SonttcBeitb, 7, Mai 1927.
Staffelet vleueste Rachrichte«
17. Jahrgang. — Ar. !<*•
ist. Bon allen Parteien wird neben der sozusagen gesetzmäßigen
Modernisierung der Strafrechtspflege vor allem auch die äußere Modernisierung und zwar sowohl bezüglich eines „moderneren Tones* gegenüber dem Recht suchenden Publikum sowie auch bezüglich der modernen büromäßigen Einrichtung und Technisierung befürwortet. Dabei gehen starke Bestrebungen dahin, die Stellung des Richters zu einer achtunggebietenderen als bisher zu gestalten, entsprechend der Tatsache, daß jeder Richter mehr Macht hat als z. B. der Landtag, der ja bekanntlich keine Staatsbürger ins Gefängnis schicken kann.
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Noch immer Vertrauenskrise.
Der Justizminister will Abhilfe schaffen.
Ter neue preußische Justizminister Dr. Schmidt bedauerte, daß die sogen. Vertrauenskrise, leider noch in beachtlichem Umfange fortbestehe. Es müffe mit Unterstützung der Presse und der Anwaltschaft gelingen, diese Krise endgültig zu beenden. Der Minister bezeugte sein „fast unbegrenztes* Vertrauen zu der übergroßen Mehrheit der Beruss- richterschast, betonte aber zugleich, daß er gegen unwürdige oder unfähige Beamte scharf vorgehen werde. Die überlastete Justiz habe z. B. von den 2,8 Millionen Aufwertungssachen bereits 89,43 Prozent erledigt. Weiter kündigte er die Oefefntlichkeit in richterlichen Disziplinarverfahren und die Justizverwaltungsreform an. Eine eigentliche Opposition fand Minister Schmidt in der gestrigen Debatte nicht. Er soll sich nur, wie die Völkischen verlangen, bei Wulle entschuldigen, nachdem das Verfahren wegen der Grütte- Lehdcr-Beschuldigungen eingestellt ist.
Anschuldige Büßer.
Was in Südtirol heute noch möglich ist.
Wien, 6. Mai.
Wie aus Bozen gemeldet wird, ist der wegen Erteilung von deutschem Privatunterricht zu Verbannung verurteilte Traminer Lehrer Riedel begnadigt und sreigelaflen worden. Auch der seit Ostern in Haft gesetzte Duisburger Studienrat Dr. Heußler wurde auf Berliner Jnterventtonen hin enthaftet. Heußler wurde aus einer Wirtschaft heraus g r u nd l o s abgeführt und blieb nach feiner Einlieferung dreiundvierzig Stunden lang ohne Nahrung. Dann durfte er auf eigene Kosten Mahlzeiten zu sich nehmen und täglich von feinem Gelbe 10 Lire verbrauchen. In seiner Gesellschaft befanden sich üble Derbrecher. Er durfte auch nicht auf eigene Kosten Medikamente beziehen, die er für seinen mangelhaften Gesundheitszustand dringend benötigte und ist infolgedessen stark herabgekommen.
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Wie; man mit Sifüfftzm umspringt
Paris,Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Im französischen Außenministerium wollte gestern ein H a n dl Un gs »Lh il f e aus Straßburg Briand sogleich in einer dringenden und sehr wichtigen Staatsangelegenheit sprechen. Er wurde ... in eine Irrenanstalt überführt.
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Das sind die „Ritter der grande nation".
Ludwigshafen, 6. Mai. Nach den bereits berichteten Mißhandlungen des Rouziers-Opfers Mathes sperrte gestern in Germersheim ein Franzosentrupp einem Auto den Weg zum Bahnhof. Erst nach einiger Zeit gaben sie den Weg frei. Derselbe Trupp hielt das Auto bei der Rückkehr vom Bahnhof nachmals an, wobei der Autofahrer beschimpft wurde. In Landau wurde einjungesMädchen beim Vorübergehen an drei französischen Soldaten von einem der drei Franzosen unsittlich angefaßt und in peinlicher Weise belästigt. Ms
mehrere junge ßeule herbeikamen, liefen die drei französischen Soldaten lachend davon.
Immer neue farbige Revolten.
Tote in Indien und auf Borneo.
London, 6. Mai.
