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Tragödie einer Ehe.

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halte» es für schwierig, Lauspersonal zu finden ? Wenn Sie in den Kasseler Neuesten Nachrichten Lauspersonal durch eine Kleine Anzeige suchen, dann werden Sie bald davon überzeugt sein, wie außerordentlich leicht es ist, geeignete Lilfe zu erhalten.

* Er« Zwölfjähriger als Raubmöder. Abends betrat ei» Brooklyner 12jähriger Kna­be namens Martin Donov.« einen Newyorker Galanteriewarenladen, zog tinen Revolver und orderte den Ladeninhaber auf, das Bargeld herauszugeben. Dieser, der das Ganze für

im Gewicht von zwei Kilogramm, fällt einem glücklichen Engländer zu. Während von den sechs Automobilen fünf an Damen ausgelost wurden. -pp.

Aus aller Wett.

Da» Dlensimüvchen al» Millionärin.

Wir haben «S schon kurz gemeldet: Ein Dienstmädchen in der sächsischen Stadl Meerane soll von ihrem Onkel in Amerika fünf Millio­nen Dollar geerbt haben. Das wären mehr als zwanzig Millionen Mark. Jetzt erfährt man dazu allerlei Einzelheiten. Der reiche Onkel in Amerika war ein gewisser Schefselbauer, der vor einem Jahre in Milwaukee gestorben ist. Das Dienstmädchen aber heißt Marie Draxdors, ist 28 Jahre alt, in Leipzig geboren und feit fünf Jahren bei dem Fleischermeister Bach­mann in Meerane in Stellung. Ihr erster Bräutigam ließ sie mit einem Kind sitzen, in dieser schweren Zeit nahmen sich Bachmanns ihrer sehr an. Jetzt ist sie mit dem Maurer Joses Raff in Meerane verlobt. Bis zur Aus­zahlung des Geldes will sie bei ihrer Herr­schaft, die sie als ein braves, gutes und fleißiges Mädchen lobt, weiter dienen. In der letzten Zeit hat sie täglich ungefähr achtzig Briefe be­kommen. Da tragen ihr allerhand Leute, die sie gar nicht kennen, aber ihr Geld sehr wohl zu schätzen wissen, ihre Hand an. Darunter Rittergutsbesitzer, Majore und viele andere mehr. Andere Leute wieder verzichten auf ihre Hand und wollen nur das Geld. Es gibt be­scheidene dabei, die bloß 5000 Mark wollen, an­dere sagen sich, daß nur Lumpe bescheiden sind und verlangen 100000 Mark. Für alle mög­lichen Zwecke. Alle diese Briefe wandern in den Ofen, denn Fräulein Dravdorf ist ein ver­nünftiges Mädchen und läßt sich nicht beirren.

für Jahr dieselbe Loge einnehmen, und gewis­sermaßen zu den Mitwirkenden dieses Gala­abends der eleganten Welt gehören, waren von der seenhasten Märchenwelt erstaunt, in di« die Kunst der Dekorateure Chatelain und < -toa der beiden berühmten Ausftattungschess des Opern­hauses die Bühne und bett Zuschauerraum des großen Theaters über Nacht verwandelt hat. Der Riesenraum, der mehr als dreitausend Dheatergäste zu fassen vermag, wurde über Rächt mit einer Sammtdraperi« überzogen. Gold und Dilberbrokat» mit einer

wahrhaft königlichen Verschwendung

für diese Gelegenheit auf geboten, verliehen der Bühne, die infolge des Mangels der Kulissen diesmal geradezu phantastisch geräumig er­schien, einen in des Wortes buchstäblichstem Sinne feenhaften Anblick. Der Architekt Clodis Rosci und seine zehn Mitarbeiter hatten zwi­schen dem Orchester und der Bühnen eine breite silberne Brücke erbaut, die wie eine riesenhafte Zugbrücke eines Feenschlosses, im Lichtmeer der Reflektoren und Ampeln erstrahlte. Der reprä­sentative Ball machte dem Titel von Paris als Stadt des Lichtes alle Ehre. Nicht weniger als vierzigtausend elektrische Ampeln tauchten den großen Theaterraum in eine Flut von künstli­chem Licht. In den Marmorsälen war den ein» geladenen fünfhundert Gästen die Tafel gedeckt. Alles, was die Pariser Gesellschaft an bekann­ten Namen aufweist, hatte der Einladung Folge geleistet. Die HonneurS machte Madame Poin- car6, die Frau des Ministerpräsidenten. An der hufenförmigen langen Tafel war der größte Platz der Diplomatie eingeräumt worden. Die unzähligen Gesandten, Botschafter, Konsul« die

