Nr. 111
c-ieszehnier Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichten
2. Beilage.
Freitag, 13. Mai 9.7.
Am Tobe vorbei.
Der Ritt über den Bodensee.
Die alte deutsche Sage ist weithin bekannt: Irgendwann im Mittelalter wollte im strengsten Winter ein Württemberger Ritter nach 8er: Schweiz. Alles war ttes eingeschneit und er ritt fürbaß in der Richtung, die ungefähr stimmen mutzte. Meilenweit sah er kein Licht. Als er nach stundenlangem Reiten in das erste Dors kam, erfuhr er, daß er bereits in der Schweiz sei und über den zugefrorenen Bodensee geritten wäre. Vor Schreck über die unbekannte und doch glücklich überstandene Gefahr bekam der Ritter einen Herzschlag und sank tot um
Solcher »Ritte über den Bodensee" gibt es auch in unserer Zeit noch verschiedene, und ein vielgereister Mann erzählt uns, wie er einmal, ohne es zu wissen, einer Gefahr entronnen war, die er nicht kannte. Es war in der Nähe der schwedischen Universität Upsala. Diese Stadt mit der Eisenbahn von Stockholm in dreiviertel Stunden erreichbar, liegt schon mitten in dem ewigen Walde, der im Norden Schwedens beginnend, sich, nur durch kleine Städte und Siedelungen unterbrochen, bis kurz vor die Hauptstadt des Landes erstreckt. Unser Reisender hatte in der alten Gelehrtenstadt eine deutsche Dame kennengelernt, die dort seit Jahren lebte und deren einzige Leidenschaft Pferde waren. Sie hielt deren eine stattliche Zahl und war weit über die Umgebung hinaus als Reiterin berühmt.
Mit ihrem neuen Bekannten machte sie einen Ritt durch den Wald, der sich länger ausdehnie als man glaubte, sodaß beide Reiter von der Dämmerung überrascht wurden. Man schlag auf dem Rückwege einen starken Galopp an — beide Reiter nebeneinander. Auf einmal fühlte der Fremde im Nacken etwas pelzartiges. Sein Pferd stieg kerzengerade in die Höhe und stand dann zitte/nd, ohne vom Platze bewegt werden zu können. Das Pferde der Dame aber griff ungeheuer aus und jagte in einem Renngalopp ohnegleichen vorwärts. Erst nach einer Vier- telstunde gelang die Wiedervereinigung der beiden Reiter. Die Dame war totenbleich und kaum fähig zu sprechen. »Was ist passiert?" fragte der Bekannte. »Es ist noch einmal ßgut gegangen" antwortete sie schweratmend. Es hat uns ein Luchs angesprungen. Dieses Tier ist eigentlich weiter nördlich beheimatet, kommt aber im Frühherbst auch in unsere Gegend. Es ist die blutdürstigste Bestie der ganzen Tierwelt und ein spezieller Feind aller Pferde. Ich sah, wie er an ihrem Genick vorbeiflitzte — er ist gottlob zu kurz gesprungen — und auf der anderen Seite niederfiel. Wäre es ihm gelungen, Sie beispielsweise zu. treffen, so lebten Sie nickt mehr, denn sein Bitz ins Genick ist sogar für Pferde tödlich." Der Reisende überlebte diese Mitteilung zwar, aber die Stunden nachher waren nichts weniger als angenehm.
Liebe auf der Opernbühne.
Ei« Bekenntnis Maria Jeritzas.
Der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen wird auf dem Theater wohl nirgends häufiger getan als in den großen Liebesszenen der Opern. Wir sind nun einmal gewöhnt, unseren leidenschaftlichen und zärtlichen Gefühlen in Worten Ausdruck zu verleihen und nicht im Gesang, und deshalb ist es nur seltenen schauspielerischen Genies gegeben, eine seurig« Werbungsarie oder eine lange Liebeserklärung völliger Natürlichleit herauszuschmettern. Di« Liebesszene ist daher die schlimmste Klippe, an der Sänger und Sängerinnen scheitern. Denn sie denken viel mehr an das hohe C als an die Echtheit ihres Gefühlsausdrucks.
