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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 105. Amtliches Organ der Stadl Kassel. Freitag, 6. Mai 1927. Amtliches Organ der Stadt Kassel. 17. Iahrqattg

Ein Komplott gegen die Rhein-RSvmvvg?

Wie man Europa glücklicher macht.

Deutschlands W«rtschastsführec weift in Gens die Wege.

Gentt die (Steuern!

Wir können uns keine Ersparniffe leisten.

Nach dem letzten Finanzausweis hat das Haushaltsjahr 1926/27 (ünfhundert Millionen Mark mehr eingebracht, als ursprünglich veran­lagt war. Es waren also dreihundert Millionen Mark mehr gegenüber dem Reichsetat des vori­gen Jahres, trotzdem der S t e u e r a b b a u auch fünfhundert Millionen Mark der Slaats- kaffe wegnahm. Der verflossene Reichssinanz- minister Dr. Reinhold hatte von vornherein die Notwendigkeit der Steuersenkung in den Vordergrund seines Programms gestellt und den Standpunkt vertreten, aaß der Etat hart an der Grenze des Defizits streifen müßte. Er hat mit seiner Politik, wie der heurige Ausweis der Reichshaushaltsverwaltung zeigt, auch recht gehabt. Es ist nicht zu unrecht gesagt wor­den, daß das Vorgehen des verflossenen Reichs- finanzministers ein g e f ä h r l ich e s war. Nie­mand konnte wissen, ob es wirklich möglich sein würde, mit den zuürckgeschraubten Steuerein- gangen den Etat durchzuhallen. Als es notz- dem gelang, da hat man von einem starken Bundesgenossen gesprochen, dem englischen Kohlenstreik. Es ist richtig. Dr. Reinhold hat Glück gehabt. Der Streik der englischen Bergarbeiter brachte dem Reiche eine ganze Menge Geld. Aber nichts destoweniger ist doch seine Rechnung die richtige gewesen, denn der Ueberschuß, den heute der Reichshaushalt hat, ist in erster Linie auf Reinholds vorsichtige Etatgebahrung zurückzuführen. Wenn es auch leicht ist, von rückwärts ans zu kritisieren, so fordert doch der Reichshausbaltsplan des Jah­res 1926'27 gewisse Anhaltspunkte heraus, daß mit der Steuregebahrimg durcheus nicht al­les in Ordnung ist.

Es ist gewissermaßen monströs, wenn ein Etat, der auf einer Steursenkung von einer hal­ben Milliarde Mark basiert, trotzdem noch mit einem Ueberschuß abschließt und es zeugt nicht für eine großzüaie, im Interesse der Wirtschaft dienliche Einstellung der Reichsfinanzverwal­tung, daß derartige EtatSdifferenzen Vorkommen können. Der Etat des Jahres 1926'27 muß der Ausgangspunkt der künftigen Steuerpolitik sein. Es kann unmöglich angehen, daß man fünf­hundert Millionen Mark Ueber­schuß in die Reichskasse legt, ohne daß man sich bemüht, auch weiterhin die Stuern ab« z»bauen. Wir müssen, wenn wir zu einer geordnetn, volkswirtschaftlichen Basis kommen wollen, unbedingt erreichen, daß unsere Steuer­politik andere Bahnen einschlägt, als sie eS bis­her getan bat. Dr. Reinhold hat einen Besuch gemacht. Er ist gelunaen. Wir warten aus den Finanzminister, der ihm folgt. Wir brau- chen die Steuersenkung. Es ist unmög­lich, daß ein Staat, dessen Wirtschaft derartig schwer zu kämpfen hat, wie es gegenwärtig bei uns der Fall ist, eine Steuerpolitik ertragen kann, die immer nur Berge von Lasten ausbür­det und alles ander tut als das Leben zu er­leichtern, auf die Dauer sich durchsetzen kann.

