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SonttcBeitb, 7, Mai 1927.

Staffelet vleueste Rachrichte«

17. Jahrgang. Ar. !<*

ist. Bon allen Parteien wird neben der sozu­sagen gesetzmäßigen

Modernisierung der Strafrechtspflege vor allem auch die äußere Modernisierung und zwar sowohl bezüglich einesmoderneren Tones* gegenüber dem Recht suchenden Pu­blikum sowie auch bezüglich der modernen büromäßigen Einrichtung und Technisierung be­fürwortet. Dabei gehen starke Bestrebungen dahin, die Stellung des Richters zu einer achtunggebietenderen als bisher zu gestalten, entsprechend der Tatsache, daß jeder Richter mehr Macht hat als z. B. der Landtag, der ja bekanntlich keine Staatsbürger ins Gefängnis schicken kann.

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Noch immer Vertrauenskrise.

Der Justizminister will Abhilfe schaffen.

Ter neue preußische Justizminister Dr. Schmidt bedauerte, daß die sogen. Ver­trauenskrise, leider noch in beachtlichem Umfange fortbestehe. Es müffe mit Unter­stützung der Presse und der Anwaltschaft gelin­gen, diese Krise endgültig zu beenden. Der Mi­nister bezeugte seinfast unbegrenztes* Ver­trauen zu der übergroßen Mehrheit der Beruss- richterschast, betonte aber zugleich, daß er gegen unwürdige oder unfähige Beamte scharf vor­gehen werde. Die überlastete Justiz habe z. B. von den 2,8 Millionen Aufwertungs­sachen bereits 89,43 Prozent erledigt. Weiter kündigte er die Oefefntlichkeit in richterlichen Disziplinarverfahren und die Justizverwal­tungsreform an. Eine eigentliche Opposi­tion fand Minister Schmidt in der gestrigen Debatte nicht. Er soll sich nur, wie die Völki­schen verlangen, bei Wulle entschuldi­gen, nachdem das Verfahren wegen der Grütte- Lehdcr-Beschuldigungen eingestellt ist.

Anschuldige Büßer.

Was in Südtirol heute noch möglich ist.

Wien, 6. Mai.

Wie aus Bozen gemeldet wird, ist der wegen Erteilung von deutschem Privatunterricht zu Verbannung verurteilte Traminer Lehrer Riedel begnadigt und sreigelaflen wor­den. Auch der seit Ostern in Haft gesetzte Duis­burger Studienrat Dr. Heußler wurde auf Berliner Jnterventtonen hin enthaftet. Heußler wurde aus einer Wirtschaft heraus g r u nd l o s abgeführt und blieb nach feiner Einlieferung dreiundvierzig Stunden lang ohne Nahrung. Dann durfte er auf eigene Kosten Mahlzeiten zu sich nehmen und täglich von fei­nem Gelbe 10 Lire verbrauchen. In seiner Ge­sellschaft befanden sich üble Derbrecher. Er durfte auch nicht auf eigene Kosten Medi­kamente beziehen, die er für seinen mangel­haften Gesundheitszustand dringend benötigte und ist infolgedessen stark herabgekommen.

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Wie; man mit Sifüfftzm umspringt

Paris,Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Im französischen Außenministerium wollte ge­stern ein H a n dl Un gs »Lh il f e aus Straß­burg Briand sogleich in einer dringen­den und sehr wichtigen Staatsangelegenheit sprechen. Er wurde ... in eine Irrenan­stalt überführt.

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Das sind dieRitter der grande nation".

Ludwigshafen, 6. Mai. Nach den bereits be­richteten Mißhandlungen des Rouziers-Opfers Mathes sperrte gestern in Germersheim ein Franzosentrupp einem Auto den Weg zum Bahnhof. Erst nach einiger Zeit gaben sie den Weg frei. Derselbe Trupp hielt das Auto bei der Rückkehr vom Bahnhof nachmals an, wobei der Autofahrer beschimpft wurde. In Lan­dau wurde einjungesMädchen beim Vor­übergehen an drei französischen Soldaten von einem der drei Franzosen unsittlich angefaßt und in peinlicher Weise belästigt. Ms

mehrere junge ßeule herbeikamen, liefen die drei französischen Soldaten lachend davon.

Immer neue farbige Revolten.

Tote in Indien und auf Borneo.

