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Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
Nummer 34. Amtliches Organ der Stadt Kassel. Donnerstag, 10. Februar 1927. Amtliches Organ der Stadt Kassel. 17. Jahrgang
Macht das Rheinland endlich frei!
Das Spiel geht weiter.
Riviera-Beilchenimft und . . . Zollkrieg.
Der schwer strapazierte deutsche Außenminister darf sich endlich im Frühlingsblütenparadies der Riviera die wohlverdiente Ruhe gönnen. Aus seiner Aegyptenreise und dem Mussolini- Dialog vor Weihnachten ist nichts geworden, was vielleicht ganz gut war, denn wir haben keine Veranlassung, irgendwie eine Folie für die Interessen der italienischen Diplomatie und ihrer Beziehungen zu Frankreich abzugeben. Run beginnt das Spiel der Kombinationen und der Sensationen aufs Neue, und diesmal ist er die französische Presse, die eine besondere Aus- regung und Neugier verrät, waS hinter dieser geheimnisvollen Reise verborgen sein mag. Am nächsten liegt natürlich die Vermutung, daß der französische Außenminister Briand seinen Partner von Locarno, Genf und Thoiry und den Bruder im Nobelpreis auf französischem Boden begrüßen dürste.
Wir halten es für durchaus möglich, sogar für wahrscheinlich, daß dieses als Zeichen der Entspannung immerhin erfreuliche Ereignis cintritt und würden ibm sogar eine große politische Bedeutung zumessen, selbst wenn diese Begegnung einen rein persönlichen Charakter trüge und ihr keinerlei festes Verhandlungsprogramm zugrunde liegt. In den Pariser Redaktionen weiß man natürlich ganz genau, daß Herr Stre- semann die Räumungsfrage mit Briand disputieren wolle, und daß er feste Vorschläge der deutschen Regierung überbringen werde. Von solchen Vorschlägen, die Deutschland zu machen habe, hat ja Herr Briand in der Tat gesprochen, als er vor einigen Wochen im Kammerausschuß auch den Stand der Räumungs- srage berührte. Welche Vorschläge Frankreich eigentlich erwartet, ist nicht recht Hat, nachdem der Plan einer Verwendung deutscher Eisenbahn-Obligationen für den Rückkauf des Saargebiets und zugunsten der französischen Währungssanierung sich als ungangbar erwiesen hat. Deutschland ist auch damals nicht der Meinung gewesen, daßdievorzeitigeRäu- m u n g des Rheinlandes mttGelderkauft werden muß, sondern es stand und steht auf dem Standpunkt, daß nach Erfüllung der wirtschaftlichen und politischen Auflagen des Versailler Vertrages dieser selbst die vorzeitige Räumung ermöglicht und nahelegt. Inzwischen ist durch die Erledigung der EntwaffnungSfrage und die Zurückziehung der interalliierten Kontrollkommission dieser Tatbestand noch klarer und gültiger geworden, sodaß die Berufung auf den erwähnten Artikel eigentlich der einzige Vorschlag ist, den Deutschland zu machen haben wird.
Vielleicht stellt eS sich an der Riviera sogar heraus, daß es eigentlich Frankreich ist, das den klaren Sinn und die Tragweite des Versailler Vertrages durch erweiternde Vorschläge ändern möchte. DieS erklärt auch die Unruhe, mit der die Pariser Presse die in Aussicht stehende Be- aeanung kommentiert, denn die Räumungsfrage ist das Kernstück auch der französischen Innenpolitik geworden, in der stch die Geister scharf scheiden. Wir müssen also darauf gefaßt sein, aus Paris zu hören, daß Herr Stresemann an der Riviera nicht nur Veilchen pflücken, sondern allerhand dunkle Machenschaften aushecken wolle.
Inzwischen hat sich auch die deutsch-polnische Reibungsatmosphäre soweit verdichtet, daß man jeden Tag mit einem Abbruch der nun seit Jahren währenden deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen rechnen tarnt. In der letzten Zeit steigerte sich die Zahl der Ausweisungen Deutscher aus Polen derart, daß die deutsche Regierung auch beim besten Willen eS nicht mehr vermochte, an diesen Warschauer Willkürakten stillschweigend vorüberzugehen. Vergebens wies Berlin in Warschau darauf hin. daß solch« Ausweisungen, wenn sie fortgesetzt würden, die schwebenden Handelsvertragsverhandlungen fraglich erscheinen lassen müßten. Tie Antwort des offiziellen Warschaus: Der Protest gegen die Ausweisungen ist abschlägig beschieden worden. Sämtlich« ausgewiesenen Deutschen mußten heute das polnische Staatsgebiet verlassen. Daß diese- rücksichts- lrse, illoyale und unter Völkerbundmitgliedern eigentlich unberechtigte Verhalten nicht ohne Gegenmaßnahmen der Reichsregierung bleiben kann, versteht sich von selbst.