Es ist an sich sehr leicht möglich, die Steuern noch weiter zu senken, wenn man sich dazu ent­schließen könnte, einmal mit harter Hand in die Speichen des Steuerrades einzugreifen und ein­mal die Ausgaben zu vermindern versuchen würde, die das Reich tatsächlich hat. Es läßt sich noch sehr viel sparen und eS wird so wenia getan, um wirklich zu sparen. Steuern zu zah­len ift eine Angelegenheit, die jedermann als ein gewissermaßen unvermeidliches Nebel binnimmr Wer niemand will seine Groschen, sie sind sauer verdient, dafür auf den Altar des Vaterlandes legen, daß ein über die Maßen aufgeschwol­lener Verwaltungsapparat der Nutz­nießer ist. Die Steuern in Deutschland sind unverhältnismäßig hoch. Die Liauidation des Krieges kostet uns Geld. Wir müssen aber ge­rade, weil wir in der Schuldknechtschaft draußen sichen und weil unsere Wirtschaft es dringend nötig hat, mit dem Ausland zu konkurrieren, da­für Sorge tragen, daß die Steuerbasis eine denkbar geringe ist. Herr Dr Reinhold hat Ansätze dafür geschaffen. Ob aber auf dieser Basis weiter gebaut wird, ist heute noch nicht ersichtlich, so notwendig es auch dem deutschen Volke sein mag Ein Reichsfinanzminister hat im deutschen Staate sicher kein leichtes Amt. Wer man wird ihm dankbar sein um je­den Groschen, den man weniger für Steu­ern zu zahlen hat. Ein Reick-Ssinan,Minister im deutschen Staate ist an sich eine unpovuläre Persönlichkeit. Er kann aber vovulär werden wenn er weniger die Steuern als die Menschen die er besteuert, in den Bereich seines Wir­kens zieht. H. F.

Genf, 5. Mat.

Die russische Delegation erklärte nach ihrer Unterredung mit dem Generalsekretär des Völ­kerbundes, daß der Grund ihrer Unzufrieden heil wegen zu scharfer Ueberwachung behoben sei. Nau> diesem Ergebnis begnorn sich die rus­sischen Hauvtdelcgiertcn in den Reformations saal, wo ihr Erfclseincn sehr start beachtet wurde. Der holländische Delegierte Zimmer­mann, früher KontroLtommiffor für Oesterreich wies alsdann auf das amerikanische Beispiel des wirtschaftlichen und staatlichen Zusammen- schluffes und der Freizügigkeit hin und empfahl Europa, dieses Beispiel und feine Vorteile nicht aus den Augen zu verlieren. Die Steuer- lasten sind in Europa unverhältnismäßig viel größer als in Amerika und lasten natürlich als schweres Hemmnis auf der Entwicklung der Wirtschaft. Die Erweiterung der E x P o r.t - läge stelle die wichtigsten GeächtS'iunkte dar, unter denen Europa zu arbeiten habe.

* * *

Fort mit der Teuerung!

Wir alle leiden unter dem WirtschaftLzwang.

Genf, 5. Mai.

