Nr. 242.
Siebzehnter Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichten
1. Beilage
Sonnabend, 15. Oktober 1927.
so die not
hatte, der
hat
Miß Elder, die amerikanische Ozeansliegcrin. drahtlos mitgeteilt, daß das .American Girl" auf dem Ozean in der Nähe eines Dampfers aufs Wasser niedergegangen lst. Ein zweiter Funkspruch bestätigt, daß das Flugzeug .American Girl" infolge Bruchs der Ocizuleitung aus dem Meere niedergehen mußte. Dem Dampfer „Barendrecht", der sich in der Nähe befand, gelang es, die Insassen, die unverletzt sind, an Bord zu nehmen. Der Dampfer .Barendrecht" befand sich auf der Fahrt von Houston (TexaSi. Das beschädigte Flugzeug dürfte verloren sein. Dieses und die zahllosen Mißgeschicke der letzten Ozeanflugversuche sollten doch endlich zu dem Entschluß führen, diese Flüge, die doch — so wurde vielfach behauptet — ernste flug- und verkehrstechnische Ziele vcrfölgten, abzustoppen und bis zum Frühjahr zu vertagen. Das Wetter über dem Ozean wird von Tag zu Tag chlechter, die Maschinen sind nicht in Ordnung; will man denn zu den vielen Mißerfolgen und Unglücksfällen dieses Jahres neue hinzugesellen, chwere Verantwortung auf sich laden und die
Luftfahrt noch weiter diskreditieren?
* Ein Dampfer von Piraten geplündert. Der chinesische Dampfer »Fingwu" wurde auf der Fahrt nach Wutschau von Seeräubern überfallen. Sämtliche Fahrgäste wurden ausgeplündert. Etwa sechzig Personen wurden als Gei- sein in die Küstengebirge verschleppt.
* Furchtbarer Racheakt. Zwei Töchter eines in der Nähe von Cenitra in Marokko von Eingeborenen ermordeten französischen Straßenbaubeamten sind von Banditen entführt worden. Man befürchtet, daß die Räuber die beiden Mädchen als Sklavinnen verkaufen werden. Der Ueberfall auf die französische Familie scheint einen Racheakt darzustellen, denn einer der Ein- gcnborenen. der durch Unachtsamkeit eines Komplizen bei dem Ueberfall getötet worden ist, wurde als ein früherer Angestellter des franzö- ischen Beamten erkannt, der vor kurzer Zeit nach einem heftigen Wortwechsel plötzlich entlassen worden war.
und Feuersäule aus dem Flugzeug hervor. Die sofort herbeieilenden Arbeiter konnten dem Piloten jedoch keine Hilfe mehr bringen. Ihnen bot sich ein entsetzlicher Anblick. In dem Flugzeug fanden sie den Führer brennend vor. Die Bergung der verkohlten Leiche gelang erst nach mehreren Stunden.
* Eine Postkarte, die elf Jahre unterwegs ist. Eine Feldpostkarte aus dem Jahre 1916 gelangte jetzt endlich nach 11 Jahren an die richtige Adreffe. Die Witwe Vollrath aus Groß- Oerner bei Leipzig erhielt diesen Gruß ihres Sohnes, der am 1. Oktober 1916 in Bojanow (Kreis Rawitsch) zur Post gegeben war.
* Bier Monate Gefängnis für einen drei- undstebzigjährigen! Ein 73jähriger Einwohner aus Niederweiz (Kreis Wetzlar) hatte sich wegen Testamentssälschung zu verantworten. Es wurde festgestellt, daß das angeblich von seiner verstorbenen Ehefrau eigenhändig geschriebene und unterschriebene Testament von dem alten Mann selbst geschrieben war mit dem Ziel, die gesetzlichen Erben zu benachteiligen. Das Urteil lautete auf vier Monate Gefängnis.
Konnersreuth.
Die fünfzehntägige kirchliche Untersuchung.
dieses Mannes veröffentlichte und
wendige Reklame für ihn gemacht , , ...
Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Man sah neben Vertretern der Arbeiterklasse auch hochmodern angezogene Damen der Gesellschaft. Aus dem enthusiastischen Verhalten der Zuhörerschaft ließ sich vernehmen, daß es sich nicht
Aus aller Welt.
