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Nr. 12.

Siebzehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

1. Beilage.

Sonnabend, 15. Januar 1927.

Flucht vor dem Hai.

Ein brasilianisches Abenteuer.

Von

Dr. R. Stürmer.

Copacabana, der Badestrand der brastlianilcke« Hanvtstadt. I Schöner als Siordernen. I Das feh­lende Badcrölkche«. I Von einem Haifiich verfolgt. Mefferkamps in der Brandung. / Glücklich gerettet.

Laranjas de Bahia",Orangen aus Bahia", klang die Stimme des braunen Obsthändlers durch mein geöffnetes Fenster.

Schnell erhob ich mich, eilte unter die Brause und machte mich in aller Eile zurecht. Dann schlüpfte ich in den Badeanzug, warf mir den Bademantel über und eilte hinaus in den Vor­garten. Auf der Gartentür sonnte sich Jacco, der Papagei und warf mir einige üble portu­giesische Schimpfworte entgegen. Im Vorüber­gehen gab ich ihm einen jungen Maiskolben, den er vergnügt knabberte, strich dem kleinen Macaeu, meinem Assen den Kops, drückte ihm eine Banane in die kleine braune Faust und schlenderte im hellsten Sonnenschein voller Er­wartung auf die Rua Copacabana, um den

Badestrand von Rio de Janeiro

kennen zu lernen: Copacabana, ein Stück des Paradieses, von der Rattir mit einer Fülle des Segens ausgestattet. Was sind Scheveningen, Norderney oder Dieppe gegen diese Verbin­dung von Meereshauch, Sonne und Kultur? Wo brandet sonst in der Welt der Ozean mit solcher Kraft auf einen so unvergleichlichen Strand? Längs der Rua Copacabana ziehen sich Hunderte von Villen in allen nur erdenk­lichen Stilarien am Strand entlang, beschattet von Palmen und umwuchert von den schönsten Pflanzen, unter denen die Rosen mit besonderer Sorgfalt gepflegt werden. Um mich herrschte überall lachendes Leben, Männlein und Weib­lein im fröhlichsten Badebetrieb. Mit Behagen fühlte ich eine leichte Briese, die wohltuend kühlte. Gerade wollte ich ins Wasser gehen, als ich über die Brasilianer stutzig wurde,

die mich umgaben. Sie lachten laut, gaben wir unverständliche Zeichen, und ich mertte, daß ich der Gegenstand dieser Belustigung war. Warum ich so amüsant wirkte, klärte sich sehr bald, denn ein brauner Polizeibeamter trat höflich auf mich zu und erklärte mir, daß ich nicht vorschrifts­mäßig gekleidet wäre, da mein Badeanzug zu kurz sei und nicht den polizeilichen Vorschriften entspräche. Er bat mich daher dringend, den Strand zu verlassen. Jetzt merkte ich erst, daß die Herren über ihren langen Badeanzügen, die bis zu den Knien reichen müssen, noch ein kurzes Röckchen trugen, das gleichfalls die Knie berühren muß, einen Anzug, der bei uns einem Damenbadekostüm entsprechen würde. Ich sah jedoch andererseits, daß die sehr öegante Damenwelt mit den entzückendsten, anliegenden Badekostümen belleidet war. Was sollte ich tun? Brummend zog ich meinen Bademantel über und wanderte am Meer entlang um eine Böschung herum, da ich ftüher schon bemerkt hatte, daß dort niemand badete und ich dort vielleicht unbemerkt ins Wasser gehen konnte. In dieser Hoffnung hatte ich mich nicht ge­täuscht, denn die Bucht lag still vor mir. Wun­derbare Brandungswellen schäumten vor mir duf, und ich zögerte keinen Augenblick, den flachen Kopfsprung der Brasilianer, den Jacare, durch die Brandung zu versuchen. Er gelang mir vorzüglich und ich crawlte bald vergnügt durch die gleichmäßigen Wellen, die hinter der Brandung lagen, htS blaue Meer hinein. Am Ufer sah ich meinen braunen Schutzmann auf- tauchen, der mich nicht sofort bemerkte, sich dann

aber wie ein Wilder gebärdete,

duf seiner Signalpfeife pfiff und mir andauernd unverständliche Gesten machte. War ich nun einmal entdeckt, so wollte ich doch wenigstens