Von diesen Schwierigkeiten der Liebeskunst auf ^der Opernbühne plaudert die große Wiener .Sängerin Maria Jeritza. In einer Liebesszene auf der Bühne natürlich zu sein, ist ein« schwierige Kunst, die von jedem Sänger ebenso eifrig studiert werden muß, wie der Gesang," schrerbt sie. »Die Primadonna muß zwei Herren dienen, dem Textdichter und dem Komponisten, und zwei Herren zu dienen, ist im Leben niemals eine leichte Aufgabe. Der Tertdichter fordert, daß man den Tenor leidenschaftlich umarmt und sich mit ganzer Seele seinen heißen Küssen hingibt. Gleichzeitig aber verlangt der Komponist, daß man die Noten richtig singt und die Töne genügend lange hält. Um sich in diesem Zwiespalt zurechtzufinden. muß die Sängerin den Sänger genau kennen. Ist er kühl, muß sie leidenschaftlich sein, ist seine Art schüchtern, so muß sie ihn aus seiner Zurückhaltung herausbringen, ist er stürmisch, soll sie abwehren. Ist der Tenor von Figur klein, so muß die Sopranistin stets die Stellung suchen, in der er nicht auf ihren Hals sieht, wenn er ihr in die Augen singen will. Ist er dick, so muß sie sich in ihren Bewegungen und Gesten Zurückhaltung auferlegen, damit er nicht komisch wirkt, und sie muß kleine Schritte machen, damit er ihr Nachkommen kann. Die geringste Uebertreibung kann bei der Uebersteigerung, die an und für sich schon in solchen Szenen herrscht, statt Ergriffenheit Gelächter auslösen.
Sonderbarerweise verdanke ich meinen größten Erfolg in einer Liebesszene einem glücklichen Zufall. Ich spielte die Heldin in »Tosca" und hatte das Glück, unter dem Komponisten Puccini selbst zu proben. Wir waren in der Mitte des zweiten Aktes, in der die Heldin, von Gram überwältigt, auf das Sofa sinkt, bevor sie di« Arie »Vissi d'Arte" singt. Während ick über die Bühne nach dem Sosa gehe, gleite ick aus und falle, und um das Spiel nick: zu unterbrechen, singe ick meine Arie auf dem Boden liegend. Puccini war davon ganz entzückt. »Run haben wir doch
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treppenroman abgegeben. Nur wäre seine Glaubhaftigkeit dann bezweifelt worden: denn bas Schicksal hat sich hier eine kühne Komblna- lion erlaubt, wie sie häufiger in Romanen als in der Wirklichkeit vorkommt.
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Hindenburg in WiMelmsbaven: Dorbeimarsck der Matrosen.
Reichspräsident von Hindenburg besichtigte die Marinestation in Wilhelmshaven und legte aus dem Ehrenfriedhof, wo die Skagerakkämpfer und die anderen Gefallenen der Seegefechte liegen, einen Kranz nieder.
Die Vermännlichung der Frau
Wie Sport die Frau verändert und wie die Natur den Ausgleich schafft.
Ein Roman aus dem Leben.
Frau Mode spielt Vorsehung.
Der Lebensweg der Schwestern Senitschka - - N. hätte einen famosen Hinter-
~ ’ seine denn
Reger bleibt Reger.
Marius und das „Fräulein Combination".
Der Senegalese Marius Bukati stand als Boy im Dienst der Gattin eines hohen französischen Kolonialoffiziers in St. Louis (Sengam- bien). Da er die Missionsschule absolviert hatte, sprach und schrieb er geläufig Französtsch, was seinen Staminesgenossen nicht wenig imponierte. Eines Tages sah er im Cafehaus die Frühjahrskataloge des großen Pariser Warenhauses „Louvre", und da Marius als zivilisierter Senegalese Briefverkehr haben wollte, verfiel er auf einen sonderbaren Plan. Er ersuchte die Pariser Firma um Zusendung ihrer Kataloge, was auch umgehend erfolgte. Ganz besonders interessierten ihn die Modelldamenfiguren in der Abteilung Damenwäsche, und die Spitzendessous erregten sein Entzücken. In der Pelzabteilung erwärmte er sich für eine abgebildete Mannequinfigur in einem imitierten Bieberpelz, jedoch schreckte ihn den Preis von zweihundertzwanzig Francs. Er entschloß sich daher, aus der Damenwäscheabteilung für Fräulein „Combination", die in ihrer duftigen Kleidung schon für dreiundsechzig Francs verkäuflich war.