Die OieanflifQtrln gereuet | Nach einem Funkspruch aus Newyork
taw föwffikStw NnHtlAiw
• Die Bestie int Menschen. In einer Ort- Ichast der Chrudimer Gegend in Böhmen fand man im Keller einen siebzigjährigen Landwirt ermordet auf. Der Täter ist bereits dreimal vorbestraft und wollte das Gut des alten Bauern kaufen. Er brachte ihn dann um, nachdem er eine Zahlungsbcstätigung über den Wert der Kaufsumme gefälscht hatte.
* Gerechte Strafe. Vor dem Schöffengericht m Glatz hatte sich der Geschäftsführer des Arbeitsnachweises Frankenstein wegen Amtsunter- chlagung von zwölstausend Mark zu vcrant- vcrurteilt^^ h>Urbc 3“ ätt,ct Jahren Zuchthaus
* Die Erde bebt. Gestern wurde in Wien abermals ein leichtes Erdbeben wahrgenommen. E Srmmerinnggebiet war das Beben stark Mbar, doch hat es nirgends irgend welchen schaden angerichtet.
* Furchtbarer Flicgertod. Auf dem Rechlin- ger Flugplatz stieg ein Arado-Doppcldccker auf, der erst vor einigen Tagen von Warnemünde dort abgeliefert war. Der von Berlin angekommene Flugzeugführer Dr.-Jng. Bienen wollte das Flugzeug einfliegen und machte beim Kunstfliegen u. a. auch die Rolle in einer Höhe von ca. 200 Metern. Der Führer führte die Rolle aus, offenbar gelang es ihm aber nicht, das Flugzeug abzufangen und er geriet in niedriger Höhe in die dritte Rolle. Hierbei schlug das Flugzeug auf den Erdboden auf und sprang ca. 6—8 Meter aus der Fluglinie nach rechts. Im gleichen Augenblick stieg auch schon eine Rauch-
Das „Oberhirtliche Verordnungsblatt für die Diözese Regensburg" utacht in seiner Nummer 10 folgende Angaben über die Art und Weise, wie die kirchliche Untersuchung in Konnersreuth : vorgenommen wurde. Es heißt da: „U. a. wur- ■ den vier zu diesem Zweck besonders geeignete - Wallersdorfer Franziskanerinnen ausgewähli, um in einer fünfzehntägigen Tag und Nacht ununterbrochenen Beobachtung den gänzlichen Mangel an Nahrung bei der Therese Neumann zu prüfen. Die Schwestern legten zunächst vor einem bischöflichen Kommiffar einen Eid ab, daß sie ihre Aufgabe auf das gewissenhafteste und nur nach den Anweisungen des leitenden Arztes, Sanitätsrat Dr. Seidl, ausführen würden, worauf sie in Waldsassen noch zwei Tage lang von dem genannten Arzte speziell instruiert wurden. Dann begannen sie in Konnersreuth ihre Tätigkeit mit einer genauen Untersuchung des Zimmers der Neumann. Beständig waren die Augen von zwei Schwestern auf sie gerichtet, regelmäßig wurde sie gewogen, das Mundspülwasser vor und nach dem Gebrauch gemessen, Blut aus den fließenden Wunden sowohl wie aus einem kleinen Einschnitte in ein Ohrläppchen gewonnen und an auswärtige Laboratorien geschickt zur Untersuchung, ob es Hungerblut ei. Hierzu traten noch andere chemische Unter- suchungen. Somit waren verschiedene Wege eingeschlagen, welche alle zu dem gleichen Resultate führten: Es fand nicht die geringste Nahrungsaufnahme statt. Dabei war die Therese Neumann, die keineswegs auffallend abgemagert ist, nicht immer bettlägerig, sondern stand, gewöhnlich auf, blieb in ihrem Zimmer, ging m die Kirche oder in das benachbarte Hans. Gan; rätselhaft war die weitere Erscheinung, daß trotz des absoluten Fastens zweimal aus nicht unbedeutende Gewichtsabnahmen ungefähr gleiche Gewichtszunahmen folgten. Herr Sam- tätsrat Dr. Seidl erschiei während der 15 Tage neunmal, darunter zweimal bei Nacht unange- meldet zur Kontrolle in Konnersreuth. Zeitweise zog er auch den Universitätsprofessor Dr Ewald aus Erlangen bei. Nach Vollendung ihrer Aufgabe wurden die vier Schwestern, deren tadelloser Pflichterfüllung, ärztlicherseits hohes Lob gespendet wurde, abermals vereidigt". Aus dieser Erklärung des bischöflichen Ordinariais der Diözese Regensburg ging hervor, daß man nicht mehr die Absicht hat, eine klinische Unter- uchuug und Beobachtung vornehmen zu lassen. Die Fälle, daß jemand ohne besondere Verän- derungen zwei Wochen lang gehungert hat, sind bekanntlich gar nicht selten ,sodaß im Grunde genommen die Untersuchung nicht wesentlich weitergebracht hat.