di« Länder der fünf Weltteile

in Paris vertreten, waren vollzählig erschienen. Man sah hier Galauniformen, die in ihrer exo­tischen Seltsamkeit geradezu an Operetten­kostüme erinnerten. Punkt neun Uhr wurde die Tafel aufgehoben. Fünf Minuten später ertö­nen die Posaunen der Ehrengardisten, deren stramme Figuren beiderseits die große Mar­morstiege der berühmten Vorhalle umsäumen. Der Präsident der Republik Doumergue hält seinen Einzug. Der Zuschauerraum, der in die­sem Augenblick bereits

von tausenden BMgästen gefüllt

ist, wird für einige Minuten stille. Dann, wie von einem einzigen Mann gesungen, erklingen die Akkorde der Marseillaise, begleitet von einem prachtvollen Orchester. Nun geht daS eigentliche Fest Io8. Alle Blicke sind auf die silberne Brücke gerichtet, wo nun den Ballgästen erlesene Kunst­genüsse bargeboten werden sollen. Die russi­schen Tanznummern deS OpernballettS finden ungeteilten Beifall. Dann kommt eine seltene Darbietung. Der große japanische Maler Fujita erscheint mit einem seiner Landsleute, dem Athleten Nfhiguro auf der Bühne und sie füh­ren beide einen unverfälschten Yui-Vitsu-Ring- kampf auf. Ein ApplauSsturm begleitet die amüsanten Tanzszenen deS Pariser Lieblings Biscot. Seine beiden kleinen Partnerinnen erhalten Boukette, bedeutend größer, alS sie selbst. Den Clou der Tanznmmnern bildet aber eie phantastische Schöpfung der Wiener Tän­zerin Maria Lev, die seit vielen Monaten be­reits zu den bedeutendsten Tanzsternen von Paris gehört. Während daS Orchester zum Charleston aufspielt, setzt sich das Glücksrad in Bewegung. Der Haupttreffer, eine Goldbarrc 1

: einen Jungenstreich hielt, rief ihm zu: .Dum­mer Junge !*, worauf Donovan ihn wortlos nicderschoß. Er flüchtete, wurde aber sofort ein­geholt. Der Ladeninhaber erlag dem Lungen­schuß, ehe ein lirantentoagen zur Stelle war.

* Rächerin ihrer Ehre. Ein zweiundzwan- zigjähriges Mädchen überfiel in der ftanzösi- schen Stadt M e l u n thren Freund, der sie ver­lassen hatte, auf oftener-Straße und tötete ihn durch einen Stich in den Hals. Dann ging sie ruhig nach Hause.

* Theater-Razzia in Amerika. Nach einer Meldung aus N e w h o r k kam es aufgrund neu erlassener Verfügungen bei Beginn der Theater-Vorstellungen am Breadway zu Aufse­hen erregenden Verhaftungen. Polizisten dran­gen in drei Theater ein, in dem anstößige Stük- ke gespielt wurden, schlossen sämtliche drei Thea­ter und nahmen Direktoren, Autoren n. Schau­spieler fest und schafften sie in Lastautos unter dem Hallo der angesammelten Menge zum Gericht.

* Australiens neue Hauptstadt wird eröffnet. Der Herzog von York, der sich mit feiner Gat­tin auf einer Reise durch die englischen Kolo­nien und Dominions befindet, wird im Früh­jahr die neugeschaffene Hauptstadt.von Austra- lien, (Canberra, eröffnen.

* Wenn der Sprengschuß fehlgeht. Auf der Grube Georg bei Hachenburg auf dem Westerwald entstand durch einen sehlgegangenen Schuß eine Explosion. Das niederstürzende Gestein verschüttete drei Bergleute. Zwei wur­den getötet und der dritte leicht verletzt.

