Kasseler Neueste Nachrichten
4. Beilage
Sonntag, 2. Oktober 1927.
Hmdentmrg beobachtet den Verlaus der Schlacht bei Tannenberg.
russische Armee-
Vrof. Paul Lindenberg.
Wohl noch nie zuvor errang sich ein Irdischer so plötzlich hallenden Weltruf, ward über Nacht der Held eines ganzen Volkes, wie Hindenburg, für den sich nach der Schlacht bei Tannenberg Erfolg an Erfolg reihte, jeder von neuem seinen Ruhm als Feldherr bestätigend und vertiefend.
entscheidenden Teil zu den Siegen bei, die für immer mit den bewundernswerten Taten unserer aufopferungsvollen Truppen verknüpft sein werden. Diese Truppen sahen in dem Oberbefehlshaber nicht nur ihren Führer, sondern auch den Vater, der ein offenes Herz für ihre Freuden und Leiden hatte, der stets bestrebt war, für sie zu sorgen und, wo es nur ging, ihren schweren Dienst zu erleichtern. Schon als junger Offizier hatte er immer Verständnis für seine Mannschaft gezeigt und sich derselben warm angenommen; kennzeichnend für ihn ist sein Wort, das er als Oberst in Oldenburg bei der Einweihung des Offiziershauses gesprochen: .Wir sind alle Arbeiter, sei es mit dem Degen oder mit Hammer und Kelle in der Hand!'
der Verantwortung bedrücke, antwortete er: .Man faßt die Aufgabe eben als Pflicht auf, und mit der Lösung dieser Aufgabe ist man dann so ausgefüllt, daß daneben nichts anderes Platz hat. Erst wenn die Sache vorbei ist, kommt es einem wieder zum Bewußtsein, wie schwer die Verantwortung war!' Pflichterfüllung und Verantwortungsgefühl — sie bildeten den regelnden Pulsschlag im nimmer rastenden Getriebe des Hauptquartiers Hindenburgs während der Kriegsjahre und trugen ihren
abgesehen von den wenigen sommerlichen Urlaubswochen. Gewiß, vielerlei Hilfskräfte stehen Hindenburg zur Verfügung, aber man kennt ihn schlecht, wenn man glaubt, daß er sich allein auf diese verläßt und oft nur gewohnheitsmäßig die erforderlichen Unterschriften gibt. Nein, er prüft jedes auf das genaueste und fällt, nachdem er alles reiflich überlegt hat, seine Entschlüsse.
Was wird alles von dem Reichspräsidenten verlangt, was alles tritt an ihn heran! Er soll sich um vielerlei kümmern, soll Rat und Aufklärung geben, soll anspornen zu diesem und jenem, soll den verschiedensten Veranstaltungen persönlich beiwohnen, dann wieder den Sitzungen des Kabinetts präsidieren, er hat politische Besprechungen mit den Ministern und Parteiführern, empfängt die beim Reich beglaubigten fremden Gesandten und Botschafter, dann wieder Abordnungen aller Art usw., neben den geselligen Verpflichtungen im eigenen Hause und außerhalb desselben. Und jedes Wort, das der Reichspräsident schreibt und spricht, wird besonders gewertet, wird von dieser und jener Seite beleuchtet und bekrittelt, findet im Fn- und Auslande bei amtlichen und Privatpersonen regste Beachtung.
Es ist ein besonderes Zeugnis für die polittsche Einsicht Hindenburgs, daß keine einzige seiner Reden und Ansprachen Anlaß bot zu irgendwelchen Auseinandersetzungen. Wie als Feldherr ein glänzender Taktiker, bewies er dies auch als Staatsmann, der nur das eine Ziel kennt; sein hohes Amt gerecht zu verwalten im Interesse des Deutschen Reiches und Volkes.
Wie innig wünschen wir alle zu seinem 80. Geburts- tage, der ihm soviele neue Ehrungen bringen wird, daß ihm dies noch lange beschieden sein möge, zum Segen des deutschen Volkes!
Nicht bloß ernste Pflichten in ideeller Auffassung brachte das neue Amt dem betagten Reichspräsidenten, sondern auch eine reiche Fülle unermüdlicher Arbeit, die sich Tag für Tag wiederholt,
Haus Reudeck 6ci Freystadt in Westpreußen, das Familien gut derer von Beneckendorff - Hindenburg. Rechts Zimmer mit Ahnenbildern Hindenburgs in Neudeck.
Nr. 231.
Siebzehnter Jahrgang.