London, 6. Mai.

Infolge der Unruhen in Lahore (Haupt­stadt des Pundschab) find nach den letzten Mel­dungen insgesamt vierzehn Personen getötet und über hundert verletzt worden. Die Unruhen find auf Zusammenstöße zwischen Mohammedanern und Hindus zurückzuführen.

Paris, 6. Mai. In Samarinda an der Ost­küste von Borneo wurden bei Haussuchungen im Chinesenviertel Dokumente beschlag­nahmt und mehrere Verhaftungen vorgenom­men. Da die Bevölkerung Widerstand leistete, schoß die Polizei zehn Chinesen nieder und verwundete mehrere andere.

SS kommen wieder schwarze Tage

Die Industrie warnt die Börse.

München, 6. Mai.

Beim Silberjubiläum des Bayrischen Jndustriellenverbandes wurde u. a die Notwendigkeit des sozialen Aus­gleichs anerkannt. Geheimrat Duisberg warnte vor der neuen Inflation an der Börse und prophezeite als deren Folge eine große Zahl vonschwarzen Tagen*. Er sagte u. a. wörtlich:Seit 1926 geht es in unserer deut­schen Wirtschaft wieder etwas auswärts; aber wir sind noch lange nicht aus der Höhe ange­langt. Doch wir haben volles Vertrauen, wie­der hochzukommen. Wir Industriellen sehen in der Börse kein zuverlässiges Baro­meter für den Stand unserer Wirtschaft. Der augenblickliche Optimismus der Börsen­kreise ist uns Industriellen unbegreiflich. Er schadet der deutschen Gesamtwirtschaft mehl als er etwa dem einzelnen nützt.'

Bruder «Studio wirbt Eympothien.

London, 6. Mai. Zwanzig deutsche Studen­ten, die in englischen Städten Theaterstücke, Bolksgesänge und Tänze aufführen, darunter ShakespearesSommernachtstraum" wur­den gestern durch die Behörden in Castleford (Yorkshire) begrüßt, wo sie einen vorjährigen Besuch englischer Studenten erwiderten.

Die 18 jährige Kronprinzessin.

Juliane kann jetzt Holland regieren.

Wie schon berichtet, tii Sie holländische Thronfol­gerin Prinzessin JMan-a an ihrem 18. Ge­burtstag Kronprinzessin Ser Nieder- lande sewopSen, ein Tag, Ser mit historischem Pomp als Volksfest gefeiert wurde.

Den Haag, 6. Mai.

Mehrere Zehntausende von Menschen kamen aus ganz Holland zu diesem Zweck im Haag zusammen, und wenn man bedenkt, daß Hol­lands Residenzstadt selbst über vierhunderttau- scnd Einwohner in seinen Mauern beherbergt, daß ferner der gesamte Straßenbabnverkehr und im Zentrum auch dergesamteübrigeVer- k e h r mit Fahrzeugen flillgelegt werden mußte, kann man sich eine Vorstellung davon macken, welche Anteilnahme die verschiedenen Veranstal­tungen bei der Bevölkerung fanden. Die Stadt selbst bot den Anblick eines Flaggenmee­res. Die verschiedenen festlichen Veranstaltun­gen des Sonnabends erreichten ihren Höhepunkt in einem auf demHofvyver*, dem bekannten alten historischen See vor der alten Burgfeste der Grafen von Holland, veranstalteten W af­fe r f e st e, bei dem in künstlerisch ausgeführten Nachbildungen der holländischen Kriegsschiffe des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts sämtliche geschichtlich berühmten Admirale der früher so mächtigen holländischen Seemacht an den Zuschauern vorbeifuhren. Nur selten bot sich eine so gute Gelegenheit wie hier, vor al­lem im großen Konferenzsaal des Ministeriums alle bekannten Parlamentarier. Politiker, Gene-

rale, Gelehtte und andere bedeutende Persön­lichkeiten der Niederlande mit der königlichen Familie, dem gesamten diplomatischen Korps und den Mitgliedern des Haager Schiedsqe- richtshofes beisammengedrängt zu sehen. Die gesamten Feierlichkeiten zu Ehren der im Volke wegen ihrer Bescheidenheit und ihres unge­zwungenen natürlichen Charakters sehr be> liebtenThronsolgerin.dic tags darauf mit der feierlichen Einführung der Prinzessin in den Staatsrat ihren Abschluß erhielten, haben die Stellung des Hauses Oranten im Volks­bewußtsein noch außerordentlich gefestigt.

