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Nr. 101.

Siebzehnter : adraanq.

Kaöeler Neueste Nachrichten

6. Beilage.

Sonntag, 1. Mai 1927.

2mmer noch Marek.

Etwas vomgoldenen Herzen" der Wiener.

Wiens Schlagwort heißt noch immer: Maret. Der Fall Maier, das abgehackte Bein, der sen- satloneüe Freispruch, Marets lnrereffanre Frau, die man dämonisch nennt, sind noch immer an» vergessen. Die Wogen deS allgemeinen Mit­leids gehen hoch. Ein Hotelier ließ das Ehe- Paar Maret gratis bei sich wohnen;das größte Sanatorium Wiens nimmt die beiden kostenlos auf, da Marek sich wieder einer Amputation unterziehen muß und seine Frau angeblich »ervenleidend ist. Unterdessen schreibt diese Frau, von der eine Weile ganz Wien spricht, ihre Memoiren. Eine Tageszeitung posaun, an allen Straßenecken auS, daß sie das Ver- ösfentlichungsrechi dieser Memoiren besitze. Ein rühriger Thcavermann schickt zur Frau Marek und stellt ihr ein glänzende- Angebot, wenn sie auf seiner Bühne als water dolorosa auf­treten will. Ihr Mann verbietet es.

So wird man berühmt. Der Fall Marek wird Literatur. Weniger poetisch saßt d'e Versicherungsgesellschaft die Sache aus. Be- kanntlich soll ein Zivilprozeß erfolgen, und hier wird der Richter entscheiden, ob Marek die an­sehnliche Summe von 400 000 Dollar zu erhalten hat. Die Versicherungsgesellschaft veröffentlicht lange Erklärungen. Sie wehrt sich lebhaft ge­gen die Publikumsmeinung, daß sie durch lang­wierige Prozesse den Versicherungsnehm>r aushungern' und zu einem Vergleiche drängen wolle. Sie erklärt sich bereit, Marek für die Dauer deS Zivilprozesses monatlich 500 Schil­ling zu geben. Die Mareks sind augenblick­lich Wiens Lieblinge.

. Zugegeben, daß die Wienerein goldenes Herz' haben. Das Mitleid mit dem Ehepaar Marek artet aber doch schon ins Groteske aus In traurigstem Widerspruch dazu steht dar Ver­halten deS GerichtssaalpublikumS in einem zweiten Wiener Sensatlonsprozeß. Hier waren zwei Mörder di« Angeklagten. Sie sind eines Rächt-, in der Absicht zu stehlen, in das Ge- bäude der Tabakregie eingedrungen, wurden vom Wächter überrascht und schossen ihn nieder. Zwei Burschen mit schlechter Vergangenheit. Immerhin: Sie haben die schwerste Strafe be- kommen, die in Oesterreich, wo die Todesstrafe abgeschasft ist, verhängt werden kann. Das Urteil lautet: Lebenslänglich. Möglich, daß eS gerecht ist. Aber ebenso groieSk wie der Mit. leidSrummel im Falle Marek ist die Tatsache, daß die scharfe Revlik de» StaatSanwalteS mit Bravorufen und Klatschen ausgenommen wurde. Zugegeben: Mörder bestraft man. Lebensläng­lich aber heißt so viel wie au» dem Leben ge- strichen. E« ist ein« Tode-strase in Etappen. Mutz da da- Publikum klatschen? Wo bleibt da-goldene Wiener Herz'? W. Baltinester.

Auf der Wetterwarte.

Die Aussichten für die kommende Woche.

Da» Wetter der vergangenen Woche stano Mlter der Einwirkung gewaltiger Kälteein- orüche, Lufkmaffen au- Grönland und dem nördlichen Eismeer hatten sich südwän» in Bewegung gesetzt um gang Mitteleuropa zu überfluten. Hier herrschten deshalb am frü­hen Morgen fast überall Temperaturen um den Gefrierpunkt, ja vielfach richtete Nachtfrost an der Baumblüte beträchtlichen Schaden an Auch die mit dem Kaltlufrvorstoß verbunde­nen schweren Stürme, die an manchen Tagen, wie beispielsweise am Mittwoch, im ganzen Reichsgebiet gleichzeitig wüteten, richteten viel Unheil an. In den Gebieten Norddeutsch­lands, die durch die schweren Niederschläge der zweiten Aprilhälfte unter Ueberschwemmungen zu leiden haben, wurde daS Unheil durch die auf den weiten Wasserflächen wütenden Stür­me noch vergrößert, da an einigen Stellen durch das hochgestaute Wasser und die Wellen bis- her ungefährdet« Dämme zerstört wurden.

