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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Mittwoch, 30. Marz 1927

Amtliches Organ der Stadt Kassel. 17. Jahrgang

Nummer 75. Amtliches Organ der Stadt Kassel.

polen kommt uns entgegen/Unb ßbetfdjlefien?

Ein schweres Amt.

Parteikämpfe um Reichswehr und Minister.

Ueber die Pflichten und Aufgaben eines Reichswehrministers ist in den letzten Jahren soviel geschrieben worden, sind in den Diskussio­nen und Aussprachen soviele verschiedene Mei­nungen ausgetauscht und auch begründet wor­den, daß man Wohl behaupten darf, an einer einmütigen Erkenntnis fehlt noch manches. Der gesunde Menschenverstand, frei von allen poli­tischen Bedenken und einer parteimäßig einge­stellten Weltanschauung wird sich doch wohl sa­gen müssen, daß es die wichtigste Aufgabe eines Reichswehrministers sei, das ihm unterstellte Ressort nach bestem Können und Vermögen den Zwecken dienstbar zu machen, denen das Ressort sein Leben verdankt. Was ist nun eigentlich der Zweck der Reichswehr? Mit kla­ren Worten ausgedrückt: sie hat die Pflicht und Aufgabe, den Staatsorganismus, die Reichs­grenzen, das Volk vor allen aus- und inlän­dischen Willkürakten zu schützen. Um diesen Zweck zu erfüllen, muß eine solche Reichsvertei­digungswehr schlagfertig sein, das heißt, in jedem Augenblick bereit sein, der Ausgabe ge­recht zu werden, die ihr gestellt ist. Was allein schon den Pflichtenkreis eines Reichswehrmi- f'sters umschreiben müßte. Er hat eben dafür zu sorgen, daß der Geist in der Truppe den Wehrgedanken freudig bejaht, daß die Truppe selbst aus die höchste Stufe der Leistungs­kraft gebracht wird. Ist cs der jahrelangen Tätigkeit des Herrn Geßler als Reichswchr- minister gelungen, das, was ihm sein Amt vor­schreibt, in die Wirklichkeit umzusetzen? Man wird diese Frage wohl mit einem unbedingten »Ja" beantworten können. Unsere kleine Reichs­wehr ist im Verhältnis zu den Mitteln, die zu ihrer Unterhaltung und Ausrüstung aufge­wandt werden, und im Verhältnis zu den Mög­lichkeiten, die der Versailler Friedensvertrag für ihren Aufbau offen hält, eine Truppe von höchster Schlagkraft, wohldiszipliniert, erfüllt mit einem freudigen und ehrlichen Be­kenntnis zum Vaterlande und einer ebenso freudigen Bejahung für den Wehrgedanken. Eine Tatsache, die von keiner Seite bestritten und sogar von denen, die den den amtierenden Minister aus dem Sattel heben wollen, zugege­ben wird. Was einen gesunden Menschenver­stand eigentlich zu der Erkenntnis führen müßte, daß Herr Geßler im vollsten Maße den Aufgaben, die ihm gestellt nstd, gerecht gewor­den ist. Man wirft nun allerdings Herrn Geß­ler vor, daß er gewisse Zusammenhänge zwi­schen der Truppe und privaten vaterländischen Organisationen dulde, daß er bei der Einstel­lung von Reichswehranwärtern sozialistische Kreise nicht genügend berücksichtige, daß er die Organisation von sogenannten Arbeitskomman- dos geduldet habe, daß er unter dem Einfluß seiner Militärs stehe, die der Republik nicht all- zuwohl gesonnen seien. Also mit anderen Wor­ten, man mißtraut ihm, man zweifelt an sei­ner Zuverlässigkeit. Diese Vorwürfe dürsten jedoch, obwohl natürlich jeder Mensch und zu­mal Minister Fehler machen, im einzelnen kaum aufrecht zu erhalten sein. Der Stand unserer heutigen Reichswehr, die EhrlitAeit und Lau­terkeit der Einstellung ihrer Angehörigen zu Staat und Volk alles das sind Tatsachen, an dem doch eigentlich nur die ewigen Nörgler und Mißtrauischen zweifeln können.

