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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzettrmg

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Hessische Abendzeitung

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Dienstag, 28. Juni 1927

Rümmer 148. Amtliches Organ der Stadt Kassel.

Amtliches Organ der Stadt Kaffei. 17. Jahrgang

Doch noch ein Handelsvertrag mit Paris?

Sollen sie betteln?

Unsere Wissenschaft in Gefahr.

Wir berichteten bereits dieser Tage über die einmütigen Proteste aus Gelehrtenkreisen gegen die Absichten deS Finanzministeriums, im näch­sten Reichsetat die drei Millionen, die bisher der N o t g e m e i n s ch a f t der deutschen Wis­senschaft für Forschungszwecke zur Verfü­gung gestellt wurden, rücksichtslos zu streichen. Damit nicht genug, beabsichtigt das Reichs­finanzministerium auch, das andere große deut­sche Forschungsunternchmcn, die Kaiser Wil­helm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, durch eine Kürzung ihrer Mittel um 600 000 Mark auf den Aussterbeetat zu setzen. Dieser letztere Plan ist um so verhäng­nisvoller, als nach den bestehenden Vereinba­rungen Preußen automatisch eine gleiche Kürzung vorzunehmen hat. Gegen diese unseli­genSparmaßnahmen* haben sich nun erneut führende deutsche Gelehrte, wie Harnack, Haber, Kahl, Eduard Meyer, Planck, Friedrich v. Mül­ler, Harms, v. Wilamowitz, Einstein, denen sich andere hervorragende Persönlichkeiten anschlos­sen in einem offenen Brief an den Reichs­kanzler gewandt, in dem sie ihn vor der Durch­führung einer solchen verhängnisvollen Maß­nahme warnen.

In diesem flammenden Manifest und Protest deutschen Forschungswillens heißt cs u. a.: Die steigenden äußeren Belastungen, der scharfe wis­senschaftliche und wirtschaftliche Wettbewerb des Auslandes, die erschwerte Geltendmachung un­seres Welteinflusscs, das starke Ausmaß von Anspannung unserer produttiv schaffenden Kräfte verlangen ein Höchstmaß wissenschaft­licher Arbeit, eine gesteigerte Wirkungsmöglich­keit der deutschen Forschung, den Ausschluß neuer Methoden, erfolgreiche Wege forscherischen Findens und Suchens. Erst der in den letzten Jahren durch größere Rcichsmittel ermöglichte Wiederbeginn dieser Forschungsarbeit hat ge­zeigt, welche Fülle ungelöster Fragen auf allen Gebieten den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt hemmen. Angesichts der Größe und der Zahl der zu lösenden Aufgaben, die als Ledensnotwcndigkeit unseres Volkes empfunden werden, sind die ausgeworfenen Mittel kaum als ausreichend zu bezeichnen, zumal die Länder mit ihren wichtigen und unersetzlichen kulturpolitischen Unterrichts- und Erziehungs­aufgaben nur einen Teil der eigentlichen For- schug zu übernehmen in der Lage sind. Die Folgen neuer Kürzungen des Wissenschaftseiais würden verhängnisvoll sein und eine Läh­mung der Forschungen und einen Stillstand der Geisteswissenschaften, von denen unsere Welt­geltung abbängi, von unübersehbarer Tragweite Hervorrufen. Im besonderen hängt an den gefährdeten drei Millionen Mark für die Rotgemeinschaft die Arbeit von Hunder­ten von Forschern, die für die nationale Wirt- scbait. die Volksaeiundheit und das Volkswohl gleich unentbehrlich ist. Welche Regierung und welche Reichsstelle kann die Verantwortung übernehmen, durch Sperrung der hierfür erfor­derlichen Etatsfonds diese Forschungsarbeiten abzu drosseln! Als Vertreter deutscher Fo" «a v»tscker Arbeit warnen wir im Bewußtsein stärkster Verant­wortung vor dieser Gefahr, und wenden uns daher mit diesem Aufruf an die Reichs- reg^rung und an das dcntschc Volk.