mein verbotenes Schwimmen richtig auskosten. Strafe würde ich wohl sowieso zahlen müssen. Ruhig schwamm ich daher weiter, bis ich vor Entsetzen zu EiS erstarrte, denn nicht weit von mir entfernt erblickte ich die dreieckige Rückenflosse eines HaieS. Da» Blut stockte mir in den Adern, die Bestie hatte mich bemerkt und machte unverkennbar Jagd auf mich. Ich konnte zunächst kein Glied rühren, schwamm dann aber um mein Leben dem Ufer zu. Doch bald merkte ich, daß dies Schwimmen, das wohl das schnellste meines Lebens war, zu langsam sei, denn mit dem Hai konnte ich nicht in Konkur­renz treten. Die Brandung kam näher und näher, würde ich sie wohl noch erreichen? Jetzt wurde es mir bitter klar, warum die Bucht bei Tijuca so verlassen lag, die Brasilianer wußten, daß dort die Haie lauerten.

Hinter mir sah ich die Flosse näher und näher kommen, ich wollte das Rennen aufgeben, denn ich konnte die Glieder kaum vor Ermattung rühren. Eine unsägliche Gleichmut überkam mich, ich mußte mich mit meinem Schicksal ab­finden. Da rauschte eine braune Gestalt aus mich zu. Ich erkannte den Polizisten, der, daS blanke Seitengewehr zwischen den Zähnen hal­tend, aus den Hai zuschwamm und mir zuwinkte, mich zu retten. Ich brachte mich mit letzter Kraft in Sicherheit und sah zu meinem Ent­setzen, daß der Hai sich auf den Rücken warf und den Polizisten angriff. Dieser wich ge­wandt aus und hob das blitzende Seitengewehr; blutigrot färbw stch daS Wasser um ihn, er hatte der Bestie den Bauch aufgeschlitzt. Der Hai verschwand, und mein Retter kam an Land. Ich drückte ihm stumm die Hand und sah seine braunen Augen vor Stolz blitzen, als ich ihn ob seiner Tapferkeit lobte.De nada, de nada, hat nichts zu sagen, ich hab das schon öfters gemacht," sagte er,aber jetzt müssen Sie Sttafe zahlen, weil sie gegen mein Verbot doch mit dem unvorschriftsmäßigen Anzug gebadet haben." Ich zahlte ihm gern und reichlich, aber in dem Polizisten Jose hatte ich einen guten Freund gesunden.

Aus aller Welt.

Wer Nagt Harr« Domrla an?

Harry Domelader falsche Hohenzollern- prinz", wird vorläufig im Gefängnis am Klin- gelbitz in Köln wegen Fluchwerdachts in Haft bleiben. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Gerichtsverfahren in Weimar stattfinden, weil dort Die meisten seiner Hochstapeleien begangen sind. ES ist aber sehr fraglich, ob viel bei Die­sem Prozeß herauSkommen wird, da der größte Teil der Geschädigten aus begreiflichen Grün­den bisher keine Anzeige erstattet hat. Wie jetzt bekannt wird, hat Domela bereits vor zwei Jah­ren in Darmstadt als Hakon Graf Pahlen aus Rußland eine Gastrolle gegeben. Er suchte un­ter dem hochklingenden Pseudonym den Philo­sophen Gras Hermann Keyserling, den Grün­der der Schule der Weisheit, aus und erhielt von ihm Unterstützungen und Empfehlungs­briefe. Auch von einem Grafen Hardenberg und dem ehemaligen Kabinettsches des früheren Großherzogs von Hessen, Herrn von Römhild, wurde Domela unterstützt, bis er ergriffen und mit acht Wochen Gefängnis bestraft wurde.

Xobesfadrt aus den Ferien.

Wie aus Moskau gemeldet wird, ereignete sich auf der Nordbahn eine große Eisenbahnka­tastrophe. Von dem von Irkutsk nach Moskau gehenden Zuge entgleisten bei der Station Ar- saki vier Wagen, die die Strecke sperrten. Aus diese Wagen rannte ein aus Moskau kommen­der Zug mit aller Gewalt auf. Ein Teil Der Wagen wurde völlig zertrümmert. Die Maschine des Moskauer Zuges erlitt starke Beschädigun­gen. 16 Personen werden bisher als tot, 18 als schwer und 7 als leicht verletzt gemeldet. Es

handelt stch bei den Verunglückten hauptsächlich um Studenten und Schüler, die auf der Rück­reise von ihren Weihnachtsferien sich befanden. Man nimmt an, daß die Zahl der Opfer höher ist, als bisher zugegeben wird.