* Ein Todeskanditat vor Gericht. Am 18. Februar findet in Magdeburg die Berufungs- Verhandlung gegen den Raubmörder Schröder statt, der den Buchhalter Helling ermordete, den Industriellen Haas verleumdete und zum Tode verurteilt wurde. DaS Todesurteil ist bereits rechtskräftig. Schröder hatte aber noch gemein­sam mit seinem Zellengenossen, einen Aus­bruchsversuch gemacht, wobei der Aufflchtsbe- amte Blanke schwer verletzt wurde. Wegen die­ses Verbrechens wurden beide zu drei Jahren Zuchthaus veruteilt. Nun hat der zum Tode verurteilte Schröder Berufung eingelegt.

* Bon der Lokomotive zermalmt. Ein schwe­rer Automobilunfall hat sich auf der Strecke StettinSwinemünde zwischen den Stationen ArnimSwalde und Mtdamm zugetragen. Dort kreuzte ein Kraftwagen die Schienen der Eisen­bahn und wurde habet von dem Personenzug erfaßt. Der Chauffeur erlitt eine schwere Kopfverletzung, feine Begleiterin wurde sofort getötet

Tragikomödie nm ei« Lo». Bel der Zie­hung der Roten Kreuz Lotterie in Frankfurt am Main, fiel ein Gewinn von 40000 Mark auf ein LooS, dessen Inhaber sich bisher nicht gemeldet hat. Der Gewinner ist ein Arbeiter gewesen, der kurz nach Ziehung im Kran- enhauS verstarb und nicht mehr die Zelt fand, den Gewinn zu erheben. Merkwürdigerweise ist daS Los spurlos verschwunden und nunmehr bemühen sich die Erben den Gewinn zu erhalten

* Freiwillig verhungert Ein englischer Oberst der an einem leichten Magenübel litt, hatte sich eine besondere Diät zusammengestellt. Mor­gens er nur eine Apfelsine uno etliche Trau­ben, zu Mitag eine gekochteKartoffel und etwas

DaS Duisburger Ehepaar Wacker war seit Freitag verschwunden. Am Sonntag morgen madjte sich die Schwester des Wacker zur Woh­nung der Eheleute auf und fand auch schließlich nach langem Klopfen Einlaß durch bte Ehefrau. Aus di« Frage nach ihrem Bruder antwortete die Frau, daß er seit Freitag krank im Bette liege. Am Bett angekommen, «mßte die Be- ucherin aber ,u ihrem Entsetzen seststellen, daß der Mann leblos dalag. Der Verwesungs­geruch ließ daraus schließen, daß der Tod schon vor einigen Tagen eingetreten sein mußte. Die osort benachrichtigte Mordkommission stellt« den Sachverhalt fest Auf dem Tisch stand ein Ge­fäß mit einer Flüssigkeit, die von der Ehefrau als Sennes-Tee bezeichnet tourt*. Rach Sage der Umstände muß die Fran gtoti Rächte neben der Leiche geschlafen haben. Wegen Verdunke­lungsgefahr wurde sie sofort in Haft genom- men. Die Verhaftete soll auf Ihren Mann sehr eifersüchtig gewesen sein. DaS Motiv der Tat ist aber noch ungeklärt

ßarifer Fasching.

[ Da» Fest der vterzigtausend Ampel«.

tBtanrett des SarneoalS. Di« BtMe rem Feeaschloh. Festsoaver in de» Marmorsälea. Fra« MialftervrüftdeM cmvkLugt. Gala-Uui- foimen ... aus der LoereUe. Der Präsideut kommt Bier Pfand Gold als rombolagemian.

Der Höhepunkt des Pariser FaschrngS, der alljährliche O p e r n b al l, gestaltete sick diesmal zu einer Sehenswürdigkeit seltenster Art. Selbst Die Habitues des Faschingsfestes in der Oper, die in ihren Fracks und Chapeau Claquc Iah:

Salat, mitunter statt dessen drei roh« Kohlbläte ter. AbendS schließlich einen Löffel Rüben- supp«, eine rohe Rübe, zwei ttockene BisquitS und etwas Butter. Eines Tages fand man ihn tot In feinem Bett. Die Obduktion ergab, daß er verhungert war.

* Bismarcks Friseur gestorben. In BergS- dors bei Hamburg, starb im Alter von dreiund­siebzig Jahren der Friseur Wllhem Röhrig. Der Entschlafene war Jahre hindurch der Fri­seur des Altreichskanzlers in FriedrlchSruh.

* Trinkfeste Diebe. In Erkenschwick wurde« über 40 Flaschen Wein gestohlen. Die Täter haben einen Teil der Beute sofort auf einer naheliegenden Wiese auSgetrunfen, den Rest der Flaschen in ihre Wohnung mit genommen und dort bis zum Abend weiter gezecht . AIS sie am späten Abend festgenommen wurden, waren nur noch wenige Flaschen vorhanden.

