Nr. 46.
Siebzehnter Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichten
1. Beilage.
Donnerstag, 24. Februar 1927.
Das Modell. (
Eine Sensation der ungarischen Hauptstadt.
3m Stellet des anndekxex »Ilddaxer» ve»r«
M. ix Bndaveft wurde» auf dee Setfieexe . bei StaalsanwaltlLaft zwei Marmorftatucu be- - ichlagxahmt. Dieser Mabuabme, die aus eine etrafenadse erfolgt x>or, liegt die uachstcdeud roitgeteilte iutereflaute Borgeschichte gngrnnie:
Der Bildhauer Georg M. hat im vergangenen tzahr die Familie einer reichen KaufmannSWit- we kennen gelernt. Die Witwe, die übrigens einer Familie angehört, die in der ungarischen Politk eine große Rolle spielt, lud den Bildhauer in ihr Heim ein. Von dieser Zeit an war der Künstler oft und gern gesehener Gast tot Hause und machte mit gleichem Elan den Hos allen drei erwachsenen Töchtern der Witwe. Eines .Tages wandte sich der Bildhauer mit einer Bitte an die Gastgeberein. Ihre jüngste Tochter, erklärte der Bildhauer, wäre ein ganz vorzügliches Modell. ,^Fch habe im Lause meiner künstlerischen Karriere noch kein Mädchengesicht gesehen, daS mich derart angezogen und inspiriert hätte, wie das Gesicht Ihrer Tochter. Ich möchte es gerne verewigen. Sie müßte freilich einige Male in mein Atelier kommen. Es versteht sich wohl von selbst, daß ich daS Porträt dann der Familie als Geschenk übergeben werde."
Die Witwe wollte ursprünglich dem Wunsche des Bildhauers nicht entsprechen. Schließlich gab sie nach, nachdem sich der Bildhauer verpflichtet hatte, die Statue nicht zu vervielfältigen und das einzige Original der Familie zu überlasten. Georg M. ging auf dies« Bedingungen mit Freude ein und die Arbeit wurde wenige Tage später in Angriff genommen. Das neunzehnjährige Modell kam in Begleitung der Gouvernante in das Atelier. Schließlich war das Porträt fertig. Der Bildhauer zeigte jedoch keine Lust, die Statue der Familie zu übergeben, sondern wandle sich nun mit einer zweiten Bitte an die Witwe. „Es wäre schade, sagte er, dieses Kunstwerk nicht auch aus Marmor zu schnitzen. Ich könnte um die Bagatelle von zehn Millionen Kronen einen Marmorblock kaufen. Wenn Sie bereit wären, Mr die Hälfte dieses Betrags zur Verfügung zu stellen, so könnte ich mir das notwendige Material verschaffen. Den Restbetrag würden Sie dann nach Fertigstellung der Arbeit begleichen."
Die Witwe, der die Statue außerordentlich gefiel, entsprach auch diesmal dem Wunsche des Bildhauers, dieser mußte sich jedoch ehrenwörtlich verpflichten, sowohl das Original, wie die Marmorkopie der Familie zu übergeben. Der Künstler übernahm die fünf Millionen und von diesem Augenblick an ließ er sich im Hause nicht mehr blicken. Auf di« vielen telephonischen und schriftlichen Anfragen antwortete er schließlich mit einem Brief. „Es ist mir leider unmöglich, hieß es darin, ein Marmorporträt um zehn Millionen Kronen zu liefern. Der Preis der Statu« beträgt 80 000 000 Kronen." Die Witwe verlangte nun gleichfalls schriftlich die fünf Millionen Kronen zurück. Sie war nicht wenig überrascht, als sie tagS darauf eine Mahnung, die 75 Millionen sofort zu bezahlen, erhielt. Der Bildhauer machte ihr zugleich telephonisch folgende Mitteilung: ,Jch habe zu der Büste nach Phantasie auch die Aktfigur Ihrer Tochter verfertigt. Sie ist ausgezeichnet gelungen und ich habe die feste Absicht, die Statue auSzustellen. Da das Kunstwerk eine verblüffende Lebenstreue zeigt, unterliegt es keinem Zweifel, daß man Ihr Fräulein Tochter sofort erkennen wird. Sollten Sie di« Statue innerhalb dreier Tage nicht ab- kaufen, so müßte ich jede weitere Verhandlung ablehnen, das Kunstwerk Mrd schon einen Liebhaber finden."