* Zugunglück im letzten Augenblick verhin­dert. Auf der Reichseisenbahnsttecke Schönin­gen-Eisleben brach zwifchen den Stationen Schöningen und Offleben plötzlich zwifchen den Steifen der Bahndamm int Umfang von meh­reren Metern in sich zusammen. Die Ursache ist vermutlich Unterspülung durch den Regen der letzten Tage. Ein schon abgelassener Perso­nenzug konnte durch die Aufmerksamkeit des Streckenwärters kurz vor der Dammbruchstelle zum Halten gebracht und umgeleitet werden.

* Im Theater vergiftet. In einem Berliner Theater fand das Personal nach der Vorstellung auf dem Butzboden eine Frau besinnungslos liegend auf. Ein Arzt stellte fest, daß die Frau Gift genommen hatte.

* Selbsianklage und Widerruf. Bei der Magdeburger Polizei erschien der Sohn eines Magdeburger Pfarrers und beantragte seine Verhaftung, da er vor vier Jahren einen bis­her noch nicht aufgeklärten Mord an einem Straßenmädchen begangen habe. Der junge Mann wurde zunächst in Haft behalten, obgleich er seine Aussagen bald wiederries.

* Eine neue Rheinbrücke. Für die neue Rheinbrücke zwischen dem Kölner Vorort Mül­heim und dem linken Rheinufer war ein Wett­bewerb ausgeschrieben worden. Unter 38 Ent­würfen ist jetzt ein Brückenplan ausgesucht wor­den, der den Rhein ohne Strompfeiler über­spannen will. Die Brücke wird elf Millionen Mark kosten.

* Von einem Einbrecher angeschoffen. In Fürstenberg-Oder wurde der Bäckermeister Fritz Müller von einem unbekannten Mann, der sich an der Wohnungstür Müllers zu schaffen ge­macht hatte, durch einen Revolverschuß schwer verletzt. Der Täter, der anscheinend einen Ein­bruch beabsichtigt hatte, ist geflohen.

* Lebendig verbrannt. In einem Miethaus in Birmingham in England brach ein Feuer aus, das den Bewohnern des Hauses bald sämt­liche Ausgänge abschnitt. Ein Mädchen und ein Junge kamen in den Flammen um, die Mutter und zwei Kinder wurden noch lebend geborgen, starben aber bald darauf.

* Mariaspring niedergebrannt. Das in aller Welt bekannte Vergnügungslokal Mariaspring, das im Leben jedes Göttinger Studenten eine bedeutsame Rolle spielt, ist bei Nacht vollständig niedergebrannt.

* Die Kuh mit dem Holzbein. Der Tier­arzt von Niederhone führte kürzlich eine inter­essante Operation aus, indem er einer wertvol­len, hochtragenden Milchkuh die rechte Hinter­bein kurz unter dem Sprunggelenk amputierte. Die Kuh bekommt nach Abheilung der Wunde ein Holzbein. Infolge der Overation bleibt das wertvolle Tier wenigstens bis zum Abkalben seinem Besitzer erhalten.

* Beleidigung durch einen Papagei. In Graz verklagte ein Handlungsgehilfe einen Wand an Wand mit ihm wohnenDen Herrn wegen Beleidigung, weil jedes Mal, wenn sich der Handlungsgehilfe in seinem Zimmer nur rührte, im Nebenzimmer der Papaqet des Nach­bars rief:Ruhe, Du Lausbub!" Bei «er Ge­richtsverhandlung erschien der Verklagte mit dem Papagei, der sich durch Die Würde des Ortes nicht einschüchtern ließ und den Richter mit den Worten anschrie:Ruhe, Du Lausbub!" Auch das Publikum, das durch die Verhandlung sehr heiter gestimmt war, mußte «ch die gliche Liebenswürdigkeit sagen lassen. Der Pr.-zeß endete mit einem Vergleich zwischen den beiden Parteien.