Mit dem Lod um die Wette.

Glänzender Erfolg eines amerikanische« Fliegerstückchens.

Ein Vorgang, der einem amerikanischen nerven aufwühlenden Sensations . Kinodrama nicht unähnlich ist, hielt vor kurzem die $tali* fornier in atemloser Spannung. Dies umso mehr, als es sich habet um eine der populär­sten Persönlichkeiten des schönen Südstaates handelte, der jedem California-Mann eine be­kannte Erscheinung ist. Der totkranke Multi­millionär von Battle Great, C. W. Post, durch­rast die Vereingten Staaten im eigens für ihn bereitgehaltenen Flugzeug, mit dem Tod um die Wette, um einem verhängnisvollen Geschick ju entgehen, ja, Freund Hein Lügen zu strafen. Die Aerzte von Santa Bara-bara haben den schwerkranken miMonenreichen Mann bereits aufgegeben, nur eine beschleunigte Operation, von der geschickten Hand des berühmtesten Spezialisten des Landes kann nach ihrem Ur- teil den mit dem Tode ringenden noch Hilfe bringen, und auch dies nur, wenn der chirar- gische Eingriff innerhalb drei Stunden ausae- führt wird

Der Krösus von Battle great aber hängt zäh am Leben und will sich nicht so leichten HerzenS in das Unabwendbare fügen. Er be­stellt ein Flugzeug für fünfundzwanzigtaufend Dollar, das alle Bequemlichkeiten ausweist, die für den Transport eines Schwerkrankenden erforderlich sind, Schlafkabinen für die beglei­tenden Aerzte und die Krankenschwestern. Einzige Bedingung ist nur, daß das Flugzeug mit der höchsten Geschwindigkeit, die es über­haupt aufbringen kann, durch das Laich fliegt, denn hier geht es um den Tod. Rochester im Staate Minnesota mit der berühmten Klinik der Mayo Brothers ist das Ziel der Jagd. Un­erhörte schmerzen peinigen den totgeweihten Dollarfursten, mit immer größerer Geschwin­digkeit rast das Flugzeirg durch die Lüste. Fast geben sie schon die Hoffnung auf, den Kranken "och lebend nach Rochester zu bringen. Aber das Wunder gelingt.

In weniger als drei Stunden hat das Flug­zeug die getoaltige Strecke hinter sich gebracht, die sonst fast das doppelte an Zeit erfordert. Am Flugplatz wartet schon das Automobil der Klmck, das den Kranken aufnimmt. Es ist keine Zett mehr zu verlieren, denn die Blinddarm- entzunbung ist auf der Todesfahrt natürlich wett vorgeschritten. Die Aerzte verhehlen sich kaum, daß eine Operation nur wenig Raum für eine Hoffnung läßt. Aber man will nidjtj unversucht lassen, und so nimmt denn der Chefarzt Dr. Mayo die Operation vor. Run das Erstaunliche, der Tottranke übersteht, dank seiner starken Konstitution, den Eingriff gut, verfällt in einen tiefen Schlummer, das erste Anzeichen für die überwundene Krise und noch einmal ist der Geldmagnat der würgenden Hand des Todes entrissen! Er befindet sich bereits auf dem Wege der Besserung und dürfte bald die Klinik verlassen können. Fürstlich be­lohnt hat er den Flugzeugführer, der eigent­lich die rechtzeitige Vornahme der Operation erst ermöglicht hatte.

Meine Bank.

Ein Fünfminutenroman.

Von

Kurt Münzer.

Ja, nun ist eS Winter geworden. Wer läge auch nicht Schnee auf ihr, oder glänzte sie auch nicht naß und kalt vom Regen: nie mehr wollte ich auf ihr fitzen, meiner lieben Sommerbank, der grünen, verwitterten Bank am Rande des Tiergartens!

Ich passierte sie täglich, morgens um acht, abends gegen sechs. Und bei dieser Rückkehr aus der Stadt, müde von den schweren Rech­nungsbüchern, den vielen Menschen, vom Lärm der Straßen, lufthungrig nach dem Staub und der stechenden Glut der Stadt, bei meiner Heim­kehr also pflegte ich immer da ein wenig zu sitzen, zu veratmen, in duftendem Schatten den Tag zu vergessen und in den Abend hineinzu- träumen.

