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Rr. 22.

Siebzehnter Iahrganq.

Kasseler Neueste Nachrichten

1. Beilage.

Donner-taa, 27 Januar 1927.

10) Roma« von Paul Rosenhahn.

Es gibt eine Philosophie; es gibt geiftige Freuden, die die körperlichen an Intensivität und an Tiese übertreffen."

»<odius schüttelte den Kopf.Bei allem Respekt vor Ihrer Klugheit, Herr Cascapol: in diesem einen Punkt können Sie nicht mitreden. In diesem einen einzigen Punkt ist alle Ersah- rung aus meiner Seite. Sie sind gesättigt, Sie haben gut reden. Sie ahnen nicht, welche Summe von Kränkungen die Menschen bereit- halten für den, der anders ist als sie wie sie sich alle einig sind, wenn es gilt, einen einzigen aufs Korn zu nehmen, dessen Aeußeres zum billigen Spott reizen mag. Sie sind wohlge­baut; unter den schönsten Männern werden sie erfolgreich Ihren Platz behaupten. Sie können sich in meinen Zustand nickt hineindenken nein, Sie können mich nicht verstehen. Mein Buckel das ist der Berg, der mich trennt von allem Schönen der Erde."

Haben Sie wirklich so schwere Enttäuschun­gen erlebt?"

Klodius machte eine müde und trostlose Geste.Mein ganzes Leben ist eine einzige un­endliche grausame Kette von Enttäuschungen gewesen. Mit Temüliaungen von den Spiel­kameraden meiner Kindheit fing es an. Dann kam ich in die Jahre des sogenannten Liebes­glücks. Wollte ich Ihnen alle abweisenden Blicke, alle höhnischen Worte, iedes geflüsterte, gespottete Nein berichten Sie würden mir nicht glauben. Denn um das alles zu vet- stehen, bedarf es einer Einstellung zu den Din­gen, die der normale Mensch gar nicht hat Und ich will es Ihnen gleich und offen sagen: für den Augenblick haben Sie mich gehindert, die Konsequenz zu ziehen, die ich ruhig und kalten Blutes als die gegebene gefunden habe. Für den Augenblick., daß ick meine Tat mor­gen endgültig ausführen werde, daran kann mich kein Mensch der Erde bindern."

Wenn Sie so sehr int Körperlichen besangen

Schön und schlank.

Was ich in Hollywood erlebte.

Don

Anette Kellermann.

Das großeFamilienblatt, das guteHeimatblatt

sind die

Die Verfallerw, die R6 ,«r Zeit als Naiver- iatküuulerm auf einet Waftipieltetie durch Deutschland befindet, ist in der ganzen Well als Schwimmenu berühmt. Sie ist die erste Stau, die den Berfnch der Kanaldnrchfchwimu,nng wagte. Ruch als Filmfchanivielerin wat Anette »ettetmann in Amerika mit gröhteur Erfolge tätig. Was sie tn der Kalifornischen Filmstadt erlebte, erzählt ste anschaulich im Folgenden:

In den verflossenen drei Jahren habe ich fast die ganze Erde durchquert. Denn ich bereiste Australien, Neu-Seeland, die Südsee-Jnseln, Südafrika, Honolulu, Amerika, England und einen großen Teil des übrigen Europa. Land und Menschen änderten sich, aber eine Tat­sache stand fest, wohin ich auch kam: Ueberall in der Welt interessiert man sich für den Film und seine Darsteller; es scheint, als ob sie die ruhen­den Punkte in der Erscheinungen Flucht sind. Eines jedoch konnte ich stets bemerken, wenn die Rede auf den Film kam: das große Publi­kum hat eine völlig falsche Anschauung von dem Leben Derjenigen, die es als Darsteller aus der weißen Wand sieht. Immer noch ist die Ansicht verbreitet, daß die