Cm populärer Zuchthäusler.
In London ist der berüchtigte Volksredner und Zuchthäusler Bottomley, der, wie man aus dem Memoiren des Feldmarschalls Wilson erfahren hat, während des Krieges als größter Deutschenhasser neben Lord Northcliffe zu den Sitzungen des Llovd Georgeschen Kriegskabinetts hinzugezögen worden war, zum ersten Male wieder als Redner in der Queens-Hall aufgetreten. Es ist ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, daß, nachdem Lord Rothermere in seinem Sonntagsblatte die Zuchthausmemoiren
Der Weck zum Erfolg.
Bom Kleininserenten zum Millionär.
Von
Dr. G. S. Brandes.
Der Gebnrtsta« bet Zeituiigsa«zeige. I Wer »et« nein sich am bette« auf Maneuomchotoaier 1 Das bet Wirtschaft. / Wie ÜSrigle« mm Äu® gnmmifönig würbe. I Ford, Meister der Reklame.
Ernes der viel gesuchten und selten gesunde- • nen Eolumbuseier war der Einfall jenes Engländers, der als erster in der einzigen damals regelmäßig erscheinenden Zeitung Londons die bis dahln nur Bekanntmachungen und schnurrige Geschichten enthielt, in der Äujmachiinq einer Gcschästsanzeige den Verlust seiner zwei Pferde öffentlich bekanntgab. Das war am 12. April 1649, dem Geburtstag der Zeiiungsan- zeige. Wie über jede neuartige mutige Tar ist auch über die Zweckmäßigkeit der Zeitungsanzeige zunächst ein Meinungsstreit entbrannt. Wenn man heute in den lOOseitigen Sonniag- ausgaben der Weltpresse blättert, lächelt man über die Sorgen, die sich die damaligen Neunmalweisen in dieser Streitfrage aufgeladen haben. Die Entwicklung nahm auch bei der Zeitungsanzeige den ihr von ihren inneren Gesetzen vorgeschriebenen Gang. Mit der Belebung und Entfaltung des Wirtschaftslebens wuchs in gleichem Tempo der Anzeigenteil der Zeitungen. Er breitete sich am raschesten und stärksten in denjenigen Ländern aus in denen die wirtschaftliche Entwicklung ungehemmt mit urwüchsiger Kraft aus dem Boden brach, in Nordamerika Das ist durchaus natürlich; beim wirtschaftliche Entwicklung und Jnseratreklame sind in inniger Wechselwirkung verbunden Die eine schöpft ihre Kraft aus der anderen Die Zeitungsanzeige ist das wirksamste Kampfmittel technischen und kulturellen Fortschrittes. Sie fand daher von jeher die entschlossenste und auSgiebiaste Anwendung an den Plätzen, wo der wirtschaftliche Aufstieg am leidenschaftlichsten ausgefochten wurde Es ist nur eine notwendige Folgeerscheinung, daß die heutige Wohlhabenheit der Amerikaner am sinnbildlichsten in
Propaganda unterstützt Wrigley gehört heute zu den ersten Großverdienern seines Landes. Ford ging vom gleichen Standpunkt aus, er sagte sich: großer Umsatz, gute Ware, geschickte Reklame, wenig Verdienst Ford verdient an einem einzigen Auto, das etwa 300 Dollar kostet, nur zehn Mark, aber für das gleiche Auto gibt er die vier- bis fünffache Summe an An- zeigenspesen aus. Die Masse bringt es, dachte Ford, und wurde zum größten Stenerzahler Amerikas Patterson, nicht der Erfinder, sondern der Einsührer der Registrierkassen, heute einer der mächtigsten Industriellen, hat einige Dutzend Reklamechefs, die dafür Sorge tragen, daß hauptsächlich durch Inserate immer wieder Name und An sich einpiägen Tas einmal erscheinende Inserat wird gelesen und — vergessen. Das oft erscheinende Inserat wird zu einem eindrucksvollen Hinweis Es g'bt in Amerika einige große Versandhäuser, die einen Umsatz von