Kasseler Neueste Nachrichten
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Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
Nummer 125. Amtliches Organ der Stadt Kaffel.
Dienstag, 31. Mai 1927.
Amtliches Organ der Stadt Kaffel. 17. Iahrg ang
Tschitscherin will Gtresemann warnen.
England unter Norwegens Schutz / Japan mischt sich in China ein.
Aber, Herr Mussolini!
Er spielt wieder einmal den Weltdiktalor.
Herr Muffolini ist ein unruhiger Kops. Er paßt daher für die Rolle, die er spielt, wie geschaffen. Wie könnte er sonst auch die ausgepeitschten Gemüter seiner Faschisten im Zaume halten? Allzuleicht würde sonst in ihnen das Gefühl der Unzufriedenheit groß. Ein Zustand der Ruhe würde Zeit für Kritik lassen. Der italienische Duce hat daher sehr richtig erkannt, daß er, wenn der Wolkendunst der Popularität um seine Diktatur sich nicht auflösen soll, immer und immer wieder für Reibungen sorgen müsse, um die Gemüter der ihm ergebenen Untertanen nicht zur Besinnung kommen zu lassen. Bald sind es gesuchte Pläne und Konflikte, wie der Streit um Jugoslawien, bald große, von einem weitspannenden Imperialismus getragene Reden, mit denen er seine Nation aufwühlt. .Eine Portion Donnerwetterstimmung mutz der Mensch haben, wenn er in der Politik etwas ausrichten will," läßt Sigurd Ibsen, der Sohn Henrik Ibsens, seinen Helden im Drama .Robert Frank" sagen. Herr Mussolini besitzt von dieser Donnerwetterstimmung gar viel. Er hat daher auch in der Politik gar manches aus- gerichtet.
Nachdem die albanische Frage, infolge der von London und Paris angezogencn Bremse, nicht so gelöst worden ist, wie Herr Muflolinr sich das gedacht hatte, mußte er nun eine Ablenkung schaffen, waS er in der Kammer prompt besorgte. Man kennt heute sein KrtegS- tönchcn schon zur Genüge und weiß, daß Herr Mussolini, irreal wie er manchmal ist, gerne in Gefilden u mherschweist, die seinem Pathos besondere Nahrung geben. Es ist lange nicht so, daß er mit dem alten Wiener Lied sagen könnte: „Im Mat, im schönen Mat, hab' ich noch viel Im Sinn." Seine Tiraden, und wenn sie auch noch so kriegerisch verbrämt sind, und noch so martialisch klingen, sind nichts als Phrasen, die man fürst erste nicht besonders ffhft zu nehmen braucht. Stellt doch der Duce selbst fest, daß Italien erst zwischen „1934 und 1940 soweit sein werde, um Europa seine Stimme hören zu lassen und seine Rechte geltend zu machen." Es sind Zukunftswechsel, die er damit seiner Nation gibt, aber seine Anhänger sind enthusiastisch und gläubig genug, sie heute schon zu diskontieren.
Wenn man auch die ganze Hohlheit dieses Geredes durchschaut, mit einem nachsichtigen Lächeln darüber hinweggehen könnte, so müssen doch zwei Punkte schärfer unter die Lupe ge- nomen werden. Vor allem muß die unerhörte Hetze gegen Deutschland, das Herr Mussolini mangels eines anderen geeigneten Objektes augenblicklich zum Gegenstand seiner kriegerischen Eskapade gemacht hat, aus das Schärfste zurückgewiesen werden. Es ist nie und nirgends davon die Rede gewesen, die Deutschen in Südtirol, die unter einer so schmählichen Behandlung der Italiener zu leiden haben, mit Waffengewalt befreien zu wollen. Was dagegen mit Recht immer und immer wieder verlangt worden ist, und trotz Mussolini verlangt werden muß, ist eine menschenwürdige Behandlung der Deutschen in Italien, nach Gesichtspunkten, die der modernen Kultur entsprechen. Herr Mussolini erklärt das Problem der ansässigen Minderheiten als unlösbar. Er tut das, ohne daß der Versuch einer Lösung gemacht worden ist. Die kühne Behauptung wird ihm allerdings nicht viel nützen. Sie wird keinen Deutschen einschüchtern, nach wie vor für das Recht seiner Stammesbrüder in Südtürol einzutreten und sie wird nicht einmal den Völkerbund von der allerdings schweren Pflicht entheben, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Auf die Dauer kann man auch im Deutschen Auswärtigen Amt diese Dinge nicht stillschweigend übergehen. Es muß etwas geschehen und wenn auch Herr Mussolini noch so sehr tobt. Vorläufig tut er noch so, als ob er auf die Welt und seine Rechte pfeife. Das hat sich auch in seinen schwachen Witzen über den .Geist von Locarno" gezeigt. Gerade er, der damals als einer der Garanten dieses Vertrages aufgetreten ist. sollte sich in dieser Beziehung etwas Mäßigung auferlegen, sonst macht er sich nur lächerlich.