In Osteuropa war eS während dieser Zeit recht warm. Vom Balkan aus bewegte sich warme Luft bis Nordrußland, wo infolge­dessen die Temperaturen um etwa 10 Grad- her lagen als bei uns.

Wie das stets bei der Verdrängung warmer durch kalte Luftmassen der Fall ift, traten in dem ganzen davon betroffenen Gebiet starke Niederschläge ein. Zum Teil fielen sie als Schnee, der in manchen Gegenden wie in Ost­preußen und der Mecklenburger Seenplatte eine winterlich anmutende geschlossene Decke schuf. Erst am Wochenende trat infolge stärkerer Sonnenwirkung Erwärmung ein, die dem dies mal recht unangenehmen April einen guten Abgang sicherte.

Die Witterung steht im Zusammenhang mit den Bewegungen einzelner Tiefdruckgebiete, die von Island aus sehr schnell südostwärts zogen, meist bis zur südlichen Ostsee, um sich dann in nordöstlicher Richtung zu entfernen. Die Bewegungen waren so. daß Mitteleuropa fast immer nur die kalte Rückseite, Rußland dagegen die warme Vorderseite zu spüren be­kam. Wie Höhenaufstiege über Berlin zeigten, waren im Laufe der Woche die polaren Lufr- massen bis über 6000 Meter hoch angeschwollen zeigte doch das Thermometer um die Wochen­mitte dort 38 Grad Kälte an! Am Wochenende begann dieser ungeheure Kaltluftberg in sich zusammenzuschrumpfen, denn ebensolche- Jenaufstiege zeigten wieder daS für dies Zu- ammensinken charakteristische-Austrocknen und Erwärmen in der Höhe, das den Anfang zur Ausbildung der sogenannten Abgleitflachen, einer Vorbedingung für schönes Wetter, ist.

Stubenhocker... Wochenend.

Ernste Bekrachtnnge» eines Arztes.

Rückkehr zur Natur am Wochenende bietet Die Möglichkeit, den Schäden des Stadtlebens tu entgehen. Unsere wilden Verlern in Ameri­ka brauchen kein Wochenende. Bei ihnen ist daS, was wir vom Wochenend« erwarten, stets vorhanden. Dabei ist ihr Leben viel unhygie- nischer, und doch braucht keine Wissenschaft über Hebung ihrer körperlichen Beschaffenheit oder die Möglichkeiten einer Herabsetzung der Ab- nützung durch Berus und Lebensweise Studien anzustellen.

Wir leben ein stark von der Natur entfern­tes Leben. Unser Klima zwingt uns aus der Natur in das Haus, von der Sonne in den Schatten, von der Abhärtung in die Verweich­lichung, von der Naturkost in recht künstliche Ernährung. Wie wertvoll es ist, Frischstoff.' mit der Nahrung zu sich zu nehmen, mußte erst durch gelehrte Untersuchungen gefunden werden und gilt unz jetzt als große Errungenschaft Unsre Bildung ist eine Sitzbildung. Die Schute, eine staatliche Einrichtung, zwingt unsre Kin­der gegen ihre natürliche Bewegungssreude stundenlang zu viel stillzusitzen, was im Berufe dann in den jetzt vorgeschriebenen acht Arbeits. sttrnden fortgesetzt wird. Die Luft in unfern Versammlungsräumen haben schon viele andere so und so oft in ihren Lungen gehabt, auS- genutzt und wieder auSgeatmet. Die Sonne

scheint draußen für andere. Dafür preisen wir die menschliche Nachahmung, die künstliche Höhensonne, und glaubten schon, daß sie eine Krankheit der Jugend, die englische Krankheit, verhüten oder heilen könne. Viel Kunst, viel Ersatz, viel Gelehrsamkeit hilft nichl darüber hinweg, daß wir mit dem Stadtleben eine schwere Rüstung von Get eration zu Generation mit uns schleppen muffen. Wir können sie nicht entbehren, müssen aber die Schäden, die sie uns unausgesetzt schlägt, mit allen Krästen zu ver- hüten ober auszugleichen suchen.