Sie stand abseits, die Bank, stille vornehme Straßen standen ihr gegenüber mit spitzdäm­mernden Fenstern, mit Dienern und lautlosen Autos. Manchmal, abends, saß eine Hausbe­sorgerin da, ein Chauffeur mit einem Stuben­mädchen, selten eine Gouvernante mit Kindern

Immer war es still da, Vogel fangen, an­fangs Mai sogar, eine Nachtigall, dann eine herrliche Drossel. Ich saß manche lange Früh­lingsnacht dort und lauschte der süßen Musik des Lebens im Dunkel, mir war, ich hörte noch den sanften Reigen der Sterne und sah das lautlose Gleiten des Mondes. Die Erde duftete zuerst im Jahr, bann das Gras, bann bte Junge Baumblüte, im Juni kam Blumenbuft aus den Lillengärten, manchmal, nachts, war die Luft schwer von Rosen, man trank sie wie verzauber­ten Wein.

. Ost aber mußte ich an meiner Bank vorüber­gehen, denn ich bin ein schamhafter und diskre­ter Mensch, und es saß ein Liebespaar auf ihr ..Durste ich es stören? . . .

Ich ging vorbei, brühen auf der anderen Seite. Ich beneidete ihn, den jungen hübschen

Mann, der geliebt wurde und selbst liebte. Ich sah den zärttich vereinten Schatten im Boskett, ein Faulbaum blühte und duftete wie das Land der Liebe, wie ein selige- Jnseluser unter Sternen und Mond.

Bisweilen schlief, im Sommer, ein Mensch auf dieser Bank. Ich setzte mich ihm still zu Haupten, und von den Träumen des Obdach­losen ging leise unheimliche Beklemmung auf mich über. Ich steckte ihm etwas Geld in die Tasche, daß er den neuen Tag mit Frohgefühl begänne. Und dann wieder ging ich, ohne zu ruhen, an her Bank vorbei, wenn ein Ein­samer daraus saß, ein Alleingelassener wie ich. Denn ich weiß, diese für sich Gebliebenen lei­ben noch unter Mitgefühl unb Nähe. Wenn sie einmal sterben müssen, haben sie nichts mehr zu verlassen; benn alles hat sie schon verlassen.

Alte Frauen atmeten oft in her Abeubstun- be auf meiner Bank vom geplagten Tage. Mit denen sprach ich ein Wort und hörte von einem Schicksal. Sie waren so dankbar, wenn ich sie freundlich ansah. Hunde und Arme können im Menschenblick lesen.

Ach, wie sckön waren die Sommernächte, die ich auf der geliebten Bank versaß. Es wisperte in den Wipfeln, das Gras raschelte. Einmal kam ein Igel an mir vorbei, ein junges, spitz- chnäuziges Tierchen. Er rollte sich vor einer Bewegung meines Fußes zusammen. Biswei­len huschte eine Ratte aus dem nahen Gewässer vorüber. Tie Nacht war so göttlich, daß noch dieses Geschöpf von ihr verklärt wurde. Im Mondschein waren alle Häuser auf der anderen Seite Zauberpaläste, auf Ballonen schimmerten bunte Lampen, aus den Gärten klang Musik, Gläserklirren und jenes Mädchenlachen, das eine Sommernacht mit tiefer Sehnsucht, mit Angst und Seligkeit erfüllt . . .

In diesen beißen Monaten kam Ich schon um fünf Uhr aus der Stadt heim, und da fand ich öfter auf der Bank eine junge Frau, Mitte Zwanzig, und einen Manu unbestimmten Al­ters. der wohl ein Künstler war. Wirklich hatte er einmal einen Geigenkasten bei sich. Ich störte sie nie, denn ich sah: sie liebten sich, sie waren

unglücklich in ihrer Liebe, sie waren zu schwach, ein Schicksal zu bekämpfen. Sie waren nicht Mann und Frau, sie gehörte einem anderen, aber sie liebten sich. Tas ahnte ich, ich streifte sie kaum mit einem Blick. Nie sah ich sie mit­einander reden, aber sie saßen Hand in Hand. Kehrte ich bann nachts zur Bank toteber, schien mir Immer noch her Geist melancholischer Lei­denschaft sie zu umschweben, ich wurde selbst grundlos traurig, bitter stieg es in mir hoch. Ach, wieviel schöner ist es noch, zu zweien zu leiden, als allein unglücklich zu fein! . . .