In diesen Notruf unserer Wissenschafts- Pioniere stimmt die Hauptstadtpresse von gan­zem Herten ein. Wenn schon das Haupt und Hirn eines Rcichsfinanzministers heute schwerer als jemals über Daweslasten, fehlenden Steuermillionen und Gehaltsnöten brütet, so darf er doch unmöglich die Art an die Wur­zeln deutschen Geisteslebens legen, daS jetzt vom WeltkiiTgsktarrkramps eben erst zu erwachen beginnt. Diese letzten kümmerlichen drei Mil­lionen sollte man, weiß Gott, der entsagungs­volle» Arbeit deutscher Schatzgräber in den Ge­wölben ber Laboratorien, in stillen Studier­und Erperimentierstuben nickt entziehen, die allein die Fackel der Erkenntnis, welterobernder Erfindungen und Wohltaten in die uns z. T. noch immer feindselig gegcnübcrstehende Masse der Kulturvölker werfen können. Handelt cs sich doch bei den tunt Erliegen kommenden For­scherarbeiten um nichts weniger als den draht­losen Weltverkehr, die Strahlungsforschung, die Verslüfsigung der Kohle, die Veredelung der Metalle, die Eiweißsorschung, die weitere Er- grr» duna der Krebskrankheit, der Tuberkulose, der Zuckerkrankheit, ferner die landwirtschaftliche Ertragssteiaerung, die Wärmewirtsckaft und um zahlreiche Disziplinen der Geisteswissenschaften. Dies; alle werden leiden müssen, so ruft ein Hauptstadtorgan, wenn die 3,st Millionen ge-

An Räumung nicht zu denken.

Belgien klammert sich an Paris / Mit Tschangsolin geht eS abwärts / Peking verloren? / Japan schleift den Degen.

Kein Abbruch in 13ari<?

Die Handelsdelegierten nähern sich wieder.

Paris, 27. Juni. Die deutsch-französischen Handelsvertrags-Verhandlungen haben in der letzten Nacht noch zu keinem Ergebnis geführt. Ueber den augenblicklichen Stand der Bcrhand- lungcn werden keine Mitteilungen gemacht, doch erklärt man, daß die beiderseitigen Standpunkte sich weiterhin genähert hätten und dass gute Hoffnung für eine schnelle Einigung bestehe.

Freiburg (Preisgau), 27. Juni.

Nach kühler Witterung und leichten Nieder­schlägen in den letzten Tagen kam cs gestern abend int südlichen Schwarzwald zu starken Rc- genfällen bei erheblichem Temperaturrückgang Auf dem Fcldberg stand das Thermometer aus minuS 0,4 Grad. Heute morgen gegen acht Uhr zeigte das Thermometer minus 1 Grad an. In den Nachtstunden ist auf dem Feldberg Schnee gefallen. Die Schneehölie beträgt 2 Zentimeter.

ein drang. Im Smolensker Bezirk ging ein s,e- bcnstündigcr Wolkenbruch nieder. Die Flüsse traten über die Ufer. Ueberall gab es Damm­brüche. Der Eisenbahn- und Schiffsverkehr ist zum Stillstand gebracht.

Tfchangtsolin verloren?

Schlechte Aussichten. Japan baut sich ein.

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 27. Juni.

etwas lächerlichen ?age befinden. Man erinnert in diesem Zusammen' Hang an einen ähnlichen Fall int Jahre Poincaro ebenfalls MinchcrprSstde u nnb Briand Justizminister waren. Damals wurde

Rotterdam, 27. Juni.

Ein Blatt meldet aus Brüssel: Auch Bau dervelde begründete vor einem Pressevertreter die Unmöglichkeit für Belgien, die Fristen für die Räumung der besetzten Mbiete zu ändern oder abzukürzen. Belgien habe auf seine Ver­bündeten in der Kriegszcit Rücksichten zu nehmen, denen es die Wiedererlangung seiner staatlichen Integrität verdanke.

Die pessimistischen Berichte über die Zukunft der Nordregierung geben dieser keine lange Lebensdauer. Die nordchincsischen Truppen ha­ben sich nach Poatingfu zurückgezogen, etwa 19a Kilometer südwestlich von Peking. Sie hätten nur eine Division, also höchstens zweitaasend Manu nach dem gelben Fluß hin vorgesckwbcn. Die Japaner haben in der Mandschurei ihre Truppen verstärkt und bereits begonnen, S ch ü tze n g r ä b e n aufzuwerfen. Die Ge­schäftswelt von Tokio sicht die chinesische Boy kottbewcgung mit großem Ernst an, die solange anhalten soll bis Japan die Trupvenverftärkun gen in Tientsin zurückgezogen habe.

Das Stote Kreuz rüttelt Moskau wach.

Genf, 27. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Der Präsident des Internationalen Roten- Krenz-Komitees', Gustav Ador, hat gegen die Moskauer Massenmorde protestiert und mit Bezug auf die internationale Verurteilung von Repressalien, die für den Schutz der Gefangenen und Geiseln eintretcn, an das mo­ralische Verantwortungsgefühl der Sowjctbchörbcn gegenüber der ganzen Mensch­heit appelliert.