Hunderten von Millionen Dollar haben, deren Cristen z aber nur auf der Zeitungsanzeige beruht Diese Firmen inserieren immer wieder, daß man bei ihnen alles kaufen könne, von der Stecknadel bis zur kompletten transportablen Siebenzimmer-Villa Diese kleinen Inserate erscheinen an allen Ecken und Enden selbst der kleinsten Zeitungen. Vorwiegend diesen Anzeigen ist es zu verdanken, daß eine einzige Firma jährlich über 10 Millionen Kataloge versendet, bereit jeder etwa doppelt so dick ist tote em normales Adreßbuch
etwa um Leidtragende handelt, die durch die Grüdungsschwindeleien Bottomleys geschädigt worden waren, sondern offenbar um Leute, die dem großen Bottomley nicht vergessen haben, daß er mit solchem Eifer gegen die Deutschen gehetzt hatte. Er sprach über die Erlebnisse int Zuchthaufe und schlug eine Zuchthausreform vor. Schließlich kündigte er an, daß er dafür nicht nur in Zeitungen und Versammlungen eintreten wolle, sondern daß er hoffe, sehr bald wieder als Parlamentsabgeordneter dieses tun zu können. Tas schien doch einem der Anwe senden etwas zu gewagt zu sein und er rie Bottomley zu: „Sie werden wohl bald Premier- Minister werden."
den gewaltigen Ausgaben der amenkanischen Zeitungen mit ihrem bücherdicken Anzeigenteil in Erscheinung tritt. Auch in dem Welikaufla- den London, in dem industriereichen England hat sich der Anzeigenteil der Zeitungen gigantisch entfaltet. Etwas zaghafter ging der deutsche Kaufmann und Unternehmer an die Auswertung der durch die Zeitungsanzeige gebotenen Werbemöglichkeiten heran Der Deutsche hat sich von jeher nicht in gleich geschickter Weise wie sein angelsächsischer Vetter auf Maffenpsy- chologie verstanden und sich dadurch selbst die Möglichkeiten verringert, seine überlegene wissenschaftliche Bildung, seine erfinderische und organisatorische Begabung in vollem Maße aus- zunntzen.
ES gilt in Amerika alS eine Binsenwahrheit, daß man seine Waren nur absetzen, sein Geschäft nur vergrößern, einen Aufstieg im Großen nur durchführen kann wenn man durch ständiges Inserieren die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich lenkt Jedes große Unternehmen beginnt damit, daß man zunächst einen großen Änzeigenfeldzug in Szene setzt und auf ihn alle finanziellen Kräfte konzentriert Diese Weisheit gehört in Amerika zum ABC der Wirtschaft Die Dollatkönige haben in Wort und Schrift immer wieder daraus hingewiesen, daß sie der Zeitungsanzeige in ganz besonderem Maße ihren Ausstieg verdanken und daß die Zeitungsanzeige auch heute noch die stärkste Stütze ihres Erfolges ist.
Wrigley, der amerikanische Kaugummisabri- tant, bat den Wert des Kleininserats als einer der ersten erkannt Er hat fortgesetzt in vielen Blättern kleine Anzeigen erscheinen lassen, die auf Namen, Qualität und Preiswürdigkeii seines Fabrikates hingewiesen und hat erst später diese Reklame durch große Licht- und Plakat-
(Forrsetzung folgt.)
Jahre wicdersahcn, wurde zu hohen Festen für mich. Ich darf Ihnen ja dergleichen gestehen, weil ich em alter Mann bin."
Lucie Manin sah ihn lächelnd an.
„Natürlich dürfen Sie mir dergleichen gestehen, aber nicht, weil Sie ein alter Mann sind, sondern weil ich Sie sehr gern habe, und wer so aussieht, wie Sie, tst überhaupt kein alter Mann."
Eberhard Mallentin sagte hastig: „Nun will ich ihnen alles erzählen, was mit dem Bilde zusammeuhängt."