In diesen Abwehrkampf gegen frühzeitige Abnutzung und Krankheit tritt jetzt auch die Wochenendbewegung. ES wird auf die Aus­breitung und auf die Ausmünzung ankommen, wie weit ihr Stutzen in die Breite und Tiefe geht. Gelingt es, sie großen Vollsreilen der großen Städte zugänglich zu machen, so kommt eS darauf an, das Volk über die Ausnutzung otefei Freiheit draußen vor den Toren zu be­lehren. Das gesangengehaltene Tier weiß nvt feiner Freiheit in der Natur oft nichts anzu- fangen. So wirds auch vielen eingesleifchten Stubemhockern und verweichlichten Großstadt- menschen gehen. Deshalb wird mit der Wochenendbewegung auch eine eingehende Be­lehrung des Volkes über die zweckmäßige Aus­nutzung dieser Erholung-zeü einsetzen müssen.

Eine Wetterbesserung kann aber nur dann ein» treten, wenn zu gleicher Zeit das Wetter sich beruhigt. Auch dafür sind Anzeichen vorhan­den. Während nämlich am Wochenbeginn btt Drucks all- und Steiggebiete sehr inttnstv wa­ren und mit GeschwindigkeiteWwn mehr al» 100 Stundenkilometern west-östwärt» zogen, sind dieselben nach dem Wochenende zu immer schwächer geworden und hohen ihre Geschwin­digkeit ganz erheolich vermindert. Wenn der letzte mächtige Kaltlufteinbruch, wie c8 den Anschein hat, den Abschluß einer CÄlonensa- milie darstellt, so ist für die nächste Woche die Ausbildung Hohen Druckes über Mitteleuropa wahrscheinlich. Auch daS würde für allgemeine Wetterhesserung sprechen.

Alles in Allem betrachtet sind also die Aus­sichten für die kommende Woche recht günstig. In selten einheitlicher Weise deuten alle me­teorologischen Vorgänge auf trockeneres, wämeres Wetter bei reichlichem Sonnen­schein hin. In der ersten Hälfte dürfte jedoch immerhin mancherorts noch mit dem Auftre­ten leichter Nachtfröste gerechnet werden

Dr. N.

Kleine Rundschau.

Seschichtchen von der Courtys-Mahler.

Es war in Flandern, 1916 ober 1917,' so erzählt ein Leser imOberschlesischen Wantze- rer",wir hatten lange genug vorn im schwer­sten Feuer gelegen und wurden nun für eine Weile zurückgezogen. Ruhestellung! Auf­atmen! Wieder einmal Mensch fein nach all

Das Neueste aus der Werkstat! der Frau Mode.

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Dieser Pyjama oder Schlafanzug für junge Mädchen hat eine bedruckte Tunika und ein einfarbiges Beinkleid. Hals, Armlöcher und der untere Rand der Tunika sind mit Seide in abstechender Farbe eingefaßt. An den Seiten ist eine Schleife angebracht, dir der Tunika einen überfallenden Charakter verleiht und die aus demselben Stofs gemacht, wie die Ränder um den Hals usw. Dar Peignoir, rechts, ist aus bedruckter Foulard­seide gemacht mit einfarbigem Saum um den Hals und die Armlöcher. Die neuesten Modelle werden einfach mittels eines großen Knopfes auf der linken Hüfte gefchlossen.