Filmschauspieler ein beneidenswertes Dasein führen. In Wirklichkeit steht die Sache aber ganz anders aus. Ich spreche aus eigener Er­fahrung. Denn ich kenne nicht nur den größten Teil der amerikanischen Filmsterne persönlich, ich habe auch selbst gefilmt und weiß daher recht gut, was die Arbeit vor dem Kurbelkasten be­deutet. Niemals tn meinem Leben habe ich schwerer gearbeitet und war wagemutiger als in meiner Filmzeit. Sie können es mir glauben, kein Filmstar ist auf Rosen gebettet. Zunächst einmal ist die Konkurrenz eine übergroße. Täg­lich tauchen neue Gesichter auf. Da heißt es, besonders für die Frauen, die strengste Lebens­weise inne zu halten, denn eine plumpe, ungraziö­seHeldin" kann natürlich auch im Film nicht schlank sein. Und in Amerika gilt es als eine unverzelliche Sünde, wenn ein Filmstar dick ist. Fast alle Filmschauspieler nehmen Unterricht in K örperpflege un d befolgen eine strenge, aber ver­nünftige Diät. Mit bewundernswerter Energie vorsagen sie sich fast jeden Leckerbissen, denn sie wissen, daß es bet ihnenum's Ganze geht". Norma Talmadge .Blanche Sweet, Hellen Fe- gerson, Priscilla Dean, Florence Vidor, Viola Dana sind unter der großen Anzahl der Film­schauspielerinnen Hollywoods diejenigen, die sich eines besonders vortrefflichen körperlichen Zustandes erfreuen. Auch Mary Pickförd führt ein sehr einfaches Leben und hält gleichfalls eine leichte Diät. Das Publikum kann sich nicht vorstellen, daß der dauernde Aufenthalt in den Filmateliers

aus die Dauer verrückt machen kann.

Schon allein das manchmal stundenlange, uner­läßliche Warten auf den großen Moment des Dranseins", und der Lärm von allen Seiten, sind eine nervenzermürbende Ablenkung von demGesammeltsein", das während der Aus­nahme für den Darsteller unbedingt nötig ist. Tie einzig wirkliche Erholung bringt das Weekend", der Samstag und der Sonntag. Das Bemerkeswerteste, was mir an Hollywood auffiel, war die große Zahl der dort lebenden, wirklich hervorragenden Schönheiten und der völlige Mangel an Eifersucht, der un­ter ihnen zu herrschen schien. Die meisten Frauen hegten eine aufrichtige Bewunderung sür die Reize der Anderen und waren osfenher- zig genug, dies auch öffentlich zu zeigen. Viel­leicht intereffiert es auch meine deutschen Leser zu erfahren, daß JackieCoogan durch Char­lie Chaplin in der Truppe entdeckt wurde, mit der ich in einem Varietee in LoS Angeles

Rasieler Neuesten Nachrichten

auftrat. Und das kam so: Jackies Vater war Tänzer bei uns. Jackie selbst und seine Mutter arbeiteten gleichfalls mit Er war damals drei­einhalb Jahre alt und ein entzückendes Kerl­chen. Jeden Menschen, den er nur einmal ge­sehen hatte, imitierte er auf die drolligste Art. Manchmal brachte seine Mutter ihn mit in das Theater, und am Ende meiner Nummer nahm ich ihn auf die Bühne, stellte ihn den Zuschauern vor, und nun gab der Knirps Nachahmungen der Tänze seines Bakers und Kopien bekannter schauspieler zum besten, so daß sich das Publi­kum vor Lachen bog. Jedesmal erntete Jackie ungewöhnlichen Beisall. Als ihn seine Mutter eines Nachts wieder mitbrachte, vergaß ich, Jackie auf die Bühne zu bringen. Nach der Vorstellung lief seine Mutter auf mich zu und sagte:Fräulein Kellermann, Jackie ist so ent­täuscht, daß er heute nicht auftreten durfte!" Das Kerlchen tat mir schrecklich leid , ich hob eS empor und versprach ihm, das Versäumte am nächsten Abend nachzuholen. Wie verabredet, nahm ich ihn in der Nacht darauf mit aus die Bühne. Er spielte eine kleine Szene, und der Nest ist filmhistorisch. Charlie Chaplin war wie schon oft im Zuschauerraum, und nach der Vorstellung fragte er mich, ob er den Vater des Jungen sprechen könne. Bald darauf entstand Jackies erster Film;The Kid". Ich werde oft gefragt, warum ich nicht häufiger filme, denn meine Filme waren stets ein gutes Geschäft für den Fabrikanten. Der Grund ist, daß ich mei­nerseits der Bühne den Vorzug gebe. Denn Wafferfilme herzustellen, wie eS zumeist meine Aufgabe war, ist die aufregende Arbeit, die sich denken läßt. Deshalb steht man auch nur sel­ten solche Filme. Bekleidet mit dem Kostüm ei­ner Nixe, einen riesigen Fischsckwanz hinter mir herschleppend, mußte ich manchmal aus die Sonne warten, ohne die eine Ausnahme nicht möglich war. Dabei mußte ich bis zur Taille im Waster liegen und hatte zuweilen das Ge­fühl, als ob mir die Beine erstarrten. Einmal hatte ich hundertzwei Fuß unter Wasser zu spielen. Ein andermal führte ich einen Draht­seilakt aus. Der Draht war zweiundsiebzig Fuß hoch über dem Waster gespannt, und aus dieser Höhe mußte ich hinabtauchen. Bei den Aufnah­men zuNeptuns Tochter" zerbrach das Glas- bastin, in dem ich teilweise arbeitete, und das Resultat- war, daß ich drei Monate lang im Ho­spital liegen mußte.

