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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Mtttwoch, 27. Juli 1927

Nummer 173. Amtliches Orqan der Stadt s^affe

Amtliches Organ der Stadt KaHel. 17. Jahrgang

2er rumänische Diktator suhlt sich bedroht.

Handwerk tut not.

Das Bekenntnis des Reichswirtschaftsministers.

Der ReichswirtschastSminister Dr. Curtius hat sich, wie wir gestern mitteilten, aus dem nordwestdeutschen Handwerkertage in Lüneburg ausführlich mit dem deutschen Handwerk in der Gegenwart befaßt. Die Rede kündigte verschie­dene Maßnahmen an, die von der Reichsregie- rung zur Unterstützung des Handwerks geplant sind und in nächster Zeit schon durchgeführt werden sollen.

Bemerkenswert war an den Ausführungen des Reichswirtschaftsministers vor allem das Bekenntnis von der Notwendigkeit deS Hand- Werks. Schon feit Jahren gibt es in der deut­schen nationalökonomischen Wisienschaft eine Richtung, die die Existenzberechtigung des Handwerks verneint und der Ansicht ist, das Handwerk müsse der fortschreitenden Technik und Normalisierung erliegen. So hat Friedrich Naumann in seinerNeudeutschen Wirtschasts- Politik" mit folgenden Worten beinahe schon Abschied genommen vom Handwerk überhaupt: Einst regierten diese Kleinen (Meister) ihre Wett selber. DaS ist vorbei. Das ist aber auch der innere Grund, weshalb alle Erörterungen in der Handwerkersrage etwas so Müdes und

Krisenstrmmung in Rumänien.

Die Minderheiten gegen Bratianu / Zuckerbrot für die Beamten / Eine überraschende Regierungsmaßnahme.

London, 26. Juli. (Eigener Drahtbericht) Der Sonder-Korresponveut der Times drahtei aus Bukarest: In Rumänien herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Sämtliche Minderheiten, die Bulgaren, dir Ungarn, die Deutschen und die Russen haben Delegationen zu einer Sonder- befprechung am 1. August nach Bukarest ent­sandt. Allgemein nimmt man an, daß die Par­teien eine Kampf-Entschließung gegen das Ge- walt-Regime BratiannS vorbereiten.

* * *

Bratianu vaut bor.

Er erhöht die BeamtengehLlter.

Bukarest, 26. Juli.

Die Regierung hat Gehaltserhöhungen für die Beamten und die Ossizäere des Heeres beim

Parlament beantragt. Dies ist der erste Re- gierungsntt nach dem Tode des Kiinigs. Mi­nisterpräsident Bratianu erklärte in einer Pressekonferenz, daß er durch diese Maßnahme einen festen Kitt zwischen dem neuen Regiment und dem Beamtentum und dem Offizierstand schaffen wolle.

*

Da« Herr wirb verfiam

Bukarest, 26. Juli. (Drabtbe richt.) Das Amtsblatt veröffentlicht heute zwei Erlasse Mi das Heer, Danach werden die Offiziere von vier Jahresklafsen für drei Monate einberufen und die Angehörigen von zwei Jahresklassen für vier Wochen. Eine Begründung dieser überraschenden Maßnahme wird nicht gegeben.

Gin friedlicher Angriff auf Wien.

Angkfühnte Verbrechen in Oesterreich / Notwendige Reform der Rechtssprechung / Gegen di« Schwurgerichte.

Wehmütiges an sich haben. Wir nehmen Ab­schied von einer Grundgestalt des deutschen Le- iea$, von dem Mefficr, der ein Schöpfer eige- .'Werke gewesen ist. De» Schaffen ist zu den Großen übergegangen und der Handwerker folgt ihnen, wie der Aehrenleser dem Trupp der Schnitter; auch wenn seine Tagesernte nicht ge­ring ist, so kann er doch nur nehmen, was übrig bleibt, nachdem die Garben der Großen in Reihe und Glied stehen."