Der gute Neger hatte geglaubt, daß in Frankreich Frauen ebenso käuflich lvären wie in seiner tropischen Heimat. Eigentlich lag ihm immer noch die Pelzdame im Sinn, aber für zweihundertzwanzig Francs konnte er sich am Senegal schon eine Tochter des Häuptlings Bambula kaufen, der seine zahlreichen Sprossen lebhaft für diesen Preis an den Ebemarkt brachte. Er entschloß sich also aus Sparsamkeiks- rücksichlen für das duslige Fräulein „Combination"" und schrieb an das Warenhaus, die Dame in dem abgebildeten Kostüm per Nachnahme mit dem nächsten Dampfer ait ihn zu senden. Beköstigung und Passage sielen zu sei- neu Lasten. Auch setzte er ein Taschengeld von zehn Francs für die Dame während der Ueber- fahrt aus.
Zu seinem grenzenlosen Erstaunen bekam er keine Antwort, und so entschloß er sich resigniert, wenn auch keine Häuptlingstöchter für *20 Francs, so doch ein Mädchen aus einer weniger aristokratischen Familie, für. die er nur ">0 Francs zu hinterlegen brauchte, zu freien. Ein Trost war ihm aber geblieben: Vom Hochzeitstage an nannten die Eingeborenen in St. Louis
Kloster Eberback im Rkelngau.
Das Kloster Eberbach befindet sich im Besitz der staallicken Tomänenverwaltung, die hier die edelsten Weine des Rbeingaues keltert. Die „Mittelrheinische Gesellschaft zur Pflege alter und neuer Kunst e. V." hielt hier ihre diesjährige' Hauptversammlung ab, nachdem zur Erhaltung der aus dem 12. Jahrhundert stammenden großen Zisterzienserabtei in
Dir immer eifrigere und immer ,zunehmende Beteiligung der Frau am Sport ist zweifellos eine sehr bedeutsame Erscheinung m unserer Kultur. Die Frau fängt an, auch aus diesem Gebiet, das lange dem Mann aöctn eingeräumt war, ihren Platz zu erobern. In wieweit diese sportliche Betätigung die jetzt so viel besprochene „Vermännlichung der Frau" verursacht, das ist eine schwierige Frage. Es scheint, als ob diese Dinge in engem Zusammenhang stehen, denn die Engländerin, die am eifrigsten Sport treibt, ist auch zugleich in der Vermännlichung am weitesten fortgeschritten.
Der Altmeister des Ski, Henry Hock, der soeben in einem bei F. A. Brockhaus in Leipzig erscheinenden Buch „Sport, Sporttrieb, Sportbetrieb" eine temperamentvolle Philosophie des Sports gibt, behauptet, daß, das lange Haar und der lange Rock dem Sportwillen der Frau zum Opfer gefallen seien. Der Frauensport, sagte er, wird auch noch mit anderen Merkmalen der Frau ausräumett: „Mit dem geringeren Muskelgewicht, dem größeren Fettansatz, mit Farbe und Oberfläche der Haut, mit geringer Reaktionsgeschwindigkeit und manchem mehr." Er glaubt an eine immer größere Annäherung der Geschlechter, durch die natürlich vieles, was aus der Verschiedenheit beruht, wie Kunst und ein gut Teil von dem bunten Reichtum unseres Lebens, verloren gehen müßte. Der-Sport, wie er heut betrieben wird, ändert nicht nur das Äeußere, sondern auch das Innere der Frau. »Rein Zweifel, daß er „vermännlicht". Er schafft einen andern Gesichtstypus, andere Liebhabereien, eine andere Charaktereinstellung, eine an bere Art zu denken."
Hock sieht in der Eroberung des Sports durch das weibliche Geschlecht eine neue Form jener immer wieder in der Geschichte auftre-
der Frauen gegen das Weib" nennt. »Weib ist der geschlechtliche Gegensatz des Mannes", sagt er, „unser tiefstes und zartestes Fühlen erfaßt das Weib als die „Empfangende, Gebärende, Nährende und Sorgende — als die Mutter, Frau dagegen ist die „Herrin", die Gebieterin. Frau betont die Gleichheit, Weid betont den Unterschied im Vergleich zum Manne. Das Ideal der Frau ist Diana, die jungfräuliche Jägerin, mit Hunden, Bogen, Köcher und Pfeilen, die frei sich fühlende, frei Jid> bewegende und keusch sich versagende Gefährtin, die Gefahren bestehende Freundin und Feindin des Mannes. Sie ist das Urbild der Emanzipation; sie ist es, deren Wunsch die Ver männlichung ist, die mit allen Fasern ihres Wesens sich dagegen sträubt, als Weib genommen zu werden...." Dieser Dianentyp lebt in der heutigen Sportfrau auf, die durch die Ausbildung ihrer Körperkräfte, durch die Selbstzucht ihres ganzen Wesens danach strebt, über das „Weib" zu siegen und es dem Manne gleichzutun.
