Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 64. Amtliches Organ der Stadt Kassel. Donnerstag, l7. März 1927. Amtliches Organ der Stadt Kassel. 17. Zahrga«g
Ser Handelsvertrag kommt nicht vom Ateü.
SS gärt im Osten,
t Deutschland muß die Augen offen halten.
ES ist begreiflich, daß unsere Augen gebannt am Westen Höngen, wenn man berücksichtigt, daß noch sünsundsiebzigtausend Mann fremder Truppen im Rheinland stehen, daß ferner für da- Saargebiet eine Volksabstimmung vorge? sehen ist und daß im Elsaß ein BerzweiflungS- ksmvf um deutqsche Sprache und Kultur auöge- sochien wird. Man wird sich aber daran gewöhnen müssen, die Dinge im Osten mit nicht geringener Aufmerksamkeit zu verfolgen, denn auch von der Entwicklung, die sich an den Ufern der Ostsee vollzieht, wird das Schicksal Deutschland» stet» stark beeinflußt werden. De» Süd nach dem Oste» zu lenken, scheint jedoch um so notwendiger, als der russisch-englische Gegensatz die gesamte Weltpolitik überschattet und als in einem Augenblick, in dem die Beziehungen zwischen London und Moskau äußerst gespannt sind, sich selbstverständlich tn Warschau wie in Kowno, in Riga wie tn Reval eine Unruhe zeigen mutz, und Versuche angestellt werden müssen, deren Endzweck es ist, die Selbständigkeit der neugeschafsenen Oststaaten zu wahren und zu stabilisieren. Alle diese Bemühungen haben bis heute zu einem positiven Ergebnis noch nicht geführt und da man fast überall zwei Eisen im Feuer hat, so ergibt sich daraus, daß sich die Nachrichten aus den baltischen Staaten teilweise widersprechen, sodaß e» nicht ganz leicht ist, sich ein ein» wandsretes Bild der Geschehnisse und der Absichten der Rivalen zu machen.
In dem soeben abgeschlossenen russisch-letti- schen Garantiepakt wollen beide Staaten die Nenutralität bewahren im Falle, daß einer der vertragschließenden Teile von einer dritten Macht überfallen wird, wobei ein Anschluß an feindlich gesinnte Koalitionen ausgeschlossen ist. Diese Verträge haben in den europäischen Hauptstädten starkes Aufsehen hervorgerufcn und von verschiedenen Seiten ist die Befürchtung geäußert worden, daß diese Verträge nicht mit den Verpflichtungen, die Lettland gegenüber dem Völkerbund übernommen hat, tn Uebereinklang gebracht werden können. Daß man trotz der gegenteiligen lettischen Beteuerungen in London über die Verträge nicht gerade sehr begeistert ist, ist ebenso begreiflich Wie die ablehnende Haltung Warschaus, da» immer noch gehofft hatte, im Baltikum eine besondere Rolle zu spielen und da» nun wieder erkennen muß, eine wie selbständige Politik Lettland betreibt. Richt Vorbeigehen kann man auch an der Tatsache, daß die Verträge tn E st l a n d einer recht herben Kritik unterzogen werden.
Die Schwächen eines solchen Vertrages mit Rußland verkennt man in Riga offenbar nicht und so hat denn der lettische Außenminister erneut die Frage eines nordöstlichen Lo- Cento8 in die Debatte geworfen. Das geschieht fast tn demselben Augenblick, In dem auch von litauischer Sette sehr lebhaft der Wunsch nach einer Neutralisierung ge- äußert wird. So begreiflich derartige Wünsche sind, so wenig dürften doch die Großmächte, wie etwa England und Frankreich, geneigt fein, irgendwelche Garantien für die baltischen Staaten zu übernehmen, hat doch London in dieser Frage bet allem Interesse am Baltikum, stets etne ablehnende Haltung »inqenommen. Gerade hinsichtlich Litauens ist die Lage in letzter Feit recht undurchsichtig. Zwischen Kowno und Warschau steht der anscheinend unüberbrückbare Wilna-Konflikt, der die Ausnahme normaler Beziehungen zwischen Polen und Litauen bis heute verhindert hat. Nun hatte eS den Anschein, als ob sich aus englisch-französisches Drängen hin in letzter Zeit etne Annäherung zwischen Polen und Litauen vollzog. ES ist auch ein offenes Geheimnis, daß zwischen den beiden Staaten geheime Verhandlungen geführt worden sind, doch tauchen gerade jetzt Meldungen auf,die von Trupperlver- stärkungrn beider Staaten im Wilna-Gebiet ftviffen wollen, woraus man wohl den Schluß ziehen kann, daß die polnisch-litauischen Ver- bandlungen bisher zu keinem Eraebni» geführt haben. Ja, es liegen sogar Meldungen vor, die von einer angeblich bevorstehenden Offen- sive Polen« gegen Litauen sprechen. Wenn das auch zweifellos unrichtig ist, so kann man aus gewissen Anzeichen doch den Schluß ziehen, daß die litanisch-volnischen Verhandlungen auf Schwierigkeiten stoßen. Ob man aus erneuten lettischen Anleihefühlern in Berlin den Schluß ziehen kann, daß Kowno wieder eine Annäherung an Berlin erstrebt, ist schwer zu sagen. Die litauisch« Polittk gegen die Deutschen im Memellande spricht nicht dafür.