Solange der italienische Duce bei seinen Reden bleibt, dürfte da- von der Welt noch gleichmütig hingenommen werden. Wenn er sich aber einfalten lassen lallte, so zwischen 1934 und 1940 .den Weltdiktator zu spielen, könnte es ganz leicht sein, daß seine Prophezeihung
eintrifft, daß Italien in zehn Jahren nicht wiederzuerkennen sein werde, weil sein Antlitz und seine Sele grundlegend verwandelt seien", allerdings in einer Richtung, die er selbst am wenigsten vermutet.
Die Antifaschisten schweigen nicht.
Paris, 30. Mai. Das Zentral-Komitee der italienischen Anti-Faschisten hat aus Grund der letzten Mussolini-Rede die faschistische Diktwtur als kriegslustig und brutal bezeichnet. Die Erklärungen des Duce kennzeichneten den faschistischen Imperialismus, gegen den sich das unverletzliche Recht der Volkssouverftnität und der Frteitenswillc des italienischen Volkes erhöben, laiche auch Leitartikel.!
Ergebnisse zeitigen können. In der Wilhelm- straße wird man dem russischen Volkskommissar für Auswärtiges nur Mitteilen können, daß für die deutsche Außenpolitik allein die Abmachungen von Locarno und der Vertrag von Rapallo, sowie der sogenannte „Berliner Ver- ttag" richtunggebend find. Auch wirtschaftspolitische Angelegenheiten dürften erörtert werden. In den Berliner Finanzkreisen will man wissen, daß Tschitscherin bei dieser Gelegenheit sondieren wolle, ob Deutschland in der Lage wäre, einen größeren Kredit für die Lieferung von Maschinen usw. nach Rußland rinzuräu- men. Man glaubt schon jetzt sagen zu können, daß vorläufig ein weiterer Kredit für Rußland unter Garantierung des Reiches nicht in Frage kommen könne.
Noch ein geiavrttcver Snglandfelnb.
London, 30. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Ein Blatt meldet aus Malta, daß drei Schlackit- schiffe, die gestern abend in See gingen, für Aegypten bestimmtsteten. Das Blatt nimmt an, daß dies im Zusammenhang mit der Krise steht, die wegen der Stellung des englischen Oberkommandanten entstanden ist.
Rotbchina aufs Schwerste gekränkt.
Peking, 30. Mai. (Kabeltelegramm.) Die offiziellen Kreise Rordchinas sind über daS Eingreifen Japans aufgebracht. Peking protestiere energisch gegen die Verletzung chinesischen Gebietes durch den japanischen Truppendurchmarsch, die ernste Rückwirkungen Haden könnte Eine Rote werde nach Tokio abgehen.
Siner macht den andern schlecht.
Gegenstoß aus Moskau.
Das Reichßsinanzminifterium soll z. Zt. erwägen, die Mieten allmählich big aus 140 Prozent heraufzusetzen. Die Entscheidung hänge eng mit dem Gesctzgebungßwerk über die Steuervereinheitlichung zusammen, daS den, Reichskabinett in dieser Woche vorgelrgt werden soll. DaS ReichSfinanzministerium hat diese Gerüchte bisher weder dementiert noch bestätigt.
Die rote «Sm de rückt aus.
Kriegerische Bilder aus Moskau.
Warschau, 30. Mai.
Die Polenblätter melden auS Minsk: Hier wurde starke russische Artillerie an die Grenze gegen Litauen und Polen weiter transportiert. In Nischni-Rowgorod hängen an allen Straßensäulen Aufrufe zur Bildung von Freiwilligen-For- mationen.
Wien, 30. Mai. (Privattelgramm. Ein Blatt meldet aus Moskau: Sonnabend früh fah man Artillerie durch die Straßen ziehen. Die Truppen wurden in fünf Eifenbahnzügen nach dem Westen verladen.
Wo die Offiziere regieren.
Paris, 30. Mai. (Eigene Drahttneldung.) Lmtt Pressenotiz halben 612 Offiziere der Athener Garnison das Protokoll unterzeichnet, das die Aufhebung der RegierungSkoalition verlangt. Die Unterschriften anderer Garnisonen stehen noch auS.
140 Vrozent Miete?
Der Finanzminister hüllt sich in Schweigen.
Wehe der Republik!
Wenn Frankreichs Monarchisten könnten . . .
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 30. Mai.