Aus aller

Welt.

sm rätselhafter Aktenraub.

Vor dem Berliner Landgericht in der Gru- nerstraße schwebt seit dem vergangenen Jahre ein Prozeß, in den auch eine Anklage wegen Hehlerei gegen den Berliner Juwelier Bran­denburg hineinverflochten war. Der Prozeß und die Aktenbearbeitung waren in vollem Gange. Als dann nun vor einiger Zeit ein Termin angesetzt wurde, waren die Akten kurz vor der anberaumten Zeit plötzlich verschwun­den. Gericht und Kriminalpolizei nahmen so­fort die Nachforschungen auf. Sie hatten keinen Erfolg. Es war nichts zu ermitteln, die Akten blieben verschwunden. Plötzlich, nach geraumer Zeit, lagen sie wieder an derselben Stelle, von der sie auf rätselhafte Weise weggekommen wa­ren. Als jedoch der Richter das Bündel durch­sah, erkannte er gleich, daß eine sehr wesent­

liche Veränderung vorgegangen war. Alte Akten waren herausgenommen, in anderen wa­ren Fälschungen vorgenommen worden. Außer- dem waren ganz neueAkten" binzugefügt war» den. So hatte sich die Prozeßlage ganz verän­dert. Brandenburg schien nach der neuen Lage gerechtfertigt. Der Verdacht des Diebstahls und der Fälschungen richtete sich deshalb gegen den Angeklagten selbst. Die Ermittlungen lieferten soviel Belastungsmaterial, daß die Staatsan­waltschaft ihn festnahm und in Untersuchungs­haft setzte. Als ein neuer Termin angesetzt wurde, waren die Akten abermals verschwun­den, und ste sind auch bis zum heutigen Tage noch nicht wieder zum Vorschein gekommen. Brandenburg blieb in Untersuchungshaft. Die Akten wurden ergänzt, und im Hauptverfahren wurde der Verhaftete in erster Instanz zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr verurteilt.

Beleidigungen, die keine mehr ffnd.

Vor dem Amtsgericht in Braubach a. Rh. spielte sich ein interessanter Beleidigungsprozeß ab. Der Redakteur derFrankfurter Volts­stimme", Dr. Dang, hatte während des Wahl- kamipfes in der Frage der Fürstenenteignung in einer öffentlichen Versammlung im Dorfe Dachsenhausen ein Gerücht erwähnt, wonach ein nassauischer Standesherr während des Wiener Kongrestes 1915 dem buumugen Kurfürsten von Hessen-Kassel eine Freundin besorgt habe. Ein Nachfahre des Standesherrn stellte deshalb Strafantrag, wurde aber vom Landge- richt Wiesbaden auf den Weg der Privatklage verwiesen. Das Amtsgericht sprach den Ange­klagten, ohne daß sich der Gerichtshof zurückge» zogen hatte, frei, mit der Begründung, daß der Beklagte gegen den Kläger nichts Ehrenrühri­ges gesagt habe. Nach der Beweisaufnahme könne es sich nur um einen Vorfahren handeln, der zur Zeit des Wiener Kongresses gelebt habe und in diesem Zusammenhang nicht mehr zu den Klageberechtigten gehören könne. Nach dem Strafgesetzbuch seien in einer solchen Angelegen- heit nur noch Eltern, Geschwister und Gatten zur Klage berechtigt.

