Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 168. Amtliches Organ der Stadl Kassel. Donnerstag, 21. Znli 1927. Amtliches Organ der Stadt Kassel. 17. Jahrgang
Wien im Schatten des Todes.
Das andere Wien
Wien, 20. Juli.
Die Nacht ist vollkommen ruhig verlaufen. — Büregermeister Seitz hat den Gc- meinderat für morgen mittag einberufen.
Kränze und Wehklagen.
Erregte Szenen vor der Leichenhalle.
Wen, 20. Juli.
Ms gestern in der Leichenhalle zahlreiche Kränze einttofen, staute sich vor dem Gittertore eine große Menschenmenge. Außerdem waren viele Leute erschienen, die ihre vermißten Angehörigen unter den Toten suchen wollten, und wo sie sie sanden, in lautes Wehkla- gen ausbrachen. Als die Leute vor dem Tore diese Ausbrüche hörten, bemäcktigte sich ihrer Erregung und Unruhe, sodaß das Tor geschlossen wurde und die Wache die Straße räumen mußte. Reue Erregung entstand, als vor oem Tore ein Wagen mit ungefähr dreißig Särgen vorfuhr. Erst nachdem die Särge in die Halle getragen worden waren, trat Ruhe ein.
v»tk ovgeschovkn
Berlin, 20. Juli. (Funktelegramm.) Rach einet Meldung aus Wien ist der verhaftete preußische Abgeordnete Pieck (Komm.) über die Grenze abgefchoben worden.
Wien, 20. Juli. (Privattelegramm.) Die Blätter berichten, daß sich ützter^en verhafteten ausländischen KourMtznisten Plauener, Ungarn, Jugoslawen und Russen befinden. Es befinden
Militärbudget des Reiches zu prüfen, um festzustellen, daß die Rüstungsausgaben außer jedem Verhältnis zu den Bedürfnissen eines Hunderttausend-Mann-Heeres stehen. (!) Außerdem hat schon 1926 diedeutsche Pres. fe (!) darauf hingewiesen, daß die Gesamtausgaben der Reichswehr 62 Prozent der Ausgaben der preußischen Armee im Jahre 1913 ausmachten. Außerdem wird auf den letzten Botschafterbericht aufmerksam gemacht, wonach die allgemeinen Ausgaben seit dem Kriege vermindert werden sollten, da der Friedensvertrag gewisse Einrichtungen wie den Großen Generalstab, und gewisse Rüstungsformen, wie schwere Artillerie, Feldartillerie. Flugzeuge usw. untersagt. (!) (Wenn man bedenkt, wie hier ein armseliges Zwergstaalvölkchen mit dem stärksten Volk Mitteleuropas und einst der ganzen Erde umzuspringen wagt, könnte man lächeln, wenn einem nicht die brennende Schamröte ins Gesicht steigen würde. Die Redaktion.)
Wenigstens mit Japan vandelseintg
Tokio, 20. Juli. Soeben erfolgte die Unter- zeichnung des Handels- und Schiffahrtsvertrags zwischen Deutschland und Japan nach zweijährigen Verhandlungen.
Wie man uns schuhrlrgett
Belgien spielt sich als Lehrmeister auf.
Berlin. 20. Juli.
Zur deutschen Entwaffnung sagt die belgische Regierung: ES genügt den Fachmännern, das
Berurteilung der Aufruhr- u. Streikbewegung.
Wien, 20. Juli. In der Bertrauensmänner- versammlung der Christlichen Gewerkschaften kam eine sehr scharfe Stimmung gegen die Sozialdemokratischen und die Freien Gewerkschaften und eine warme Verteidigung der Haltung der Regierung und der Polizei zum Ausdruck. Der Hauptreferent betonte, daß der
Rumäniens König tot
Heute früh im Beisein der ganzen Familie verschieden.
Bukarest, 20. Zuli. (Eigener Drahtbericht) König Ferdinand von Rumänien ist heute Nacht 2 Uhr gestorben.
Belgrad, 20. Z«U. (Eigener Drahtbericht ) Sofort nach dem Ableben des Königs von Rumänien wurde der Telefonverkehr zwischen Belgrad und Bukarest bis auf wenige Staatsverbindun- gen eingestellt. Aus diesem Grunde war eS bis jetzt nicht möglich, nähere Einzelheiten über den Tod des Königs zu erhalten. Sämtliche Familienmitglieder waren an seinem Sterbebett versammelt.
Fünf Lahre Wiederaufbau.
Wie will man die Ehen jetzt in Wien scheiden?