Der Royalistenführer Leon Daudet sprach gestern in Marseille in einer riesigen Royali- sten Kundgebung. Er erNSrte u. «., er solle ins Gefängnis, weil er daS Verbrechen begangen habe, der Vater seines Sohnes Phil- l i p p zu sein. Man möge ihn doch in das Ge- fängnis stecken, wenn mau es wage. Im Uebri- gen würden die Royalisten bald die Herren Frankreichs sein und dann die Republikaner zu züchten wissen.
Moskau, 30. Mai.
Auf die englische Abbruchnote erwiderte die Sowjetregierung u. a., daß sie alle Beschuldigungen, daß sie das Handelsabkommen verletzt hätte, zurückweise. Die Ergebnislosigkeit der Durchsuchung der Handelsdelegation fei der beredteste Beweis für die Loyalität der offiziellen Sowjet-Agenten. Der Hauptgrund des Bruches sei das Fiasko der Politik der konfervativen englischen Regierung in China und der Versuch, dieses Fiasko durch eine Diversion gegenüber der Sowjetunion zu verschleiern. Die britische Regierung ziehe normalen Beziehungen zu Rußland das System der Gewalttätigkeit und der Feindschaft vor. In der neuen Regelung der Handelsvertretungen wird der Gesandte bezw. Botschafter ausdrücklich als der einzige politische Vertreter in dem Lande, wo er beglaubigt ist, bezeichnet. ES ist berechtigt, sofort Maßnahmen zu suspendieren, die nicht im Einklänge mit der allgemeinen Politik oder der Gesetzgebung des Aufenthaltslandes stehen.
(Eigener Informationsdienst.)
Berlin, 30. Mai.
Nach Vans... Berlin.
Tschitscherin wirbt um StresemannS Gunst. (Funktelegramm)
Berlin, 30. Mai.
Aus russischen Botschasiskreisen erfahren wir, daß Briaud in Paris dem Sowjet-Außenkom- missar Tschitscherin die bolschewistische Propaganda vorgehalten und verlangt habe, sich jeder Einmischung in die innerpolitischen Ber« hältniffe Frankreichs zu enthalten. Tschitscherin soll nun am Quai d'Orsay versichert haben, daß er dem Verlangen Frankreichs nachkommen wolle, mit der Einschränkung, daß diese Propaganda niemals offiziell unterstützt wurde. Tie Wirtschafts- und Schuldenverhandlungen werden jedoch vorläufig nicht sorige- setzt. Troß der Zusicherungen der französischen Regierung, daß Frankreich zunächst nicht daran denke, sich der Rußlandpolitik Englands anzuschließen, hegt man in Moskau doch gewisse Zweifel im Hinblick auf die Gerüchte, nach denen die britische Regierung bereit wäre, Deutschland in der BesatzungS- und Kolonial- frage entgegen zu kommen, wenn es seine Außenpolitik nur nach dem Westen orten« Here. Die Aussprache zwischen Dr. Strese- mann und Tschitscherin, die etwa am 8. Juni stattfinden soll, wird jedoch kaum sensationelle
Wird Ehina daraus hören?
Japan will dem EhaoS ein Ende machen.
(Eigene Drahtmeldung.)
London, 30. Mai.
Rach einer Meldung ans Tokio hat Japan an China einen BermittlungSvorschlag gemacht Danach ist General Tschangtsolin nahegelegi worden, iw eine Waffenstillstandskonferenz ein zutreten, die Kämpfe einzustellen und sich nach Muk den zurückzuziehen. Darauf sollen die Marschalle Feng, Tschangtsolin und Tschang- keischeck sich über weitere Bedingungen einigen, wenn nötig mit Unterstützung der Großmächte.
Norwegen ist gut genug.
Londons Jntereffenwahrer in MoSkmi.
(Eigener Drahtbericht.)
London, 30. Mai. <
Ein diplomatischer Korrespondent schreibt: i Das Großbritannien in Sowjetrußland sich durch Norwegen vertreten läßt, ist weniger überraschend als es auf den ersten Blick scheint. Norwegen ist ein ausgezeichneter Freund Englands und hat außerdem weniger Reibungen mit Moskau gehabt als beispielsweise Schweden. (London hat natürlich keine Großmacht mit der Vertretung betraut, um ftt , nicht dann aus der EinkreisungSfront gegen Moskau auszuschließem. Die Redaktion.)
Sie lieben ihn alle.
Papst Pius der Elfte als Geburtstagskind.