Vereinigung so sehr, daß es nicht Worte gibt, es auszudrücken, und nun kommt dieser Schlag." Ihr Stimme war wie zersprungen. „Ich weiß, einen Gaston de Vernon kann ich nicht heiraten, ich kann und darf das auch den Meinen nicht antun. Aber ich bitte Sie, Mademoiselle Manin, ich bitte Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, lassen Sie sich nicht irritieren, wenn Sie Malte von Brunnenhof sehen. Ein Bild kann täuschen. Auch ein Mensch, namentlich, wenn man ihn erst nach Jahren wiedersieht. Cinta Moreno kann sich auf diese Weise getäuscht haben. Ihnen aber darf das um Gottcswillen mchi geschehen. Wahrheit will ich und der Wahrheit werde ich mich fügen Aber wenn ich sein und mein Lebensglück einem Irrtum zum Opfer bringen müßte, das wäre entsetzlich."
Tas schmalgewordene Gesicht Fränzes war bleich, und über ihre Wangen liefen langsam schwere Tränen. •
Der Doppelgänger
42' Roman von Anny PanhuhS.
Die Tänzerin fand, die Augen des blonden Mädchens sahen fast auS, als hätten sie kurz zuvor Tränen vergossen. Lucie Manin erhielt zwei vorteilhaft gelegene Zimmer zur Versü- gung gestellt, mit anschließendem Stübchen für ihre Zofe, die sofort auspackte, um ihre Herrin für den Tee in ein hochelegantes weißes Tuchkleid zu hüllen.
Rach dem gemeinsamen Tee bat Eberhard Mallentin die Tänzerin um eine Unterredung.
Sie gingen beide in das mollig durchwärmte Wohnzimmer Mallentins, und die Zierlichkeit Lucie Manins kuschelte sich behaglich in einen großen Lehnstuhl, der mit schöngemustertem alten Stoff bezogen war
Sie lachte ihr Kling-klang.
„Daß ich einmal auf einen deutschen GittS- hos zu Besuch kommen würde, hätte ich nie geglaubt." lieber ihrem gepuderten Gesichtchen lag plötzlich tiefer Ernst. „Sie sind wayrlich zu beneiden, Monseur Mallentin Es ist so eigen Früher konnte ich mir nicht denken, daß man fern von Paris glücklich fein könnte, jetzt wünsche ich mir so oft ländlichen Frieden. Die Jahre des Umherreifens macken entsetzlich müde " Sie brach ab „Aber nun. lieber Monsieur Mallentin, was wollten Sie mit mir sprechen? Ich meine, es müßte mit dem Bilde Vernons zusammenhängend das Sie mir schickten Ick meine sogar, Ihre überraschende Einladuna hängt vielleicht damit zusammen? Ich habe ja auck Fragen wegen Vernon an Sie zu richten "
Eberhard Mallentin rückte feinen Stuhl so, daß er der graziösen Erscheinung gerade gegenüber faß •
Er gestand ehrlick: „Ja, die Einladung hängt mit dem Bild zusammen und die Unterredung, um die ich Sie gebeten, auch Aber eben so offen gestehe ich Ihnen, daß Sie die Einladuna annahmen. das hat rnick ganz unw'hrfcheinlick glücklich gemacht Ich habe Sie nie veraessen können, und daß wir uns zweimal im Laufe der
„Meine Tochter tut mir leid, ich hatte immer noch die Hoffnung, die Photographie könnte Sie getäuscht haben. Fränze rechnet sogar sicher damit. glaube ich."
Die Tänzerin ließ die Hände in den Scho sinken.
„Ich wäre froh, wenn ich zugeben dürfte: Ja, ich täuschte mich, es handelt sich nur um eine Aehnlickkeit! Aber rechnen Sie nicht damit, dieser Brunnenhof ist bestimmt Vernon selbst."
„Wie furchtbar!" stöhnte Mallentin.
Lucie Manin läckelte ihn an. „Seien Sie nicht traurig, Ihre Tochter wird es überwinden." —
Sie reichte ihm wie tröstend die Rechte, und Eberhard Mallentin neigte sich darüber, küßte die Hand ein wenig zu lange.
Vor dem Schlafengehen huschte Fränze Im leichten Hauskleid hinüber zu dem Gast. Die Zofe meldete sie an.
