Rr. 22.
Siebzehnter Iahrganq.
Kasseler Neueste Nachrichten
1. Beilage.
Donner-taa, 27 Januar 1927.
10) Roma« von Paul Rosenhahn.
„Es gibt eine Philosophie; es gibt geiftige Freuden, die die körperlichen an Intensivität und an Tiese übertreffen."
»<odius schüttelte den Kopf. „Bei allem Respekt vor Ihrer Klugheit, Herr Cascapol: in diesem einen Punkt können Sie nicht mitreden. In diesem einen einzigen Punkt ist alle Ersah- rung aus meiner Seite. Sie sind gesättigt, Sie haben gut reden. Sie ahnen nicht, welche Summe von Kränkungen die Menschen bereit- halten für den, der anders ist als sie — wie sie sich alle einig sind, wenn es gilt, einen einzigen aufs Korn zu nehmen, dessen Aeußeres zum billigen Spott reizen mag. Sie sind wohlgebaut; unter den schönsten Männern werden sie erfolgreich Ihren Platz behaupten. Sie können sich in meinen Zustand nickt hineindenken — nein, Sie können mich nicht verstehen. Mein Buckel — das ist der Berg, der mich trennt von allem Schönen der Erde."
„Haben Sie wirklich so schwere Enttäuschungen erlebt?"
Klodius machte eine müde und trostlose Geste. „Mein ganzes Leben ist eine einzige unendliche grausame Kette von Enttäuschungen gewesen. Mit Temüliaungen von den Spielkameraden meiner Kindheit fing es an. Dann kam ich in die Jahre des sogenannten Liebesglücks. Wollte ich Ihnen alle abweisenden Blicke, alle höhnischen Worte, iedes geflüsterte, gespottete Nein berichten — Sie würden mir nicht glauben. Denn um das alles zu vet- stehen, bedarf es einer Einstellung zu den Dingen, die der normale Mensch gar nicht hat Und ich will es Ihnen gleich und offen sagen: für den Augenblick haben Sie mich gehindert, die Konsequenz zu ziehen, die ich ruhig und kalten Blutes als die gegebene gefunden habe. Für den Augenblick., daß ick meine Tat morgen endgültig ausführen werde, daran kann mich kein Mensch der Erde bindern."
„Wenn Sie so sehr int Körperlichen besangen
Schön und schlank.
Was ich in Hollywood erlebte.
Don
Anette Kellermann.
Das großeFamilienblatt, das guteHeimatblatt
sind die
Die Verfallerw, die R6 ,«r Zeit als Naiver- iatküuulerm auf einet Waftipieltetie durch Deutschland befindet, ist in der ganzen Well als Schwimmenu berühmt. Sie ist die erste Stau, die den Berfnch der Kanaldnrchfchwimu,nng wagte. Ruch als Filmfchanivielerin wat Anette »ettetmann in Amerika mit gröhteur Erfolge tätig. Was sie tn der Kalifornischen Filmstadt erlebte, erzählt ste anschaulich im Folgenden:
In den verflossenen drei Jahren habe ich fast die ganze Erde durchquert. Denn ich bereiste Australien, Neu-Seeland, die Südsee-Jnseln, Südafrika, Honolulu, Amerika, England und einen großen Teil des übrigen Europa. Land und Menschen änderten sich, — aber eine Tatsache stand fest, wohin ich auch kam: Ueberall in der Welt interessiert man sich für den Film und seine Darsteller; es scheint, als ob sie die ruhenden Punkte in der Erscheinungen Flucht sind. Eines jedoch konnte ich stets bemerken, wenn die Rede auf den Film kam: das große Publikum hat eine völlig falsche Anschauung von dem Leben Derjenigen, die es als Darsteller aus der weißen Wand sieht. Immer noch ist die Ansicht verbreitet, daß die
Filmschauspieler ein beneidenswertes Dasein führen. In Wirklichkeit steht die Sache aber ganz anders aus. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Denn ich kenne nicht nur den größten Teil der amerikanischen Filmsterne persönlich, ich habe auch selbst gefilmt und weiß daher recht gut, was die Arbeit vor dem Kurbelkasten bedeutet. Niemals tn meinem Leben habe ich schwerer gearbeitet und war wagemutiger als in meiner Filmzeit. Sie können es mir glauben, kein Filmstar ist auf Rosen gebettet. Zunächst einmal ist die Konkurrenz eine übergroße. Täglich tauchen neue Gesichter auf. Da heißt es, besonders für die Frauen, die strengste Lebensweise inne zu halten, denn eine plumpe, ungraziöse „Heldin" kann natürlich auch im Film nicht schlank sein. Und in Amerika gilt es als eine unverzelliche