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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Sonnabend, 30. April 1927

Nummer 100. Amtliches Organ der Stadt Kaffer.

Amtliches Organ der Stadt Kaffel. 17. Iahrqang

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Warum kommt öer Anschluß nicht?

$SLS. Syen. Italien am Balkan kriegsbereit

Russenverrreivung durch Dauern.

3n Vari« nicht viel anders.

Paris, 29. April. Gestern abend kam es nach einer Versammlung zwischen Rationalisten und Kommunisten zu einem Zusammenstoß, bei dem von Steinen und Waffen Gebrauch gemacht wurde. Die Polizei mußte eingreifen. Acht Kämpfer erlitten dabei Verletzungen.

über die Antwort der Mächte auf die Note D s ch e n s gehen unterdessen weiter.

Wer tut den ersten Schritt?

Zwei Völker warten auf den Anschluß. (Eigener Informationsdienst.)

Muffolint steht mit Heer und Flotte an der Grenze / Pariser Alpdrücken um den Rhein / Vor neuen Reichstags stürmen.

Richt einen Mann weniger!

Paris, 29. April. (Eigener Drahtbericht.) Ein Blatt schreibt: In den Kreisen des Obersten Militärrates wird auch für Juni und Juli mit keinerlei Herabsetzung der Truppen am Rhein gerechnet. Das französische Jägerbatail» > o n in Saarbrücken ist dem Bahnschutz des Saarlandes zuaeteilt.

Nanking gefallen?

Gerüchte von einem Komnmmstenhandstreich.

London, 29. April.

Ein Blatt berichtet aus Nanking: Beamte der Schanghai - Nanking Eisenbahn erklärten, daß zweitausend Russen und siebentausend Mann Schantungtruppen die Verteidigungs­linie von Nanking durchbrochen und die Stadt gestern früh besetzt hätten. Die Truppen Tschangkaischeks zögen sich zurück. Dir Meldung d aber mit Vorbehalt aufzunehmen.

Seneraiftab und Minister an der Arbeit

London, 29. April. (Eigener Drahtbericht.) Tas Kabinett behandelte dieser Tage mit Gene­ralstäblern btc militärische und unter sich die di­plomatische Lage in China. Die Verhandlungen

Stürmt England Hankau?

London, 29. April. (Eigene Drahtmeldung.) Ein diplomatischer Berichterstatter hält die Wiederbesetzung der englischen Konzession in Hankau durch die englischen Streitkräfte für möglich, da wegen Nichterfüllung des Verspre­chens das Abkommen von Hankau null und nich­tig sei. Eine wirksamere Sanktion sei jedoch die Zerstörung des Militärarsenals in Hankau.

Noch immer nicht frei!

Selbst Paris schlägt das Gewissen. Rheinschacher (Eigener Drahtbericht.)

Paris, 29. April.

Ein Blatt schreibt heute: Die allzulange Auf­rechterhaltung der Besatzung im Rheinland sei eine ernste Bedrohung der deutsch-franzö­sischen Annäherung und des Weltfriedens. Tie Franzosen müßten den dringenden Wunsch der Dentfchen verstehen, wieder Herr ihres Gebietes zu werden und der Deutsche >.nüß, te Verständnis zeigen für den Wunsch der Fran­zosen, sich gegen einen neuen Einmarsch z u schützen. Der Völkerbund dür'e den Rhein niemals wieder zum Aufmarschgebiet für einen Krieg werden lassen.

Der Rubel rollt.

Chinas Revolution von Moskau finanziert.

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 29. April.

Rach den in Peking beschlagnahmtenSow­jetdokumente hat General Fanggusiang unge­fähr zwölf Millionen Goldrubel in bar und in verschiedenen Sachlieferungen von Moskau er- mlten. Der Sowjetmission in Kanton wurde ür ihr Personal monatlich fünfzehntausend Dol­lar zur Verfügung gestellt. Weitere Schriftstücke legen von Waffenlieferungen Zeugnis ab, die in Kanton unter der Deckung des russischen Mili- tärattachees in Peking vorgenommen seien.

Börse ift Trumpf!

Spekulationsfieber und Katzenjammer.

Von

Alfred Richard Kühn.

Ei» toller Reigen AllmLLtlae Svekalaatt». Mittelstand und Handwerker mögen darnnter leiben. - Wo bleibt bet Staat?

die aus diese leichte Weise sich ihr Geld verdie­nen. Ober aber man hat, wenn man Einblick in das Getriebe und in die Zusammenhänge genommen hat, mit Befremden den Kops ge­schüttelt über den tollen Reigen, der sich da vollzog und sich darüber gewundert, daß eigentlich so gar nichts gegen di« Schädi­gungen unternommen wird, die durch solche Auswüchse der deutschen Volkswirtschaft zugeführt werden. Es war und

ist in Wirklichkeit toll.