Am Abend des 30. August 1914 im Hannoverschen Heim des Generals von Hindenburg: Die Familie erwartet in tiefer Unruhe Nachrichten vom östlichen Kriegsschauplatz, auf dem, wie man wußte, entscheidende Kämpfe im Gange waren. Und die deutsche Armee stand dort unter dem Befehl des Hausherrn, der kurz zuvor die Stadt verlassen hatte, in welcher er als pensionierter General seine Tage in Ruhe zu verbringen gedachte. Der Krieg und die Überflutung Ostpreußens durch die russischen Heere hatten diese
Ruhe jäh gestört. Nun harrte man ungeduldig einer Kunde, ob dort oben jenseits der Weichsel die Würfel schon gefallen und wie sie gefallen waren.
Da bimmelt der Fernsprecher, und gleich danach stürzt das Hausmädchen, das die telephonische Mitteilung entgegengenommen hatte, bleich und aufgeregt ins Zimmer: .4% Korps sind von uns im Osten geschlagen worden!'
Blaß und zitternd vernahm es die junge zweite Tochter der Familie, welche die Schreckensbotschaft gar nicht der Mutter berichten wollte. Und immer wieder vingelt der Fernsprecher, man geh' gar nicht mehr heran, um nicht abermals von dem Unglück zu hören. Alsbald stellen sich auch Vertreter der Zeitungen ein, die Notizen über das Leben des Generals haben wollen; die Tochter ruft ihnen zu: „Um Gottes willen, was wollen Sie denn nur von meinem armen, unglücklichen Vater, für den es vielleicht am besten wäre, wenn er nie zurückkehrte! Ich glaube auch nicht, daß er diesen Schlag überlebt!"
Da Närte sich nun schnell der Irrtum auf, 4'/« Korps waren freilich von uns geschlagen worden, es handelte sich aber um korps!
_ Was Hindenburg, der bekanntlich schon die Feldzüge 1866 und 1870/1871 mitgemacht, in langer Friedensarbeit gelernt hatte, das trug nun seine siegreichen Früchte. Die deutsche Volksseele hat für die wahre Größe ein feines Verständnis; sie wußte in Hindenburg nicht nur den Kriegshelden zu ehren, sondern auch den
Feldherr und Staatsmann
ZUM 80.GEBURTSTAG DES REICHSPRAESIDENTEN
Don der Schlacht bei Tannenberg bis zum Einzüge als Reichspräsident in Berlin ein langer, weiter Weg für Hindenburg wie für unser Vaterland! In vorgerücktem Alter, nach anstrengenden Kriegsjahren die schwere Bürde des staatlichen Oberhauptes Deutschlands zu übernehmen, war wiederum für Hindenburg unbedingte Pflichterfüllung. In feinem neuen Amte zeigte er auch gar bald feine staatsmännifchen Eigenschaften, an denen so mancher vorher gezweifelt hatte.
Gleich nach feiner Wahl hatte er energisch betont, daß es jetzt nicht mehr zwei sich gegenüberstehende Richtungen, wie es im Wahlkampfe der Fall gewesen war, geben dürfe, er würde seine ganze Energie darauf verwenden, den Zwist der Parteien ziz mildern und sein Amt in einem durchaus parteilosen Sinne ausfüllen: „Man soll sich nicht einbilden, daß ich mir jetzt von irgendeiner Partei Vorschriften machen lassen werde, auch nicht von denen, die mir im Wahlkampf besonders geholfen haben. Auch dem bisherigen Gegner, der sich mit mir zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden will, reiche ich die Hand.' Dies Bestreben, versöhnend zu wirken, kam in vielen Ansprachen und Erlassen zum Ausdruck, denn nur ein einiges Deutschland kann seine alte wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung zurückgewinnen, kann in enger Gemeinschaft die wichtigen, mit dem Leben und Weben des Volkes zufammenhän- genden Fragen löfen.
Menfchen zu schätzen, den echten und rechten Mann, der für sich einzig durch seine Taten sprach, der nur in wichtigster Stunde das Wort ergriff, der nie seiner treuen Mitarbeiter vergaß und stets für feine tapferen Truppen sorgte. Damals sagte gelegenttich Frau von Hindenburg zu mir:
„Mein Mann empfindet wahr und innig die Liebe und Dankbarkeit des deutschen Volles, es erfreut ihn aufs tiefste, aber er wird nie etwas persönlich dazu tun, dies niemals betonen oder zeigen. Es ist ihm nicht gegeben, entspricht nicht seinem Wesen, würde auch ein falsches Licht auf fein Tun und Handeln werfen — er ist der Bescheidene, Zurückhaltende geblieben, der er stets gewesen.'
Als in bewegter Zeit ein Besucher den Feldmarschall fragte, ob in entscheidenden Stunden ihn nicht die Last
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