Sünde, wenn ein Filmstar dick ist. Fast alle Filmschauspieler nehmen Unterricht in K örperpflege un d befolgen eine strenge, aber vernünftige Diät. Mit bewundernswerter Energie vorsagen sie sich fast jeden Leckerbissen, denn sie wissen, daß es bet ihnen „um's Ganze geht". Norma Talmadge .Blanche Sweet, Hellen Fe- gerson, Priscilla Dean, Florence Vidor, Viola Dana sind unter der großen Anzahl der Filmschauspielerinnen Hollywoods diejenigen, die sich eines besonders vortrefflichen körperlichen Zustandes erfreuen. Auch Mary Pickförd führt ein sehr einfaches Leben und hält gleichfalls eine leichte Diät. Das Publikum kann sich nicht vorstellen, daß der dauernde Aufenthalt in den Filmateliers
aus die Dauer verrückt machen kann.
Schon allein das manchmal stundenlange, unerläßliche Warten auf den großen Moment des „Dranseins", und der Lärm von allen Seiten, sind eine nervenzermürbende Ablenkung von dem „Gesammeltsein", das während der Ausnahme für den Darsteller unbedingt nötig ist. Tie einzig wirkliche Erholung bringt das „Weekend", der Samstag und der Sonntag. Das Bemerkeswerteste, was mir an Hollywood auffiel, war die große Zahl der dort lebenden, wirklich hervorragenden Schönheiten und der völlige Mangel an Eifersucht, der unter ihnen zu herrschen schien. Die meisten Frauen hegten eine aufrichtige Bewunderung sür die Reize der Anderen und waren osfenher- zig genug, dies auch öffentlich zu zeigen. Vielleicht intereffiert es auch meine deutschen Leser zu erfahren, daß JackieCoogan durch Charlie Chaplin in der Truppe entdeckt wurde, mit der ich in einem Varietee in LoS Angeles
Rasieler Neuesten Nachrichten
auftrat. Und das kam so: Jackies Vater war Tänzer bei uns. Jackie selbst und seine Mutter arbeiteten gleichfalls mit Er war damals dreieinhalb Jahre alt und ein entzückendes Kerlchen. Jeden Menschen, den er nur einmal gesehen hatte, imitierte er auf die drolligste Art. Manchmal brachte seine Mutter ihn mit in das Theater, und am Ende meiner Nummer nahm ich ihn auf die Bühne, stellte ihn den Zuschauern vor, und nun gab der Knirps Nachahmungen der Tänze seines Bakers und Kopien bekannter schauspieler zum besten, so daß sich das Publikum vor Lachen bog. Jedesmal erntete Jackie ungewöhnlichen Beisall. Als ihn seine Mutter eines Nachts wieder mitbrachte, vergaß ich, Jackie auf die Bühne zu bringen. Nach der Vorstellung lief seine Mutter auf mich zu und sagte: „Fräulein Kellermann, Jackie ist so enttäuscht, daß er heute nicht auftreten durfte!" Das Kerlchen tat mir schrecklich leid , ich hob eS empor und versprach ihm, das Versäumte am nächsten Abend nachzuholen. Wie verabredet, nahm ich ihn in der Nacht darauf mit aus die Bühne. Er spielte eine kleine Szene, und der Nest ist — filmhistorisch. Charlie Chaplin war wie schon oft im Zuschauerraum, und nach der Vorstellung fragte er mich, ob er den Vater des Jungen sprechen könne. Bald darauf entstand Jackies erster Film; „The Kid". — Ich werde oft gefragt, warum ich nicht häufiger filme, denn meine Filme waren stets ein gutes Geschäft für den Fabrikanten. Der Grund ist, daß ich meinerseits der Bühne den Vorzug gebe. Denn Wafferfilme herzustellen, wie eS zumeist meine Aufgabe war, ist die aufregende Arbeit, die sich denken läßt. Deshalb steht man auch nur selten solche Filme. Bekleidet mit dem Kostüm einer Nixe, einen riesigen Fischsckwanz hinter mir herschleppend, mußte ich manchmal aus die Sonne warten, ohne die eine Ausnahme nicht möglich war. Dabei mußte ich bis zur Taille im Waster liegen und hatte zuweilen das Gefühl, als ob mir die Beine erstarrten. Einmal hatte ich hundertzwei Fuß unter Wasser zu spielen. Ein andermal führte ich einen Drahtseilakt aus. Der Draht war zweiundsiebzig Fuß hoch über dem Waster gespannt, und aus dieser Höhe mußte ich hinabtauchen. Bei den Aufnahmen zu „Neptuns Tochter" zerbrach das Glas- bastin, in dem ich teilweise arbeitete, und das Resultat- war, daß ich drei Monate lang im Hospital liegen mußte.