Während der Inflationszeit hatte es denn auch ost den Anschein, als ob die kleinen Hand­werksmeister nicht mehr mit der Entwicklung Schritt halten könnten und als ob die Scheide­stunde des Handwerks aus der deutschen Wirt­schaft gekommen sei. Wer aoer tiefer in die Zusammenhänge blickte, mußte sich sagen, daß ein so starker und in gewisier Beziehung uner- fetzbarer Stand bei der Rückkehr normaler Zei­ten unmöglich von der Bildfläche verschwinden könne und von der Mechanik der Industrie nicht aufgesogen werden könne. Der bekannte Leipziger Volkswirtschastler, Professor Bücher, hat es denn auch immer mit Ueberzeugung ausgesprochen,daß das Handwerk als Be­triebsform nie völlig untergehen kann". Es besteht kein Zweifel darüber, daß das Hand­werk auch in seiner durch Jahrhunderte überlie­ferten Betriebsform in einer Zeit ausgeprägte­ster Mechanisierung Daseinsberechtigung und Zukunft hat. Wo die Leistung durch individu­elles Bedürfnis bedingt ist, hören, wie Dr. Curtius in Lüneburg sehr richtig sagte, die Grenzen der fabrikmäßigen Gütererzeugung auf. Hier muß das Handwerk eingreisen und es wird in dieser Beziehung auch nie zu entbehren sein. Außerdem wird man für Reparaturen immer handwerksmäßig geschulte Kräfte brauchen. Ebenso für gewisse Arbeiten, die mm einmal nicht fabrikmäßig geschaffen werden können. Es ist sehr erfreulich, daß sich die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Existenz des Handwerks wieder mebr und mehr durchsetzt und daß, je mehr die Mechanisierung und Typisierung in der Industrie fortschreitet, das Bedürfnis nach dem Handwerker wieder größer wird.

Aber das Handwerk hat heute mit besonders schweren Sorgen zu kämpfen. Zum Teil leidet es noch unter den Nachwehen der Inflation, zum Teil aber bedrücken es Sorgen, die in der Gestaltung unseres Wirtschaftslebens begründet sind. Vor allem ist es die Kredits rage, die es gar manchem Handwerksmeister nicht gestat­tet, das zu leisten, was er eigentlich leisten könnte. Hat schon die mittlere und kleine In­dustrie damit tu kämpfen, die nötigen Betriebs­kredite aufzubrinaen, so erst recht das Hand­werk. Der Reickswirtschastsminister hat nun versprochen, mit den Ländern in Fühlung zu treten, um zu bewirken, daß die Sparkassen in vermehrtem Umfange zu der Anlage ihrer Spargelder in kleineren Hypothekenkrediten übergingen. Hoffentlich wird es aus diese Weise möglich, auch dem Handwerk das nötige Geld zufließen zu lassen.damik mancher Mei­ster seinen Betrieb verbeffern und rationalisie­ren kann. ES ist nur bedauerlich, daß die Reichs­regierung gerade für das durch Steuern viel zu schwer belastete Handwerk keinerlei Kredite mehr

Graz, 26. Juli. (Eigene Drahtmeldung.) i Der Gegensatz der österreichischen Provinzep^n"1 gru did Haup»sät«N Men kowZ-.t in Ser Tagung des Steiermärkischen Landtaas 'ö scharfer Weise zum Ausdruck. Bei Besprech' -g der Ereignisse des 15. u. 16. Juli und des an .schließenden Generalstreiks in Wien und der Steiermark wurden zwei Nnträge der Mehr- lieitsparteien behandelt, die die BerstSrkung der Gendarmerie betreffen, sowie behördliches Vor­gehen gegen den fozialdemokratischen LandtagS- abgeordneten Walltsch, der in Bruck an der Mur eine fast

zwei Tage dauernde Diktatur aufgerichtet hatte. Landeshauptmann Paul er­klärte in feiner Antwort, daß auch er die Ver­stärkung der Gendarmerie für unbedingt not­wendig halte. Er werde den Abgeordneten Wal- lisch zur gesetzlichen Berantwortung ziehen. Na­mens der Parteien der Einheitsliste wurde ein RefolutionsaNtrag gestellt, in dem der Landes­hauptmann ersucht wird, die Bundesregierung

zur Verfügung stellen will, obwohl es bisher immer Stiefkind in dieser Beziehung gewesen ist. Dr. Fuchs.

Zohn Bull profitiert.

Gegen antibritische Propaganda in Amerika.

(Eigener Drahtbericht.)

Loudon, 26. Juli.

Der britische Botschafter in Washington hat bei der amerikanischen Regierung gegen die un- gvhinderteantibritische Propaganda" in der amerikackitschen Presse und gegen die häufigen fff!fd)cn Darstellungen und sogar falschen Zi­tate aus offiziellen britischen Erklärungein in den gleichen amerikanischen Kreisen energischen Protest bei der Regierung erhoben. Die Mor- ningpost bemerkt dazu: Dieser Schritt wurde ungern unternommen. Als aber Aussprüche britischer Staatsmänner tatsächlich falsch zitiert wurden, kam man zu der Ueberzeugung, daß eine Haltung würdiger Gelassenheit nickst län­ger aufrecht zu erhalten sei.

*

Don her Union überflügelt.