Sntriffene Tlefseegkheimnisse

Ein Ruhmesblatt des KreuzersEmden". Berlin, 6. Mai.

Auf dem Wege von Maeafsar (Celebes) nach Nagasaki hat KreuzerEmden" eine Tiefe von 10 430 Metern gelotet. Er hat damit die g r ö tz t e bisher bekannte Meerestiefe ent­deckt (bisher 9733 Meter).

Die Südostküste Japans und der Philippi­nen-Inseln stellen den Rand einer ungeheuren Bruchspalte dar, an der in der Vorzeit die Erd­oberfläche gerissen ist, um dann zum Teil in die unendlichen Tiefen abzustürzen, die sich jetzt als die sogenanntenGräben* oderTiesenrinnen* der Bodenlandschaft des Stillen Ozeans dar­stellen. Die epochemachende Leistung derEm­den" ist vor allem der genialen Erfindung des Echolotes zu verdanken, das unser Wissen von der Geschwindigkeit und Reflexion des Schalles praktisch in Anwendung bringt.

Schulz fegelt immer höher.

Königsberg, 6. Mai. «Eigenbericht.) Ferdi­nand Schulz erreichte gestern in Rossitten in dreistündigem Fluge eine Höhe von 495 Metern. Damit ist er bis auf 50 Meter an den internati­onalen ftanzösischen Höhenrekord herange­kommen.

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Der Ozean wieder überflogen.

Rio de Janeiro, 6. Mai. Der Flieger Saint R o m an ist in Pernambuco (Brasilien) ange­kommen und hat somit seinen Transozeanslug von Senegal aus vollendet.

zutetzen. Europa mutzte die diktterte« Preise jür das Getreide glatt annehmen.

Aus Politik und WittschaN.

HochverräterischeRote HUfe". Drei bei der roten Hilfe* tätige Kommunisten wurden zu Gefängnisstrafen von ein bis drei Jahren verurteilt. In der Begründung heißt es, daß sich dieRote Hilfe* an der Flüchttingsfürsorgc beteiligt habe. Die Flüchtlingsfürsorge diene aber in der Hauptsache dem Zweck, die hoch­verräterischen Pläne der K.P.D. durch­zuführen und den bewaffneten Aufstand zu türken. Sie wolle Hochverräter der Strafe ent­ziehen und habe deshalb für ihre Unterkunft in Berlin und für falsche Papiere gesorgt.

Präsidentenwahl am 27. Mai. Die Wahl dcS tschechifchen Staatspräsidenten erfolgt am 27. Masi 11 Ubr vormittags durch beide Kam- mern. M a s a r y k s Wiederwahlck scheint sicher.

Blutige Sühne für den Eisenbahnraub. Bei der Verfolgung der mexikanischen Eisenbahn­räuber wurden neuerdings sechsundachtzig Re­bellen getötet, die am Ueberfall auf den Eiftn- bahnzug in der Provinz I a l i s c o beteiligt gewesen sind.

Nicht länger Stiefkind: Eine ostpreußische Deputation beschied gestern Ministerpräsident Braun dahin, daß er den Reichskanzler be­reits gebeten habe, eventuell neue Reichs­mittel für Ostpreußen und die übrigen Ost- Provinzen zur Verfügung zu stellen. Dann sprach die Deputation beim Reichskanzler vor. Auch der Ostausschuß hörte die Deputation an.

Verschwörer auch im Orient. In Smyrna wurde eine Geheimgesellschaft aufge­deckt, die mit den 150 bekannten, als Lan­desverräter erklärten und meist in Aegypten sich aufbaltenden Personen in Verbindung steht.

Jetzt wertet Luxemburg auf. Der Entwurf einer neuen luxemburgischen Frankenwährung ist dem Staatsrat zugegangen.

Moskau schließt die Kirchen. In der Ukraine wurden mehrere altgläubige, orthodoxe und rö­mische Kirchen sowie mehrere Synagogen ge- schlossen. Die Schließung geschah auf den Antrag verschiedener Arbeiter- und Bauernorga- nifatoren, und da die Kirchen fast gar nichi von den arbeitenden Massen besucht werden.