Aus aller
Welt.
sm rätselhafter Aktenraub.
Vor dem Berliner Landgericht in der Gru- nerstraße schwebt seit dem vergangenen Jahre ein Prozeß, in den auch eine Anklage wegen Hehlerei gegen den Berliner Juwelier Brandenburg hineinverflochten war. Der Prozeß und die Aktenbearbeitung waren in vollem Gange. Als dann nun vor einiger Zeit ein Termin angesetzt wurde, waren die Akten kurz vor der anberaumten Zeit plötzlich verschwunden. Gericht und Kriminalpolizei nahmen sofort die Nachforschungen auf. Sie hatten keinen Erfolg. Es war nichts zu ermitteln, die Akten blieben verschwunden. Plötzlich, nach geraumer Zeit, lagen sie wieder an derselben Stelle, von der sie auf rätselhafte Weise weggekommen waren. Als jedoch der Richter das Bündel durchsah, erkannte er gleich, daß eine sehr wesent
liche Veränderung vorgegangen war. Alte Akten waren herausgenommen, in anderen waren Fälschungen vorgenommen worden. Außer- dem waren ganz neue „Akten" binzugefügt war» den. So hatte sich die Prozeßlage ganz verändert. Brandenburg schien nach der neuen Lage gerechtfertigt. Der Verdacht des Diebstahls und der Fälschungen richtete sich deshalb gegen den Angeklagten selbst. Die Ermittlungen lieferten soviel Belastungsmaterial, daß die Staatsanwaltschaft ihn festnahm und in Untersuchungshaft setzte. Als ein neuer Termin angesetzt wurde, waren die Akten abermals verschwunden, und ste sind auch bis zum heutigen Tage noch nicht wieder zum Vorschein gekommen. Brandenburg blieb in Untersuchungshaft. Die Akten wurden ergänzt, und im Hauptverfahren wurde der Verhaftete in erster Instanz zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr verurteilt.
Beleidigungen, die keine mehr ffnd.
Vor dem Amtsgericht in Braubach a. Rh. spielte sich ein interessanter Beleidigungsprozeß ab. Der Redakteur der „Frankfurter Voltsstimme", Dr. Dang, hatte während des Wahl- kamipfes in der Frage der Fürstenenteignung in einer öffentlichen Versammlung im Dorfe Dachsenhausen ein Gerücht erwähnt, wonach ein nassauischer Standesherr während des Wiener Kongrestes 1915 dem buumugen Kurfürsten von Hessen-Kassel eine Freundin besorgt habe. Ein Nachfahre des Standesherrn stellte deshalb Strafantrag, wurde aber vom Landge- richt Wiesbaden auf den Weg der Privatklage verwiesen. Das Amtsgericht sprach den Angeklagten, ohne daß sich der Gerichtshof zurückge» zogen hatte, frei, mit der Begründung, daß der Beklagte gegen den Kläger nichts Ehrenrühriges gesagt habe. Nach der Beweisaufnahme könne es sich nur um einen Vorfahren handeln, der zur Zeit des Wiener Kongresses gelebt habe und in diesem Zusammenhang nicht mehr zu den Klageberechtigten gehören könne. Nach dem Strafgesetzbuch seien in einer solchen Angelegen- heit nur noch Eltern, Geschwister und Gatten zur Klage berechtigt.