Wien, 20. Juli.
Rach mehrstündigem Lokalaugenschein wurde gestern beschlossen, den niedergebrannten Justiz- palast wieder auszubauen. Ein Fachmann äußerte sich dazu, daß der Wiederaufbau fünf Jahre in Anspruch nehmen dürfte. Bei dem Brande wurden auch tausende von Ehescheidungsakten vernichtet. Der Schaden ist deshalb groß, weil zum großen Teil die Personaldokumente der Parteien verbrannt sind.
Brüssel, 20. Juli. In Beantwortung der deutschen Antwortnote sagt die belgische Regierung u. tu: „Man darf sich darüber wundern, daß die Reichsregierung Belgien vorwerfen zu müssen meint, dir Friedensgefühle nicht kennen zu wollen, während neue Reichstags-Dokumente die Legende wieder ins Leben zu rufen versuchten, nach welcher Belgien die Reutrali- tat verletzt und Verbrechen gegen das Völkerrecht und die Menschlichkeit verübt hätte. Die Quellen die der belgische Kriegsminister für seine Behauptungen benutzt hat, sind s i ch et und wurden sorgfältig geprüft. Wit müssen allo dir angeführte Zahl der Entlassungen und der Einstellungen ausrechterhalten (!). Schon am 15. Febr»--- wurden Befürchtungen des Ministers in der Kammer laut, ohne daß die deutsche Regierung protestierte. Die Erklärungen des Abg. Rönneburg wurden deutschen Zeitungen entnommen.
* * *
Schwatze Sahnen tn Wien
Wien, 20. Juli. (Privattelegramm.) Heute tragen alle Schulgebäude, Amtshäuser, Wohlfahrtsanstalten usw. anläßlich der Trauerseier für die Opfer schwarze Fahne».
Belgien bleibt verstockt. ...und stellt Reichstag und ReichSregierung als Lugner hin.
nicht einfehen.
Die Widerlegung, die ihm die deutsche Regierung geben konnte, war schlagend und durchsichtig. Kein Wunder, daß auf Wunsch der belgischen Regierung hin die Veröffentlichung unterbleiben muß. Stück für Stück wurden die Verdächtigungen des Minister? durch die Wil- Helmstraße ad absurdum geführt. Und der Er- ftrfg? Der bloßgestellt Hetzer, dem Poincaie in Brüssel erst den Rücken gesteift zu haben scheint, hält an seinen unverantwortlichen Quertreibereien fest, zecht den deutschen Außenminister gleichsam Lügen, indem er sich auf zuverlässigere geheime Quellen, als die antfl. Deutschlands und da? Urteil der Fachmänner beruft. Natürlich kommt es in erster Linie darauf an, daß zwischen den Böllern gute und ehrliche Friedenspolitik gemacht wird, und daß nicht die Paragraphen. die der Hatz nach dem Weltkrieg diktiert hat, der Weisheit letzter Schluß sind, dürfte wo>bl heute von niemanden bestritten werden. Deutschland will gute Beziehungen zu Belgien und Frankreich. Dieser Wille wird sich aber nur realisieren lassen können, wenn er auch ein Echo in den ^anderen Ländern findet und wenn die guten Sitten von Treu und ©tauben, die ein gesellschaftliches Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen, auch in den Amtsstuben und Hirne» unserer lieben Nachbarn Einzug finden, ur denen es aber noch nicht tagen will.
Schattendorfer Spruch kein Klassenurteil gewesen sei, weil die Geschworenen zum großen Teil Arbeiter waren. In einer Entschließung wurde von einem Mißbrauch der Gewerkschaften durch den Generalstreik gesprochen, und die Auflösung der K e wv indes ch,u tzwschc und . Bestrafung der Schuldigen »m Streik gefordert. Der Gewerkschaftsbund forderte die Privalange- stellten auf, sich in ihren Gewerkschaften nicht länger zu politische» Machenschaften mißbrauchen zu lassen". Die Frontkämpfer sprechen sich ähnlich aus. Die Riederösterrei- chifche Landwirtschaftskammer hat die Bundesregierung versichert, daß sie die gesamte Bauern- schäft und das übrige Landvolk wie bisher geschlossen hinter sich habe.
Entspannung?
In Paris kaum, in Brüssel garnicht.