London, 26 Juli. (DrahÄericht.) Im Un­terhaus gab der Präsident des Handelsamtes eine länge Erklärung über die Lage des briti­schen Handels ad und sagte unter anderem, der Jnlandsmarkt sei gegenwärtig für die briti­schen Fabrikate wichtiger als vor dem Kriege, seine Darlegungen über Kohle-, Stahl-, Eisen- nikd SchiffSbauinduftrie kamen daraus hinaus, daß Amerika der Nachfolger Großdritanniens als erstes Ausfuhrland der Welt geworden sei und daß die britische Produktion sich zwar ver­mehre, die ausländische dies aber schneller tue.

Geld und Freundschaft.

Gegen das franzüsisch-amerikanische Abkommen (Durch Funkspruch.l

Rewyork, 26. Juli.

Ration Busineß" veröffentlicht Aenßernn nen des französischen Miniftzr« für 3ffentliit)e Arbeiten Tardieu, daß nach feiner Ueberzeu­gung Frankreich niemals das Schulden-Abkom-

zu öeranlaffen, zum Schutze der Republik, der ungestörte^ Entwicklung des Wirtschaftslebens B*. i «nnouuifd#ca Eos^ndüng des Dolketz für olgende Gesetzesbeschlüsse Sorge zu tragen:

1. Die ungehemmte Pressefreiheit, unter de­ren Schutz in verantwortungsloser Weise die niedrigsten Instinkte des Volkes ausgestachelt werden, ist einzuschränken.

3. Tic Todesstrafe ist wieder einzuführen, da die Verbrechen in entsetzenerregender Weise sich mehren.

3. DaS Schwurgericht, das nach der Spruch­praxis die schwersten Verbrechen ungesühnt läßt und somit das Rechtsempfinden des Vol­kes vollständig untergräbt, ist zu reformieren.

4. Die öffentlichen Verkehrsmittel und le­benswichtigen Betriebe sind vor Stillegung durch einen politischen Generalstreik zu schützen.

5. Das Söldnerheer ist in eine Miliz nach dem Muster der Schweiz umzuwandeln. Bei der Abstimmung wurde dieser Antrag angenommen.

men-Mellon-Verenger ratifizieren werde. Seine französische Regierung könne e8 aus sich neh­men. das Land auf 62 Jahre in solcher Weife zu binden. Die Amerikaner seien früher das Idol der Franzosen gewesen, jetzt aber könne man in Frankreich nicht mehr einen Anbeter der Bereinigten Staaten erblicken.

*

em Ruck nach links

Varis, 26. Juli. (Drahtberickt.) Die Se- zialMen haben in sechzehn französischen Wahl­kreisen sich für ein taktisches Wablzusammen- aehen mit den Kommunisten entschieden. Das muß nur Radikalisierung der französischen so­zialistischen Parteiführer und auch zu der Ge­fahr einer Spaltung führen.

Meuiemde Kriegsschiffe

Portugal kommt nicht zur Ruhe.

(Elgener Trabttiertcbt.)

Lissabon, 26. Juli.

Stadt und Hafen in Oporto stehen im Aus­nahmezustand. Die Besatzung zweier Kriegs­schiffe meutert und droht, gegen Lissabon aus­zufahren. Auch die Offiziere meutern. Die portugiesische Regierung hat Truppen aus Co- indra noch Oporto transportieren lassen, die noch nicht in die Kämpfe einbegriffen haben.

Sensationeller Raubmord.

Während der rumänischen Trauerfeier.

(Eigener Draütberickt.f

Bukarest, 26. Juli.

Hier wurde ein sensationeller Raubmord entdeckt, der sich während der Begräbnisfeier­lichkeiten für König Ferdinand in einem äuße­ren Bezirk Bukarests, der während tiefer Belt ohne polizeilichen Schutz war, ereignete. Der bekannte Multi-Millionär Zolakolu wurde in seiner Kanzlei erdrosselt nnfgefunben. Tie eisernen Kassetten waren ansgebrochen und ihres Inhalts beraubt. Zolakslus Vermögen wird auf drei Millionen Lei geschätzt; von den Tätern fehlt jede Spur.

ÄnderdunklenFremöe

Die Auswanderung als Gefahr.

Von Dr. Karl Th al he im.

