Nr. 12.
Siebzehnter Jahrgang.
Kasseler Neueste Nachrichten
1. Beilage.
Sonnabend, 15. Januar 1927.
Flucht vor dem Hai.
Ein brasilianisches Abenteuer.
Von
Dr. R. Stürmer.
Copacabana, der Badestrand der brastlianilcke« Hanvtstadt. I Schöner als Siordernen. I Das fehlende Badcrölkche«. I Von einem Haifiich verfolgt. Mefferkamps in der Brandung. / Glücklich gerettet.
„Laranjas de Bahia", „Orangen aus Bahia", klang die Stimme des braunen Obsthändlers durch mein geöffnetes Fenster.
Schnell erhob ich mich, eilte unter die Brause und machte mich in aller Eile zurecht. Dann schlüpfte ich in den Badeanzug, warf mir den Bademantel über und eilte hinaus in den Vorgarten. Auf der Gartentür sonnte sich Jacco, der Papagei und warf mir einige üble portugiesische Schimpfworte entgegen. Im Vorübergehen gab ich ihm einen jungen Maiskolben, den er vergnügt knabberte, strich dem kleinen Macaeu, meinem Assen den Kops, drückte ihm eine Banane in die kleine braune Faust und schlenderte im hellsten Sonnenschein voller Erwartung auf die Rua Copacabana, um den
Badestrand von Rio de Janeiro
kennen zu lernen: Copacabana, ein Stück des Paradieses, von der Rattir mit einer Fülle des Segens ausgestattet. Was sind Scheveningen, Norderney oder Dieppe gegen diese Verbindung von Meereshauch, Sonne und Kultur? Wo brandet sonst in der Welt der Ozean mit solcher Kraft auf einen so unvergleichlichen Strand? Längs der Rua Copacabana ziehen sich Hunderte von Villen in allen nur erdenklichen Stilarien am Strand entlang, beschattet von Palmen und umwuchert von den schönsten Pflanzen, unter denen die Rosen mit besonderer Sorgfalt gepflegt werden. Um mich herrschte überall lachendes Leben, Männlein und Weiblein im fröhlichsten Badebetrieb. Mit Behagen fühlte ich eine leichte Briese, die wohltuend kühlte. Gerade wollte ich ins Wasser gehen, als ich über die Brasilianer stutzig wurde,
die mich umgaben. Sie lachten laut, gaben wir unverständliche Zeichen, und ich mertte, daß ich der Gegenstand dieser Belustigung war. Warum ich so amüsant wirkte, klärte sich sehr bald, denn ein brauner Polizeibeamter trat höflich auf mich zu und erklärte mir, daß ich nicht vorschriftsmäßig gekleidet wäre, da mein Badeanzug zu kurz sei und nicht den polizeilichen Vorschriften entspräche. Er bat mich daher dringend, den Strand zu verlassen. Jetzt merkte ich erst, daß die Herren über ihren langen Badeanzügen, die bis zu den Knien reichen müssen, noch ein kurzes Röckchen trugen, das gleichfalls die Knie berühren muß, einen Anzug, der bei uns einem Damenbadekostüm entsprechen würde. Ich sah jedoch andererseits, daß die sehr öegante Damenwelt mit den entzückendsten, anliegenden Badekostümen belleidet war. Was sollte ich tun? Brummend zog ich meinen Bademantel über und wanderte am Meer entlang um eine Böschung herum, da ich ftüher schon bemerkt hatte, daß dort niemand badete und ich dort vielleicht unbemerkt ins Wasser gehen konnte. In dieser Hoffnung hatte ich mich nicht getäuscht, denn die Bucht lag still vor mir. Wunderbare Brandungswellen schäumten vor mir duf, und ich zögerte keinen Augenblick, den flachen Kopfsprung der Brasilianer, den Jacare, durch die Brandung zu versuchen. Er gelang mir vorzüglich und ich crawlte bald vergnügt durch die gleichmäßigen Wellen, die hinter der Brandung lagen, htS blaue Meer hinein. Am Ufer sah ich meinen braunen Schutzmann auf- tauchen, der mich nicht sofort bemerkte, sich dann