Unterstützungen durchsetzt, aber tatsächlich braucht Deutschland nicht nur Genies, sondern auch Tausende von Forschern, die den guten Durchschnitt darstellen. Ohne solche Helfer sind die ganz Großen nicht in der Lage, ihre hochfliegenden Pläne zu verwirklichen. Sollte die Regierung den Pegasus der Sparpolitik wirklich am Schwanz auszäumen, so könnte sie leicht das Unheil anrichten, das ihr kürzlich ein Großer int Reich des Geistes vorauSsagte:Der Tag, an welchem die Reichsregierung die Wis senschaftsmiltel aus dem Etat streicht, wird ein Freudentag für die wirtschaftlichen Kreise des industriellen Auslandes fein: Endlich machen die Deutschen selber das zuschanden, wodurch sie uns unbcgucm und unentbehrlich waren."

Sin schwieriges Abrüstungskapitel.

Washington, 27. Juni. 'Fumicl.'zeamm.) Das Staatsdepartement soll ven englischen Boi- schlag in Genf ablehn.en, wonach auch die Zahl der Großkampsfchisfc vermindert werden soll. Die Genfer Konferenz dürfte sich nur mit der Beschränkung der kleinen Einheiten befassen.

Schnee im Norden, Gluten im Süden

Darf die Frau töten? / Frau Grosaveseu macht Schule.

Gegen den Milttarlfienrummek »oncvurs.

Paris, 27. Juni. (Eigene Drahtmcldung) In der Rochtsitzung des sozialistischen Natio- nalruts erklärte Zionski, daß die Vorlage Paul Voncours in keiner Weise der sozialistischen Auffassung vom Krieg entspreche. Einen der­artigen Plan dürfe man übrigens nickst auf du Völkerbund-Garantie stützen. Der Völkerbund

Ganz Varis lacht.

Wie der tolle Streich gelang

Paris, 27. Juni.

Die Presse äußert allgemein große Heiter­keit über die irrtümliche Freilassung Leon Dau- dets und seiner Mitgefangenen. Dieser wage­halsige und raffinierte Trick der Royalisten wird als eine der größten Mystifika­tionen in den französischen Gerickts-Analen bezeichnet. Man ziebt den Vergleich mit der sogenannten Köpenickiade. Viele Blätter be­zeichnen dagegen die Angelegenheit als bedenk­lich. Sie erklären, cs sei der Beweis gegeben, daß die Royalisten offenbar über einen weit­aus größeren Einfluß verfugen, als man bis­her annahm, und daß es ihnen leicht möglich sein könnte, einen Putsch zu inszenieren. Von Daudet fehlt zur Stunde noch jede Spur. Es sicht nur fest, daß er sich gestern nachmittag in feine Wohnung begab, aber nur 5 Minuten dort blieb und dann wieder verschwand. Auch seine Frau ist verschwunden. Es scheint also, daß sie von dem zu Geschehenden verständigt war. In der .Action Francaise" gab man als besonderen Grund der Freilassung an, daß der Koch in dem Restaurant, das die Mahlzeiten für die Sträflinge zubereitete, gestern plötzlich entlassen worden sei, und glaubte daraus die abenteuerliche Vermutung ableiten zu können, daß man die royalistischen Gefangenen habe vergiften wollen. Semard dagegen scheint sich anders besonnen zu haben. Er ist mittlerweile in seine Wohnung zurückgekehrt und hat er­klärt, er werde abwarten, bis man ihn wie­der verhafte. Er wolle gegenüber seinen kommunistischeih Leidensgenossen, die noch <m Gefängnis sitzen nicht bevorzugt sein, und wolle vor allem den Royalisten nichts schuldig sein. Diese haben ihn nämlich nur befreit, um. rote sie selber erklären, die Sache dem leichtgläubi­gen Gefängnisdirektor glaubhafter erscheinen zu lassen. Für diesen letzteren ist die

Entlassung auS dem Dienst

"M so peinlicher, als er in wenigen Jahren pensioniert werden sollte. Wie die Mysiisika- tion erfolgte, konnte bis jetzt noch nicht genau festgestellt werdet«. DieAction Francoise" be­hauptet, daß zur Zeit, als die Freilassung tele­phonisch inszeniert wurde, elf Telephounum- nern des Innenministeriums von Royaliften aus verschiedenen Teilen der Stadt angern^n worden seien und während längerer Zeit be­setzt gehalten wurden, sodaß nur eine L' v te frei war. Diese führte aber zu dem roy.ilis:-- schen Komplizen, der dem GesäugNisdirektor die Bestätigung des Freilassungsbefehles gab. Es konnte tatsächlich festgestellt werden, daß r;n solcher Komplize im Innenministerium sitzen mußte, denn es ist bewiesen, daß in der ance- gcbenen Ziel tatfächlick ein Gespräch mit dem Sante-Gefangnis und dem Innenministerium stattgefunden hat. Es scheint nickt rntoabt« scheinlich, daß im Verlaufe dieser Woche in der Kammer über diesen Vorfall, d-r >n 'parlamen­tarischen Kreisen gestern illgeinune He.te,leit erweck! hat, interpelliert werden wird. Die Re­gierung, und besonders der Innenminister dürften sich tn einer

habe die Bedeutung, immer mehr ein Syndikat der Regierungen zu werden.