Infolge der Unruhen in Lahore (Hauptstadt des Pundschab) find nach den letzten Meldungen insgesamt vierzehn Personen getötet und über hundert verletzt worden. Die Unruhen find auf Zusammenstöße zwischen Mohammedanern und Hindus zurückzuführen.
Paris, 6. Mai. In Samarinda an der Ostküste von Borneo wurden bei Haussuchungen im Chinesenviertel Dokumente beschlagnahmt und mehrere Verhaftungen vorgenommen. Da die Bevölkerung Widerstand leistete, schoß die Polizei zehn Chinesen nieder und verwundete mehrere andere.
SS kommen wieder schwarze Tage
Die Industrie warnt die Börse.
München, 6. Mai.
Beim Silberjubiläum des Bayrischen Jndustriellenverbandes wurde u. a die Notwendigkeit des sozialen Ausgleichs anerkannt. Geheimrat Duisberg warnte vor der neuen Inflation an der Börse und prophezeite als deren Folge eine große Zahl von „schwarzen Tagen*. Er sagte u. a. wörtlich: „Seit 1926 geht es in unserer deutschen Wirtschaft wieder etwas auswärts; aber wir sind noch lange nicht aus der Höhe angelangt. Doch wir haben volles Vertrauen, wieder hochzukommen. Wir Industriellen sehen in der Börse kein zuverlässiges Barometer für den Stand unserer Wirtschaft. Der augenblickliche Optimismus der Börsenkreise ist uns Industriellen unbegreiflich. Er schadet der deutschen Gesamtwirtschaft mehl als er etwa dem einzelnen nützt.'
Bruder «Studio wirbt Eympothien.
London, 6. Mai. Zwanzig deutsche Studenten, die in englischen Städten Theaterstücke, Bolksgesänge und Tänze aufführen, darunter Shakespeares „Sommernachtstraum" wurden gestern durch die Behörden in Castleford (Yorkshire) begrüßt, wo sie einen vorjährigen Besuch englischer Studenten erwiderten.
Die 18 jährige Kronprinzessin.
Juliane kann jetzt Holland regieren.
Wie schon berichtet, tii Sie holländische Thronfolgerin Prinzessin JMan-a an ihrem 18. Geburtstag Kronprinzessin Ser Nieder- lande sewopSen, ein Tag, Ser mit historischem Pomp als Volksfest gefeiert wurde.
Den Haag, 6. Mai.
Mehrere Zehntausende von Menschen kamen aus ganz Holland zu diesem Zweck im Haag zusammen, und wenn man bedenkt, daß Hollands Residenzstadt selbst über vierhunderttau- scnd Einwohner in seinen Mauern beherbergt, daß ferner der gesamte Straßenbabnverkehr und im Zentrum auch dergesamteübrigeVer- k e h r mit Fahrzeugen flillgelegt werden mußte, kann man sich eine Vorstellung davon macken, welche Anteilnahme die verschiedenen Veranstaltungen bei der Bevölkerung fanden. Die Stadt selbst bot den Anblick eines Flaggenmeeres. Die verschiedenen festlichen Veranstaltungen des Sonnabends erreichten ihren Höhepunkt in einem auf dem „Hofvyver*, dem bekannten alten historischen See vor der alten Burgfeste der Grafen von Holland, veranstalteten W affe r f e st e, bei dem in künstlerisch ausgeführten Nachbildungen der holländischen Kriegsschiffe des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts sämtliche geschichtlich berühmten Admirale der früher so mächtigen holländischen Seemacht an den Zuschauern vorbeifuhren. Nur selten bot sich eine so gute Gelegenheit wie hier, vor allem im großen Konferenzsaal des Ministeriums alle bekannten Parlamentarier. Politiker, Gene-
rale, Gelehtte und andere bedeutende Persönlichkeiten der Niederlande mit der königlichen Familie, dem gesamten diplomatischen Korps und den Mitgliedern des Haager Schiedsqe- richtshofes beisammengedrängt zu sehen. Die gesamten Feierlichkeiten zu Ehren der im Volke wegen ihrer Bescheidenheit und ihres ungezwungenen natürlichen Charakters sehr be> liebtenThronsolgerin.dic tags darauf mit der feierlichen Einführung der Prinzessin in den Staatsrat ihren Abschluß erhielten, haben die Stellung des Hauses Oranten im Volksbewußtsein noch außerordentlich gefestigt.