dem Getrommel, dem Ausharren in Granai- tridjtern und Wasserlöcdern. Nun stellte sich auch das Bedürfnis nach Ablenkung, vor allem nach dem Schmökern, ein. Was wir an Feldpost, Büchern und Heftchen bei uns hatten, war bald ein- und mehrmals gelesen, reihum. Wir wa­ren am Ende unserer geistigen Kost. Da hatte einer von uns einen Gedanken. Er schrieb an Frau Hedwig CourthS-Mahler einen Bries, schilderte ihr unseren Lefehunger und bat um eine freundliche Bücherspende. Wir brauchten nicht lange zu warten. Eines Tage- kam eine dicke Kiste von dieser guten Frau, angefüllt bis an den Rand mit Büchern. Und als wir den stattlichen Inhalt hocherfreut sichteten, fanden wir, daß sie auch nicht ein einziges Buch aus ihrer eigenen Feder gesandt hatte. Und auch sonst kein leichtes Zeug. Nein, nur gute Bücher erster deutscher Dichter! Da schauten auch die Gebildeten unter uns ein bißchen beschämt und betroffen um sich und dachten denn doch von jetzt ab besser von der Dichterin, die sonst den zünftigen Literaten so gar nicht imponiert. Mir aber ist eS gegenüber der nun Sechzigjäh­rigen eine Dankesschuld, di« ich durch diese Zeilen gern abtragen möchte.'

Sine RNlUonen-Äettuagsausgade.

Bel benr kürzlichen Bügermelsterwahlen in Chicago hat dieChicago Tribüne' mit ihrer TageSausgabe, wie sie schreibt einen Rekord erreicht, der auch eines allgemeinen Interesses Wohl wert ist, da hier art einem Beispiel ge. zeigt wird, waS eine moderne ZeitungSauS- gäbe an Papier verschlingt. Die Rekordausgabe der Tribüne bestand in einer 5052seittgen Zeitung in drei Abteilungen. (52 Seiten für die Schlußausgabe.) An der Herstellung dieser Zeitung arbeiteten insgesamt 650 Menschen in der Schriftleitung, in der Anzeigenabteilung und im technischen Betriebe. Die Rotations­maschinen zählten 921530 Zeitungsexemplare bei einer bezahlten Abnahme von 909 448. Für diese Auflage wurden 388 Tonnen Zeitungs­papier benötigt, daS waren 586 Rollen Zei- iungspapier oder 14 Eisenbahnwaggons. Führt man dieses Druckpapier auf feinen Ur­sprung und feine Herkunft zurück, so drückt sich die von den Rotationsmaschinen verschlungene Menge in einem Tannen- und Balsambaum- beftanb von 85 Acker Lande- aus ober von 3 539,76 Hektar.

Wußten Gle das schon?

Wissenswertes aus aller Welt.

Die erste elektrische Straßenbahn ist 1881 van Werner von Siemens in Großlichterfelde bei Berlin in Betrieb genommen worden, nachdem er zuvor mit einer Miniaturbahn auf der Ber­liner Gewerbe-Ausstellung von 1879 den Be­weis für diese Betriebsart erbracht hatte.

Das werde ich dir ankreiden, d. h. soviel wie das werde ich dir nicht vergessen, kommt her von der noch heute in vielen Landgasthöfen üb­lichen Sitte, die Zeche mit Kreide auf eine Tafel zu schreibe«, um sie nicht zu vergessen.

Der Sündenbock entstammt dem 3. Buch Mo- fes. wo es heißt, daß von zwei am Altar aufge­stellten Ziegenböcken der eine als Opfer ge­schlachtet, der andere durch Handauftegung sei­tens des Hohen Priesters mit allen Sünden des Volkes belastet, in die Wüste zu treiben sei. Mit Sündenbock bezeichnet man daher jemand, der anderer Schuld zu büßen hat.

Faksimile. Darunter versteht man die genaue Nachbildung von Handschriften usw. Uebernom- men aus dem Lateinischenfac simile'macke etwas ähnlich'.

Pony (engt) ist die Bezeichnung für die na- inentlich auf den Shetlandsinseln gezüchtete Zwergpferderaffe, deren Größe zwischen 85 bi- 100 Zentimeter Höhe beträgt. Die in Polen, Litauen, Rußland usw. gezüchteten 110140 Zentimeter hohen Pferde nennt man Doppel- ponies.

An unsere Leserinnen richten wir die höfliche Bitte, in ihren Bekanntenkreisen neue Bezieher für die Kasseler Neuesten Nachrichten unter Hinweis auf den reichen und interessanten Inhalt der Zeitung zu werben.