So sind Werte in die Höhe geschraubt wor­den, die durchaus nicht eine solche Einschätzung verdienten. So mußte man vor einiger Zeit sogar von einem Protest Kenntnis nehmen, in­dem ein Werk, die Direktion der Ludwig Loewe Ä.-G. in der Oeffentlichkeit sich gegen die Be­wertung ihrer Aktien an der Börse wandte. Shmptomatisch ist es, daß diese Warnung abso­lut nichts half. Nur eine kleine Abschwächung trat anfangs ein. Sie wurde aber später wie­der von einem Sprung auf die alte Höhe abge­löst. Dieser Fälle gibt es gar viele, in denen die Aktienkurse, die doch eigentlich den inneren Wert eines Unternehmens widerspiegeln sollen, ganz ohne innere Beziehung, einfach weil es der Spekulation so gefällt, Höhen er­klettern, die geradezu unsinnig erscheinen müssen. Nicht mehr wie früher betrachtet man sich, wenn man eine Aktie kauft, die Bilanz und die in den Dividenden ausgedrückte Ren- tabilität des Werkes, dessen Aktien man er­wirbt. Man läßt sich heute nur davon leiten, wie augenblicklich die Kurse an der Börse stehen und nimmt gar keine Rücksicht mehr dar­auf, ob das Werk Dividende verteilt ober nicht. Im Vergleich mit den Kursgewinnen kann e8 a gar nicht ins Gewicht fallen, ob acht, ob zehn oder rwanzig Prozent Dividende verteilt werden. Man kauft ja nicht die Papiere, um eine gute Verzinsung seines Geldes zu erreichen, man will

nurdicke Kursgewinne" erzielen.

Sine Hindenburg-Briefmarke?

Berlin, 29. April. (Eigener Informations­dienst.) Von verschiedenen Seiten ist angeregt worden, am 2. Oktober, zum achtzigsten Ge­burtstag Hindenburgs, eine Marlenfolge mit Hindenburgs Bild h:rauszugeben. Bisher wur­de allerdings nach dem Grundsatz, nicht ein Bildnis lebender Persönlichkeiten als Marken­zeichnung zu wählen, die Anregung abgelehnt.

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Müßige Rücktrittsg«achte um Hindenburg

Berlin, 29. April. (Eigener Informations­dienst.) Die Gerüchte, daß der Reichspräsident nach Vollendung seines achtzigsten Geburtsta­ges, also im Oktober sein Amt nieberlegen wolle, treffen nicht zu. Hindenburg hat nut seinerzeit geäußert, von seinem Amte zurückzu­treten, wenn die deutschnationale Bolkspartei sich nicht zum Regierungs-Eintritt entschlösse.

Es ist viel zu wenig beachtet worden, daß in den letzten Monaten an der Berliner Börse eine Hausse nach der andern stattgesunden hat. Man hat, sofern man nicht selbst Börsenspieler

Das ift natürlich auf die Dauer ein ganz u n - haltbarer Zu st and. Und eS müßte Wun- der nehmen, wenn nicht in absehbarer Zeit wie- . ber einmal ein sogenannterschwarzer Tag" immense Verluste bringt und dem Rausch einen riesigen Katzenjammer folgen läßt. Wie leicht bei bietet» Luftgebilden die Zerstörung eintreten kann, hat man ja in den verschiedenen Jahren, in denen wir nun diesem Spekulationsfieber ausgesetzt sind, schon des öfteren gesehen. Run, das mögen dann dieje- nigen mit sich abmachen, die heute vor Freude rot und morgen vor Enttäuschung vielleicht tot md. Von größerer Bedeutung ist der Einfluß dieser ungesunden Erscheinung auf die Volks- wirtschaft. Es läßt sich kaum in Zahlen ausdrücken, was heute durch das Börsenspiel an Geld der produktiven Wirtschaft ent­zogen bleibt. Man braucht sich nur daran er­innern, daß eine ganze -Reihe von kleinen und mittleren Bankiers in den Börsenstädten, die »onst keine Daseinsberechtigung hätten und trotz der Uebersetzung im Bgnkaewerbe gut, ja, sogar prächtig florieren, von nichts Anderem leben, als von den Geschäften, di« sie für sich und ihre Kunden an den Börsen machen. Auch di« Großbanken haben davon profitiert und ihre guten Jabresabschlüsse mit der ausgezeich­neten Effektenkoniunktur des Jahres 1926 be­gründet. Die Kehrseite der Medaille aber ist, daß für produktive Zwecke kein Geld herauszubekommen ist und daß, abgesehen von den Großindustrien, die leichter die Möglichkeit hatten, sich zu helfen, der

Mittelstand und die kleine Industrie hilflos baffeben, nicht wissend, woher sie das so drin- gend notwendige Betriebskapital nehmen sol­len. Man verdient eben lieber an der Börse mit tausend Mark tausend Mark, als daß man einem tüchtigen Handwerksmeister tausend Mark leiht und dafür vielleicht 10u ober 120 Mark imen erhält. Was ist nun dagegen zu tun?