Neues aus Kaffe!

Baut Amerika in Berlin?

Der Wohlfahrtsminister zögert noch.

Berlin, 6. Mai.

Der Wohlfahrtsminister steht dem Projekt eines amerikanischen Konsortiums, in den bei­den nächsten Jahren in Berlin vierzehntausend Wohnungen zu bauen, ablehnend gegenüber und will es auch dann nicht unterstützen, wenn die Amerikaner, was tatsächlich der Fall ist. ohne Hauszinssteuer-Hypothek bauen wollen. Die ablehnende Haltung des Ministers wird damit begründet, daß durch Baupläne, die über das städtische Wohnungsbau-Programm hin­ausgehen, der Baumarkt zu sehr be­lastet würde. Hiervon befürchtet der Minister eine Steigerung der Baustoffpreise, die auf das Bekanntwerden des amerikanischen Projektes hin ohnehin schon gestiegen wären. Die Amerikaner wollen nur noch bis zum 10. Mai warten. Die Linkspresse ist über den Widerstand des Ministers äußerst ungehalten.

Amerika verteuert da« Brot.

Berlin, 6. Mai. Zu den beunruhigenden Getreidepreissteigerungen verlautet, daß diese begründet sie durch steigende Forderungnen der Ueberseegebiete auf dem Weizen- mark. Der Roggen ist nur langsam und zö­gernd gefolgt. Die gewaltigen Ueberschwem- mungen in Amerika und ungünstigen Ernte­meldungen gäbe der dortigen Spekulation willkommenen Anlaß, die Preise möglichst in die Höhe zu treiben, um die noch vorhandenen Rest- beständ^ni^inen^nöglichf^roßer^rutzen^ib^

Großtagung Im 3uIL

Der ReichSjugendtag des G. d. A. in Kassel.

Wie wir bereits früher mitgeteilt haben, findet am 16. bis 18. Juli in Kassel der Rerchs- jugendtag des Gewerkschaftsbundes der Ange­stellten (G. d. A.) statt. Der Gewerkschaftsbund der Angestellten mit seinen über 300 000 Mit­gliedern hat sich zu einem wichtigen Faktor tm Wirtschafts- und sozialpolitischen Leben ent­wickelt. Sein Jugendbund umfaßt eine in viele 10000 gehende Anzahl von Mädel und Jungen. Durch streng parteipolitische Nemra- lität hat er es vermocht, eine einige eng rusam- mengeschmiedele deutsch« Schar mit starkem Verbundenheitsgefühl zu schaffen. Alle zwei Jahre wird der Reichssugcndtag als die größte Zusammenfassung aller Jugendlichen abgehal­ten. Die Wahl ist diesmal aus Kassel gefallen und wir werden Tausende von den Mitgliedern des Jugendbundes in Kassel zu Gast haben. weitgehender Weise unterstützen sänttliche Be­hörden die Vorbereitungen, die sich namentlich hinsichtlich der Unterbringung und Verpflegung von so großen Massen nicht immer leicht voll­ziehen. Der ReichSjugendtag steht unter dem Zeichen

Unser Berufsstand Unsere Jugend Unser Deutschtum"

Am Sonnabend, den 16. Juli werden sport­liche Wettkämpfe der Gaue auf der Hessen­kampfbahn stattfinden. Nachmittags wird ein Ster n m a r s ch durch Kassel zum F r i e -

Sin Vuppenspiel Malborough zieht in den Krieg."

Von

Ernst Krenek.

Zu Ser Aufführung vonMakbourough zieht in »en Krieg", die am 11. Mai als Puvvmrimel im Rahmen Ser KasselerGesellschaft Ser Kunst­freunde" stattnndet, schreibt uns Ernst Krenek, Ser Sie Musik zu Sem Spiel komponierte:

Das alte französische VolksliedMalborough sen va»t» en guerre*, in Frankreich bis heute noch populär, hat den Dichter Marcel Achard, einen der bedeutendsten Dramatiker des heuti­gen Frankreichs zu seinem seltsamen tragisch- ironischen Stück angeregt. Das Merkwürdige und typisch Gallo-Romanische an diesem Werk ist die nur im französischen Volks- und Schrift­tum mögliche organische Gewachsenheit einer höchst artistischen, von Esprit bis in die Finger­spitzen geladenen sattrischen Burleske aus dem Boden des ganz naiven, von zarter, weher Ly­rik erfüllten Volksliedes. Und dieses Wachsen, dieses Sich-gegenseitig-durchdringen der beiden Sphären, geschieht im Drama vor unseren Augen, was den ganz besonderen Reiz dieses einzigartigen Stücks ausmacht.