Wenn Papst Pins der Elite beute, an keinem 70. Geburtstag, geschmückt mit der maiestiiti» scheu Tiara, in den Petersdam einziedi. wird ihm bas begeisterte „Evoival" entbnsiasmier- ter Riimer entgeaenschalle». Was ist es. das, dem Haupt der tatbolilÄeu (kdristenbeit noch <«eiere Verehrung und gröbere Beliebtheit gerollt wird, als irgend einem seiner Vorgänger? Papst Pius der Elfte gehört in die Kategorie der „unpolitischen Päpste". AuS der Wissenschaft gekommen ist er vor ollem ein religiöser Papst. Wohl war Pius der Elfte auch im diplomatischen Dienste der Kurie tätig, aber den größten Teil seines früheren Lebens füllte die Wissenschaft und stille kirchliche Betätigung aus. Das, was viele seiner Vorgänger auszeichnete, eine erfolgreiche Karriere in der vatikanischen Diplomatie, war ihm nicht gegönnt. Er hatte auch zeitlebens wenig Neigung dafür. Als stiller Gelehrter arbeitete er jahrzehntelang in der weliberühmtett Ambrosianischen Bibliothek und später in der Valikana. Sein Ehrgeiz waren tiefgründige Werke. Als
einfacher Fabrikantensohn in Desto bei Mailand geboren, fehlten ihm auch für die kirchlich-politische Laufbahn vor allem die adelige Herkunft, auf die man gerade in jener Zeit im KardinalftaatSsekretariat noch großes Gewicht legte. Der fchmucklose Name Achille Ratti bot keine Anwartschaft, t.m feinen Träger in Nuntiaturen oder im päpstlichen Repräsentationsdicnst groß werden zu lassen. Was Wunder, daß sich der junge Kleriker der Wissenschaft znwandte, und er über die vatikanische Bibliothek hinweg den Weg nach oben fand. Erst im Jahre 1918 wurde er als apostolischer Visitator nach Polen gesanot, wo er im darauffolgenden Jahre die Würde eines Nuntius erhielt. Im Jahre 1921 schmückte ihn Benedikt der Fünfzehnte mit dem Karoi- nalshut und berief ihn zum Erzbischofvon Mailand. Nicht lange sollte er aber dort verweilen. Schon Mitte Februar 1922 ging er aus dem Konklave als Papst Pius der Elfte hervor. Zeit seines Lebens batte sich Achille Ratti nicht viel um die Politik bekümmert. Er hielt es auch als Papst so. Seine Hauptarbeit ist in dieser Stellung vor allem der Pflege des religiösen Lebens gewivmet. Daher dürfte cS Wohl auch kommen, daß er den Bestrebungen auf eine
Aussöhnung mit der Staatsmacht nicht so abgeneigt ist, wie die meisten der „po- litischen Päpste". Er nimmt nicht den intransigenten Standpunkt mancher seiner Vorgänger ein und zeitweise schien es so, als ob er die „Römische Frage" mit einem Ruck zu lösen entschlossen sei. Bisher ist jedoch — die Strömungen gegen eine solche Lösung sind auch heute im Kardinalkollegium noch sehr stark — die Tat dem Vorzeichen noch nicht gefolgt. Es ist zwar verständlich, daß man im Vatikan sich noch immer sträubt, das Garantiegesetz vom 13. Mai 1871 anznerkennen und daß der Papst lieber das selbstgewählte Schicksal des „Gefangenen im Vatikan" trügt, als daß er sich von der italienischen Regierung seine Stellung umgrenzen läßt, nichtsdestoweniger aber haben auch die Tendenzen eine Berechtigung, die heute «tnd schon eine Reihe von Jahren hindurch darauf hinauslaufen, auf dem Wege einer wohlwollenden und gütlichen Verständigung dem Papste auch nach außen hin die Bewegungsfreiheit und Souveränität zu sichern, die er beanspruchen darf. Ob eS aber unter dem Pontifikate Pius des Elsten dazu kommen wird, ist mehr als fraglich, nachdem verschiedene Ansätze ungepflegt wieder verdorren mußten. Es wäre freilich daS
schönste Geburtstagsgeschenk für Pius den Elften gewesen, wenn er die Pforten des Vatikans hätte öffnen und seine selbst- gewählte Verbannung hätte aufheben können. In Deutschland wird man des Papstes an seinem siebzigsten Geburtstage mit warmer Sympathie gedenken und ihm herzlich gemeinte Wünsche senden. Auch diejenigen, die bei seiner Wahl auf den Stuhl Petri glaubten, daß er <n Nuntius in Warschau die Interessen Polens besser gewahrt habe als die deutschen, werden inzwischen aus ber warmen Anteilnahme, die PiuS der Elfte anläßlich des Ruhr- krieges der deutschen Sache gewidmet hat, eine Neutralität erkannt haben. Aus Jener Zeit schuldet ihm daS deutsche Volk aus- richtigen Dank. Diesem Danke wird eS auch ht seiner Tätigkeit als apostolischer Kommissar und