In den Zoüfragen scheuen die Polen ein Entgegenkommen, da sie offenbar befürchten, daß durch Herabsetzung der Zollsätze und stärkere Einfuhr deutscher Waren die künstlich aktiv ge- stallete polnische Handelsbilanz ungünstig beeinflußt wird, was wiederum nicht ohne Rückwirkung auf den Zloty bleiben dürfte.
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Verhandeln Stresemann und Briand an der Riviera über die Räumungsfrage?
England für beschleunigte Räumung oderBesatzungsabbau Stranders ist kein deutscher Spion! / Licht in der Keudellaffäre.
Berlin, 9. Februar.
Ei« Ministerrat tagte gestern nach einer Meldung aus Paris unter Poincares Vorsitz, um auf Antrag Briands diesem bestimmte Vollmachten für sein bevorstehendes Zusammentref- en mit dem deutschen Außenminister Dr. Stre- cmann zu geben. — Man darf also sich nicht wundern, schreibt ein Blatt, wenn man eines Tages erfährt, daß Briand und besonders Mussolini Herrn Stresemann einen einfachen Höflichkeitsbesuch gemacht haben. Botschafter von Hoesch dürfte in Paris aktiver als je die Verhandlungen über die Räumung des Rheinlandes wieder aufnehmen.
Berlin, 9. Februar. (Eigene Drahtmeldung.) Das Reiseziel des Außenministers Dr. Stresemann ist, wie jetzt bekannt wird, San Remo. Von dort wird sich Stresemann nach Cannes begeben. Nach den Besprechungen mit v. Hoesch und dem italienischen Botschafter in Berlin chließt man, daß Stresemann womöglich hier mit den Außenministern beider Länder ein Zusammentreffen haben werde.
Schon nächste Woche in Nizza?
Genf, S. Februar. (Privattelegramm.) Ein Pariser Blatt schreibt: Die Zusammenkunft BriandS und Stresemanns wird Ende nächster Woche in Nizza erwartet. Der Präsident der Bank Von Frankreich wird gleichfalls dort erwartet. Die deutsche Finanzhilfe bei der kommenden Franken « Stabilisierung gilt allgemein schon als Tatsache.
Der Keubellsturm flaut ab.
Schon morgen im Reichstag erledigt.
Berlin, 9. Februar.
Laut Pressenotiz dürfte die Interpellation und der Mißtrauensantrag der Kommunisten gegen den Innenminister von Keudell schon am Donnerstag, spätestens Freitag im Reichstag erledigt werden. Die Regierung wird eine Er- klärung abgeben. Die Untersuchung dürfte schon morgen abgeschlossen sein und steht durchaus günstig für den Minister, sodaß von einer erneuten Regierungskrise nicht die Rede sein kann.
England will räumen.
Deutliche Winke nach Berlin und Paris.
(Eigener DrahtbertchtZ
London, 9. Februar.
Im Oberhaus fragte Lord Beauchamp (Liberal) an, ob die Rbeinland-RSumung nicht beschleunigt werden könnte, z. B. durch sic mehr Geld für Reparationszwecke verfügbar wäre. Lord SaliSbury erwiderte im Namen der Regierung, die Räumung könne erst nach völliger Erfüllung des Versailler
Vertrages erfolgen. Eine Beschleunigung wäre jedoch sehr zn begrüßen. Die Regierung werde ihren Einfluß stets in dieser Richtung geltend machen. In dieser verwickelten Angelegenheit sei die aktive Mitarbeit Deutschlands und anderer Länder erforderlich. Die Angelegenheit dürfe nicht überstürzt werden, sondern sie müsse den Gegenstand von Ver- Handlungen bilden, jedoch, so stellte Lord Salisbury fest, im Namen der Regierung und aller Parteien würden wir sehr gern auf jeden Fall eine Verringerung der Streitkräfte in der zweiten und dritten Zone so bald als irgend möglich sehen. Unser guter Wille hierzu steht bereits jetzt fest.
Auf falscher Fährte.
Stranders ist kein deutscher Lustspion.
(Eigene Drahtmeldung.)
Paris, 9. Februar.