Nur nicht for Handelskammern und Ministerrat in marsch Italiens in Albanien? / Vor d< Einheitsfront der Regierung für E
Paris, 16. März.
Brianh hob im gestrigen Ministerrat den befriedigenden Charakter der Genfer Tagung besonders in der oberschlefischen Schul- und der Saarftaee hervor. In der Frage der Rhein- landraumung werde Frankreich auf der nächsten Vülkerbundtagung feine Rechn aus dem Sicherheit»- und Reparationsproblem geltend machen. Eine lange Aussprache fand über die Antwort auf die neue amerikanische Ab- rüstungSnote statt. Halbamtlich verlautet, daß die französisch: Regierung nicht geneigt sei, den ursprünglichen Plan, einen Beobachter zu dieser Konferenz zu entsenden, stattzugeben.
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Sie geben den Mein nicht her
Die Handelskammern fordern erst Festungen.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 16. März.
Die Vorsitzenden der französischen Handelskammern fordern in einer Entschließung unter Hinweis auf die günstige Wirkung der getroffenen Maßnahmen, die bis jetzt befolgte Politik fortzufetzen, die die Wiederaufnahme der Geschäfte ermöglicht und zur Intensivierung der Produttion, Behebung der Arbeitslosigkeit und zu einer Verbilligung der Lebenshaltung führen werde. Die Versammlung schließt sick in der Annahme, daß kerne wirkltche Prosperi töt gesichert werden könne, ohne daß die Frage der Integrität beS französischen Bodens gesichert sei, den Vertretern der Handelskammern des Ostens an. um zu fordern, daß unverzüglich die für bett Schutz bet französischen Grrnzen unerläßlichen Arbeiten unternommen würben unb baß 6iS bahin bk Rhrinlanbbesetzung nach bem Versailler Vertrag aufrecht erhalten werben müsse.
Kriegoftmken am Balkan.
Landet Italien in Albanien? Jugoslawien erregt.
(Eigener Drahtbericht.)
Pari», 16. März.
Laut Pressebericht au« Belgrad stütz Vorbereitungen zur Landung f t al i en i s ch e r T r up- pen an der albanischen Grenze Im Gange. Zahlreiche italienische Agenten durchzöge» Albanien, um Unruhen hervorzurufen, die die Intervention motivieren könnten. Die Bewegung werde von Brlasfi geleitet, der in Albanien großen Einfluß habe. Er habe auch au» Jta- kirn Gewehre, Patronen, Maschinengewehr« und mehrere Gebirgsgeschütze erhalten. Die Bewegung soll als in Belgrad angezettelt hingestellt werden.
Krieg kostet Seid.
Schanghais Kaufleute sollen opfern.
(Eigene Drahtmeldung.)
London, 16. März.
Daily News meldet aus Schanghai, der Verteidiger von Schanghai, General Tfqangtfung- tfchang, habe eine Million Pfund Sterling in bar von den chinesischen Kaufleuten gefordert. Er habe erklärt, wenn er sie nicht erhalte, werde er seine Truppen aus der Provinz zurück z i e h e n und es würden alle Schrecken des Krieges Über die Zivilbevölkerung und die Kaufleute hereinbrechen.
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Die Liberalen Nicaraguas geschlagen.
Washington, 16. März. Die Gesandtschaft von Nikaragua hat ein Telegramm erhalten, in dem ein entscheidender Sieg der Diaz.Wtrett, hafte in Nicaragua gemeldet wirb. Die Zahl der Toten beträgt auf Regierungsseite achtzig auf liberaler Seite hundertundfünfzig.
Moskau ist gewappnet.
Mit Giftgas und einem Riefenheer.
(Eigener Trahtbericht.)
London, 16. Marz.
