schönen, lächelnden, kordialen Frankreich ?tzt ein anderes, an dem politische Parasiten äugen, dem sie ihre Giftstacheln einschlagen und ihm Zwietracht und Haß injizieren."

Der Verfasser dieser Klage verreicht das Aeußere der nach den Kriegszerstörungen wie­derhergestellten Region mit den übrigen Lan­desteilen, wo kein Maurer etwas zu tun hat. wo die Menschen in spärlichen und alten Häu­sern wohnen, die schlecht repariert sind und all­mählich verfallen. Die erste Ausgabe einer ordentlichen Regierung sollte sein, für die öffentliche Hygiene zu fargen. Die französische Regierung, heißt es weiter, tut das aber so schlecht, daß die Sterblichkeit, namentlich unter den kleinen Kindern, in Frankreich nicht ab- nimmt, sondern beängstigend zunimmt Gegen die Tuberkulose geschieht wenig, gegen den Alkoholismus nichts: tut Gegenteil. die-Alkohol- intereffenten sind, wenn nicht die Könige des politischen Frankreich, so doch seine Haus- meier Für die moralische Hygiene sorgt der Staat ebensowenig, wie für die körperliche. Nichts geschieht gegen eine Literatur, die eine bloße Kommerzialisierung von Attentaten auf die Sittlichkeit ist; nichts geschieht, um die Schulkinder vor einem Unterricht, hier im mordenden Kornmunimus, dort in malthu- sianischer Engelmacherei zu bewahren.

Diese Vorwürfe verdichten sich bei dem Ver­fasser dieserprovinzialen Kritik" schließlich zu der Anklage, daß der von sozialistischer Gleich- macherei vergiftete Staat sich anscheinend vor­genommen habe die Oberschicht der Nation zu nivellieren: die El'te. die als Avantgarde der Massen dazu notwendig ist, um die Wege zum materiellen und geistigen Fortschritt zu weisen. Ebrenstellen gibt es nur für Demagogen ohne KulturWie das alte Oesterreich" ist dies heutige Frankreich immer um ein Jahr, eine Idee und eine Armee im Rückstände: im Rück­stand selbst schon im Flugwesen, in der natio­nalen Verteidigung und auf dem furchtbaren Schlachtfeld, wo die Söldlinge des roten Mos- icu sich schon für den Bürgerkrieg rangieren

Es ist etwasfaul" in der französischen Re- publik so schließt der Artikel. Es gibt an­ständige Leute die ehrlich arbeiten, aber die offiziellen Volksvertreter forgen sich nicht darum, was sie für Frankreich tun könnten, fonbern darum was Frankreich für sie tun könnte, und sie denken, reden schreiben, argumentieren, der- sprechen zu feinem anderen Zweck, als um Frankreich zu überreden, es möge ihnen doch ihre guten Plätze lassens Das ist das politisierende Frankreich Das andere aber das große, das wahre eS soll den Politikern nur dazu dienen oaß sie feine Schönheit z u Geld machen!

Unter der Fnschistenknnte.

Entrechtete Avgeordnete in Südtirol.

Attikas Zukunft.

Italiens Minister weiht uns in seine Pläne ein. (Von unserem Sonderberichterstatter R. KrauS.)

Mailand, 4. November. Der Präfekt von Bozen ließ die Sekretariate der Südtiroler Abgeordneten Siernbach und Kienzel schließen weil diese Büros das Zentrum der Italien- feindlichen Politik gewesen sein, In denen die Abgeordnetenverdächtige Seute" von jenseits der Brennergrenze empfangen hätten.

Diktator pllsrr-ski.

Stimmen gegen den Parlaments-Maulkorb.

(Eigene Drahtmeldung.)

Warschau. 4. November.

Die Vertagung des Parlaments durch Pil- sudski wird von der Regierungspresse mit Be­friedigung aufgenommen. Die letzte Session habe nichts als eine Reihe fruchtloser gegen die Regierung gerichteter Kundgebungen gebracht. Der Sejm habe auch bei der Lesung des Bud­gets öde herumgeschwankt, statt sachlich zu ar­beiten. Demgegenüber stellt ein Linksblatt fest, daß die Regierung durch ihr Vorgehen das Rechtsgefühl und das Vertrauen der De­mokratie gründlich untergraben habe und dafür werde einst Polen die Zeche bezahlen müssen. Ein Blatt warnt davor, die Verhältnisse in Polen mit denen Spaniens oder Italien« ttcrgleidjen zu wollen. Polen sei keine Halbinsel und könne sich deshalb weder eine Diktatur noch einen jahrelang wäh­renden Kampf zwischen den staatlichen Gewal­ten und den Parteien gestatten.