Es kam auch vor, daß ich erschrak, wenn ich nachts der Bank mich näherte. Grelles Lachen und Kreischen klang von ihr, ein Pärchen aus der Stadt hatte sich dahin verirrt und entweihte den Frieden des Platzes. Einmal sielte sich ein Betrunkener auf ihr, einmal war ein Mädchen- Handschuh auf ihr liegen geblieben, eine Zei­tung, einmal ein Buch mit Gedichten von Elchendorff.

Und bann kam der Herbst und all sein Zau­ber umsttömte die Bank. Golden und purpurn sanken die Blätter auf sie, herbe Düfte um wölkten sie, es fröstelte schon am Abend. Unb in einer Nacht, ich kehrte aus einem Konzert heim, ba war es, baß ein Toter auf ihr lag, in einer wildstürmenben Novembernacht, bie bie letzten Blätter vom Ahorn riß . . .

Er hatte sich in die Brust geschossen, er war schon kalt, feine gebrochenen Augen empfingen blinb bas Licht des gespenstifchen Mondes es war her Liebenbe, her Mann mit her Geige.

Ich setzte mich zu bem Toten, ich berührte fein eisige Hand unb dachte Unaussprechliches. Es hat keinen Sinn, diesem Schicksal nachzn- finnen unb beunoch: jene Frau? Hatte sie ihn verlassen? liebte sie ihn, ahnte sie? ober war sie selbst gestorben, itnb ohne sie war fein Dasein ein nutzloses Ding? .. .

Jetzt ist es Winter, ©3mee liegt auf der Bank, aber nicht darum ist es, baß ich nie mehr auf ihr sitzen mag. Seit her Tote auf ihr gelegen, fürchte ich mich vor ihr. So, als ob ich, wenn ich noch einmal auf ihr ruhte, selbst auch tot sein müßte, auch bie Kugel im Herzen, auch die

Augen blind für die ewige Schönheit der ge­schaffene» Welt . . .

Wahi-heiten" über Vie Feau.

Aus de« Erinnerungen an Anatole France.

Die Erinnerungsbücher an Anatole France, die uns Leben unb Meinungen des großen Dichters in so rückhaltloser Weise enthüllt ha­ben, werden jetzt durch ein neues vermehrt, durch bie Aufzeichnungen einer ungarischen Schriftstellerin, Frau Georges Boloni, bereu Buch Streif züge mit Anatole France- in Uebertragung aus dem Ungarischen soeben in London erschienen ist. Frau Boloni wurde bet dem Dichter durch feinen ärztlichen Freund Tr. Conchoud in seinen letzten Lebensjahren ein« geführt unb hatte mit ihm viele Gespräche bei seinen Streifzügen, bie ihn nach Rom, Florenz und andere Städte Italiens führten. Dabei wurde natürlich auch das Thema erörtert, das den Dichter in seinen Schriften unb seinem Denken so viel beschäftigt hat: bie Frau.

Man stritt sich einmal in Parma über die Behauptung von France, baßher Frau Schicksal vom Manne abhängt*. und der große Acptiker sagte ironisch: -Das ist richtig, aber es ist gerade so, wie wenn ich Gottes Wesen aus seinem Nichtvorhaubensein erklären wollte. Ich bekenne, daß ich ein Ungläubiger bin, ein armer Sünder, der so leidenschaftlich und selbst­los glaubt, wie es nur Ungläubige tun. Ich beuge mein Haupt unb erkläre feierlich, daß die Frau des Mannes Schicksal ist. Maria unb Veronika sind schone Schöpfungen der Bibel, aber ich liebe die blonde Magdalena mehr als die anderen, weil sie mich daran erinnert, daß das Christentum das meiste für bie Frauen tat, als es die Liebe für sündig erklärte."

«Frauen sind viel geheimnisvoller als Män- ner", sagte er ein andermal.Viele von ihnen können nicht bie Wahrheit sprechen, selbst wenn sie es wollen. Sie wissen einfach nicht, wie man wahrhaftig ist. Unb Wenn es ihnen einmal gluckt, offen zu sein, bann ist es umso schlimmer für fle, weil man ihnen nicht glaubt. Nur bie Lügen der Frauen werden von den Männern geglaubt*