In die etwas kälter und daher auch formeller gewordenen Beziehungen Deutschlands zu Belgien und Frankreich haben nunmehr zwei Momente erregend eingegriffen. Das eine ist der Notenwechsel, der wegen einer Deutschlands Entwaffnung bezweifelnden Rede des belgischen Außenministers, Grafen de Bro- gueville, zwischen den beiden Außenministerien in Brüssel und Berlin geführt worden ist und der für die Zuverlässigkeit der Ausführungen des belgischen Kriegsministers so gut wie gar kein Argument enthält. Das andere sind die Reden dreier französischer Minister, barunt-r enie des M inisterprästdenten, die alle von dem ernsten Willen einer Verständigung Frankreichs mit dem deutschen Volke sprechen. Es sind alles nicht mehr als Worte und daher nicht endgültig entscheidend dafür, ob nun auch wirk lich schon der Zeihmnkt gekommen ist, an dem endlich einmal Deutschland eine wirkliche Basis für gute gegenseitige Beziehungen finden kann. Frankreichs Kriegs- und Unterrichtsminister plädierten für biP Verwirklichung des Friedens- werkeS und auch Herr Poincarö, der grimmigsten Gegner Deutschlands einer, scheint nun mehr in sich gegangen zu fein und in die Lime Driands einschwenken zu wollen. Einige Satze waren von einer überraschenden Syntpathie für
Wim hält wieder Ruhe
Aber »ur äußerlich , Schwelender Arbeiterhaß uud leidenschaftlicher Widerstand der Bürgerlichen.
die Locamovolitik.
V"m wohlverstandenen eigenemInteresse, das H ^-roo» steh* her Sorge nm Frankreichs Zu- ... künst, Per wetnrnn, »» V"«-S..stch, ungefähr zwanzig SubUnber in Haft. Doch
zur Arbeit und dem Bedürfnis nach RuhMflnv t>« ü<v ^-.4* s»g«s<tztoffe«.
sprach Herr PoinearS. Und es ist erfreulich, * * * ‘
daß er es tat und daß er sich zu diesen Anschauungen durchgerungen hat. Ein Freund Deutschlands wird der starkköpfige Lothringer wohl nie werden. Wir haben auch kein Interesse daran. Wir halten es mit Goethe der einmal sagt: .Was klagst Du über Feinde? Sollten solche ie werden Freunde, denen daS Wesen wie Du bist im stillen ein ewiger Vorwurf ist!" Wir sind schon mit der von der-Realpolitik diktierten Erkenntnis PoinearSs zufrieden, daß endlich einmal richtiger Friede zwischen den beiiben Ländern sein muß. Uns ist schon genug gewonnen, wenn der französische Ministerpräsident, der immer mit dem Fanatismus eines Derwisch in uns den Feind gesehen hat, endlich einmal zu der Auffassung gekommen ist. daß nur in friedlichen Beziehungen beide Länder sich wieder aufrichten können.
Sehr viel negativer ist die Lösung der Dissonanz zwischen Belgien und Deutschland, sie sich durch das Danebengreifen des belgischen Kriegsministers ergeben hatte. Der Gras de Brogueville hatte vor dem belgischen Parlament behauptet, er habe Dokumente, daß die deutsche Reichswehr mehr Entlassungen aus der Reichswehr vornähme, als ihr aus dem Versailler Vertrag gestattet wäre. Aber s«he da, eS ergab sich, daß nicht» als M i tz Verständnisse der Grund der ganzen Aktion waren Der belgische Ministerpräsident war nicht wie die Japaner sagen, in daß „Rotoro", das Herz der Dinge eingedrungen und hat es mit dem Satz, den Stephan Großman einmal geprägt hat, gehalten, das »Politik die wiederholte Wie- derolung des wiederholt gefügten* bedeutet. Daß eine solche Auffassung von Politik keineswegs den tatsächlichen Verhältnissen entspricht, will allerdings Herr de Brogueville durchaus
Gut versorgt.
Exzellenzen als Aufsichtsräte.
Verkrachte Fürsten. — Ein kaiserlicher Gönner. Wieviel Herr von Loebell verdient. — Aber anch die Kollegen von links sieben sich nicht schlechter. Es gehört zum guten Ton. — Kanzler und Minister e. D. in fetten Pösichen. — Peter Reinhold and Gras Sanitz.