Warschau wieder erregt

Warschau, 4. November. (Eigener Draht­bericht.) Gestern abend demonsttierten vor PilsudskiS Palais einige Taufend gegen die Auflöfung des Sejm. Tie Polizei nahm Ver­haftungen vor. Die Sozialdemokratie kündigt Kampfmaßnahmen gegen die Diktatur an.

VMudeN in der Huld Mariannes.

Warschau, 4. November. (Eigener Draht­bericht.) Der französische Marschall Franchet d Esperay wird hier demnächst Marschall Pil- sudAi die höchste französische militärische Aus­zeichnung, die Militärmedaille überreichen. Die bisher nur König Albert von Belgien und Marschall Foch erhalten haben.

Sichere Zahler.

Gilbert'S Vertrauen zur deutschen Wirtschaft. Berlin, 4. November.

Der Reparationsagent hat einem amerikani­schen Pressevertreter mitgeteilt. daß er keine

Bedenken wegen der für die nächsten Jahre fälligen deutschen Zahlungen habe. Sein Schritt sei lediglich aus formalen Grün­den bestimmt worden und er sei überzeugt von der Fortdauer der guten Beziehungen mit dem Deutschen Reich.

wir un- Parker Gilbert.

England billigt den Reparationskommissar.

London, 4. November.

Die beabsichtigte Veröffentlichung des deutschen Notenaustausches mit dem Reparati- nnsagenten, nennt ein Blatt eine weise Entscheidung, da hiermit die bisherige Nervo­sität und Beunruhigung sicherlich beigelegt würde. Im übrigen , habe Deutschland nicht allein eine besondere Reparationsab­teilung gebildet. Eine ähnliche Einrichtung bestünde auch in Italien für die Einteilung der Reparationen und Kriegsschulden. Die deutsche Maßnahme verstände man in England ganz.

Erliegen -re Sabakiabriken?

Generalaussperrung am 12. November.

Dresden» 4 November.

Nach der Aussperrung von 12000 sächsischen Tabakarbeitern erklären deren Verbände: Falls die Zigarrenindustriellen, wie sie angedroht ha­ben, am 12. November die Aussperrung übers ganze Reich ausdehnen sollten, müsse die Ar­beiterschaft etwa 12000 Mann auf die Kündigung mit sofortiger Arbeitsniederlegung antworten. Einem Blatt zufolge hat die etwa 40 000 Arbei­ter umfassende Belegschaft von Hamburg, Bre­men, Westfalen und Mannheim die Arbeiter be­reits niedergelegt In den übrigen Zentren werde teilweise noch gearbeitet Die Arbeit­nehmer-Organisation fordere 15 Prozent Lohn­erhöhung, die der Arbeitgeberverband ablehne, da der bestehende Tarifvertrag bis Ende März nächsten Jahres läuft Heber ein Eingreifen deS ReichSarbeitsministeriumS fei bisher noch nichts bekannt

D 1220 aber dem Atlantik.

Lissabon, 4. November. (Eigene Drahtmel- dung.) DaS Heinkelflugzeug D 1220 ist heute Vormittag um 6 Uhr 15 nach den Azoren ab- geslogen. ______

«ein Ozeanflug von Frauen für 1927.

Newyork, 4. November. (Funkspruch.) Fran Grayson hat den geplanten Flug nach Kopen­hagen für dieses Jahr enbj/iltig mrsgpgeben.

M Fahre als Todesjchiss.

62 Opfer in Australiens Hofen.

London 4. November. Nach den letzten Mel-Isechzig Personen den Tod gefunden, düngen auS Sidney haben bei dem Untergang DaS Schiff liegt fünfundzwanzig Meter tief, einer von einem ausfahrenden Dampfer ge- Taucher forschen noch den im Innern des Schif- rammten Führe etwa insgesamt zwei«ad-Ises befindlichen Leichen. (S. a. AuS aller Welt".)

8« der Ehescheidungs-Fabrik.

Rnßlands größter Sänger in 15 Minuten geschieden.

London, 4. November. Wie aus Moskau ver- lautet, wurde gestern vor einem Moskauer Ge­richt in einer kaum fünfzehn Minuten dauernden Sitzung die Scheidung des berühmten ruffifchen

Sänger« Schallapin von seiner Gattin, der früheren italienischen Tänzerin Julie Tornaghi ausgesprochen. Den Vorsitz bei den Verhandlungen führte eine achtundzwanzig­jährige unverheiratete Richterin.

Heimkehr des toten Prinzen

Aeberfuhrnng vom Friedhof du Bouvreh nach Potsdam.

Paris, 4. November. Nach einer Meldung auS Rouen werden heute die sterblichen Heben reste des Prinzen Karl von Preußen, des Soh­nes des Prinzen Friedrich Leopold,

auf dem Friedhof du Bonvrey ausgegraben und nach Potsdam überführt. Der Prinz wurde 1917 an der Somme verwundet und er­lag in einem englischen Lazarett seinen Verletzungen.

staates auch nufer Solonialiutcresse stärkste auregeu «erde«.

