Str. 158. — 17. Jahrgang.
Staffelet ÄmcSt Nachrichten
Sonnabend, 8. Juft 1927.
Wochen-Dummheilen
Kleine Bilder aus der großen Welt.
Ein Landwirt aus Katsch hatte das Pech, daß ihm seine Scheunen mit der eben eingc« brachten Ernte restlos niederbrannten, er hatte weiterhin das Pech, daß er nicht versichert war Da er unter diesen Umständen sich nicht in der Lage fühlte, seinen steuerlichen Verpflichtungen nachzukommen, bat er das Finanzamt um eine Ermäßigung. Das ist schon ein Jahr her Nachdem man ihm inzwischen mehrfach wegen der nichtbezahlten Steuer gepfändet hatte, entschied nunmehr das Finanzamt zu seinen Gunsten und hat ihm mitgeteilt, daß man fortab in jedem Monat — eine Mark streichen werde!
Geisterstunde.
Es passieren noch Dinge auf der Welt, von denen unsere Schulweisheit uns nicht mal träumen läßt. Liest man da im „Neuen Wiener Tagblatt" in einer Novelle folgenden schönen Satz: „Allein eine höhere Macht öffnete die Schiebetüre, Nischen verstummten . . „ die Damenhüte schritten auf Zehenspitzen in den Saal ..." Da muß allerdings eine ganz merkwürdige höhere Macht am Werke gewesen sein.
Ehegatte gesucht.
Heiratsanzeigen sind eine Fundgrube fffr alle, die einmal herzlich lachen wollen. Zwei hübsche Exemplare aus unserer Sammelbüchse seien hier vorgestellt. Die „Gartenlaube" brachte diesen Erguß: „Welche gebildete, vermögende Dame (bis 40) leiht zur Ehescheidungsdurchführung selbständigem Kaufmann, Reserveoffizier, 1,80 groß, repräsentabel, zirka 5000 Mark? Bedingungen können gestellt werden. Bildzuschriften unter . . .*
Nun weiß man nicht, beziehen sich die Bedingungen aus die 5000 Mark oder auf die in Aussicht gestellte Heirat.
In der „Vossischen Zeitung" suchte einer für seine Schwester einen passenden Mann und glaubte ihn durch folgende Worte locken zu können: „Für meine Schwester, 34 Jahre, bildschöne Blondine von vornehmer Erscheinung und leidlichem Charakter suche ich gebildeten Lebensgefährten in gesicherter Position. Zuschriften unter Bruderliebe . . ." Da müßte man sich doch erst mal vergewissern, was der.
liebende Bruder unter leidlichem Charakter versteht!
Vorschrift über alles.
Aus dem Zittauer Bahnhof stqrtet allmorgendlich um halb sechs Uhr ein Arbetterzng, der Bewohner von Zittau nach draußen liegm- den Fabrikorten zu bringen hat. Eines Morgens verschläft der Beamte, der die Sperre zu bedienen hat. Die Arbeiter, fast zweitausend Mann, stehen davor und können nicht aus den Bahnsteig/ Man meldet die Sache dem Vorsteher, aber der Mann kann nach Vorschrift nichts weiter tun. als den Vorfall notieren und den vergeßlichen Beamten zur Anzeige bringen. Aber einen anderen an die Sperre setzen? Das kann er nicht. Laut Vorschrift. Und so dampft der Zug, ohne die Arbeiter mitzunehmen, vollkommen leer aus der Halle, während die Aus- gesperrten auf den nächsten planmäßigen Zug warten müssen und natürlich viel zu spät zur Arbeit kommen. Laut Vorschrift.
Die „fündige Bibel".
Ein Rundgang durch die seltsamste Bibliothek
Kein Buch der Welt kann sich an Verbreitung über die ganze Erde auch nur annähernd mit der Heiligen Schrift messen. Daß es aber auch eine Bibliothek gibt, deren Bücherschatze sich nur aus Bibeln zusammensetzen, dürste ein einzig dastehendes Kuriosum bilden. Diese eigenartigste Bibliothek der Welt hat ihren Sitz in London und ist Eigentum der „Großen Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft" daselbst. Ein stattlicher Bau dient dazu, den Bücherbestand der Gesellschaft aufzunehmcn, und man bekommt einen Begriff von der ungeheuren Verbreitung der Bibel, wenn man erfährt, daß in dieser Bibliothek nicht weniger als 1500fr Bände des alten und neuen Testa- ments in 500 verschiedenen Sprachen und Mundarten ihre Aufstellung gefunden haben. Allein in englischer Sprache sind nicht weniger als 1500 Bibel-Editionen vorhanden.