Die Witwe wandte sich nun verzweifelt an ihren Rechtsanwalt, dieser ließ durch zwei Privatdetektive Erhebungen vornehmen und brachte in Erfahrung, daß der Bildhauer bereits mehrere Male mit ähnlichen Drohungen den Ablauf
Der kurz gefaßte Handelsteil der Kasseler Neuesten Nachrichten bietet dem Leser das Wissenswerteste von der Börse und aus dem Gebiete des Wirtschaftslebens. Täglich Berliner Kurse, Viehmärkte, Produktenmärkte, Wochenmärkte re.
von Statuen durchgesetzt haben soll. Der Advokat erstattete sofort di« Anzeige gegen den Bildhauer wegen Erpressung. Der Künstler wurde vorgeladen. Bei seiner Vernehmung erklärte er, sich keiner strafbaren Handlung bewußt zu sein. Sein künstlerischer Ruf laste es nicht zu, um fünf Millionen Kronen ein« Statue zu liefern. Er habe der Witwe nie versprochen, das Porträt geschenkweise der Familie zu überlasten. Die Polizei übergab die Akten der Staatsanwaltschaft, di« nun die Beschlagnahme der Statue verfügte. =app.
Aus aller Welt.
MiNewolzer am Ziel.
Der Schiveizer Flieger Mittelholzer kabelt aus Kapstadt, wo er bekanntlich am Montag gelandet ist: Nach vielen schwierigen Manövern gelang uns 10,35 Uhr ein leidlicher Start aus dem Buffalo-Fluß bei East London. Das Meer lag wild aufgewühlt unter uns. Wir nahmen sofort Kurs nach Südwesten und passierten trotz schweren Gegenwindes schon 12,15 Uhr Port Elizabeth. Je mehr wir uns dem Nadel- kap näherten, desto ruhiger wurde das Wetter, und nach Umflieguüg der Südspitze des afrikanischen Kontinentes zogen wir bei prachtvoller Beleuchtung hoch über das Kap der guten Hoffnung dabin und gingen in langem Gleitflug auf die Tafelbai, um nach sechseinhalbstündigem Fluge genau 5 Uhr im Hafen von Kapstadt zu landen. Der Stadtpräsident begrüßte uns im Namen Südafrikas. Wir werden uns am 4. März zur Heimreise einschiffen.
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Die verspätete Röntgen-Aufnahme.
Der praktische Arzt Friedrich Wilhelm B. aus Adenau (Rheinland) war der Körperverletzung in Ausübung feines Berufes angeklagt. Eine Frau, die einen Unfall erlitten hatte, wurde vom Arzt erst nach drei Wochen geröntgt, obwohl die Notwendigkeit einer Röntgenaufnahme bereits am ersten Tage der Behandlung vorlag. Durch die Verzögerung war eine vollständige Heilung des verletzten Fußes nicht mehr möglich. Maßgebende medizinische Sachverständige von der Klinik in Bonn bekundeten, daß der Angeklagte unbedingt die rechtzeifige Röntgenaufnahme hätte veranlasten mästen, während der Arzt erklärte, daß eine frühere Uebcrsiihrung in die Bonner Klinik nicht möglich war. Der Arzt wurde zu einer Geldstrafe von 190 Mark verurteilt.
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Dramatischer Selbstmordversuch Im Kino.