Ichifteu- « aufs

Rom, Ende Okwber.

Die jüngste« Ereiguiffe baven Italiens Kolo- nialostenstne wieder in de« Vordergrund der Weltvolittk geschoben, sodaß die von Minister Federzoni unserem R. «.-Mitarbeiter gewährte«

Es gibt wenig ruhende Pole in der Erschei­nungen Flucht. Und daß Luigi Federzoni von dem Tag an, ba der Faschismus zur Macht ge­langte, ununterbrochen die Kolouialpolitik des Landes bestimmt, ist ein wahres Phänomen. Als ich vor fünf- Jahren mein Ressort über­nahm," erzählt der Minister,herrschte in Tri­st o l i s und in der Cyrenaika die

latente Revolution.

Anarchistische Truppen und Formationen, die aus Eingeborenen bestanden und vielfach von desertierten europäischen Führern geleitet wa­ren, schufen einen ständigen Zustand der Un­ruhe. Achnlich lagen die Dinge tu unseren ost- afrikanischen Kolonien Hier bestand die ärgste Schwierigkeit in ihrer wirtschaftlichen Ver­wahrlosung. Und es war klar, daß wir, hier wie dort, energisch durchgreifen mußten." Der Mnister lächelt bezaubernd liebenswürdig, wenn er von energischem Durchgreifen, von Truppentransporten und kriegerisc^n Handlun­gen sprichtDamals war unser ganzes Kolo­nialgebiet, von der Küste bis ins Gebirge, ein einziger Unruheherd. Heute bietet Tripolis den wunderbaren Anblick von Ruhe und Ar­beit. Das Land befinbet sich in einem Zu­stand vollster wirtschaftlicher Entwicklung. Der Aufbau des Landes wächst so rasch, daß wir eine gewisse Mühe habest, um die notwen­digen Mittel bereitzustellen. So muß Tripolis zu einer Kolonie italienischer Bevölkerung wer­den wie ja meiner Meinung nach

ganz Rordafrika auf dem Weg

ist, sich durchaus zu europäisieren. Die Erschließung der Cyrenaika vollzog sich nicht ganz so einfach. DaS Merkwürdigste war hier, vatz die religiöse Sekte der Senussi mit italienischem (Selbe arbeiten, natürlich gegen uns arbeiten konnten. Nun, wir haben auch hier Ordnung geschaffen. Obwohl es sich um ein gebirgiges und zerklüftetes Gebiet, ähnlich dem marokkanischen Rif, handelt, in dem ein paar Hundert ortskundige und waghalsige Männer einen ständigen Guerillakrieg gegen die Autorität führen können, und obwohl es au­ßerhalb des Küstenstrichs, wenigstens bis in die letzten Jahre, keine ständig bewohnten Zentren gab, die wir als Stützpunkte hätten ausbauen können, ist es uns doch gelungen, die Cyre­naika zu pazifizieren Der noch an einzelnen Orten bestehende Terror wird im kommen­den Jahre unterdrückt fein Erst vor we­nigen Tagen, am Jahrestag des Marsches auf Rom, haben wir die

Eisenbahnlinie Bengafi-Baree

eröffnet. Und gegen diefe Fortschritte der Tech­nik nutzt kein Guerillakrieg und keine Revolte der Eingeborenen.Glaubt die italienische Re­gierung, daß das Erwachen der farbigen Rassen sich auf die Dauer aufhalten läßt?"Das Er­wachen nicht," antwortet der Minister.Aber die Feindseligkeit gegen Europa läßt sich, zu­mindest in unseren Kolonien, gewiß unterdrük- ken: durch Erziehung und wirtschaftliche Besserstellung der Eingeborenen! Be­ttachten Sie nur die wunderbare Entwicklung in der Eryttaea, wo ein neues Unternehmen nach dem anderen geschaffen wird, wo Eisen- bahnlinien entstehen und der Handel immer größeren Umfang annimmt. Die überaus wertvollen Baumwollpflanzungen des Landes werden jetzt erst zu exploitieren fein, wenn der Hafen von Massaua mit dem Tal von Gasch durch eine neye Bahn, die ein Wunderwerk der Technik darstellt sie verläuft stellen­weife in einer Höhe von 2400 Metern und ist so die höchste Bahnlinie in Afrika verbunden wird Ebenso rasch vollzieht sich der Aufstieg des S o m a l i l a n d e s. In diesem Zusam­menhang muß ich übrigens des Herzogs der Abruzzen eines Cousins unseres Königs, gedenken, der fein ganzes Vermögen und seine ganze Energie daran wendet, als der erste Pio­nier Italiens aus dem armen Somaliland ein wertvolles Wirtschaftsgebiet zu machen. Unsere Berber und Araber, lauter brave und erzie- hungsfähige Leute, sehen die Vorteile der Ver-