Sntriffene Tlefseegkheimnisse
Ein Ruhmesblatt des Kreuzers „Emden". Berlin, 6. Mai.
Auf dem Wege von Maeafsar (Celebes) nach Nagasaki hat Kreuzer „Emden" eine Tiefe von 10 430 Metern gelotet. Er hat damit die g r ö tz t e bisher bekannte Meerestiefe entdeckt (bisher 9733 Meter).
Die Südostküste Japans und der Philippinen-Inseln stellen den Rand einer ungeheuren Bruchspalte dar, an der in der Vorzeit die Erdoberfläche gerissen ist, um dann zum Teil in die unendlichen Tiefen abzustürzen, die sich jetzt als die sogenannten „Gräben* oder „Tiesenrinnen* der Bodenlandschaft des Stillen Ozeans darstellen. Die epochemachende Leistung der „Emden" ist vor allem der genialen Erfindung des Echolotes zu verdanken, das unser Wissen von der Geschwindigkeit und Reflexion des Schalles praktisch in Anwendung bringt.
Schulz fegelt immer höher.
Königsberg, 6. Mai. «Eigenbericht.) Ferdinand Schulz erreichte gestern in Rossitten in dreistündigem Fluge eine Höhe von 495 Metern. Damit ist er bis auf 50 Meter an den internationalen ftanzösischen Höhenrekord herangekommen.
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Der Ozean wieder überflogen.
Rio de Janeiro, 6. Mai. Der Flieger Saint R o m an ist in Pernambuco (Brasilien) angekommen und hat somit seinen Transozeanslug von Senegal aus vollendet.
zutetzen. Europa mutzte die diktterte« Preise jür das Getreide glatt annehmen.
Aus Politik und WittschaN.
Hochverräterische „Rote HUfe". Drei bei der „roten Hilfe* tätige Kommunisten wurden zu Gefängnisstrafen von ein bis drei Jahren verurteilt. In der Begründung heißt es, daß sich die „Rote Hilfe* an der Flüchttingsfürsorgc beteiligt habe. Die Flüchtlingsfürsorge diene aber in der Hauptsache dem Zweck, die hochverräterischen Pläne der K.P.D. durchzuführen und den bewaffneten Aufstand zu türken. Sie wolle Hochverräter der Strafe entziehen und habe deshalb für ihre Unterkunft in Berlin und für falsche Papiere gesorgt.
Präsidentenwahl am 27. Mai. Die Wahl dcS tschechifchen Staatspräsidenten erfolgt am 27. Masi 11 Ubr vormittags durch beide Kam- mern. M a s a r y k s Wiederwahlck scheint sicher.
Blutige Sühne für den Eisenbahnraub. Bei der Verfolgung der mexikanischen Eisenbahnräuber wurden neuerdings sechsundachtzig Rebellen getötet, die am Ueberfall auf den Eiftn- bahnzug in der Provinz I a l i s c o beteiligt gewesen sind.
Nicht länger Stiefkind: Eine ostpreußische Deputation beschied gestern Ministerpräsident Braun dahin, daß er den Reichskanzler bereits gebeten habe, eventuell neue Reichsmittel für Ostpreußen und die übrigen Ost- Provinzen zur Verfügung zu stellen. Dann sprach die Deputation beim Reichskanzler vor. Auch der Ostausschuß hörte die Deputation an.
Verschwörer auch im Orient. In Smyrna wurde eine Geheimgesellschaft aufgedeckt, die mit den 150 bekannten, als Landesverräter erklärten und meist in Aegypten sich aufbaltenden Personen in Verbindung steht.
Jetzt wertet Luxemburg auf. Der Entwurf einer neuen luxemburgischen Frankenwährung ist dem Staatsrat zugegangen.
Moskau schließt die Kirchen. In der Ukraine wurden mehrere altgläubige, orthodoxe und römische Kirchen sowie mehrere Synagogen ge- schlossen. Die Schließung geschah auf den Antrag verschiedener Arbeiter- und Bauernorga- nifatoren, und da die Kirchen fast gar nichi von den arbeitenden Massen besucht werden.
Neues aus Kaffe!