Ein sensationeller Austritt fand in einem Pariser Kino gegen das Ende der Vorstellung statt, als ein approbierter Zahnarzt namens Leon Leslie, der im Frack int Parkett saß. einen Revolver gegen seine Schläfe richtete und abdrückte. Der Mann hatte die Vorführung eines berühmten deutschen Filmes, in dem ein junger und schöner Filmkünstler eine führende Rolle spielte, mit großer Spannung verfolgt. Er war im Glauben, daß der Filmstar sein Nebenbuhler in der Liebe zü feiner Frau fei und war sogar
nach Berlin gereist, wo seine Frau sich aushält — um sie zu bitten, zu ihm zurückzukehren, was sie aber zu tun verweigerte. M. Leslie hat schon eine abenteuerliche Laufbahn hinter sich. In Saigon in Jndochina focht er ein Duell mit einem dortigen Großkaufmann, den er schwer verwundete, aus. Er wurde dafür zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, aber bedingungsweise begnadigt. Jetzt liegt er im Krankenhause gefährlich verletzt darnieder, hat aber der Polizei eine umfangreiche Sammlung von Briefen u. Schriftstücken, die auf das Drama Bezug haben, ein- gehändigt u. um deren Veröffentlichung gebeten.
• Wenn man die Operation scheust Unter gräßlichen Schmerzen starb in Freidors bei Passau die 24 Jahre alte Gürtlerstochter N. Pressemayr. die sich beim Wischen des Wohnstubenbodens einen großen Holzsplitter in den Finger gestoßen hatte. AuS Furcht vor einer Operation ließ sie sich den Splitter nich, entfernen. Schließlich trat Wundstarrkrampf ein, der den Tod herbeiführte.
* Aktenschiebungen auch in Hannover. Beim Amtsgericht Hannover sind in diesen Tagen umfangreiche Mtenbeseitigungen aufgedeckt worden. Als Haupttäter kommt ein seit Januar dieses Jahres entlassener Hilfsangestellter in Frage, der zusammen mit vier Zivilpersonen, den vermutlichen Ansttftern, verhaftet werden konnte. Den Anstoß zur Feststellung der Aktenvernichtung gab das plötzliche Fehlen der Akten in einer Abtreibungssache. Der Hilfsangestellte hat sich von den Verhafteten bestecken lasten.
* Großfeuer in einer Sckokoladenfabrik. In einer Schokoladen- und Zückerwarenfabrik in Breslau vernichtete ein Großfeuer fast den gesamten Fabrikationsraum mit Hallen, Maschinen und EinricktungSgegenständen fotoic 30 Zentner Rohmaterial und Halbfertigfabrikate. Der ganze Bodenraum, die Dachkonstruktion, die Deck- des angrenzenden Licktspieltheaters und der Vorführraum sind den Flammen zum Opfer gefallen.
* Reue Festnahme in der Mordlache Rosen. In der bekannten Mordsache Rosen-Breslau weilten Beamte der BreSlauer Kriminalpolizei in Eckolstädt bei Camburg an der Saale und nahmen den Stallffckweizer Wolfs fest Er wurde zur Gegenüberstellung mit den Angeklagten nach Breslau überführt. Die Untersuchung wird ergeben, inwieweit und ob Wolff an der Mordsacke beteiligt ist.
* Eine romantische Heirat. Aus Athen wird mitgeteilt, daß Lidh Law, die seckzigjährige Witwe des Majors Sir Edward F. Law, der früher im Rate deS Vizekönigs von Indien Finanz- mitalied war und auch Großbritannien in der Internationalen Finanzkomission vertrat, eine -romantisch« Ehe eingegangen. Ihr fetziger Mann ist ein hübscher und junger griechischer Polizist und heißt Pironnakis.
* Seltsame Zoten träger. Ein Londoner Beerdigungsinstitut benutzt jetzt zur Entfernung von Leichen ans Hotels und anderen öffentlichen Gebäuden anstelle der Särge hoble, mit Möbelstoff überzogene, sofaförmige Behälter. Die Lei- chenträaer sind als Möbeltransporteure verklei
det und können, ohne die in den Hallen und EmpfangSräimflichkeiten des Hotels sich aushaltenden Gäste irgendwie zu stören, in einem solchen Behälter den Toten während der geschäftigsten Stunden unbemerkt wegbringen.
• Ein Straßenblock abgebrannt. In W i l - li am Sport (Pennsylvania) zerstörte ein Großfeuer einen ganzen Straßenblock. Ein Feuerwehrmann wurde getötet, mehrere wurden schwer verwundet. Der Schaden beträgt eine Million Dollar.