Keine Gasvergiftung mehr! Da sich in Newyork die Unfälle durch Gasvergiftung häu­fen, will die GaSgesellschast versuchen, dem Gas chemische Bestandteile beizumischen, die heftiges Niesen Hervorrufen und dadurch die Leute alar­mieren.

* Der Ehestreit als Verräter. Eine Hausan­gestellte des Händlers Schonte in Heiligendorf tm Kreise Lüneburg hörte, wie die Frau bei einem Streit zu ihrem Manne sagte:Wenn du mich verläßt, zeige ich deinen Mord cm!" Die Hausangestellte meldete den Vorfall der Polizei, und Schonte gestand, daß er vor vier Jahren einen Viehhändler ermordet hat.

* Furchtbares Eisenbahnunglück in Japan. Aus Tokio wird gemeldet, daß ein Personenzug zwischen Tsurn und Miiho von einer Lawine begraben worden ist. Sämtliche Reisende seien wahrscheinlich umgekommen.

* Hohe Strafe für Kindermißhandlung. Das Landgericht Pastau verurteilte als Berufungs­instanz den Zimmermann Josef Eckbauer zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Er hatte im Sommer 1925 seinen fünfjährigen außerehelichen Sohn zur Erziehung zu sich ge­nommen. Der Junge wurde aber in seinem neuen Elternhause tn furchtbarer Weise miß­

handelt. Das Amtsgericht hatte den Vater wegen dieser Straftat zu s ns Monaten Gefäng­nis verurteilt. Gegen dieses Urteil hatte die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt Die Pflegemutter war aus demselben Grund zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Diese Strafe wurde ebenfalls durch die Be­rufungsinstanz wesentlich erhöht und zwar aus ein Jahr Gefängnis.

* Radio im Zuchthaus Das dänische Zucht­haus HorsenS wird mit einer Rundfunkanlage ausgestattet. Die Jnsasten stellen sich den Empfangsapparat selbst her.

* Ein Leben verwettet. Eine junge Parise­rin wettete in angeheitertem Zustand mit eini­gen jungen Leuten, daß ste einen Liter Rum auf einen Zug austrinken könne. Ihre Wette gewann sie, aber bald darauf brach sie bewußt­los zusammen und starb im Krankenhaus.

Verräterische Sitelfeit.

Der letzte Streich einer Hochstaplerin.

Eine junge Hochstaplerin, die mit großer Kühnheit auftrat, wurde von der Pariser Poli­zei bald nach Verübung eines Betruges abge­faßt, weil sie ihre Eitelkeit nicht bezähmen konnte und am Abend desselben Tages, an Dem ste einem Modewarenhaus wertvolle Kleidungs­stücke herausgelockt hatte, geschmückt mit den er­schwindelten Sachen, in einem bekannten Ver­gnügungslokal erschien.

Eine elegant gekleidete junge Dame, die er­klärte, die Tochter des Lord Crewe, des engli­schen Botschafters in Paris, zu sein und die auch mit englischem Akzent reizend Französisch radebrechte, tarn in ein vornehmes Modewaren­haus und machte große Einkäufe. Sie ersuchte ein Bediensteter des Geschäfts möchte sie nach Hause begleiten, weil ste nicht genug Geld bei sich habe, um zu bezahlen und da die Firma sie doch nicht kenne. Einerseits aus Vorsicht, an­dererseits mit Rücksicht auf die angebliche Ver­wandtschaft mit dem englischen Botschafter gab man der Dame einen Abteilungschef als Be­gleiter mit. Die gekauften Sachen wurden in einem Autotaxi verstaut, die Dame und ihr Be­gleiter stiegen ein u. man fuhr zur englischen Bot­schaft. Unterwegs aber schlug das Botschafter­töchterlein dem Abteilungschef vor, in einem be­kannten Restaurant einzukehren und einen Cock­tail zu nehmen; nach den vielen Einkäufen sei sie sehr müde und brauche eine kleine Stärkung, sagte sie. Der Abteilungschef mußte als galan­ter Herr natürlich diesen Wunsch erfüllen. Man fuhr zu dem Restaurant, der Abteilungschef be­zahlte den Fuhrlohn und ging ins Restaurant, Die Dame gab die eingekauften Sachen in brr Garderobe ab und nahm die Empfangsbestäti­gung entgegen.