Der angeblich als deutscher Spion verhaftete ehemalige englische Offizier Stranders soll eingestanden haben, für die sieben Reisen, die er nach Paris unternommen habe, um stch über die Pariser Luftschiffahrtsausstellung und in den technischen Kreisen überhaupt zu informieren, die Summe von fünftausend Goldmark erhallen zu haben. Er habe jedoch erklärt, daß er nur Nachrichten und Dokumente weitergegeben habe, die jedermann zugänglich gewesen seien, ste also nichts Geheimes an sich gehabt hätten.
Der Zollkrieg geht weiter.
Ein überspannter Polenminister.
(Eigener Drahtbericht.)
Warschau, 9. Februar.
Im Landtag gab der polnische Handelsminister Kwiatkowski der Meinung Ausdruck, daß der Zollkrieg die polnische Produktion nicht erschüttert hätte. (?) Polen nimmt keinen deutschen Handelsvertrag an, bei dem nicht der Grundsatz des Gleichgewichts der Zugeständnisse und unsere grundsätzlichen Forderungen berückstchttgt werden. Wir sind bereit, jederzeit den Zollkrieg zu beendigen. Niemals aber wird sich das starke Polen zu einer W a s- fcnstreckung verstehen.
Da« unkerwühlte Volenreich.
Warschau, 9. Februar. (Eigener Drahtbericht.) Die in Lemberg aufgedeckte geheime ukrainische Militärorganisation soll auch terroristische Anschläge geplant und mit der zentralen Spiona- Ige- und Ättentatsorganisation ukrainischer Studenten zusammengearbeitet haben. Der Mörder des polnischen Schulkurators Sobincki ist nicht unter den elf Verhafteten.
Sie Revolution schon gescheitert?
Sports von Regierungstruppen besetzt / Lissabon im Kugelregen.
Paris, 9. Februar.
Wie aus Lissabon gemeldet wird, sind die Redakteure von drei verbotenen Zeitungen verhaftet worden. Geflüchtete portugiesische Offiziere sollen erklärt haben, die revolutionäre Bewegung sei gescheitert, da die Bevölkerung sie nicht unterstütze und da die Truppen, mit denen die Revolutionäre gerechnet hätten, sich nickt zu ihnen geschlagen hätten.
Madrid, 9. Februar. (Eigener Drahtbericht.) Rach dem Uebergreifen der Revolution auf Lissabon wird in spanischen Kreisen in Madrid die Lage in Portugal pessimistisch beurteilt.
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Der Generalstreik al« Abwehr.
Paris, 9. Februar. (Eigener Drahtbericht., Din Blatt meldet aus Madrid, daß die portu
giesischen Eisenbahner den Generalstreik proklamiert haben. Die Regierung macht sich auf den Generalstreik aller Gewerkschaften gefaßt und trifft jetzt schon dahingehende Maßnahmen. In Oporto sollen erbitterte Kampfe toben. Die Zahl der Toten sei äußerst hoch.
Lissabon im Sranaienregen.
Basel, 9. Februar. (Privattelegramm.) Ein Blatt erfahrt von einem Flüchtling, daß die Kämpfe in Lissabon fürchterlich seien. Die in der Stadt einschlagenden Granaten der revolutionären Kreuzer aus Oporto hätten ganze Straßen niedergelegt. Der Präsident hat sich mit seinen Getrenen im Arsenal verschanzt und hofft auf Truppenhilfe aus den Provinzen.
Polen wird freilich erkennen müssen, daß derartige Anschauungen falsch sind, wie denn auch schon von der polnischen Presse offen zugegeben worden ist, daß Polen unter dem Wirtschaftskrieg (auch wenn der Handelsminister den Mund noch so voll nimmt) weit mehr leidet als etwa Deutschland, macht doch in der Ein- und
Ausfuhr Polens der Außenbandel Deutschlands fast fünfzig Prozent aus, während umgekehrt in der deutschen Handelsbilanz den Verkehr mit Polen höchstens vier Prozent ausmacht, wobei naturgemäß nicht geleugnet werden kann, daß auch einzelne deutsche Industrien durch den Zollkrieg in Mitleidenschaft gezogen werden.
Frieden. — Aber wieder deomorde.
Das Kainszeichen.
Weniger Verbrechen als vor dem Krieg.
Das schwarze Jabr »an 18 bis 39.