* Achthundert Jahre Marienburg. Die als eine der malerischst gelegenen Burgen des Moseltales bekannte Marienburg bei Bullay mit den Ruinen des ehemaligen Augustinerklosters kann in diesem Jahre ihre Achchundert - Jahrfeier begehen.
* Elstauseud Liter Benzin gestohlen. Zwei Lagerhalter einer Mineralölverkaufsstelle tn Plauen entwendeten aus den Beständen ihres Arbeitgebers insgesamt 11000 L. Benzin und verkauften dieses. Auch mit Schmeröl, das sie ebenfalls ihrem Arbeitgeber cntwen- beten, trieben sie einen lebhaften Handel.
* Brennendes Petroleum. Auf dem Grundstück einer Petroleumgesellfchast in B o p o t o (Columbia) brach ein Brand aus, durch den für eine Million Dollar Schaden angerichtet wurde. Nur der günstigen Richtung des Windes ist es zu verdanken, daß nicht ein großer Teil der Stadt ein Opfer der Flammen wurde.
* Der Rcservestrurnpf in der Tasche. Amerikanische Zeitungen kündigen cn, daß zahlreiche Firmen künftig drei Strümpfe statt zwei ver- kaufen werden. Die Damen werden den Re- servestrumpf stets in der Tasche bei sich führen, um ihn im Notfall auswechseln zu können.
Vom Teufel geplagt.
Okkulte Phänomene im Gerichtssaal.
Das Münchener Medium Eleonore Zugun erregt« mit den Erscheinungen, die von einem bösen Geist auf ihrer Haut hervorgerufen wer- den, in ganz Europa das allergrößte Aufsehen. Die Beschützerin des Mädchens, eine Gräfin WassMe, brachte sie auch nach München, wo bte okkulten Erscheinungen durch den bekannten Professor Schrenck-Notzing für einwandfrei befunden wurden. Der Nervenarzt Dr. Hans Rosenbusch schrieb daraufhin im „Berliner Tageblatt" einen Artikel, der sich mit diesen Erscheinungen beschäftigte und die Möglichkeit aussprach, daß das Medium, wahrscheinlich auch seine Beschützerin die „okkulten" Erschei- nungen durch betrügerische Manipulationen Hervorrufe. Das hat dem Verfasser jetzt die Verleumdungsklage eingetragen, die die Gräfin vor einem Münchener Gericht gegen ihn anstrengt.
Wollte man alle Fälle, in denen Spiritisten des Betruges bezichtigt werden, vor Gericht austragen, dann hätten die Gerichte wahrlich viel zu tun. Die Gräfin Wassilke wiederum riskiert nicht viel, wenn sie sich dennoch gegen die Gepflogenheit zur Klage entschließt. Denn der Beklagte wird wohl sreigesprochen werden, weil sein Artikel durchaus sachlich und wissenschaftlich gehalten war — und andererseits ist so ein Prozeß die allerbeste Reklame, die man für das Medium und seinen weiblichen Impresario machen kann.
Dr. Hans Rosenbusch wird in rechtlichem Sinne — keineswegs beweisen können, daß die Zugun schwindelt, andererseits wird der Teufel, von dem sie besessen ist, es kurzerhand ab» lehnen, sein« Künste in Anwesenheit eines hohen Gerichtshofes ausüben, und kein Jn- stizwachtmeister wird ihn dazu zwingen können. So ist das Gericht aus die Vernehmung von Sachverständigen und Augenzeugen angewiesen, und man kann sich denken, was dabei herauskommen wird. Jedenfalls ist die Welt nachher ebenso klug wie zuvor, und der Prozeß hat nur das eine Gute, daß er in die trübe Stimmung der Gerichte eine heitere Note bringt.
AlAMiM.
4) Roma« vo« Otfried von Haustein.
Zufällig stand Doktor Weyer, der junge dritte Assistenzarzt, dabei, als er den Wagen bestieg.
„Augustastraße siebenundzwanzig."
Eine halbe Stunde später — denn der Weg war weit — ging er die Treppe des alten Geschäftshauses hinauf und klingelte an der Tür des Kaufmanns Friedrich Gunther.