Der Gedanke von Answanderun» svukt noch immer i» nieten innoe« und auch in reifen Köpfen. Ader es mntz ihnen in Deutschland schon reckt schleckt ae6e«. wenn ff« diesen Schritt wegen »ollen. Unser Mitarbeiter gibt deshalb folgende warnende Aufschlüsse:

Dtzrcp den Ftiedensoerträg wuiden Masseu- arbeislosigkeit und Inflation und damit jene Äatastrop-fenpanik heroorgerusen, aus der eine Stimmung herauswuchs, der die Flucht in d>e Fremde als die einzige Rettung erschien, moch-e sie noch so sehr ein Sprung ins Dunkle und mit noch so großem Risiko verknüpft sein. Breiten sich solche Stimmungen einmal in weiten Volks­kreisen aus, so wirken sie als geistige Epi­demien von stärkster Ansteckungskrask, gegen die mit Brrnunftgrünven nicht anzukämpsen ist. Die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands bedingten aber schließlich auch die Niedrigkeit der deutschen Arbeitsiöhne, sodaß besonders in der Jnslatronszeit für manche Gruppen der deutschen Facharbeiter die Aus­wanderung nach wirtschaftlich kräftigeren Län­dern, wie nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, tatsächlich eine wirtschaftliche Ver­besserung versprach. Dabei handelte es sich aber zum großen Teil um Arbeitergruppen, die in Deutschland selbst

keineswegs überflüssig

waren, während gerade für solche Arbeitskräfte, 'die wir in.Deutschland tat Neberfl'.ß hasten und die den Grundstock der Arbeitslosen Bnixten und bilden, wie z. B. ungelernte Arbeitskräftr, kaufmännische und Büroangeftellte, auch manche Facharbeitergruppen der Metallindustrie, die Aussichten auch im Buslande nicht günstig sind. Diese Tatsache überfehen vielfach diejenigen, die sich von einer großen Auswanderung eine Besse­rung der wirtschaftlichen Lage Deutschlands und eine Entlastung unseres überlasteten Arbeits- ntarktes versprechen. Tenn nickt auf die Z-rhl der Ausgewanderten kommt es in, sondern auf ihre Art und ihren Wert; und wenn uns wertvolle Facharbeiter abwandern, so kann das unter Umständen gerade eine Vermehrung der Arbeitslosigkeit bedeuten, weil ohne Facharbei­ter fein Betrieb geführt werden kann und mög­licherweise ungelernte Arbeiter infolge des Fehlens von Fachkräften entlassen werden müssen. Behnlich liegen die Tinge auch bei Landwirte n. Etwa ein Dr-rtek bis ein Viertel aller Auswanderer setzt sich aus Landwirten zusammen. Es ist kein Zweifel, daß wir alle diese Menschen

im eigenen Lande brauchen

könnten; man braucht da ja nur an die mene als Hunderttausend polnischen Landarbeiter zu erinnern, die wir noch immer im Osten und in Mitteldeutschland beschäftigen. Aber diese Land­arbeiter, Gutsbeamten und Bauernsöhne wan­dern aus. weil sie in Deutschland das nicht fin­den können, was die Prärien Kanadas und die Urwälder Brasiliens und Paraguays ihnen bie­ten: die eigene Sckolle, die wirtschaftliche Selbst- stäudigkeit! Trieben wir im menschenleeren preußischen Osten innere Kolonisation in so großem Stile, wie Friedrich der Große sie einst betrieben bat, gäben wir dadurch auch dem Befäbiaten. aber weniger Bemittelten >m eigenen Lande Anteil am Boden der Heimat, wir könnten Zehntausende im Lande haften, die uns sonst verloren gehen! Die beste Auswanderungs- Politik ist immer die, die das AuSwandern zu verhindern versteht: und darum würde für Deutschland heute die tatkräftige Fördernng der von allen Selten als notwendig anerkannten inneren Kolonisation die beste mögliche Aus- wanderungspolitik bedeuten. Insgesamt sind nach der deutschen Statistik in den letzten acht Jabren 373000 Deutsche in überseeische Länder ausaewandert. von denen etwa % nach den Vereinigten ©taten von Nordamerika gingen. Allein das Jahr 1923, in dem die

Katastrophenpanik der Jnflatianzeit ihren Höhepunkt erreichte, weist eine Auswande­rungsziffer von 115 000 auf. In den letzten drei Jahren hält sich die AuSwandernnaSzifser dann mit aeri'wen ^^wankunaen auf 60 000. Aber auch das sind Ziffern, die weit über dem Durchschnitt des letzten Vorkriegsfahrzehnts mit jährlich 20«orw AuSw"nde''-rn f«»oen. So­lange Deutschlands wirtschaftliche Schwieriakei- ten sortdauern, insbesondere solange Deutsch­land unter der Herrschaft des Da^es-Sv'tomS steht, wird diele Zahl kaum wesentlich znrsickae- ben. Erst wenn wir wirtschaftlich und ftolitilch frei geworden sind, wenn die Weltwirtschaft sich von den Störungen de? groben Krieges erholt bat und wenn wir inrwilch.en durch eine großzügige innere Kolonisation die inneren