Baut Amerika in Berlin?
Der Wohlfahrtsminister zögert noch.
Berlin, 6. Mai.
Der Wohlfahrtsminister steht dem Projekt eines amerikanischen Konsortiums, in den beiden nächsten Jahren in Berlin vierzehntausend Wohnungen zu bauen, ablehnend gegenüber und will es auch dann nicht unterstützen, wenn die Amerikaner, was tatsächlich der Fall ist. ohne Hauszinssteuer-Hypothek bauen wollen. Die ablehnende Haltung des Ministers wird damit begründet, daß durch Baupläne, die über das städtische Wohnungsbau-Programm hinausgehen, der Baumarkt zu sehr belastet würde. Hiervon befürchtet der Minister eine Steigerung der Baustoffpreise, die auf das Bekanntwerden des amerikanischen Projektes hin ohnehin schon gestiegen wären. Die Amerikaner wollen nur noch bis zum 10. Mai warten. Die Linkspresse ist über den Widerstand des Ministers äußerst ungehalten.
Amerika verteuert da« Brot.
Berlin, 6. Mai. Zu den beunruhigenden Getreidepreissteigerungen verlautet, daß diese begründet sie durch steigende Forderungnen der Ueberseegebiete auf dem Weizen- mark. Der Roggen ist nur langsam und zögernd gefolgt. Die gewaltigen Ueberschwem- mungen in Amerika und ungünstigen Erntemeldungen gäbe der dortigen Spekulation willkommenen Anlaß, die Preise möglichst in die Höhe zu treiben, um die noch vorhandenen Rest- beständ^ni^inen^nöglichf^roßer^rutzen^ib^
Großtagung Im 3uIL
Der ReichSjugendtag des G. d. A. in Kassel.
Wie wir bereits früher mitgeteilt haben, findet am 16. bis 18. Juli in Kassel der Rerchs- jugendtag des Gewerkschaftsbundes der Angestellten (G. d. A.) statt. Der Gewerkschaftsbund der Angestellten mit seinen über 300 000 Mitgliedern hat sich zu einem wichtigen Faktor tm Wirtschafts- und sozialpolitischen Leben entwickelt. Sein Jugendbund umfaßt eine in viele 10000 gehende Anzahl von Mädel und Jungen. Durch streng parteipolitische Nemra- lität hat er es vermocht, eine einige eng rusam- mengeschmiedele deutsch« Schar mit starkem Verbundenheitsgefühl zu schaffen. Alle zwei Jahre wird der Reichssugcndtag als die größte Zusammenfassung aller Jugendlichen abgehalten. Die Wahl ist diesmal aus Kassel gefallen und wir werden Tausende von den Mitgliedern des Jugendbundes in Kassel zu Gast haben. weitgehender Weise unterstützen sänttliche Behörden die Vorbereitungen, die sich namentlich hinsichtlich der Unterbringung und Verpflegung von so großen Massen nicht immer leicht vollziehen. Der ReichSjugendtag steht unter dem Zeichen
„Unser Berufsstand — Unsere Jugend Unser Deutschtum"
Am Sonnabend, den 16. Juli werden sportliche Wettkämpfe der Gaue auf der Hessenkampfbahn stattfinden. Nachmittags wird ein Ster n m a r s ch durch Kassel zum F r i e -
Sin Vuppenspiel „Malborough zieht in den Krieg."
Von
Ernst Krenek.
Zu Ser Aufführung von „Makbourough zieht in »en Krieg", die am 11. Mai als Puvvmrimel im Rahmen Ser Kasseler „Gesellschaft Ser Kunstfreunde" stattnndet, schreibt uns Ernst Krenek, Ser Sie Musik zu Sem Spiel komponierte:
Das alte französische Volkslied „Malborough s’en va»t» en guerre*, in Frankreich bis heute noch populär, hat den Dichter Marcel Achard, einen der bedeutendsten Dramatiker des heutigen Frankreichs zu seinem seltsamen tragisch- ironischen Stück angeregt. Das Merkwürdige und typisch Gallo-Romanische an diesem Werk ist die nur im französischen Volks- und Schrifttum mögliche organische Gewachsenheit einer höchst artistischen, von Esprit bis in die Fingerspitzen geladenen sattrischen Burleske aus dem Boden des ganz naiven, von zarter, weher Lyrik erfüllten Volksliedes. Und dieses Wachsen, dieses Sich-gegenseitig-durchdringen der beiden Sphären, geschieht im Drama vor unseren Augen, was den ganz besonderen Reiz dieses einzigartigen Stücks ausmacht.