Lucie stand vor dem Toilettentisch, auf dem o viele Fläschchen und Dosen aufgebaut waren, daß Fränze trotz der sorgenvollen Gedanken, die sic beschäftigten, das Arsenal ganz verblüfft betrachtete
. Lucie Manin fühlte ein großes Erbarmen M -rwachen, aber sie besaß ja nicht die Macht, diese Tranen zu trocknen. Dennock, von chrem Mttleid getrieben, versprach sie: „Ich werde muh nicht tauschen lassen, bestimmt nicht." Ein hoffnungsvolles Leuchten erstand in den Augen Franzes.
M»wns^^^6una griff sie nach Lucie Manins Hanven, und bann sank sie plötzlich in $n,e tor der Zierlichen in dem svitzenum- faumten seidenen Nachtgewande. Wie Fleh-n und Stöhnen klang es zu Lucie auf: „Sie sind ^ernn über meine Zukunft, über mein Glück toie einem Menschen der noch
-I.m Ä l£,?,bie Richter begnadigen oder ? werurlc,£cn roerben Erkennen Sie ""ch ich zu Grunde gehen, deshalb fehen Sie scharf und genau." .r,<5tKnltter‘ faß die Tänzerin und-erkannte erst fetzt die volle Wichtigkeit ihrer Mission hier eie schauerte davor ■
^"^"^ ne Leidenschaftlichkeit b7„ ^Winntne ließ sie Gefühle ahnen, die vtc Stunne waren, von d-nen sie bisher ver- ckont geblieben, obwohl ihr Leben doch schon to viele Zlckzackwege durchlaufen.
So erfuhr Lucie Manin, daß die Photographie Malte von Brunnenhof darstelltc. een Mann, mit dem sich Fränze Mallentin fn einer Woche verloben, mit dem sie sich Weihnachten verheiraten wollte.
Lucie hatte den Erzähler nur zuweilen durch einen Laut des Erstaunens unterbrochen. Ms Mallentir. geendet, erklärte sie bestimmr: „Es gibt gar keine Frage für mich über die Person des Mannes Der Herr auf dem Bild ist Gaston de Vernon, fo wahr ich Lucie Manin bin Daß er ein reines Deutsch spricht, beweist nichts. Das bat er wohl inzwischen gelernt, denn er ist ein Sprachtalent Er spricht Englisch, Spanisch. Italienisch, Schwedisch, Holländisch und Ungarisch. Ein wenig älter steht er auf dem Bilde aus. Es sind ja auch schon sechs Jahre vergangen, seit er Paris verließ, aber ick kenne ibn genau. Das Bild genügt Obwohl es mir eine Freude sein soll, ihm gegenüber zu treten, um es ibm ins Gefickt zu sagen, wie falsch und nie» dertrSchrig er fick benommen" Sie legte die zarten weißen Hände an die Schläfen. „Lieber Monsieur Mallentin, er hat mir einmal großen Schmerz zugefügt, ich hatte ihn ja so lieb, aber jetzt spüre ich nur noch Haß statt Liebe Als ihre Tochter mir damals in Frankfurt mitteilte. Gaston de Vernon sei tot. tat eS mir dock noch weh, wenn ick es Ihnen gegenüber auck nickt zugab. dem Toten hatte ick aber irrgeben den Lebenden jedoch hasse ich Keinesfalls dürfen Sie diesen Schwindler in Ihrer Familie aufnehmen."
Eberhard Mallenttn sah sie traurig an. i
.Ich nehme an, Ihr Vater hat mit Ihnen gesprochen über das, was ich heute zu ihm gesagt?"
Fränze neigte den Kopf.
,5a. er tat es, und nun bin ich ganz verzweifelt. weil ich es nicht glauben kamt. Es erjchetnt mir unmöglich, daß der Mann, der so vornehm aussieht, dessen Worte so Wahr und aufrichtig, so echt und vom Herzen kommend cketnen. ein Lügner fein soll Ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, daß Sie irrten, genau wie fette Filmschauspielerin" Sie faltete bte Zände hob sie ein wenig „Erinnern Sie sich. Mademoiselle Manin, daß ich Ihnen in Frank- furt gestand, Was ja bis beute sonst niemand weiß, daß ich Venwn geliebt, und mich die Aebnlickkelt Malte von Brunnenbofs mit ibm bewog, meine damalioe Verlobung zu lösen In Malte von Brunu-mbm liebe ich Vernon, aber anders Besser stärker! Wir sahen uns kaum und liebten uns; wir freuten uns auf unsere