Der Minister selbst brauchte gestern im Reichs­tag ja schließlich nur auf die Reichswehr zu weisen, also aus das Werk, das zu einem gro­ßen Teil seiner Arbeit entsprang, um die schwe­ren Bedenken nachhaltig zu entkräften. Sein Werk sprach für ihn und schließlich auch für die Ehrlichkeit, mit der er zu dem Eide steht, den er auf die V e r fa s s u ng geleistet hat. Sieben Jahre Amtstätigkeit liegen hinter ihm, sieben Jahre strengster Pflichterfüllung und ehrlichster Arbeit an den Geschicken des Staates im Geiste der geltenden Verfassung. Diese sieben Jahre des Reichswehrministers Geßler sind die Ant- toort, der gestern sich auch seine Gegner beugen mußten. Gegen diese nackten Tatsachen, gegen diese unerschütterliche Wirklichkeit dürfte wohl wenia einiuwenden sein und die unaufhörli­chen Partefduelle um die Reichswehr sollten doch Wenigstens in diesem Punkte endlich ein­mal beigelegt werden, nachdem von den verant­wortlichen Staatslenkern auch den Wünschen von links weitoebendst? Beröckstchtiaung zuqe- i'oot wnfde und leihst Ovvosttion an der Treue der R-ichswebr ,ur Rednblik nicht mehr zu iweir-ln Waat. Es ist nicht gut, in ein- gtri.hN» ftipeintufrnnett, die sich

im ErnNkoN kehr schwer zum Schaden des ganzen Volkes rühren können. -r-

Brücken übers Weltmeer.

Ein herzlicher Händedruck mit Amerika.

(Funkdienst-

Hamburg, 29. März.

Anläßlich der ersten Ausreise des Dampfers Newyork" führte Generaldirektor Dr. Cuno u a. bei einem Diner aus, daß die herzlichsten Wünsche des amerikanischen Botschafters das Schiss begleiten werden. Der Redner schloß mit einem Hoch auf die guten Beziehungen. Bot-

Mailand, 29. März.

Der Generalstabschef der Kantontruppen erklärte einem Pressevertreter: Wir werden in einigen Monaten in Peking sein. Im Juli hat­ten wir sieben Divisionen, jetzt haben wir vier­zig und wir haben unsere Ausrüstung durch Beute vermehrt. ES stehen uns jetzt mehr als eine Million Soldaten zur Verfü­gung. Den Nordisten bleibt kein anderer Aus- weg übrig, als sich ebenfalls den Nationali­stenanzuschließen. Wir find keine Feind? des Kapitals, doch wollen wir die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern durch Schiedsgerichte regeln lafi-n

Die Amerikaner reißen aus.

Geräumte Chinesrnstädte. Frische Truppen.

(Eigene Drahtmeldung.)

Peking, 29. März.

Staatssekretär Kellogg hat angeordnet, die Konsulate in Tschangsescha und Tsching- king zu schließen und die Kanonenboote zurückzuziehen, sobald die amerikanisch. Staats­angehörigen Gelegenheit gehabt haben, die ge­nannten Orte reiÄzeitig zu verlassen.

Washington, 29. März. (Durch Funkspruch.) Die Amerikaner im Innern von China find auf- gesordert worden, fich in Amoy zu versam­meln, wo ein Zerstörer etngetroffen ist. Japan hat ein Kriegsschiff und acht Zerstörer nach Schanghai entsandt und fünfhundert wettere Mannschaften gelandet. Den 1500 für Schang­hai mobilisierten Amorikanern wird ein Mari­neluftgeschwader beigcgeben, das aus zwölf Bomben- und Kampfflugzeugen besteht.

Nie wieder Inflation!

Der Finanzminifier verbürgt fich für die Mark.

(Privat-Telegramm.)

Wien, 29. März.

Reichsfinanzminister Dr. Köhler wollte in Wien zu einem Pressevertreter wegen der Beet­hoven- Weihetage nicht von Politik sprechen und bezeichnet die deutsche Währung als abso- lut sicher und fest. Sie sei so fest verankert, daß auch der letzte deutsche Volksgenosse von ihrer Unüberwindlichkeit überzeugt sei. Finanzminister Kienböck habe ihm das glei­che bezüglich der österreich. Währung bezeugt.

Polen will Frieden.

Pilsudski als Fürsprecher?

(Funkdienst)

Berlin, 29. März.

Laut Pressenotiz überbringt der deutsche Gesandte Rauscher aus Warschau besondere politische Vorschläge auch in der Niederlassungs­frage. In Berlin erwartet man eine schnel­lere Lösung aller Differenzen mit Polen als noch bisher angenommen wurde. Nach den Aeußerungen hervorragender Warschauer Blät­ter soll der Wille Polens zur schnellen Verstän­digung mit Deutschland aus Marschall P i l- sudskiS Einfluß zurückzuführrn sein.

Oberschlesien rechtlos.

Ein Ausnahmegesetz gegen deutsche Mehrheiten. .(Funktelegramm)

Berlin, 29. März.