Der Dichter führt uns in ein, wie er selbst sagt, „etwas unwahrscheinliches* 18. Jahrhundert, in eine halb mythische, baroke Heroenzeit, und läßt aus ihr heraus das Volkslied entstehen, in dem er ine unausgesprochenen und verschwiegenen Andeutungen der naiven Reime mit dichterischer Freiheit dramatisch auswirkt. Malborough, der typische Nachkomme des alten „miles gloriosus*, ein militärischer Phrasendrescher, Ehrgeizling und Schürzenjäger, wünscht den Oberbefehl über die nach Frankreich abgehende Armee der Königin zu erhalten, aber er hat kein Geld sie auszurüsten. Er versucht die nötige Summe durch seine Gatttn Sarah von seinem reichen Schwiegervater zu erpressen, indem er ihr in scheinbarer Eifersucht Vorwürfe wegen ihrer angeblichen Beziehungen zu ihrem jungen Pagen Howard macht. Sie läßt sich herbeft das Geld zu beschaffen, während mutziert. Prächtig aekleidet kehrt er zurück. Es Sir Machorough mit der Zofe Bettina schar-
handelt sich nun darum, bei der Königin, die, von etwas fragwürdiger Zuneigung zu Lady Malborough erfüllt, ihren Besuch augesagt hat, die Ernennung zum Oberbefehlshaber zu erreichen. Er erhält ihn unter der Bedingung, den Pagen Howard, aus den die Königin wegen seiner Schwärmerei für Sarah eifersüchtig ist, ins Jenseits zu befördern, und marschiert mit diesem und seinen vier Offizieren, groteft-pa- rodtstischen Typen, nach Frankreich ab. Nachdem Malborough in seinem Feldherruzelt verzweifelte Schlachtpläne machend, vergeblich versucht hat, aus einem französischen Gefangenen etwas herauszubekommen, wird ihm eine durch- triehene französische Bäuerin vorgeführt. Auch diese gibt ihm keine Auskünfte über die feindlichen Stellungen, sondern im Gegenteil, sie benutzt seine erotische Reizbarkeit, um ihn falsch zu informieren. Nach langer Ueberlegung, welchen Posten er als den ungefährlichsten ein« nehmen soll, wählt er unter ihrem Einfluß gerade den bedrohtesten und läuft in sein Verderben. Zu Tode verwundet, kehrt er zurück. Dem unglücklichen Pagen sagt einer der Offiziere, daß fein Herr auf ber Flucht von einer Kugel in den Rücken, auf die schimpflichste Weise gefallen sei.
Das letzte Bild bringt uns nach Ugland zurück. Sarah und Betttna auf der Warte des Schlosses. Die Offiziere und der Paste lehren ans dem verlorenen Feldzug zurück. Ans Scham und vielleicht in der Hoffnung, auf Sarah guten Eindruck zu machen, erfindet der voetische Page eine Legende vom Heldentod Malboroughs, und in der allgemeinen Begeisterung beginnt sich das Volkslied fragmentarisch zu bilden. Aber der Erfolg ist der ent- aegengesetzte. Die rätselhafte Sarah, die mit Howard wohl überhaupt nur gespielt hatte, fühlt nun gerade in dieser Legende das unüberwindliche Hindernis, zu dem jungen Mann, der sie improvisiett hat, zu finden. Sie folgt dem Ruf der Königin an den Hof. Der verzweifelte Howard versucht vor Zorn und Enttäuschung seine eigene Fabel zu zerstören und die Wahrheit über den Tod Malboroughs zu verkünden. Aber siehe da! Berauscht von der schon gestaltgewordenen Traditton erklären
die Offiziere: „Er war wie wir! Er war ein Held!* und Bettina: „Ihr mögt versuchen, seinen Namen zu besudeln — glücklicherweise gehört er der Geschichte.*
Es gibt kaum ein neuere« französisches Theaterstück, welches auf einem so hohen künstlerischen Niveau die dieser Raffe eigene Synthese von einfacher Menschlichkeit, naiver Spielfreude und dialektischer Jntellektualität in so anmutiger Form präsentiett. Das Spielerische der aanzen Diktion des Werkes rechtfertigt die Aufführung als Marionettenspiel: Das Künstliche der Figuren kommt in den halbmechani- schen Bewegungen der Puppen, ihre lyrische und ironische Menschlickkeit in den menschlichen Sprechstimmen zur Anschauung.