Ein schmächtiger, langaufgeschossener jüngerer Mann öffnete. z
„Ist Herr Gunther zu sprechen?"
„Bitte, treten Sie ein."
Das Büro war wohl geschlossen, denn sie durchschritten ein großes, leeres Zimmer, in dem während des Tages wahrscheinlich einige Tippfräuleins saßen, und traten dann in ein einfach eingerichtetes Privatkontor, in dem außer einem Doppelpult und einigen mit Akten bestellten Regalen nur ein paar Stühle standen.
„Bitte, womit kann ich dienen?"
„Ich möchte Herrn Gunther persönlich sprechen."
„Bedauere. Herr Gunther ist auf ein paar Wochen ins Ausland gereist. Ich bin sein Vertreter und bin über alles Geschäftliche unterrichtet."
Wieder eine EnttäuschungI Ewald zwang sich zur Ruhe.
„Ich bin Doktor Ewald Menzel, ich weiß nickt..."
„Jawohl, der Fall ist mir bekannt."
„Sie wissen, baß Herr Gunther fimftigtau- scnd Mark vor mir verlangen, aus einer Bürgschaft für meinen Bruder?"
„Gan, recht, bis zum dreizehnten dieses Monats, falls Sie bis dahin nicht..."
Ewald unterbrach mit abwehrender Bewegung. Er mochte nicht noch einmal ans dem Mund dieses fremden Mannes eine Verquik- kung seiner Schuld mit dem Namen Ernas hören.
„Ich glaube eine Möglichkeit gefunden zu haben, das Geld zu schaffen."
„Sehr erfreulich."
„Wollen Sie diesen Brief des Herrn Prof. Kirchheimer lesen. Wie Sie auch aus dem Briefbogen ersehen, ist dieser Herr Direktor eines Kunstgewerbemuseums und nicht abgeneigt, jene chinesischen Platten, von denen ich Herrn Gunther erzählte, zu kaufen."
Der Buchhalter las den Bries und schüttelte den Kopf.
„Ich sehe zunächst daraus nur, daß Herr Kirchheimer bis zum ersten Juni verreist ist."
„Deshalb kam ich ja hierher. Es ist doch wohl selbstverständlich, daß Herr Gunther mir diese vierzehn Tage Frist bewilligen wird."
„Was Herr Gunther in diesem Fall tun würde, kann ich nicht wissen, ich mutz mich als Angestellter nach den Vorschriften richten, die er mir vor seiner Abreise gab, und diese besagen, daß ich, im Falle Sie nicht zahlen, spätestens am fünfzehnten Mai gegen Ihren Herrn Bruder Konkurs beantragen muß, gegen Sie habe ich 3toiIHage auf Zahlung von fünfzigtausend Mark einzureichen und gleichzeitig Herrn Geheimrat Wislizenus von der Sachlage Mitteilung zu machen. Anders läge der Fall, wenn Sie mir vorher die schriftliche Bürgschaft des Herrn Geheimrat brächten, oder wenn.."
Ewald unterbrach: „Sie sind selbst noch ein junger Mann. Auch Sie wollen vorwärts kommen im Leben. Sie müssen mich verstehen! Meine Existenz, mein Lebensglück stehen ans dem Spiel. Ich bitte Sie herzlich, geben Sic mir vierzehn Tage bis zum ersten Juni Zeit. Sie sehen dock, daß ich mir alle erdenkliche Mühe gebe, das Geld zu beschaffen, und Sie wissen dach, daß es keine leichtsinnige Schuld ist, die aus mir lastet."
Ewald fühlte sich gebemütigt, baß er sich zu solchen Bitten erniedrigen mußte.
Der Buchhalter erwiderte: „Geehrter Herr Doktor, so gern ich Ihnen gefällig fein möchte, Sie müssen einsehen, daß ick als Angestellter mich genau nach den Anordnungen meines Chefs richten muß. Mir steht fein Recht ju, irgendwie selber zu verfügen."
Ist es denn nicht möglich, an Herrn Gunther ju schreiben? — Wie lautet seine Adresse?"
„Die ist mir augenblicklich unbekannt. Herr Gunther war überarbeitet, ist irgendwo aus Reisen und will in keiner Weise behelligt sein."