Der Präsident des Reichswirtschaftsrates Peter F. v. Siemens führt alsdann aus: Das Wirtschaftsleben spielt sich in den wenig­sten Ländern nur rnnerhslb der rig?nen Grenzen ab. Der Heimat markt hat in den meisten Ländern, besonders in solchen mit starker land­wirtschaftlicher Produktion, eine ausschlagge­bende Bedeutung. Industrie und Landwirtschaft sind aufs stärkste voneinander abhängig. Plan kann mit Recht sagen, daß das Gedeihen jedes Volkes in starker Abhängikeit von dem Gedei­hen der anderen Völker steht. Gerade in Europa ist durch die schweren Erschütterungen der Wirtschaft per Nutzeffekt der gesamten Wirt­schaftsmaschine erheblich herabgesetzt. Es muß also Ruhe und Ordnung für die WirtschaftSin tereflen im eigenen Lande und auch in die Be­ziehungen zu den anderen Ländern gebracht und so den Völkern wieder ein möglichst hoher und gesicherter Lebens-Standard ver­schafft werden. Hier soll der Weg gezeigt wer­den, um die wirtschaftlichen Hemmungen abzu, bauen und der natürlichen Entwick­lung wieder neuen Spielraum zu gewähren. Durch den Krieg ist das Räderwerk der Wirt­schaftsmaschine stark in Unordnung geraten. Die zur Behebung geschaffene Zwangswirt schäft hat z. B. aus dem Gebiete der Mieten zur Folge gehabt, daß das Bauen in der Praxis neunzig Prozent teuerer geworden ist als vor dem Kriege, während die sonstige Warenteuerung etwa fünfunddreitzlg Prozent über die Vorkriegszeit beträgt. Durch die Beeinflussung der Staatsleistungen ist eine starke Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Produktionsbeziehungen zum Schaden der,' Lebenshaltung der Bevölkerung eingetreten | Weiterhin sind die Produktionsmittel aus Kriegs- und JnflationSgründen weit über das notwendige Maß erhöht. Hieraus hat die Wirtschaft nicht immer die notwendigen Kon­sequenzen gezogen. Staatsbei Hilfe be­deute aber nur Unterstützung eines Wirtschafts­zweiges auf Kosten der anderen. Gänzliche Auf­rechterhaltung von an sich nicht mehr lebensfähi­gen Gebilden hemme aber technischen Fort­schritt und die gesunde Entwicklung. Wenn auch in Europa mäßig regulierende Faktoren iw WirtschMtsverkehr berechtigt waren, so würden doch alle Uebertreibungen in ihrer Gesamtwir- kunq nur die Lebenshaltung der Be­völkerung herabsetzen. Denselben Ein fluß haben auch die internationalen finanziellen Verpflichtungen, die erfüllt werden können nur durch vermehrten Export. Dieser macht eine Umstellung der Produktion erforderlich auf der gebenden wie nehmenden Seite und habe daher eine Rückwirkung auf alle am Weltmarft beteiligten Länder. Die europäischen Geschäftsbeziehungen müssen neue für alle günstige Entwicklungen ermöglichen.

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Noch alles im Fluß.

Neuen Wirtschaftsformen entgegen.

Angesichts der ernsten Arbeitslosigkeit frage es sich, was sozial richtiger sei, dafür zu sor­gen, daß möglichst Diel Menschen Arbeit naben, wenn auch zu einem etwas geringeren Einkommen, oder ob diejenigen, die im Besitz von Arbeit sind, möglichst viel verdienen und dann von diesem Verdienst zur kärglichen Un­terhaltung der andern abgeben, von Siemens

betonte, daß es unbedingt notwendig fei, für den internationalen wirtschaftlichen Verkehr eine Definition der Begriffe zu schaffen; wenn man sich verständigen wolle, muffe man zunächst die gleiche wirtschaftliche Sprache sprechen. Es müsse versucht werden, auch für die Wirtschafts Wissenschaft ein Maßsystem zu begründen, wie es für die ganze Welt Gül­tigkeit habe. Auch bezüglich der bisherigen Wirtfckiaftsformen fei der Stein oct Weifen noch nicht gefunden und an einer Weiterbil­dung müsse mit Ernst und größter Vorsicht ge­arbeitet von allen Verantwortlichen werden.

Wir können billiger leben.

Dr. Hermes' Genfer Landwirtschaftsprogramm.

! Eigener Drahtbericht.)

Genf, 5. Mai.

Rcichsfinanzminister a. D. Dr. Herme s erklärte heute vor Pressevertretern: Bei einem Gesamtwert des Welthandels von 241 Milliar­den Mark im Jahre 1924 entfielen rund ein Dritlel der gehandelten Waren auf landwirt­schaftliche Produkte. Tie Heilung der Welt­wirtschaftskrise könne also nur durch Einbezie­hung aller Produktionszweige erfol­gen. In der deutschen Denkschrift seien die Vor- teile einer direkten Zusammenarbeit Uw kchN-.»! PfSWirrsLwstsichen "ErMgerzenoffen- fchaften und Konsumgenossenschaften behandelt worden, wodurch der entbehrliche Zwischenhan- del in hohem Grade auSgeschaltet wird und PreiSvo-leile für beide Teile entstehen. Die internationale Zusammenarbeit der verschie­denen genossenschaftlichen Erzeuger- und Ber- Srmicher-Organisationen wird empfohlen.