* Bubikopf im Armenhaus. Der Bubikopf nimmt in England noch immer an Beliebtheit zu. Die Frauen des Armenhauses des Städt­chens Begaleswade baden den Antrag gestellt,

Am morgigen Sonnabend be­ginnen wir mit dem Abdruck eines neuen Romans aus der Feder von Vaul Rosenvayn mit dem Xitel ,/Vas Glück Ser dreißig Tage".

daß ihnen auf Kosten der Gemeinde Bubiköpfe geschnitten werden. Der Antrag wurde bewilligt.

(Sin neuer Gaunertrick.

Kinder die nur auf dem Papier stehen.

Am 4. Juni erscheint, sich durch Ouit- tungskarte ausweisend, der Arbeiter Willi Gei­ge beim Standesamt und zeigt an, daß am 3. Juni, vormittags 10 Uhr, die unverehelichte Elise Schubert ein Mädchen geboren habe, wie er unter Anerkennung seiner Vaterschaft aus eigenem Wissen bezeuge. Elfmal verlas der Vorsitzende des Schöffengerichts Berlrn-Mrtte eine derartige standesamtliche Eintragung, im­mer mit anderem Namen. Und einmal fügte er hinzu: Immer um 10 Uhr vormittags haben die Brüder ihre Kinder gekriegt." DieBrüder" wie sie der Vorsitzende nannte, saßen auf der Anklagebank und hießen Kurt und Erich Damast und waren der Urkundenfälschung und des Be­truges angeklagt.

Der Hauptschuldige ist Kurt Damast. Er hatte einen neuen Gaunertrick erfunden, der Nicht einer gewissen Komik entbehrt. Unter falschem Namen, mit gefälschten Ausweispapieren aus- gestattet, erschien er, bei verschiedenen Berliner Standesämtern, meldete die Geburt eines un­ehelichen Kindes an unb ging dann mit der Geburtsurkunde zur allgemeinen Ortskranken­kasse, zur Barmer Ersatzkasse, Ortskrankenkasse der Mechaniker oder zur neuen Maschinenbauer­krankenkasse und hob dort die Wöchnerinnen- und Stillgelder und die Unterstützungsbeträge für uneheliche Mütter ab, die er auf gefälschte Vollmachten der jeweils von ihm bezeichneten unehelichen Mutter quittierte. Vollständig konnte Der Trick nicht gelingen, denn Damast mußte existierende Personen als Väter und Mütter angeben, und so kam der Tag mit töd­licher Sicherheit, an dem seine Schwindeleien der Kriminalpolizei offenbar wurden. Eines Tages wurde nämlich der Mechaniker Erich Jammink auf fein zuständiges Polizeirevier ge­rufen und gefragt, was denn aus seinen drei unehelichen Kindern werde, ob er auch ordent­lich für sie sorge. Dem Bedauernswerten sträub­ten sich die Haare, und er schwor Stein unb Bein, daß er keine Ahnung von irgendwelchen Kindern habe. An einem anderen Tage erschien die Polizei bei einer jungen Darnch und erkun­digte sich teilnehmend nach dem Wohlergeben ihres unehelichen Söhnchens Heinz, nach dessen Geburt sie Still- u. Wöchnerinnenunterstützung von der Krankenkasse bezogen habe. Die junge Dame war entsetzt. Sie wußte nichts von ih­rem Mutterglück, aber die Polizei war natur­gemäß zunächst gegen die vermeintliche Mutter mißtrauisch und in einem Falle wurde gegen eine derMütter" ein Ermittlungsverfahren wegen Kindesmordes eingeleitet.

Endlich kam man dahinter, daß die Brüder Damast die Uebeltäter waren, daß die unehe­lichen Kinder elf hat man bisher festgestellt gar nicht existierten und die angegebenen Väter und Mütter von ihrem Glück nichts wuß­ten. Als Opfer hatten stch die Angeklagten meist Freundinnen ihrer Schwester ausgesucht. DieVäter" fanden sie, indem sie als angebliche Steuerbeamten ihre Personalien auskundsch.'s- teten und dann nach den erhaltenen Angaben gefälschte Legitimationspapiere anfertigten. Das Gericht verurteilte Kurt Damast zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust Erich Damast zu acht Monaten Gefängnis.

Der einzige Verlaß.

Von

Karl Ettlinger-gjlündbeit.