Lin Drama vom Sournaliften.
„Thomas Paine" von Hans Iahst.
HannS Johsts dichterische« Schaffen greift immer tief hinein in die Problematik ber beut« fd>en Gegenwart, auch wenn er scheinbar historische Gegenstände gestaltet, wie in den „Propheten* oder in seinem neuesten Schauspiel „Thomas Paine*.
Menschenrechte — Demokratie — Unabhängigkeit — Freiheit — Vaterland, das sind große leitende Ideen der politischen Entwicklung im Freiheitskampf der amerikanischen Union und in der französischen Revolution, um die e« in diesem Drama geht, aber auch die Umschichtung mtb Umformung, die sich im neuen Deutschland vollzieht. Mag auch der historische Paine, der Verfasser der überaus erfolgreichen Schrift über common sense, den gesunden Menschenverstand, in Wirklichkeit nicht so entscheidende Rolle gespielt haben, hier ist er gläubiger Vorkämpfer und ttagisches Opfer dieser Ideen. Er reißt mit der Ueberzetmunyskrast seiner sachlichen Argumente und mit dem Feuergeist seiner reichen Prsönlichkeit in Pennsylvania die Generäle Greene und Washington mit den Bürgervertretern zu entscheidender Tat zusammen. Er bringt den amerikanischen Truppen den endlichen Sieg durch den Washington erteilten Rat, den weiten Westen zu öffnen und die englische Kolonialarmee durch AuSeinanderziehen ent«
scheidend zu schwächen. Bei den Friedensverhandlungen verhindert er die wirtschaftlühe Fesselung, indem er ein französisches Anleiheangebot vortäuscht. Tatsächlich gelingt es ihm, in Frankreich große Geldsummen aufzubringen, aber erwirb eingekerkert, als er um der Idee der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit willen in Paris eintritt für den Freispruch des entthronten Königs. Im Kerker hat er den Triumph, daß der Kbnig sich achtungsvoll vor seinen Ideen neigt. Rach siebzehnjähriger Hast begnadigt, kehrt Paine nach Amerika heim; niemand kennt mehr seinen Namen, aber seine Ideen leben. Er springt ins Wasser, aber an seiner Leiche ertönt der Vaterlandsgesang, mit dem er einst die Soldaten begeistert hat.
Bescheidener Wunsch.
Gespräch mit einem Dichter.
Ich saß dem befreundeten Dichter gegenüber, den wir hier einmal irgendwie, Eisenbach zum Beispiel nennen wollen. Wir hatten beide so etwas wie eine Verträumte Stunde und polkten ausnahmsweise einmal nicht den neuesten Litc- raturttatsch auseinander.
„Wie denken Sie sich die Zukunft?* fragte ich Eisenbach. „Ach*, sagte er, „Lustschlösser habe ich mir noch niemals gebaut.*
„Aber wenn Sie sich nun doch mal entschlössen, welche zu bauen . . . Sie werden einmal reich werden wollen . . .?*
„Reich?* sagte Eisenback. „Ans Reichwerden habe ich noch niemals gedacht.*
„Dann werden Sie berühmt werden wollen?' „Berühmt schon eher.*
„Wie berühmt? Berühmt wie Dante, Mo- lisre. Goethe?*
Eisenbach sah mich mild lächelnd an und seine Stimme wies einen weichen Schmelz auf: -Ich möchte einmal irgendwo herumkittschieren können in Deuffchanld--bei allen größeren
Zeitungsredaktionen müßte ich bekannt sein ... Und wenn ick dem Redakteur sage: Ich brauch' eine Kleinigkeit Vorschuß, Herr Redakteur, rwanttg Mark, dreißia Mark--bann müßte
ich. überall in Deutschland, anstandslos einen Zettel für Kasse bekommen . . .* H. Bauer.