Auf Kosten Deutschlands

erneuern Briand-Chamberlai« die Freundschaft.

(Eigener Drahtbericht.)

Paris, 5. Mai.

Laut Pressenotiz wird Minister Briand den Präsidenten der Republik nach London beglei­ten, wo er mit Chamberlain Unterredun­gen von höchster Bedeutung haben wird. Wäh­rend beide Länder im serbisch-italienischen Kon- 'likt für direkte Verständigung zur Er­haltung des Weltfriedens eintreten, ist es ande­rerseits nicht weniger sicher, daß hinsichtlich der Ereignisse in China Meinungsverschie­denheiten zwischen London und Paris be­stehen. Die beiden Staatsmänner dürften jedoch feststellen, daß trotz des langsamen Fortganges der Verhandlungen bezüglich Chinas ke i n e Ab­schwächung der Entente cordiale zu verzeich­nen sei. Die Toaste sowie Unterredungen wer­den zeigen, daß die Entente immer noch fest sei. Der Beweis dafür wird insbesondere in dem Augenblick erbracht werden, in dem das Reich unter Hinweis auf die Erfüllung seiner Ent- wasfttimgsverpflichtungen die Frage der vor­zeitigen Räumung der Rheinlande aufwerfen werde.

* * *

Wie sich Briand windet.

Der erste Protest. Er schiebt London vor.

(Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 5. Mai.

Wegen Erkrankung des Botschafters von Hoesch hat Botschaftsrat Dr. Rieth gestern bei Briand wegen der Räumungsfrage ernste Vor­stellungen erhoben. In einem Kabinettsrat hatte schon vorher Justizminister Dr. Hergt au die schwierige Situaticn hingewiesen, in welche gerade die Deutschnationalen geraten würden, wenn jetzt ein offener Rückschlag in der deutsch-französischen Verständigungspolitik zu­tage treten würde, wenn Frankreich statt der Räumung nur sechzehntausend Mann zu- rückziehen wolle. Die Unterredung deS Herrn Dr. Rieth mit Briand war überraschenderweise verhältnismäßig kurz. Der Reichskanzler be­gab sich sofort zum Reichspräsidenten, um ihm von dem Ergebnis in Kenntnis zu setzen. In den politischen Kreisen will man wissen, daß der französische Außenminister zum Ausdruck gebracht habe, daß die deutsche Demarche zu- nä,.M zum Gegenstand eines diplomatifchen Meinungsaustausches mit dem Lon­doner Kabinett gemacht werden müßte. Das bedeutet also. Briand hat eine klare Antwort wiederum vermieden und sich bintrr London verschanzt. Ein Memorandum wird vorbereitet.

I Abgründe der Seele.

Wir schütteln über die Chinesen den Kopf.

Das Reich der Himmelslöbve steht »war beute im Rirfeukamof um Weltanschauung uub Staatsform der Zukunft, den es mit de« mo- derufteu europäisckeu Waffe» ausficht. Trotzdem aber baumelt hinter den Schlitzauge« immer noch der unsichtbare Zopf uralter Bräuche und Rückstände einer oieltanfenliäirigcn Kultur, wie unser Mitarbeiter hübsch ,u Plattlern meist.

Eine große Rolle spielt z. B. der Ahnen« lulius, sodaß z. B. die Toten den Le« jbcnden im wahrste» Sinne des Wortes die Erde sorinehmen. Den Ahnen bringt man noch heute Rauchopfer, wie vor vielen tausenden Jahren. Man verbrennt allerlei aus Papier ge« formte Gegenstände und Tiere zu ihren Ehren. Man betet zu ihnen mehr noch fast wie zu den Göttern. Befremden muß den Europäer die in China übliche Trauerfarbe. Sie ist w e i ß, eine Farbe, die bekanntlich bei uns eher als eine Farbe der Freude gilt. Aber das ist ge­wissermaßen Geschmackssache. Am seltsamsten kommen uns die kulinarischen Genüsse der Chi« nesen vor. Man hört da von gebackenen Hai- fischslossen. Vogelnestern in Gallert und derglei« chen Delikatessen. Hier heißt es erst recht, über den Geschmack läßt sich streiten. Außerdem Psle« gen solche Berichte immer etwas zu übertret« bcn. Tatsache ist jedenfalls, daß die Chinesen faule Eier sehr gerne essen.