Krieg-Minister Evan- teilte aus eine Anfrage mit, daß Rußland zahlreiche GiftgaS-Fabriken errichte oder im Bau seien unb die Sowjetmi- litärbehörden in größerem Maßstab nlS irgend- wo anders in der Welt Vorbereitungen für den Gaskrieg träfen. Er lehnte e» ab, feine Informationsquelle anzugeben. Der Präsident des
Paris sehen sich zur Wehr , Eln- tr Entscheidungsschlacht um Schanghai, enf / Weißer Frühling im Süden.
Handelsamtes hielt die Nachrichten über die sehr schweren Verluste die Deutschland mit seinen große» mit englischem Geld errichteten Konzessionen in Rußland erlitten habe, für wohlbegründet. Zweifellos seien gewisse Beträge von Finanzleute» Englands an Deutschland geliehen worden. Tas stehende russische Heer betrage 6504)00 Mann, mit Einschluß der territorialen Miliz über eine Million, während die Reserven außerdem über acht Millionen betrügen. Der Generalpostmeister hielt die Zeit für die von Deutschland vorgeschlagene Ausdehnung des Transatlantischen Telephonverkehrs durch Einbeziehung des Kontinents für »och nicht reif. Einer Anfrage über die Bestrafung des deutschen Journalisten in Rom wich die Regierung aus.
Zeder will verdienen.
Frankreichs Wein erschwert den Vertrag. (Eigener Drahtbericktt.)
Paris, 16. März.
Laut Preflnotiz hat Handelsminiprr Boka- nowski gestern im Ministrrrat erklärt, die deutsch-französischen Handelsvenragsrcrhanb- lungen seien in eine neue Periode von Schmie «gleiten getreten, denn Deutschland weigere sich, die französischen Weine zu den bevorzugten Tarifen zuzulassen, wie sie den itolieni, schen und spanischen Weinen zugebilligt werden. Franzosischerseits fordere man, daß ein Weinkontingent sofort in das provisorische Han- delsvertragsabkommen eingeführt werde, 'das bis zum 31. Mai Geltung hat. Hieraus hätten die Deutschen als Kompensation sofort größere Kontingente deutscher (Waren gefordert. Anscheinend habe man aber ein Protokoll unterzeichnet, um die Verhandlungen fortzufetzen.
Keine Gefahr für Gtrefemann
Sichere Reichstagsmehrheit für Genf. Funkdienst.
Berlin. 16. Mär,.
Auch die Demokraten nehmen an einem Mißtrauensantrag gegen Stresemann nicht teil. Es besteht keine Gefahr für die Regierungskoalition und ben Bestand der Stresemannschen- Herrschaft. Es wirb, fo wirb zuverlässig erklärt, versucht werben, eine Einschränkung der Aussprache über Genf im Reichstag zu erreichen unb zwar aus außenpolitischen Gründen.
Einheitsfront der (Regierung für Sens.
Berlin, 16. März. (Eigene Drahtmeldung.) Ueber die einmütige Zustimmung des Reichskabinetts zu den Genfer Beschlüssen bemerkt ein Volksparteiblatt, daß das Kabinett für die Einrichtung eines BahnschutzrS im Saargebiet im Versailler Vertrag keine Begründung gegeben sehe, jedoch sich mit dem Ergebnis der Genfer Ratstagung einverstanden erflärt habe. Die Regterungsparteien wollen sich im Interfraktionellen Ausschuß für die Debatten im Reichstag grundsätzlich verständige».
Bier Wochen BlefenstE
Noch kein Ende tn Norwegen abzusehen.
(Funktelegramm)
Kopenhagen, 16. März.
AuS OSlo wird gemeldet: Die Lohnkämpfe, die zur Arbeitseinstellung in der Bergwerks-, Textil- Eifen- und Schuhwaeenindustrie geführt haben, dauer» nu» schon fett einem vollen Monat an. Die Schlichtungsverhandlungen wurden gestern ergebnislos abgebrochen. ES dürfte daher als einziger Ausweg das obligatorische Schiedsgericht in Frage kommen. Der Vorschlag wird heute Im Reichstag behandelt.
Weiße Frühlingsgrüße.
Gewitter- und Schneestürme im Süden.
(Eigene Drahtmeldung.)
Rom, 16. März.
Laut Pressenotiz find in den Gebirgen bei Florenz heftige Gewitter mit Sturm und Schneefällen niebergegangen. Die Straßen sind teilweise beschädigt und der Verkehr durch große Schneemaffen verhindert. Der Po ist infolge audaurnder starker Reqenfälle wieder gestiegen unb vielfach über die Ufer getreten. Auch im nörblichen Bppenin unb im Tal von Aosta ist toieber viel Neuschnee gefallen.
Beim Soldatenkaisee.
Ein Tee-Plauderstünbchen hei Tschangtsolin.
Peking, im Februar.