Nachdem man ein ober zwei Cocktails ge­nossen hatte, entfernte sich die Dame für einen Augenblick. Der Abteilungsches blieb allein zu. rück und wartete auf die Rückkehr der Botschuf- terstochter, die jedoch nicht mehr kam. Nun stieg dem Abteilungsckef ein Verdacht auf, er eilte zur Garderobe und stellte fest, daß nicht nur seine Dame, sondern auch die eingetauften Sa­chen verschwunden waren. Zuerst mutzte er noch Die Zeche bezahlen, dann eilte er zur Poli­zei, um die Anzeige zu mache». Selbstverständ­lich gab er hierbei eine genaue Beschreibung oer Schwindlerin als auch der von ihr herausgelock- ten Waren. Auf Grund dieses Signalements wurde Die Gaunerin noch am selben Abend ver­haftet. In einem bekannten Nachtlokal fiel einem Detektiv eine Dame auf, die ein kostbares spanifches Halstuch trug, und nach einer raschen Anfrage bei der Polizeidirektion hatte er die Sicherheit, daß dieses Tuch eine der von der angeblichen Botschaftertochter erschwindelten Sachen war. Er sprach deshalb die Verhaftung der Dame aus die gerade von einigen Herren umtchwörntt war. Sie leugnete nicht lange, zu- mal auch andere Kleidungsstücke, die sie trug, aus dem erwähnten Modewarenhaus stamm-en.

.sind, Herr Klodius" sagte Cascapolich weiß, daß in diesen Worten eine Art Vorwurf liegt, und ich will Ihnen nicht verhehlen, das ich ihn mit Bedacht ausspreche wenn also diese... diese... diese Deformation Ihres Körpers Ihnen so verhängnisvoll erscheint so drangt sich mir unwillkürlich eine Frage auf. Verzeihen Sie, wenn sie etwas trivial klingt, wenn sie vielleicht roh erscheinen mag. Haben Sie jemals einen Arzt zu Rate gezogen?"

Gewiß" antwortete Klodius mit traurigem Lächeln.Einer meiner besten Freunde ist Chirurg."

Nun?"

Es kommt vor, daß eine derartige Operation glückt; in der Theorie ist die Streckung eines verkrümmten Rückgrats möglich. In meinem Falle treffen diese Voraussetzungen nicht zu. Es ift unmöglich, mir zu helfen."

Sie wissen das ganz bestimmt?"

Leider" sagte Klodius. noch immer mit dem gleichen traurigen Lächeln.Jede Mög­lichkeit ist ausgeschloffen."

Cascapol knöpfte den Paletot fester zu und schlug den Rockkragen hoch.Ich lasse Sie nicht allein. Diese Nacht nicht mehr. Sie bürütt keine Dummheit machen. Ein Vorschlag; wir werden irgendwohin sehen, unter Menschen."

Es ist mir einerlei' sagte Klodius achsel­zuckend.

Mit einer halben Flasche Sekt im Leibe sehen sich die Dinge oft ganz anders an. Kom­men Sie."

Sie gingen schweigend durch den nächtlichen Tiergarten und bogen in die Bellevuesttaße ein.

Wir wollen in die Esplanadebar gehen" sagte Cascapol.

Ein warmer und verwirrender Dust jhlug Den beiden entgeaen, als sie über die marmorne Diele des Entrees gingen. Musik mischte sick mit jenem undefinierbaren Zusammenklang von Lauten, die über einem Raum zu liegen pfle­gen, in dem viele plaudernde Menschen beisam­men sind.

Die Treppe führte in kühlere Regionen.

Die Bar war fast leer. Nur ein paar junge Gents hockten an der Mcffingstanae hinter ihren Flip-Flaps» und einige Demimondänen brühen

in der Ecke redeten eifrig und vergeblich auf einen schwarzhaarigen Ausländer ein. der sicht­lich kein Wort verstand.

Sekt" sagte Cascapol.

Der Kellner zog die Karie; Cascapol tippte auf eine Marke.Und Zigaretten."

Ein junger Bediensteter erschien und nahm den beiden die Mäntel ab.