• Keine Gasvergiftung mehr! Da sich in Newyork die Unfälle durch Gasvergiftung häufen, will die GaSgesellschast versuchen, dem Gas chemische Bestandteile beizumischen, die heftiges Niesen Hervorrufen und dadurch die Leute alarmieren.
* Der Ehestreit als Verräter. Eine Hausangestellte des Händlers Schonte in Heiligendorf tm Kreise Lüneburg hörte, wie die Frau bei einem Streit zu ihrem Manne sagte: „Wenn du mich verläßt, zeige ich deinen Mord cm!" Die Hausangestellte meldete den Vorfall der Polizei, und Schonte gestand, daß er vor vier Jahren einen Viehhändler ermordet hat.
* Furchtbares Eisenbahnunglück in Japan. Aus Tokio wird gemeldet, daß ein Personenzug zwischen Tsurn und Miiho von einer Lawine begraben worden ist. Sämtliche Reisende seien wahrscheinlich umgekommen.
* Hohe Strafe für Kindermißhandlung. Das Landgericht Pastau verurteilte als Berufungsinstanz den Zimmermann Josef Eckbauer zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Er hatte im Sommer 1925 seinen fünfjährigen außerehelichen Sohn zur Erziehung zu sich genommen. Der Junge wurde aber in seinem neuen Elternhause tn furchtbarer Weise miß
handelt. Das Amtsgericht hatte den Vater wegen dieser Straftat zu s ns Monaten Gefängnis verurteilt. Gegen dieses Urteil hatte die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt Die Pflegemutter war aus demselben Grund zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Diese Strafe wurde ebenfalls durch die Berufungsinstanz wesentlich erhöht und zwar aus ein Jahr Gefängnis.
* Radio im Zuchthaus Das dänische Zuchthaus HorsenS wird mit einer Rundfunkanlage ausgestattet. Die Jnsasten stellen sich den Empfangsapparat selbst her.
* Ein Leben verwettet. Eine junge Pariserin wettete in angeheitertem Zustand mit einigen jungen Leuten, daß ste einen Liter Rum auf einen Zug austrinken könne. Ihre Wette gewann sie, aber bald darauf brach sie bewußtlos zusammen und starb im Krankenhaus.
Verräterische Sitelfeit.
Der letzte Streich einer Hochstaplerin.
Eine junge Hochstaplerin, die mit großer Kühnheit auftrat, wurde von der Pariser Polizei bald nach Verübung eines Betruges abgefaßt, weil sie ihre Eitelkeit nicht bezähmen konnte und am Abend desselben Tages, an Dem ste einem Modewarenhaus wertvolle Kleidungsstücke herausgelockt hatte, geschmückt mit den erschwindelten Sachen, in einem bekannten Vergnügungslokal erschien.
Eine elegant gekleidete junge Dame, die erklärte, die Tochter des Lord Crewe, des englischen Botschafters in Paris, zu sein und die auch mit englischem Akzent reizend Französisch radebrechte, tarn in ein vornehmes Modewarenhaus und machte große Einkäufe. Sie ersuchte ein Bediensteter des Geschäfts möchte sie nach Hause begleiten, weil ste nicht genug Geld bei sich habe, um zu bezahlen und da die Firma sie doch nicht kenne. Einerseits aus Vorsicht, andererseits mit Rücksicht auf die angebliche Verwandtschaft mit dem englischen Botschafter gab man der Dame einen Abteilungschef als Begleiter mit. Die gekauften Sachen wurden in einem Autotaxi verstaut, die Dame und ihr Begleiter stiegen ein u. man fuhr zur englischen Botschaft. Unterwegs aber schlug das Botschaftertöchterlein dem Abteilungschef vor, in einem bekannten Restaurant einzukehren und einen Cocktail zu nehmen; nach den vielen Einkäufen sei sie sehr müde und brauche eine kleine Stärkung, sagte sie. Der Abteilungschef mußte als galanter Herr natürlich diesen Wunsch erfüllen. Man fuhr zu dem Restaurant, der Abteilungschef bezahlte den Fuhrlohn und ging ins Restaurant, Die Dame gab die eingekauften Sachen in brr Garderobe ab und nahm die Empfangsbestätigung entgegen.