Man könnte vielleicht an das Verantwortungs­gefühl appellieren. Damit wäre jedoch sicher wel gehSlfen. Geschäft ist eben Ge- ichaft. Der Einzige, der helfen könnte, wäre der Staat, der seine Bankenpolitik, ändern

Von Dr Paul Rohrbach.

Zwar haben die Tschechen auch die Magyaren in Oberungarn (150000 Seelen) zu verdrängen gesucht, mußten ihnen jedoch nach und nach viele Zugeständnisse machen. Die den Slowaken ver­bürgte völlige Autonomie wurde von den Tschechen überhaupt nicht gehalten, sondern die Slowakei wurde von Anfang an von ihnen wie eine Art von Kolonie verwaltet. Sie diente als Ablagerungsstätte für minder geeignete tschechische Beamte, die sich viele Gewalttaten zu Schulden kommen ließen. Dir Folge war, daß sich eine scharfe slowakische Oppositionspartei bildete, die dann auch durchsetzte, daß achttau- 7cnb Tschechenbeamte durch Slowaken ersetzt wurden. Rur den Deutschen gegenüber ist alle- beim Alten geblieben, und das Einzige, was gesagt werden kann, ist, daß die Schärfe des UnterdrückungSsystems, das bis zum vorigen Jahre ohne alle Rücksicht gehand­habt wurde, jetzt in der Praxis etwas nach- gelassen hat, und daß von tschechischer Seite im ganzen auf die vielen kleinen Quälereien, die man den Deutschen, wo es nur ging, antat, bis zu einem gewissen Grade stillschweigend ver­zichtet wird.

Vielleicht aber ist e- schon zu viel gesagt, wenn man diese Art von Verzicht als eine Folg« der Teilnahme der Deutschen an der Re- gierung anfieht. DaS Tschechentum hat mit sei- >'«» inneren Schwierigkeiten selbst soviel zu tun, daß seine nationale Stoßkraft anfängt nach­zulassen wenigstens für den Augenblick. Die beiden deutschen Parteien, die ihre Vertreter als Minister in die Regierung entsandt haben, sind Agrarier, und das Abkommen mit den Tschechen geschah auf der Grundlage, daß die Deutschen mit für die Getreidezölle stimmen sollten. Außer um die Getreidezölle handelte eS sich aber auch um dl« Sozialgesetzge­bung mit ihren außerordentlichen Lasten, so wie sie in der alten Koalition von den tschechi- schen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten durchgesetzt worden waren. Auch hiergegen regte sich unter den Tschechen selbst ein immer stärke­rer Widerstand. Zu den Nationalsozialisten ge­hört der Außenminister R « n e s ch, eine der markantesten Figuren der nationaltschechischen Politik. Auch der Staatspräsident M a- saryk steht dem Sozialismus nahe. In die­sem Jahre, int Mai, ist in der Tschechoslowakei Präsidentenwahl. Ursprünglich war Masaryk, der jetzt 76 Jahre alt ist, die lebensläng­liche Präsibentschaft versprochen wor­ben. Man will bas aber jetzt nicht mehr wahr haben, und wie verlautet, hat der Ministerprä­sident Svehla dem Präsidenten erklärt, es ginge nicht an, daß den jetzigen Oppositious- Parteien (Sozialdemokraten und Nattonalsozia- 1 listen) zwei so wichtige Staatsämter gehörten, wie die Präsidentschaft unb das Ministerium, des Auswärtigen eins davon wolle man ihnen allenfalls zugestehen, aber nicht zwei. , Bleibt eS dabei, so wird voraussichtlich der Mi- nister Benesch verzichten müssen.

Berlin, 29. April.