*

<g;n visferesLocarno" am Balkan?

London, 27. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) In Angora geht das Gerücht, daß die türkische Regierung beabsichtige, Nnterhandlungen mit den Balkanregierungen zwecks Abschlusses eines Balkan-Locarno zu eröffnen.

. Paris, 27. Juni.

Paris bat feine neue Sensation: Leon Daudet, der Andrer der srautviiichen Nooaliste« und Leiter der Action Francaife. der im Gelänanis eine Strafe von fünf Monate« abznbiifte« batte, morde mit zwei Selleniniasfen durch eine» teilen Streich ans der Hast entfüdrt. wie die jüngste Köpenickiade schildert:

Gestern wurde der Direttor des Ge­fängnissesvor Herrn Saraut, dem französi­schen Innenminister" telephonisch aufge­fordert, die drei Gefangenen in Durchführung eines Beschlusses des heutigen Ministerrats so­fort in Freiheit zu setzen. Dem Direktor wurde selbst auf Rückfrage beim Innenministerium der Bescheid, daß tatsächlich die Haftentlassung so­fort zu erfolgen habe. Wenige Minuten später spazierten Daudet, Delest und Semard aus dem Gefängnis hinaus. Wenige Minuten später stellte sich der Anruf desInnenministers* als

eine tolle Mystifikation

heraus. Man nimmt nun an, daß sich ein Hel­fershelfer ans bisher unbekannte Weise in die Leitung zwischen dem Innenministerium und dem Gefängnis eingeschaltet hatte. Zweifellos handelt es sich um einen kecken Streich einiger Camelots. Daudet ist unauffindbar.

Lind Griechenland verdurstet vor Hitze

Athen, 27. Juni. Die Hitze in Griechenland hält an, ebenso der Wassermangel, da die letz­ten Wochen keinerlei Niederschläge brachten. Tic mittlere Temperatur war zuletzt 42,9 Grad.

* * *

(Sintflut aus den Motten.

Unwetterkatastrophen im Osten.

Berlin, 27. Juni.

Ein Blatt meldet aus Moskau: In Moskau gehen seit drei Tagen schwere Wolkenbrüche nieder. Ein Teil der tiefer gelegenen Gefäng­nisse ist geräumt worden, da das Wasser in sie strichen werden. Der Nutzen, der dem Volks­ganzen dadurch künftig verloren geht, steht in gar keinem Verhältnis zu der Summe, o>e man streichen will.

Und noch auf ein? muß hingewicscn werden: auf vielen Gebieten der deutschen Wissenschaft macht sich heute schon ein Nachwnchsman- ge l geltend. Die Notgemeinschaft hat die Ge­fahr, die hieraus unserer Gelehrsamkeit droht, als erste erkannt und darum die Förderung gerade der jungen Generation zu einer ihrer Hauptaufgaben gemacht. Nun sehen sich auck zahlreiche junge, Forscher, wenn die Sparmaßnahme des Reickssinanzministers zur Tatsache wird, dem Nichts gegenüber. Man mag sagen, daß das Genie sich auch ohne solche

Wenn Frauen richten.

Ein Freibrief für Gattenmorde in Wien? lPrivat-Telegramm.)

Mährisch-Ostrau, 27. Juni.

Am gestrigen Sonntag erschoß in Mäh­risch-Ostrau der Elektrotechniker Eschinger feine Frau. Der Mörder wurde verhaftet. Er stand mit seiner Frau in Scheidung (stehe das Frei- s p r u ch u r t e i l ans der ersten Beil'agenseite.) Schon oft kam cs zwischen den Ehegatten zu ernsten Tätlichkeiten. Frau Eschinger war bei dem Grosavescuprozetz in Wien an­wesend. kam mit mehreren Blättern, dir über den Prozeß berichteten, zu ihrem Gatten und sagte, daß eine Frau, die aus Eifersucht ihren Mann getötet habe, nicht verurteilt werden könne. Der Mörder war von -feinet Gattin mit dem Tode bedroht worden. Er brach nach der Tat vollkommen zusammen.