Ms er zwei und zwanzig Jahre alt war, sagte (er zu seinem Vater:Deine guten Lehren sind wertlos, sie passen nicht für mich. Denn es spricht aus ihnen Mißtrauen gegen die Mensch­heit, Enttäuschung. Ich aber glaube an die Menschheit. Wenn du schlechte Erfahrungen ge­macht hast, so liegt die Schutt» an dir, Papa! Lch weiß, ich fühle: nur auf eines kann man sich in diesem kurzen Leben verlassen, und dies ist die Güte der menschlichen Natur. Mso spare deine guten Lehren und lasse mich ruhig in das, was du meinVerderben" nennst, hinein- Xennen!

Er küßte seinen Vater, streichelte ihm die Wangen und dachte:Armes, verbittertes Papachen!"

Dann ging er hinaus zu feinen Freunden.

Ms er vierunddreißig Jahre alt war, sagte 6r zu feiner Frau:Gewiß, es ist schmerzlich, daß mich alle meine Freunde betrogen haben! Am wenigsten hätte ich es von Mex geglaubt, ich hätte für ihn ohne Bedenken den letzten Heller geopfert, unb er verriet mich um mein Linsengericht. Aber ich komme darüber hinweg, denn ich habe ja dick! Frauenliebe ist das ein­zige, auf das man sich in dieser unbeständigen Welt verlassen kann! Laß mich deine schönen flauen Augen küssen!"

Er streichelte ihr die Wangen und dachte: »Wie reich bin ich! Wie unermeßlich reich!"

Ms er fünfundvierzig Jahre alt war, sprach ir zu feinem Pudel:Heute jährt stch zum drit­ten Male der Tag, feit sie uns verlassen hat. Ach. und mit welch einem Gecken ist sie auf und davon gegangen! Sie ist sicher sehr unglück­lich geworden! Wie habe ich sie geliebt und wieviel Gutes habe ick ihr getan! Wenn ich dich nicht hätte, mein lieber Pudel, wäre td> stanz allein Ihr treuen Tiere seid die einHaen Geschöpfe auf die man sich in dieser fatschen Welt, verlassen kann! Ich habe, dich, sehr lieb."

Er streichelte den weißen Pudel und gab ihm ein Stück Zucker.

*

MS er dreiundfünfzig Jahre alt war, be­trachtete er sinnend den marmornen Apollokopf auf feinem Schreibtisch und sprach:Gestern habe ich ihn auf der Straße wiedergesehen. Er erkannte mich gleich und sprang an mir hoch. Aber bann wandte er sich feinem neuen Herrn zu und ließ mich sichen. Ich könnte ihn ja zu­rückverlangen, denn er ist mir gestohlen wor­den, aber er hat feinen neuen Herrn lieber als mich. Was man sich von der Treue der Tiere erzählt, alles Märchen. Nur auf euch, ihr leblosen Dinge, ist noch Verlaß. Wer dich wohl geschaffen haben mag, du schönes Mar­morbild? Und ob er auch so viel gelitten hat?"

Er streichelte den kalten Marmor und küßte ihn.

Mit siebenundsechzig Jahren starb er. An einem Herzschlag. Man fand in seinem Nach­laß einen Zettel, auf dem zu lesen stand:Es ist seltsam, ich fange an, an die Menschen zu glauben. Heute sah ich ein Kind, das--"

Mitten tn diesem Satz hatte ihn der Tod Überrascht.

Entfernte Verwandte teilten sich in die will­kommene Erbschaft. Nur ein kleines Päckchen warfen sie weg: es enthielt einen längst ver­jährten Schuldschein, unterzeichnet von einem unbekannten Alten, eine Frauenlocke, ein Hunde­halsband und die Trümmer einer Marmor­figur.

Am falschen platze.

Der Reinfall einer Theatergesellschaft.

Eine britische Operngesellschsst bereist gegen­wärtig den fernen Orient. Man war in Indien China und kam auch nach Japan. Was soll man den Japanern Vorspielen? Lobengrin? Nun die Entscheidung war naheliegend Japan den Japanern! Man setzt Madame Butterflp aufs Programm. Wenn das nicht gefiel, bann war überhaupt nichts zu machen Zur Premier- her Puccini-Oper hatte sich die große Gesellschaft

Tokios, Vertreter der Regierung und der Diplo­matie, kürz, das glanzvollste Premierenpubliknm, das in Japan denkbar ist, eingefunden Japa­nisches Leben in europäischem Licht das war ein Ereignis.