„Sie wollen mir also nicht helfen?" Ewald konnte nicht hindern, daß ferne
Stimme gereizt klang.
„Bite sehr, ich wollte daS gern tun, aber ich kann nicht. Ich will Ihnen entgegenkommen, soweit ich vermag. Ich erwarte bis zum vierzehnten Mai abendS zehn Uhr Ihren Besuch zur Ordnung der Angelegenheit, mehr darf ich nicht zusagen."
Niedergeschlagen verließ Ewald daS Haus und kehrte in das Sanatorium zurück.
Als er wieder eintrat, wartete Herr von
Gordon in seinem Zimmer.
„Lieber Kollege, das Radium befindet sich unter Ihrem Verschluß, ich möchte eine Bestrahlung vornehmen."
Ewald sah ihn erst einen Augenblick verständnislos an, in Gedanken war er noch zu kehr mit seinen Sorgen beschäftigt, als daß et sofort verstanden hätte, dann sagte er: „Gewiß, Herr Direktor."
Gordon sah Ewald ernst und gütig an.
„Sie sind nervös, lieber Kollege. Mir scheint, Sie nehmen die Vertretung des Geheimrats zu schwer, Sie gönnen sich ja kaum in der Nacht Ruhe sich bin wenigstens nie zu irgend einer Zeit ins Sanatorium aekommen, ohne Sie bei der Arbeit zu finden. Sie müssen auch an Ihre Gesundheit denken."
„Gewiß, gewiß."
Die gütigen Worte berührten Ewald angenehm.
Er schloß den Schrank ans und holte das Kästchen mit dem Radium heraus. Gordon hielt es lächelnd in seiner Hand.
„Ist doch eigentlick toll, daß so ein kleines Körnchen eine halbe Million Goldmark wert ist." Unwillkürlich zuckte Ewald zusammen.
Eine halbe Million! Und fein ganzes Leben sollte wegen fünftigtauscud Mark zugrunde gehen.
„Darf ich bei der Bestrahlung dabei fein? —
Das ist ein Gebiet, das ich aus Erfahrung nicht kenne."
„Wenn Sie es wünschen, gern! Dann bin ich auch nachher die Verantwortung los, und Sie können das Radium gleich wieder einschließen."
Die Bestrahlung wurde auSgeführt. Nachdem sie geschehen war, schloß Ewald das kostbare Kästchen wieder in den Tresor und setzte sich in den Sessel des Arbeitszimmers. Es war nicht die erste Nacht, die er schlaflos verbracht hatte, und auch heute wußte er, daß es vergeblich fein würde, auf Schlaf zu hoffen.
Am späten Abend kam Doktor Schrecker noch einmal zu ihm.
„Arbeiten Sie denn immer?"
„Ich kann doch nickt schlafen, ich bin zu nervös."
„Nehmen Sie Veronas, dann schläft man, auch wenn Gott weiß was das Gewissen belastet."
Ewald erschrak.
Was wußte dieser Mensch?.— Was sollte bas heißen?
Aber Doktor Schrecker war, ein Liedchen vor sich hinträllernb, wieder hinausgegangen. Gewiß hatte er nur einen Scherz gemacht. Noch konnte ja niemand etwas wissen.
Unwillkürlich fiel Ewalds Blick in den Spiegel; er erschrak vor seinem Aussehen.
Sie hatten recht, sowohl der gütige'Doktor Gordon wie auch der sicher boshafte Schrecker. Er mußte schlafen. Also war es wohl gut, Veronal zu nehmen.
Er hatte das Schlafmittel zur Hand, nahm eine starke Dosis, legte sich in das Bett im Nebenzimmer und schlief bald so fest und tief, daß ihn am nächsten Morgen der Sanatoriumsdiener wecken mußte.
Der dumpfe Schlaf hatte ihm keine Erfrischung gebracht. Kaum war er munter, als auch seine Sorgen wieder vor seiner Seele standen. —
Am Abend dieses Tages kam unerwartet Geheimrat Wislizenus zurück, früher, als er er» wartet wurde. (Fortsetzung tolflu.