Ein Menschenauflaus hatte ba» Auto vor einem Palast zum Halten gezwungen, auf welche« an fünf Stangen die Flaggen hingen unb der von zwei Schildwachen — Gewehr bei Fuß —- «besetzt- war. «Sind wir schon angelangt?* „Nein. Dies Ist der Namen deS Präsiden« tonten, sozusagen das chinesiche Elysöe. Aber er steht zurzeit lcker.«
DaS PalaiS ist au» einer Reihe hübscher Pavillons zusammengesetzt, die so kostbar sind, wie Schmuckkassetten. Wenn der Marschall ein Haus in Mulden verläßt, bewohnt er da- schönste dieser Juwelenkästchen im Pekinger Ely- fee, rückwärts im dritten Hof. Eine rote Lackschachtel eigentlich, deren hübschester Raum ekt «einer, chinesischer Salon mit Möbeln au« wunderbarem geschnitzten Hol» ist. Gleich nachdem der Diener den leichten Seidenvorhang de» Eingangs aufgehoben hat, erscheint der Marschall Tschangtsolin. Eine zarte Erscheinung, in der man nie den Soldaten sehen würde. Ein einfaches, blaues, aber kostbares Gewand, das Gesicht, das er mir zuneigt, ohne Runzeln und Falten. Die Augen, die immer hinter den Lidern versteckt sind, erhellen fern
Der grüne Tee dampft in den Tassen. Ich nehme aus der mir angebotenen Schachtel ein: Zigarette und mein Gastgeber beginnt mit leiser Stimme zu reden; dank der sofortigen Uevcr- setzung seines Sekretärs geht mir nichts Von seinen Worten verloren.
„ES war liebenswürdig von Ihnen, zu kommen,- sagt der Marschall. „ES ist besser, einmal sehen, alz tausendmal lesen.- Dann geht er sofort in mediaS res. „Die gegenwärtigen Ereignisse bedeuten eine Wendung in der chinesischen Geschichte. Man versteht dies« vielleicht falsch und begeht in ganz Europa den Irrtum, daß es zwei China gibt, ein Nord- und ein Südchina, die verschiedene Ziele verfolgen und von denen der Süden die nationale Einheit und Abgeschlossenheit zeige. In Wirklichkeit gehen diese beiden großen polittschen Parteien scheinbar entgegengesetzte Wege, wollen aber e i n und dasselbe Ziel erreichen. Der Marschall senkt die Stimme noch mehr, legt seine Zigarette auf den Aschenbecher, wie um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen: „Für die innere Politik wollen wir alle die Vereinheitlichung Chinas In einem republikanischen Staat, eine VolkSregierung für das Volk und durch das Volk, Aber zunächst muß Ordnung und Frieden wiederhergestellt werden. Von der Außenpolitik wünschen wir UNS gleiche Behandlung von den Mächte» rm internationalen Verkehr. Respektierung unserer souveränen Rechte. Ich stehe keiner Partei feindlich gegenüber, aber ich erkläre es offen, ohne Mißverständnisse herbeiführen zu wollen, daß unsere jetzige Aktion einzig und allein gegen den Bolschewismus gerichtet ist.
Wir wollen aus dem Nangtsetal die Regierung Moskaus verjagen unb Frieden schließen. Wir werden gern mit der Kuonintang-Partei verhandeln, aber mit Ausschluß der Extremisten und unter der Bedingung, daß die Sowjets webet offiziell noch geheim in die Verhandlungen ehtgreifen.* Der Marschall spricht immer ruhig und ohne Gesten, die Augen aus den Tifch gerichtet. „Wir kennen unsere Pflicht gegenüber den Ausländern in China; wir wissen, daß uns sowohl ihr P.pOcn als such ihr Hab und Gut anvertraut ist. Es ist bedauerlich, daß die bolschewistische Regierung von Kanton durch Gewalt und Drohungen das erreicht hat, was die eigentliche Pekinger Regierung auf den normalen diplomatischen Wegen nicht erreiche» konnte. China wird jenen Rationen dankbar sein, welche nicht die Enteignung obwatte», um sich für irns einzufetzen. -
Der Marschall hat diese letzten Worte lächelnd gesprochen. Dann beginnt er «ich auSzusragen, ob ich nicht viel Schikanen in Sibirien gehabt hätte? Oh die Bolschewiken Propaganda in Frankreich machen? Unb als ich ihm sage, daß eS auch bei un» kommunistische Blätter gibt, unterbricht er mich: Warum unterdrücken Sie sie nicht?- Der Wagen führte mich auf demselben Wege zurück- Als ich bei dem Damen vorbeikam, war keine Menschenansammlung mehr