Bei einer Versammlung der Korfanty-Par- tei in Kattowitz machte ein polnischer Abgeord­neter Mitteilung von einem Gesetz, dessen An­nahme im Sejm sicher sei. Dieses Gesetz solle den schlesischen Wojwoden zur Auflösung derjenigen Stadtverwaltungen ermächtigen, deren Mitglieder ein Verhalten zeigen, vaS mit den Staatsbürgerpflichten unvereinbar fei. (!)

schaftrr Schür mann antwortete u. a.: Im Zeitalter der Technik und des Verkehrs rücken die Länder einander näher. Auch der Handel zwi­schen Europa und Amerika erleichtert es uns, die Gefühle der Freundschaft zu pflegen, einan­der zu helfen und uns gegenseitig zu verstehen. Dazu wird Hantburg seinen redlichen Teil bei­tragen. DieRewyorl" wird gleichsam eine Brücke zwischen Hamburg und Rewyork schla­gen. Sie wird für jede Stadt die Versicherung bedeuten, daß drüben über dem Ozean Menschen am gleichen Ziele wie wir arbeiten.

Werdende Welten in Ehina.

Kaulons unaufhaltsamer Siegeszug / Schließen fich auch die Nordtruppen au? / Amerika-Zapau werfen Truppen noch Schanghai / Der Balkan schläft wieder ein / Aber Italien wühjt Weiler.

136 (Cole in der Grube

Tokio, 29. März. (Durch Funkspruch.) Bei einem Grubenbrand kamen hundertsechsunddrri- ßig Bergarbeiter ums Leben. Bisher konnten die Leichen von sechzig Bergleuten ge- borgen werden.

Lvinafunken auf den VVNippinen.

London, 29. März. (Eigene Drahtmeldung.) Ein Blatt melde« aus Maila, daß dort ein Geheimbund mit dem NamenDer Dolkslegio- nöt gegründet worden sei, der dem chinesi­schen Kaomintang entspreche. Die kanto­nesischen Erfolge hätten auf den Philippi­nen eine gefährliche Rückwirkung.

Wozu der Lärm?

Der Balkankonflikt vertäust im Sande.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 29. März.

Laut Pressenotiz sei anscheinend niemand ernstlich an dem Zustandekommen einer Unter­suchung in der albanischen Frage interessiert und niemand glaube, daß eine solch« einen praktischen Nutzen zeitigen werde. Auch werde der Gedanke erwögen, daß Rom und Belgrad Unter­handlungen zur direkten Herbeifüh­rung einer Einigung einleiten, wobei Italien den Vertrag von Tirana in zufriedenstellender Weise erläutern und Jugoflavien die Ret- tuno-Berträge ratifizieren solle.

stadt hängt eine Maske. Die alte winkelige Tür- lkcnstadt ist verschwunden, breite, gerade Stra-

Wer kennt Tirana?

Europas interessanteste Hauptstadt.

Der sanft kaum über bie valka»berge binanS« gedrungene Name der albaniicheu Hauviftadi itt feit dem serbisch-italienische» Konflikt anr Welt­berühmtheit geworden, sadaft wir unserem MU- ariteiter gern bei seine« Abstecher in dies« romantische Gegend solgen.

Tirana, 22. März.

Albanien brauchte eine Hauptstadt, die im Her­zen des Landes liegt und weit den Grenzen und nicht zu nahe der Küste lag. Nach Nutari ist Nikita von Montenegro, wenn es ihm ge­rade so paßte, in einem einzigen Tage einmar­schiert, und heute ist an Stelle Montenegros Jugoslawien getreten, dem man nicht unbedingt mehr Vertrauen entgegenbringt. Aber auch die Hafenstadt Valona war als Hauptstadt nicht sympathisch, weil sie gar zu sehr im Bereich italienischer Kriegsschiffe liegt . . . und Präsi­dent Achmed den Z o g u ist ein weitdenken­der Mann. Und dann sind die Albanesen haupt­sächlich ein Hirten- und Bauernvolk. Sie kom­men in ihren bunten Trachten, einem seltsamen Gemisch türkischer und serbischer Formen, von ihren Bergen und Gebirgsdörfern in dt« Haupt­stadt, treiben ihre