Zum Teil sind kostbare Raritäten unter der Unzahl von ihnen zu finden. Da ist z. B. die ogenannte „Sündige Bibel". Das prachtvoll erhaltene Exemplar stammt aus dem Jahre 1631. Der merkwürdig widerspruchsvolle Name .dieser Ausgabe rührt daher, daß im Text der
zehn Gebote beim siebenten das VerneinungS- wort versehentlich fortgesaüen ist und daher oie Sünde geboten, nicht verboten ist. Ebenso wertvoll ist die John Eliot Bibel der Massachusetts-Indianer von 1661. Das Merkwürdige an dieser Ausgabe liegt darin, daß sie in einer Sprache geschrieben ist, die heut kein Mensch mehr verstehen, noch lesen kann. Man weiß nur, daß es sich bei dieser Uebersetzung um ein neues Testament handelt.. Allen angestrengten Bemühungen der Sprachforscher zum Trotz >st es bisher nicht gelungen, die verschollene Sprache wieder zum Leben zu erwecken und die Elioibibel zu übersetzen.
All diese Hunderte von Bibeln sind in den Sälen unter Glas ausgelegt, und es gewährt einen eigenen Reiz, die jedem Menschen wohlbekannten Anfangsworte der Heiligen Schrift in 500 Sprachen lesen und vergleichen zu können. Die seit 125 Jahren bestehende Bibelgesellschaft entfaltet eine ganz enorme Tätigkeit; bis jetzt hat sie etwa 500 Millionen Bibeln über den ganzen Erdball verbreitet.
Kleine Rundschau. Unoeftänöig in das Glück.
Der englische Dramatiker A. L. Burke (nicht zu verwechseln mit seinem deutschen Kollegen Burte, einem -er Hoffnungsvollsten der jüngsten deutschen Dramatikergeneration) hatte aktiv am Weltkriege teilgenommen und war als Kriegsbeschädigter 1918 heimgekehrt. Seitdem war ihm ein wechselreiches Dasein beschieden. Im Jahre 1921 errang er mit seinem Stück „Thank you Phillips!" int Globe-Theater zu London einen Bombenerfolg. Nachdem aber das Stück vom Spielplan abgesetzt worden war, ging es verteufelt schnell abwärts mit seinem Verfasser, der endlich als Aufseher in einer kleinen Gastwirtschaft aus dem Lande ein kärgliches Brot aß. Es gab dort stramme Arbeit, 'o daß Mister Burke abends und feiertags Ian-' ge Zeit viel zu abgespannt war, um etwas Vernünftiges zu Papier zu bringen; doch allmählich gewöhnte er sich wieder ans Schreiben. Er verfaßte ein zugkräftiges Lustspiel und erlebte die Freude, es bei einer der größten Londoner Bühnen absetzen zu können. Wieder strahlte ihm die Sonne des Erfolges, so daß1
sei bald darauf seinen Ausseherposten mit dem eines gefeierten Dichters vertauschen konnte. Ob er es jetzt verstehen wird, die Glücksgöttin fester vor den Wagen seines Ruhm» zu spannen?
eine religiöse Jttelenftatue.
Bisher war das größte religiöse Denkmal, das die Welt kannte, die Statue des Heiligen Borromaeus, die sich aus der Insel Arrona im Lago Maggiore befindet. Sie ist 23 Meter hoch. Die brasilianische!» Katholiken- nun wünschen eine Christusstatne aus dem Berge Corcovado zu errichten, der sich hinter dem Hafen von Rio de Janeiro erhebt. Sie beauftragten den aus Polen eingewanderten Bildhauer Landowsky mit der Herstellung eines solchen Denkmales und dieser wird ihnen eine Statue anfertigen, die 30 Meter hoch ist und aus einem Sockel von 8 Meter Höhe stehen wird. Diese Riesenstatue wird Ende des Sommers mit großen religiösen Zeremonien eingeweiht werden.
Sündvaste Musik..
Es gibt eine internationale Verständigung über die Tanzmode, die den leidenschaftlichen Tänzern weit wichtiger zu sein scheint, als die internationale Verständigung über den Weltfrieden und ähnliche Belanglosigkeiten. Wenn in Newyork Black Bottom, Blues und Kameltrott getanzt wird, dann tut man es in London, Paris, Rom und Berlin ebenfalls. Aber ein Unterschied ist doch dabei. In London, Paris und Berlin tanzt man Black Bottom, Blues und Kameltrott mit ruhigem Gewissen, in Rom dagegen in dem vollen Bewußtsein, eine Sünde zu begehen. Das kommt daher, weil vor vierzehn Tagen im „Osfer- tiatore Romano", dem vatikanischen Organ, der Aufsatz eines Kardinals gestanden hat, welcher ein Verbot gegen Black Bottom, Blues und Kameltrott aussprach. Diese Tänze, so äußerte der Kardinal, seien Nachahmungen tierischer Bewegungen, und es sei unwürdig, sie zum Gegenstand des Tanzvergnügens zu nmcben.
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