Nachdem man ein ober zwei Cocktails genossen hatte, entfernte sich die Dame für einen Augenblick. Der Abteilungsches blieb allein zu. rück und wartete auf die Rückkehr der Botschuf- terstochter, die jedoch nicht mehr kam. Nun stieg dem Abteilungsckef ein Verdacht auf, er eilte zur Garderobe und stellte fest, daß nicht nur seine Dame, sondern auch die eingetauften Sachen verschwunden waren. Zuerst mutzte er noch Die Zeche bezahlen, dann eilte er zur Polizei, um die Anzeige zu mache». Selbstverständlich gab er hierbei eine genaue Beschreibung oer Schwindlerin als auch der von ihr herausgelock- ten Waren. Auf Grund dieses Signalements wurde Die Gaunerin noch am selben Abend verhaftet. In einem bekannten Nachtlokal fiel einem Detektiv eine Dame auf, die ein kostbares spanifches Halstuch trug, und nach einer raschen Anfrage bei der Polizeidirektion hatte er die Sicherheit, daß dieses Tuch eine der von der angeblichen Botschaftertochter erschwindelten Sachen war. Er sprach deshalb die Verhaftung der Dame aus die gerade von einigen Herren umtchwörntt war. Sie leugnete nicht lange, zu- mal auch andere Kleidungsstücke, die sie trug, aus dem erwähnten Modewarenhaus stamm-en.
.sind, Herr Klodius" sagte Cascapol — „ich weiß, daß in diesen Worten eine Art Vorwurf liegt, und ich will Ihnen nicht verhehlen, das ich ihn mit Bedacht ausspreche — wenn also diese... diese... diese Deformation Ihres Körpers Ihnen so verhängnisvoll erscheint — so drangt sich mir unwillkürlich eine Frage auf. Verzeihen Sie, wenn sie etwas trivial klingt, wenn sie vielleicht roh erscheinen mag. Haben Sie jemals einen Arzt zu Rate gezogen?"
„Gewiß" antwortete Klodius mit traurigem Lächeln. „Einer meiner besten Freunde ist Chirurg."
„Nun?"
„Es kommt vor, daß eine derartige Operation glückt; in der Theorie ist die Streckung eines verkrümmten Rückgrats möglich. In meinem Falle treffen diese Voraussetzungen nicht zu. Es ift unmöglich, mir zu helfen."
„Sie wissen das ganz bestimmt?"
„Leider" sagte Klodius. noch immer mit dem gleichen traurigen Lächeln. „Jede Möglichkeit ist ausgeschloffen."
Cascapol knöpfte den Paletot fester zu und schlug den Rockkragen hoch. „Ich lasse Sie nicht allein. Diese Nacht nicht mehr. Sie bürütt keine Dummheit machen. Ein Vorschlag; wir werden irgendwohin sehen, unter Menschen."
„Es ist mir einerlei' sagte Klodius achselzuckend.
„Mit einer halben Flasche Sekt im Leibe sehen sich die Dinge oft ganz anders an. Kommen Sie."
Sie gingen schweigend durch den nächtlichen Tiergarten und bogen in die Bellevuesttaße ein.
„Wir wollen in die Esplanadebar gehen" sagte Cascapol.
Ein warmer und verwirrender Dust jhlug Den beiden entgeaen, als sie über die marmorne Diele des Entrees gingen. Musik mischte sick mit jenem undefinierbaren Zusammenklang von Lauten, die über einem Raum zu liegen pflegen, in dem viele plaudernde Menschen beisammen sind.
Die Treppe führte in kühlere Regionen.
Die Bar war fast leer. Nur ein paar junge Gents hockten an der Mcffingstanae hinter ihren Flip-Flaps» und einige Demimondänen brühen
in der Ecke redeten eifrig und vergeblich auf einen schwarzhaarigen Ausländer ein. der sichtlich kein Wort verstand.
„Sekt" sagte Cascapol.
Der Kellner zog die Karie; Cascapol tippte auf eine Marke. „Und Zigaretten."
Ein junger Bediensteter erschien und nahm den beiden die Mäntel ab.