Darüber sollte man aber nicht die Nase rümp« fen, beim wir sind nicht besser. Wir essen mit -Ä'E *£& gen, Käse! Tas chinesische Nationalgericht ist und bleibt Reis, das Nationalgetränk T e e l Da die Chinesen Messer und Gabel nicht kennen, ist cs für den Europäer schwierig, auf echt chi-- ncsische Weise zu essen. Das geschieht mittels zweier Stäbchen, die man schon sehr geschickt zu handhaben verstehen muß, wenn man einen Bis­sen in den Mund bekommen will. China gilt allgemein als das Land der Kasten und Gil­den und so kann eS auch nicht Wunder neh­men, daß dort die Bettler sehr streng organi­siert sind. Sie bilden eine selbständige, beson­ders in Südchina sehr mächtige Gilde und ha­ben einen

Bettlerkönig, der auf Lebenszeit gewählt, wird. Dementsprechend bedeutend ist die Rolle der Bettler im Straßenleben chinesischer Städ­te. Ucberhaupt spielt sich in China, wie überall im Orient, ein großer Teil des geschäftlichen und privaten Lebens unmittelbar aus der Stra­ße ab. Die Kaufleute machen hier ihre besten Geschäfte, der B ar b i e r r a s i e r t in aller Oes« fentlichkeit seinem Kunden den Kopf und selbst der berufsmäßige Ohrenreiniger geniert sich nicht, seine Praxis auf offener Straße abzuhal­ten. Die chinesische Gerichtsbarkeit sieht heute noch wie vor tausend Jahren im Zeichen großer Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit. Mögen die berüchtigten chinesichen Foltern auch heute nicht mehr so häufig wie ehedem angewandt werden, c sind doch Bastonade und Pranger im­mer noch im Schwange. Mit Hinrichtungen ist man schnell zur Hand. Oft weiß man gegen­über einer aufgeregten Menge kein anderes Mit­tel zur Beruhigung, als daß die Obrigkeit schnell ein paar der ersten Schreier herausgreist und

auf der Stelle köpfen läßt.

Ter Henker ist daher auch immer ein hochbezahl­ter und immer gebrauchter Staatsfunktionär. Tie Köpfe der Hingerichteten werden ö f f e n t i ch zur Schau gestellt, wie es jetzt zum Bei« piel zum Entsetzen Europas in Schanghai mit hunderten aufrührerischen Kommunisten geschah. Vielleicht sind alle diese abscbreckenden Maßregeln aber nötig bei einem Volk, dessen Angehörige erwiesenermaßen dem Martertod und der Hinrichtung einen fast unglaublichen Fatalismus entgegenzustellen pflegen. Mit dem­selben Fatalismus vollftihrt der Chinese aber auch an sich selbst Gericht, wenn eS sein muß. Tas Harakiri, das heißt der Selbstmord durch Bauchaufschlitzen ist nicht allein aus Japan beschränkt. Aucki in China bat man Beispiele dafür. Die Rücksicht auf die Ahnen Ist oft die Ursache zu einer folchen Tat, wenn der Bettes« ftnde sich mtt Schmach bedeckt oder ein bett Ahnen gegebenes Gelübde nicht hielt. P. Olden.

Am Herzen des roten Kreuzes, bet Weltfriebe gut aufgehoben.

W Paris. 5. Mai.

Aut bem Jahreskongreß der Roten-Kreuz« r-iga betonte der dentfche Vertreter Oberst Draudt u. o.: Tas deutsche Rote Kreuz hat

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