Bis zur Mitte des ersten Aktes herrschte ban­ges Schweigen.Beifallsbezengungen blieben aus. Dann löste sich plötzlich die Spannung. In der ersten Reihe erhob sich ein Mann und rief: Die­ses Stück ist ja eine Karrikatur! So etwas kön­nen Sie in Europa, aber nicht in Japan spieln!" Unb nun erhob sich im weiten Saale ein ohren- hetäubenbes Gelächter, das nicht endenwollte.Die Sänger und Sängerinnen vergaßen das Singen, die Musiker ließen die Instrumente sinken. Langsam schloß sich der Vorhang.

Und die Moral von der Geschicht? DasEr­otische gilt nichts im eigenen Lande. Denn es ist nur erotisch, weil es von weit der kommt. Ja­pan ist stch selbst sehr selbstverständlich Aber das haben die Herren, die diese Blamage veran­stalteten. vergessen. Sie dachten, sie kämen ins Reich der Butterfly, unb nun Wundern sie sich, daß sie diePreußen des fernen Ostens" vor- fanben.

Feinde der Ehe.

Glück und Ende derShakers".

Anderthalb Jahrhunderte ist cs her, daß Die Anhänger derMutter Lee", die sich auchSha­kers" nannten, aus England nach Amerika her» überkamen und sich als Ackerbauer namentlich in Ohio niederlleßen. Männer und Frauen, die in ihre Reihen eintraten, mußten ihre ehelichen Bande lösen und wie Brüder unb Schwestern ein mönchisches Dasein führen. Die Zeit war den Shahers günstig Tie Sekte zahlt- bald viele tausend Anhänger, und ihre Mitglieder waren als fleißige und stille Leute überall beliebt und geachtet

Heute ist die Sekte verfallen Ein kläglicher Rest von wenigen alten Leuten ist von bet stol­zen Vereinigung übrig geblieben, unb diese wer­den in ganz kurzer Zeit ausaestorben fein Die steil ist ihre" Ideen nicht gnn»ig i^rst in diesem Tagen ist eines der angefchcusteir Mitglieder, ein

Führer der Shakers, den Idealen der Gründerin untreu geworden. Er hat geheiratet. In einem offenen Brief an feine einstigen Brüder unb Schwestern erklärt er, baß er jahrelang innere Kämpfe geführt habe, bevor er sich zum endgülti­gen Entschluß burdjrang. In feinem Herzen sei die Liebe zu einer edlen Frau entbrannt, und er habe sie durch die anstrengendsten Arbeit nicht lö­schen können. Er sehe ein, daß der Menschheit nicht durch die Abkehr von den Geboten der gött­lichen Natur gedient werden könne.

Damit war der Sekte das Todesurteil ver­kündet Die wenigen jüngeren Mitglieder haben ihren Austritt erklärt und sind meist untereinan­der eheliche Bündnisse eingegangen. Niemand zweifelt daran, daß sie durch diesen Schritt ihrer Frömmigkeit unb ihrem Wirken für Wahre Menschlichkeit keinen Abbruch getan haben.

Gtachelbmht.

Ein paar Zeitglossen von Peter Lee.

Alle, auch große Herrscher, finb unb Waren in ihren politischen Anschauungen Sckwan- fungen unterworfen, aber nicht alle suchten in den Aeußerungen von Güte und Generosität einen schätzbaren Ausgleich.

Die extremsten politischen Ueberzeuaungen blühen heilte auf dem Mistbeet der Zeitzer­rissenheit. Der Sinn für historische Tradition gilt vielen als nationales Muckertum.

Warum Unbesonnenheit unb Jähzorn? Die Araber sagten: Räche dich nicht! Setze bich auf die Schwelle beines Hauses unb warte: du wirst noch die Leiche deines Feindes vorüber­tragen sehen.

Die politische Küche hat schon vielen Köchen ben Geschmack verdorben

Es gibt nicht wenige Politiker, deren Kar­riere die Widersprüche befestigt haben, die sie logischerweise hätten zerstören müssen. Auf dem Boden der Gegenwart gedeihen solche Anomalien besonders üppig.

In einer chaotischen Zeit bedeutet Schwim­men allein schon eine Kunst

Die wirkliche Macht liegt einzig unb allein im Charakter wenn man feiner Art treu bleibt.