Cascapol streckte sich behaglich in feinem Klubsessel aus.Machen Sie sich's bequem, Herr Klodius, und vergessen Sie mal einen Augenblick, was Sie vor einer Stunde vorhat­ten. Schütten Sie mir Ihr Herz aus oder auch nicht" lenkte er ein, als Klodius eine un­mutige Bewegung machte.Tun Sie, was Sie für das Richtige halten. Hier kommen schon die Zigaretten dem Herrn zuerst, Kellner bil­den Die sich mal eine halbe Stunde lang ein. Sie wären ein junger Adonis, Sie wohnten in diesem Hotel und nähmen hier Ihren Schlaf­trunk. Betrachten Sie diese Dinge mal aus die­ser Perspektive und achten Sie Darauf, welche Gefühle und welche Eindrücke in Ihnen wach werden. Erzählen Sie mir von diesen Gesüh- len und diesen Gedanken ganz kraus und unsystematisch und ohne irgendeinen Zweck oder eine Absicht wir wollen einmal sehen, wohin diese Stimmung führt. Und wir wollen ferner sehen, seine Stimme wurde leiser, und feine Augen schlossen sich halb, wie bei jener Prophe­zeiung heute nachmittagzu welchen Tat­sachen oder sagen wir schon zu welchen Taten sich Ihre Gedanken, vielleicht auch Ihre Wünsche verdichten lassen "

Klodius sah ihn an.Sie sprachen in einer bestimmten Absicht, Herr Cascapol?"

Dort kommt der Sekt" sagte Cascapol.

Sie sprechen in einer bestimmten Absicht?" beharrte Klodius.

Cascapol füllte die beiden Maser und nahm einen Strohhalm. Dann, indem er Klodius voll ins Gesicht sah sagte er:

-Ja. Ich spreche in einer bestimmten Absicht."

Klodius hob fein Mas und tat einen lan­gen andächtigen Zug Geleert fetzte er es nie­der Augenblicklich füllte sein Nachbar cs von neuem.

Trinken Sie."

Er tat es. Mit heimlichem Entzücken fühlte er den brennenden Strom, der durch seine Kehle rann und der alle seine Adern zu erfüllen schien mit einem mutwilligen und prickelnden Feuer.

Wieder schenkte Cascapol ein.Ihr Wohl!" S-ie tranken

Eine beruhigende und zugleich auspeitschende Kraft ging von diesem Wein aus, die sich rein körperlich kaum erklären ließ. Nie war fein SeFtannarer und geschärfter gewesen als in diesem Moment und dennoch war nie in fei­nem Leben das Gefühl einer freudigen Erwar­tung, ja, die Sicherheit eines nahen Glücks so mächtig in ihm gewesen wie jetzt.

Klodius war Fatalist gewesen gewor­den vielleicht beides. Er war mit der lieber- zeugung verwachsen, baß es keinen Zufall gab. Unb unwillkürlikch mußte er die Begegnung mit diesem seltsamen Menschen, seine Errettung vom Selbstmord, bas Beisammensein mit jenem in diesem mondänen Raum als einen Teil einer bestimmten und vorsorglich waltenden Absicht erfühlen, die über seinem Leben wachte.

Er merkte, wie feine Augen neuen und hel­len Glan» erhielten. Die Besoraniffe und Aengjte. die wie Ketten um feine Brust tagen, fmtenen gelockert oder zersprengt: zum ersten Male fett langer Zeit glaubte er sie nicht zu fühlen. Alle Dinge hatten einen leichten und glücklichen Schimmer.

Ein Herr nat in die Bar, vom Stirer devot- vertraulich begrüßt Seine halb erloschenen Augen irrten zu den jungen Kokotten hinüber mir, verloren sich glanzlos ins Weite.

Sehen Sie den dort drüben?" sagte Cas­capol.Ich bin sicher, daß er Sie beneidet."

Der alte Herr?' fragte Klodius kopf­schüttelnd

»Er ist kaum vierzig Er war einer der er­folgreichsten Lebemänner des Kontinents: Sie konnten ihn vor wenigen Jahren auf den Boulevards wie in M-mte Carlo antreffen: und nie ohne eine schöne Krau. Seine Jacht war die rassigste im Mitir'meer. und er selbst war einer der schönsten Männer, die ich je gesehen

iFortjetzung sorgt.»