Der Dichter führt uns in ein, wie er selbst sagt,etwas unwahrscheinliches* 18. Jahrhun­dert, in eine halb mythische, baroke Heroenzeit, und läßt aus ihr heraus das Volkslied ent­stehen, in dem er ine unausgesprochenen und verschwiegenen Andeutungen der naiven Reime mit dichterischer Freiheit dramatisch auswirkt. Malborough, der typische Nachkomme des alten miles gloriosus*, ein militärischer Phrasen­drescher, Ehrgeizling und Schürzenjäger, wünscht den Oberbefehl über die nach Frankreich ab­gehende Armee der Königin zu erhalten, aber er hat kein Geld sie auszurüsten. Er versucht die nötige Summe durch seine Gatttn Sarah von seinem reichen Schwiegervater zu erpressen, indem er ihr in scheinbarer Eifersucht Vor­würfe wegen ihrer angeblichen Beziehungen zu ihrem jungen Pagen Howard macht. Sie läßt sich herbeft das Geld zu beschaffen, während mutziert. Prächtig aekleidet kehrt er zurück. Es Sir Machorough mit der Zofe Bettina schar-

handelt sich nun darum, bei der Königin, die, von etwas fragwürdiger Zuneigung zu Lady Malborough erfüllt, ihren Besuch augesagt hat, die Ernennung zum Oberbefehlshaber zu errei­chen. Er erhält ihn unter der Bedingung, den Pagen Howard, aus den die Königin wegen seiner Schwärmerei für Sarah eifersüchtig ist, ins Jenseits zu befördern, und marschiert mit diesem und seinen vier Offizieren, groteft-pa- rodtstischen Typen, nach Frankreich ab. Nach­dem Malborough in seinem Feldherruzelt ver­zweifelte Schlachtpläne machend, vergeblich ver­sucht hat, aus einem französischen Gefangenen etwas herauszubekommen, wird ihm eine durch- triehene französische Bäuerin vorgeführt. Auch diese gibt ihm keine Auskünfte über die feind­lichen Stellungen, sondern im Gegenteil, sie be­nutzt seine erotische Reizbarkeit, um ihn falsch zu informieren. Nach langer Ueberlegung, welchen Posten er als den ungefährlichsten ein« nehmen soll, wählt er unter ihrem Einfluß gerade den bedrohtesten und läuft in sein Ver­derben. Zu Tode verwundet, kehrt er zurück. Dem unglücklichen Pagen sagt einer der Offi­ziere, daß fein Herr auf ber Flucht von einer Kugel in den Rücken, auf die schimpflichste Weise gefallen sei.

Das letzte Bild bringt uns nach Ugland zurück. Sarah und Betttna auf der Warte des Schlosses. Die Offiziere und der Paste lehren ans dem verlorenen Feldzug zurück. Ans Scham und vielleicht in der Hoffnung, auf Sarah guten Eindruck zu machen, erfindet der voetische Page eine Legende vom Heldentod Malboroughs, und in der allgemeinen Begei­sterung beginnt sich das Volkslied fragmenta­risch zu bilden. Aber der Erfolg ist der ent- aegengesetzte. Die rätselhafte Sarah, die mit Howard wohl überhaupt nur gespielt hatte, fühlt nun gerade in dieser Legende das un­überwindliche Hindernis, zu dem jungen Mann, der sie improvisiett hat, zu finden. Sie folgt dem Ruf der Königin an den Hof. Der verzweifelte Howard versucht vor Zorn und Enttäuschung seine eigene Fabel zu zerstören und die Wahrheit über den Tod Malboroughs zu verkünden. Aber siehe da! Berauscht von der schon gestaltgewordenen Traditton erklären

die Offiziere:Er war wie wir! Er war ein Held!* und Bettina:Ihr mögt versuchen, sei­nen Namen zu besudeln glücklicherweise ge­hört er der Geschichte.*

Es gibt kaum ein neuere« französisches Theaterstück, welches auf einem so hohen künst­lerischen Niveau die dieser Raffe eigene Syn­these von einfacher Menschlichkeit, naiver Spiel­freude und dialektischer Jntellektualität in so anmutiger Form präsentiett. Das Spielerische der aanzen Diktion des Werkes rechtfertigt die Aufführung als Marionettenspiel: Das Künst­liche der Figuren kommt in den halbmechani- schen Bewegungen der Puppen, ihre lyrische und ironische Menschlickkeit in den menschlichen Sprechstimmen zur Anschauung.