Mulos hochbrladcn

mit Naturprodukten aller Art durch die im Bau begriffenen Straßen und fühlen fich auf dem von buntestem und schreiendstem Leben be­herrschten Marktplatz wie zu Hause, obwohl ringsh-rum Holzgerüste starren, die neue Bau­ten in sich einschließen und Autos über den un- yepflasterten Geröllboden rattern. Sie fühlen sich hier zu Hause. Denn über dieses ihnen fremde Treiben grüßen die bizarren For­men ihrer Berge herüber, die die nette Hauptstadt von drei Seiten eng umschließen und sie zum organischen Teil des albanischen Lan­des machen werden, auch dann, wenn ihr künf- tiaer Stadtcharakter nicht mit den Eigentümlich­keiten des Landes übereinstimmt. Diesen künf­tigen Charakter kann man jetzt noch nicht be­stimmen. Ich wohne in einem uralten Gast­hof, der früher bie Residenz eines türkischen Paschas gewesen sein soll. Das kleine vergitterte Fenster führt nach einem verträumten, stillen Hof. Aber rings um die Fassade wird jetzt ein protziger Rohziegelbau aufgeschrnettcrt und der Besitzer, dessen glänzend gehender Gasthof außer

einigen Holzbaracken der einzige am Orte ist, konnte sich nicht dazu entschließen, das alte Gemäuer abzubrechen, ehe der Neubau fertig war. So geht also in den engen, dunklen Räu­men das alte Leben weiter. Denn das haben die Leute hier doch gemerkt, daß das, was die Regierung hier aus dem Boden zu zaubern ver­sucht, auch ihnen manches Gute bringen wird. Am schnellsten scheinen es die Grundbesit- z e r begriffen zu haben, obwohl sie noch nie et­was von amerikanischer Grundspekulation ge­hört haben. Man erzählte mir, daß selbst Grund­besitzer, zu denen jetzt noch gar keine Straße hinsührt, schon gewaltige Preissteigerungen vor­genommen hätten, und mit Staunen erkennt man, daß dieses Volk, das von allen europäi­schen kulturell am niedrigsten steht, dessen Land zum Teil noch unerforscht ist, mit westlichen Geschäftspraktiken so vertraut ist, wie ein Han­delsakademiker wenn nur die Möglichkeit dazu vorhanden ist, diese Praktiken anzuwenden. Aber auch sonst stellt man sich mit bemerkens­werter Schnelligkeit um. Das Land ist zum Großteil mohammedanisch, und seine Einwohner sind in dieser Beziehung weitaus konservativer als die Türken. Aber trotzdem haben die Frauen von Tirana ihre Schleier abgelegt, sie zeigen sich in europäischer Gewandung, und man muß sa­gen, daß dieser Fortschritt der neuen Haupt­stadt nicht unwesentlich zugute gekommen ist. Die Albanierinnen sind weitaus

schöner als die dicklichen Türkinnen, sie zeigen ;um Teil eine überaus glückliche Mi- schuug des serbischen mit dem romanischen Ty­pus und sind von einer gazellengleichen Gra­zie. Die Männer sind etwas konservativer, sie tragen mit Vorliebe noch den Fes, sind sonst aber auch europäisch gekleidet. Man kann freilich im tiefsten Winter, der hier allerdings .richt tief* ist, Strohl> üte mannigfacher Form se­hen und auch die Damen nehmen es mit der Uebereinsttmmung zwischen Jahreszeit und Mo­de nicht so genau, aber schon hat sich ein Pa­riser Warenhaus ausgetan, und sein findiger Besitzer tut olles, um solche Irrtümer vermeiden zu helfen ... Vor dem Antlitz der neuen Haupt-

Nanking sott büßen-

Auch England läßt sich die Schäden bezahlen.

(Eigener Drahtbericht.)

London, 29. März.

Ein englischer Vizekonsul soll in Nanking fest- stellen, wie weit nationialistische reguläre Streit­kräfte an den einzelne» Ausschreitungen betei­ligt waren. General Tschangkaischek erklärt, daß die Plünderungen und Mordta ten durch zurückgelaffene Nordtruppen und durch Gesindel begangen worden seien und daß die Kantonescn die Ordnung wiederhergrstellt hätten. Der Vizekonsul solle mich die britischen Schäden feststellen, und der Kantonregierung eine Entschädigungssorderung überreichen.

Funken in der Asche.

Italien als Störenfried in Albanien?

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 29. März.

Da Italien fich weigert, fich mit der Entsendung eines Untersuchungsaus­schusses einverstanden zu erklären, hält es ein Nachrichtenbüro für möglich, daß die ge­samten Fragen durch unmittelbare Verhandlungen zwischen Rom und Bel­grad geregelt werden. Dieser Grundsaü ist be­reits von Belgrad angenommen morden. Die Belgrader Regierung soll den Großmächten zur Kenntnis gebracht haben, daß nach Meldungen aus Albanien, die dortige Lage ernst sei. Die albanische Mobilmachung werde aktiv fortge­setzt, und zwar unter der Leitung italieni­scher Offiziere. J