Cascapol streckte sich behaglich in feinem Klubsessel aus. „Machen Sie sich's bequem, Herr Klodius, und vergessen Sie mal einen Augenblick, was Sie vor einer Stunde vorhatten. Schütten Sie mir Ihr Herz aus — oder auch nicht" lenkte er ein, als Klodius eine unmutige Bewegung machte. „Tun Sie, was Sie für das Richtige halten. Hier kommen schon die Zigaretten — dem Herrn zuerst, Kellner — bilden Die sich mal eine halbe Stunde lang ein. Sie wären ein junger Adonis, Sie wohnten in diesem Hotel und nähmen hier Ihren Schlaftrunk. Betrachten Sie diese Dinge mal aus dieser Perspektive und achten Sie Darauf, welche Gefühle und welche Eindrücke in Ihnen wach werden. Erzählen Sie mir von diesen Gesüh- len und diesen Gedanken — ganz kraus und unsystematisch und ohne irgendeinen Zweck oder eine Absicht — wir wollen einmal sehen, wohin diese Stimmung führt. Und wir wollen ferner sehen, seine Stimme wurde leiser, und feine Augen schlossen sich halb, wie bei jener Prophezeiung heute nachmittag — „zu welchen Tatsachen oder sagen wir schon zu welchen Taten sich Ihre Gedanken, vielleicht auch Ihre Wünsche verdichten lassen "
Klodius sah ihn an. „Sie sprachen in einer bestimmten Absicht, Herr Cascapol?"
„Dort kommt der Sekt" sagte Cascapol.
„Sie sprechen in einer bestimmten Absicht?" beharrte Klodius.
Cascapol füllte die beiden Maser und nahm einen Strohhalm. Dann, indem er Klodius voll ins Gesicht sah sagte er:
-Ja. Ich spreche in einer bestimmten Absicht."
Klodius hob fein Mas und tat einen langen andächtigen Zug Geleert fetzte er es nieder Augenblicklich füllte sein Nachbar cs von neuem.
„Trinken Sie."
Er tat es. Mit heimlichem Entzücken fühlte er den brennenden Strom, der durch seine Kehle rann und der alle seine Adern zu erfüllen schien mit einem mutwilligen und prickelnden Feuer.
Wieder schenkte Cascapol ein. „Ihr Wohl!" S-ie tranken
Eine beruhigende und zugleich auspeitschende Kraft ging von diesem Wein aus, die sich rein körperlich kaum erklären ließ. Nie war fein SeFtan™narer und geschärfter gewesen als in diesem Moment — und dennoch war nie in feinem Leben das Gefühl einer freudigen Erwartung, ja, die Sicherheit eines nahen Glücks so mächtig in ihm gewesen wie jetzt.
Klodius war Fatalist — gewesen — geworden — vielleicht beides. Er war mit der lieber- zeugung verwachsen, baß es keinen Zufall gab. Unb unwillkürlikch mußte er die Begegnung mit diesem seltsamen Menschen, seine Errettung vom Selbstmord, bas Beisammensein mit jenem in diesem mondänen Raum als einen Teil einer bestimmten und vorsorglich waltenden Absicht erfühlen, die über seinem Leben wachte.
Er merkte, wie feine Augen neuen und hellen Glan» erhielten. Die Besoraniffe und Aengjte. die wie Ketten um feine Brust tagen, fmtenen gelockert — oder zersprengt: zum ersten Male fett langer Zeit glaubte er sie nicht zu fühlen. Alle Dinge hatten einen leichten und glücklichen Schimmer.
Ein Herr nat in die Bar, vom Stirer devot- vertraulich begrüßt Seine halb erloschenen Augen irrten zu den jungen Kokotten hinüber mir, verloren sich glanzlos ins Weite.
„Sehen Sie den dort drüben?" sagte Cascapol. „Ich bin sicher, daß er Sie beneidet."
„Der alte Herr?' fragte Klodius kopfschüttelnd
»Er ist kaum vierzig Er war einer der erfolgreichsten Lebemänner des Kontinents: Sie konnten ihn vor wenigen Jahren auf den Boulevards wie in M-mte Carlo antreffen: und nie ohne eine schöne Krau. Seine Jacht war die rassigste im Mitir'meer. und er selbst war einer der schönsten Männer, die ich je gesehen
iFortjetzung sorgt.»