Wer kann begnadigen? — D, 1923. — Das „gefährliche Alter Weniger Mörder als im Frieden
Wie eine amtliche Statistik über Todesfälle durch Mord, Totschlag und Hinrichtung besagt, wurden 1923 77, im Jahre 1924 sogar 112 T o- beS urteile gefallt, aber höchstens zehn Prozent auch tatsächlich vollzogen. In den letzten Jahren ist es häufiger vorgekommen, daß Todesurteile eher aus Abschreckungsabsichten als aus tatsächlicher juristischer und sachlicher Notwendigkeit gefällt worden sind. Das häufig angewandte Gnadenrecht übt heute ja nicht nur der jeweilige Staats- oder Reichspräsident, sondern auch die Justtzverwaltung der Länder aus, beispielsweise auch Preußen. Dotz nicht wieder gut zu machende grauenhafte Unrecht von Ilist i z m o r d e n kann sehr wahrscheinlich auf diesem Wege leichter verhindert werden als durch das alletnige Gnadenrecht eines Reichs- otzer Landespräsidenten; denn erfahrungsgemäß stehl eine Justizverwaltung die Leidenschaft einer ganzen Bevölkerung aufwühlenden Vorgängen kühler und mit weit mehr Hemmungen gegenüber als ein Staatsoberhaupt, das in besonderen Fällen viel eher der allgemeinen Stimmung unterworfen ist und ihr leichter Rechnung tragen wird, als eine Verwaltung, deren entscheidende Kräfte doch nicht so stark persönlich hervortre- ten. Todesurteile sind zwar nach dem Kriege häufiger gefällt, aber nicht häufiger vollzogen worden als vor dem Krieg. Die Sterbesälle durch M o r d und Totschlag haben heute schon jenen
Höhepunkt weit hinter sich gelassen, der nach langen Kriegen bisher immer noch eingetreten ist. Während es 1913 insgesamt 1446 Sterbefälle durch Mord, Totschlag oder Hinrichtung gab, starben in Deutschland 1924 nur noch 1373 Menschen den Gewalttod gegen 1604 in dem schlimmen Gewaltjahr 1923. Das Jahr 1924 brachte also sogar schon eine starke Abnahme der Verluste gegenüber dem Friedensjahr. Allerdings wurden 1923 insgesamt 419 Fälle von Mord und Totschlag abgeurteilt, .1924 dagegen 602. Aber diese Morde gehörten meist schon dem Vorjahre an. Der Austrag der Gewaltstimmuug in diesem Jahre des Ruhreinbruchs, den Münchener Hitlerputsches, des Kommunistenausstan- des in Hamburg und der Separatistenumtriebe im besetzten Gebiet ist schon 1924 ein Abfall unter den Friedensstand gefolgt. Für die Jahre 1925 und 1926 haben diese traurigen Vorgänge eine weitere kräftige Senkung erfahren, trotz all der unerhörten Gewalttaten, von denen wir fast täglich zu hören bekommen. Uebereinstim- mend ergibt sich, daß ungefähr doppelt soviel Männer als Frauen eines Gewalttodes sterben. An den 1373 Toten im Jahre 1924 waren 912 Männer und 461 Frauen beteiligt. 1926 sind aber die Gewalttode der Frauen gestiegen. 5^8 „gefährliche Alter« der Fran in dieser Hinsicht sind die Jahre von 15 bis 30.
Tas war vor dem Kriege schon so und ist heute nicht anders geworden. Von den 461 durch Mord ober Totschlag verendeten Frauen standen 126 in diesem Alter und weitere 98 waren 30 bis 60 Jahre alt. Sehr hohe Todesziffern bei beiden Geschlechtern weist die Altersschicht der bis einjährigen Säuglinge auf. 1924 wurden 157 Knaben und 165 Mädchen dieses Alters getötet, diesen 322 gewaltsam verschiedenen Säuglingen stehen im Jahre 1923 nur 210 gegenüber. Diese traurige Erscheinung steht Wohl im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise. Am wenigsten nach %em Leben getrachtet wird den Kindern von einem bis zu fünf Jahren (3), von fünf bis fünfzehn Jahren (61) und den Erwacki- senen über sechzig Jahre (69). Während vor dem Krieg bei den Männern der Höchstanteil an den Gewalttoden im Alter von fünfzehn bis dreißig Jahren beobachtet wurde, ist neuerdings das Alter von dreißig bis sechzig Jahren am meisten bedroht. Neuerdings hat die Zahl der Getöteten im schulpflichtigen Alter und der Erwachsenen über sechzig Jahren noch ab gc« nommen, dagegen ist die der Säuglinge tz»- stiegen. Immerhin dürfte die Achtung vor dem Menschenleben, die sichtlich in starkem Zunehmen ist. in ben nächsten Jahren wettere Fortschritte machen.
Unglückliche Shen.
Sollen sie leichter geschieden werden?
Berlin, 9. Februr.
Im Rechtsausschuß meinte bei der Debatte über Ehescheidungsresormen Atm Pfleger (B. Vp.): Nur im Falle der Geisteskrankheit eines