Nach dem Krach der siebziger Gründerjahre, als selbst Fürsten und Herzöge als Aussichtsräte in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, verzichte, teil die großen deutschen Banken und inbuftriel. len Unternehmungen auf Exzellenzen und Durch, lauchten im Aufsichtsrat. Erst in den achtziger und neunziger Jahren wählte man dann wieder Minister und Staatssekretäre in die Aufsichts« röte, so z. B. Exzellenz Friedrich von Hollmann, der bis 1897 als Vorgänger von Tirpitz Staatssekretär des Reichsmarineamts gewesen war, in die AEG. Diese Wahl war zweifellos außerordentlich geschickt, denn Hollmann war als Freund des Kaisers auch nach seinem Scheiden aus der Marine einer der einflußreichsten Männer Deutschlands geblieben und in. tereffierte den Kaiser immer wieder für die AEG. und ihre Pläne. Sehr viel später trat von Loebell, Ches der Reichskanzlei unter Bülow, nachdem er als Oberpräsident der Provinz Brandenburg den Preußischen Staatsdienst verlassen hatte, in den Aussichtsrat der Deutschen Bank, einen Posten, den er freilich wi.K. > ani- geben mußte, als et im April 1914 Preußischer Innenminister wurde. Zwar gab er dieses Por- tefeuiße im Jahre 1917 wieder ab und hätte daS Aufsichtsratsmandat, das ungefähr
vierzigtausend Mark jährlich einbringt, wieder erhalten können. Indessen verzichtete die Deutsche Bank auf seine Wiederwahl, sodaß sich Herr von Loebell seitdem mit dem nicht ganz so fetten Aufsichtsratsposten der Bergmann-Elektrizitätswerke trösten muß. Auch ist er Aufsichtsratsvorsitzender der vom Konsul Salomon Marx ebenso geschickt wie erfolgreich geleiteten Internationalen Handelsbank. In der Republik, wo der »Minister a. fast so häufig geworden ist wie vorher der Geheimrat, zu dem es jeder etwas über dem Durchschnitt stehende Mann im Laufe eines langen Lebens brachte, gehört eS für jede einigermaßen nur bedeutende Aktiengesellschaft zum guten Stil, einen oder mehrere Minister im Aufsichtsrat zu haben. Wer ganz vornehm ist, nimmt einen früheren Reichskanzler. Im Aufsichtsrat der schon erwähnten Internationalen Handelsbank saß der Reichskanzler a. D. Gustav Bauer, bis ihn der Barmatskandal veranlaßte, diesen Poften niederzulegen. Fehrenbach „versüßte" seinen Lebensabend mit dem sehr einträglichen Aufsichtsratsposten bei Sarotti, den auch Stre- f ernenn hatte, bis er Reichskanzler bezw. Reichsaußenminister wurde. Der frühere Reichskanzler Herr Dr. Wirth, hat infolge der unglücklichen Entwicklung der Mologa, deren klufsichtsratsvorsitzender er von der Gründung bis zur Pleite war, wohl für einige Jahre genug von solchen Posten. Dagegen sitzt fein Nachfolger Cuno, der seit einiger Zeit wieder Ge- ncraldirektor der Hapag ist, teils als solcher, teils als ehemaliger Reichskanzler in einer großen Reihe von Aufsicht-räten guter Gesellschaften. Auch Herr Luther hat fich nach seinem Rücktritt nicht gerade in die schlechtesten deutschen Jndustrieunternehmungen wählen lassen. Er ist Aufsichtsratsmitglied bei Krupp, Goldschmidt. Chemische Buckau, der Preußischen Zen« tral-Boden-Kredit-Mtiengesellschaft und einiger kleinerer Gesellschaften geworden. Ob dies al« lerdings seine Basis als
Dauphin der ReichsprSfidentschaft
stärkt, muß bezweifelt werden. Wie alle Reichs« kanzler, so haben auch fast alle Reichsmi« n i st e r a. D. gute Aufsichtsratsposten. Rur dem unglücklichen Hermes hat man die todbringende Inflation nicht vergessen und ihn nirgends hineingewählt. Exzellenz Rosen, der ehemalige Außenminister des Kabinetts Wirth, sitzt zum Beispiel im Aufsichtsrat der beiden Banken, die fein Freund Dr. Regendanz, einer der reichsten Männer Berlins, beherrscht, der Deutschen Unionbank mtd der Preußischen Hypothekenbank. Herr Mbert, letzter Reichs« übabminifter 1920—21, bet setzt vielbeschäftigter Berliner Anwalt ist, gehört den Aufsichtsräten zweier großer Firmen an, während Herr Joseph Köth, nach der Staatsumwälzung Demobilma« chungskommissar und im Jahre 1923 sieben Wochen lang Reichswirtschaftsminister im Kabinett Strefemann, diese Posten bei drei anderen Firmen ausübt. Richt so btelfeiria wie Herr Köth ist fein Kolleoe Erzellenz Schiffer, ReichSjustiz- Minister a. D. Er hat sich aus das ertragreiche