Uher bei dieser Vermännlichung der Frau bleibt uns ein Trost: Diesem Streben der Frau sind von Natur Grenzen gesetzt, die durch das Fortbestehen der Art festgelegt sind. Die Frau die ihre Vermännlichung bis zur Unfruchtbarkeit treibt, kann ihre Eigenart nicht mehr vererben. Sie wird stets neu gezüchtet durch Mode und Zeitgeist — um stets spurlos zu verschwinden. „Lassen wir also unsere Frauenbund Mädcken," meint Hoek, „ruhig ihren Sport treiben, lassen wir sie aller guten Folgen sportlich-spielerischer Betätigung teilhaftig kverden. Sollte hier und da ein Uebcrmaß bis zum Auswuchs sich auswirken, so haben wir ein Opfer vor uns, daß auf dem Wege, wie aus jedem Weg vorwärts, fallen muß. Tie Natur selbst wird in der einfachen Weise der Nicht- pererbung das „Unnatürliche" schon wieder
Im Jahre 1918 drangen in einer russischen Landstadt bolschewistische Organe in die Wohnung des angesehenen Beamten ein, dessen Kinder die Schwester» waren, verschleppten dte Eltern und einige Tage später auch die Kinder. Vater und Mutter sind aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet worden. Die beiden Schwestern dachten — und zwar jede von der anderen — daß diese das gleiche Schicksal betroffen habe. In Wahrheit wurde die Aeltere von einem Offizier der Tscheka nach Sibirien verschleppt. Tort gelang es ihr, zu fliehen und an d c Küste zu kommen, wo sie von Kaufleuten au genommen und nach Schanghai gebracht wurde. Ste lernte hier einen brasilianischen Legationsrat kennen, der sie adoptierte und in feine Heimat mitnahm. Vor einem Jahr heiratete sie einen angesehenen Kaufmann. Die jüngere Schwester entfloh mit mehreren Leidensgenoffen über dre bessarabifche Grenze. Sie gelangte über Sofia und Belgrad nach Mailand und schließlich nach Paris, wo sie einen ehemaligen Unterbeamten ihres Vaters traf, der sie mit geringen Mitteln unterstützen konnte. Vor mehreren Wochen aber starb dieser Mann, und Natascha stand mittellos da. Nach vielen Bemühungen gelang es ihr, bei einer angesehenen Modenfirma als Mannequin unterzukommeu. Inzwischen hatte ihre Schwester Senitschka mit ihrem Gatten die Ueberfahrt nach Spanien angetreten. Sie hielten sich längere Zeit in Madrid auf u. sichren dann über Paris nach Boulogne, um von dort ans die Rückfahrt anzutveten. In Paris v.-r- fäumten beide den Anschlußzug. Vor einem Regen flüchteten sie in ein Modenhaus, — in das gleiche in dem Natascha N. vor zwei Tagen Anstellung als Mannequin gesunden hatte.
Das Schicksal spielte hier seinen letzten Trumpf aus. Ein Mannequin war erkrankt, und die Direktrice versuchte zum ersten Mal. Natascha zur Vorführung der Abendtoiletten herouzuziehen. Als die Reihe der MainiequinL an dem Ehepaar vorbeizog, hefteten sick die Augen der jungen Frau starr auf das Gesicht der neuen Vorfnhrdame »nd plötzlich stieß ste einen gellenden Schrei aus: zwei Schwestern hatten sich gesunden.
—! endlich die richtige Art, wie die Arie gelungen werden muß, „rief er aus." Nicht ""s dem Sofa liegend, sondern vom au, der Buhne nahe an der Rampe, wo die Heldin m ihrer Verzweiflung zufammenbricht." Maria >zeritza gesteht, daß die schwierigste Rolle für sie in der modernen Oper der Octavian 'Ut „Ro,enkava- . Sie fühlt sich so ganz als Frau, cmtz es ihr unmöglich ist, -in männliches Wese», überzeugend darzustellen, und sie empfindet während des Spiels beständig den Gegen, atz des Geschlechtes.
den letzten Jahren seitens der Regierung bedeutende Renovlerungsarbeiten ausgesührk worden sind.
auf feinen Wunsch die neue Lebensgefährtin „MadLmoiseille Kombination“.
Der Anzeigenteil unseres Blattes ist Ihr bester Geschäftsfreund! ।