Es ist bekannt, daß die östrrreichischen. So­zialisten sich viel eindeutiger für den Anschluß Oesterreichs an das Reich aussprechen, als die Christlich-Sozialen unter Bundeskanzler Seipel. Auch nach den Wahlen wird also die Anschlußbewegung keineFortschrittema- chen. Auch die Kleine Entente wird auf ihrer nächsten Konferenz zweifellos wieder zu dem Beslhluß gelangen, die «nschlußsrage als nicht spruchreif zu bezeichnen. In Berlin ist man der Auffassung, daß offizielle Schritte in dieser Hinsicht zuerst von der österreichischen Regierung ausgehen müßten. Man weiß noch, daß Dr. Seipel kein begeisterter Anschlußfreund ist. Frei­lich verspricht man sich auch in deutschen RechtS- kreisen wenig wirtschaftliche Vorteile von einem Anschluß, denn die Reichsfinanzen würden nach einem Aufgehen Oesterreichs in das Deutsche Reich lediglich eine weitere erhebliche Belastung erfahren, umsomehr, als Oesterreich in handelS- politisck^r Beziehung nur Zuschußland ist. Es ist jetzt auffallend, daß jettt im Hinblick auf die bevorstehende BSlkervünsSragung die franzö­sische und auch die italienische Presse einen offi- ziehen Schritt der ReichSregierung erwartet. Diese Vermutungen find nach unseren Informa­tionen durchaus unzutreffend. Tie deutsche Au­ßenpolitik ist gegenwärtig mit weit wichtigeren Problemen beschäftigt und erwartet einen sol­chen Schritt von der österreichischen Regierung "llein oder aber von den Regierungen von Berlin und Wien geschlossen.

London, 29. Aprrl. ((Sioen» Drahtmeldung.) ----- ................. ,|t

Et« Blatt meldet aus Hchu..gyai: «yie Kommu-, ist und fein kann, höchstens diejenigen beneidet, nistcnregierung befindet sich in ernster Gefahr ----* U1-' - ------- -- -

innerer und äußerer Angriffe. In der Provinz Honan habe eine Bewegung zur Ver­treibung der Rufs en eingesetzt.

Zu diesen inneren Gegensätzen kommt ba8 Empordrängen des tschechischen Faschis­mus. Sein Führer -st der frühere General­stabschef General Gajda, der zwar seinen Poften verloren hat, aber in dem Prozeß, der ihm angehängt wurde, freigesprochen worden ist. Di« Beschuldigung, die gegen ihn erhoben wur, de, lautete bekanntlich dahin, daß »r den Auf­marschplan, der zwischen Fnmkreich, der Tschechoffowakei und Polen gegen Deutschland und Rußland für den Fall eines deutsch-russi­schen Bündnisses verabredet worden ist, nach Moskau verraten habe, lieber Moskau, so fürch­tet man, könne er auch den Deutschen bekannt werden! Gajda ist aber trotzdem nach wie vor eine volkstümliche Figur, und durch den Pro­zeß, in dem ihm angeblich nichts bewiesen wer­den konnte, ist er es noch besonders geworden. Im übrigen verlangt Frankreich in militärischer Hinsicht von der Tschechoffowakei, daß sie die Jugenderziehung zur Vorbereitung auf den Krieg nach französischem Muster durchführe, unb der HeereSausschutz verlangte noch kürzlich, daß sich die Tschechei militärisch so stark mache, daß sie Deutschland, wenn eS darauf ankäme, al­lein in Schach halten könne. Zn einerin­neren' Verständigung zwischen Deuffchen und Tschechen ist das immerhin «tote merkwürdige

_. Belgrad, 29. April.

Em «gramer Blatt spricht von italienischen Kriegsvorbereitungen in der Provinz Venetia- Giulia. Die Grenzzone Torvis-Fiume befindet I sich tatsächlich im Kriegszustand und ist befestigt. ES feien Betonstände für dir schwere Artillerie errichtet worden. Ein ganzes System von Schützengräben mit Draht­verhau sei angelegt. Die italienische Flotte liege in Quarnero bereit, um das nördliche adriatische Meer zu bewachen, während der mittlere Teil von der in Angona liegenden Flotte bewacht werde. Die Stadt Görz, bis her Sitz einer Division, sei 'ettt das Haupt- auartier eines Armeekorps Fünf Legionen faschistischer Miliz liegen an der Grenze bereit.

(Schärferer Wmd von links.

Steht, die Regierung fest genug?

(Prwat-Telegramm.)

Berlin, 29. April.

Die Regierungsbesprechungen mit den Par­teiführern haben begonnen. Die Schärfe der Kampfansage der Demokraten an das jetzige Kabinett scheint auf parlamentarische Stürme vorzubereiten. Wegen der nicht übernommenen Wahlvorlage des früheren Kabinetts wird ein gemeinsamer Vorstoß der Demokraten und SoLialpemokraren erwartet, die auch sonst enger Zusammengehen wollen.