Lin Drama vom Sournaliften.

Thomas Paine" von Hans Iahst.

HannS Johsts dichterische« Schaffen greift immer tief hinein in die Problematik ber beut« fd>en Gegenwart, auch wenn er scheinbar histori­sche Gegenstände gestaltet, wie in denProphe­ten* oder in seinem neuesten SchauspielTho­mas Paine*.

Menschenrechte Demokratie Unabhän­gigkeit Freiheit Vaterland, das sind große leitende Ideen der politischen Entwicklung im Freiheitskampf der amerikanischen Union und in der französischen Revolution, um die e« in diesem Drama geht, aber auch die Umschichtung mtb Umformung, die sich im neuen Deutschland vollzieht. Mag auch der historische Paine, der Verfasser der überaus erfolgreichen Schrift über common sense, den gesunden Menschenverstand, in Wirklichkeit nicht so entscheidende Rolle ge­spielt haben, hier ist er gläubiger Vorkämpfer und ttagisches Opfer dieser Ideen. Er reißt mit der Ueberzetmunyskrast seiner sachlichen Argu­mente und mit dem Feuergeist seiner reichen Prsönlichkeit in Pennsylvania die Generäle Greene und Washington mit den Bürgerver­tretern zu entscheidender Tat zusammen. Er bringt den amerikanischen Truppen den end­lichen Sieg durch den Washington erteilten Rat, den weiten Westen zu öffnen und die englische Kolonialarmee durch AuSeinanderziehen ent«

scheidend zu schwächen. Bei den Friedensver­handlungen verhindert er die wirtschaftlühe Fesselung, indem er ein französisches Anleihe­angebot vortäuscht. Tatsächlich gelingt es ihm, in Frankreich große Geldsummen aufzubringen, aber erwirb eingekerkert, als er um der Idee der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit willen in Paris eintritt für den Freispruch des entthronten Königs. Im Kerker hat er den Triumph, daß der Kbnig sich achtungsvoll vor seinen Ideen neigt. Rach siebzehnjähriger Hast begnadigt, kehrt Paine nach Amerika heim; niemand kennt mehr seinen Namen, aber seine Ideen leben. Er springt ins Wasser, aber an seiner Leiche er­tönt der Vaterlandsgesang, mit dem er einst die Soldaten begeistert hat.

Bescheidener Wunsch.

Gespräch mit einem Dichter.

Ich saß dem befreundeten Dichter gegenüber, den wir hier einmal irgendwie, Eisenbach zum Beispiel nennen wollen. Wir hatten beide so etwas wie eine Verträumte Stunde und polkten ausnahmsweise einmal nicht den neuesten Litc- raturttatsch auseinander.

Wie denken Sie sich die Zukunft?* fragte ich Eisenbach.Ach*, sagte er,Lustschlösser habe ich mir noch niemals gebaut.*

Aber wenn Sie sich nun doch mal entschlös­sen, welche zu bauen . . . Sie werden einmal reich werden wollen . . .?*

Reich?* sagte Eisenback.Ans Reichwerden habe ich noch niemals gedacht.*

Dann werden Sie berühmt werden wollen?' Berühmt schon eher.*

Wie berühmt? Berühmt wie Dante, Mo- lisre. Goethe?*

Eisenbach sah mich mild lächelnd an und seine Stimme wies einen weichen Schmelz auf: -Ich möchte einmal irgendwo herumkittschieren können in Deuffchanld--bei allen größeren

Zeitungsredaktionen müßte ich bekannt sein ... Und wenn ick dem Redakteur sage: Ich brauch' eine Kleinigkeit Vorschuß, Herr Redakteur, rwanttg Mark, dreißia Mark--bann müßte

ich. überall in Deutschland, anstandslos einen Zettel für Kasse bekommen . . .* H. Bauer.