aber wie ein Wilder gebärdete,
duf seiner Signalpfeife pfiff und mir andauernd unverständliche Gesten machte. War ich nun einmal entdeckt, so wollte ich doch wenigstens
mein verbotenes Schwimmen richtig auskosten. Strafe würde ich wohl sowieso zahlen müssen. Ruhig schwamm ich daher weiter, bis — ich vor Entsetzen zu EiS erstarrte, denn nicht weit von mir entfernt erblickte ich die dreieckige Rückenflosse eines HaieS. Da» Blut stockte mir in den Adern, die Bestie hatte mich bemerkt und machte unverkennbar Jagd auf mich. Ich konnte zunächst kein Glied rühren, schwamm dann aber um mein Leben dem Ufer zu. Doch bald merkte ich, daß dies Schwimmen, das wohl das schnellste meines Lebens war, zu langsam sei, denn mit dem Hai konnte ich nicht in Konkurrenz treten. Die Brandung kam näher und näher, würde ich sie wohl noch erreichen? Jetzt wurde es mir bitter klar, warum die Bucht bei Tijuca so verlassen lag, die Brasilianer wußten, daß dort die Haie lauerten.
Hinter mir sah ich die Flosse näher und näher kommen, ich wollte das Rennen aufgeben, denn ich konnte die Glieder kaum vor Ermattung rühren. Eine unsägliche Gleichmut überkam mich, ich mußte mich mit meinem Schicksal abfinden. — Da rauschte eine braune Gestalt aus mich zu. Ich erkannte den Polizisten, der, daS blanke Seitengewehr zwischen den Zähnen haltend, aus den Hai zuschwamm und mir zuwinkte, mich zu retten. Ich brachte mich mit letzter Kraft in Sicherheit und sah zu meinem Entsetzen, daß der Hai sich auf den Rücken warf und den Polizisten angriff. Dieser wich gewandt aus und hob das blitzende Seitengewehr; blutigrot färbw stch daS Wasser um ihn, er hatte der Bestie den Bauch aufgeschlitzt. Der Hai verschwand, und mein Retter kam an Land. Ich drückte ihm stumm die Hand und sah seine braunen Augen vor Stolz blitzen, als ich ihn ob seiner Tapferkeit lobte. „De nada, de nada, — hat nichts zu sagen, ich hab das schon öfters gemacht," sagte er, „aber jetzt müssen Sie Sttafe zahlen, weil sie gegen mein Verbot doch mit dem unvorschriftsmäßigen Anzug gebadet haben." Ich zahlte ihm gern und reichlich, aber in dem Polizisten Jose hatte ich einen guten Freund gesunden.
Aus aller Welt.
Wer Nagt Harr« Domrla an?
Harry Domela „der falsche Hohenzollern- prinz", wird vorläufig im Gefängnis am Klin- gelbitz in Köln wegen Fluchwerdachts in Haft bleiben. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das Gerichtsverfahren in Weimar stattfinden, weil dort Die meisten seiner Hochstapeleien begangen sind. ES ist aber sehr fraglich, ob viel bei Diesem Prozeß herauSkommen wird, da der größte Teil der Geschädigten aus begreiflichen Gründen bisher keine Anzeige erstattet hat. Wie jetzt bekannt wird, hat Domela bereits vor zwei Jahren in Darmstadt als Hakon Graf Pahlen aus Rußland eine Gastrolle gegeben. Er suchte unter dem hochklingenden Pseudonym den Philosophen Gras Hermann Keyserling, den Gründer der Schule der Weisheit, aus und erhielt von ihm Unterstützungen und Empfehlungsbriefe. Auch von einem Grafen Hardenberg und dem ehemaligen Kabinettsches des früheren Großherzogs von Hessen, Herrn von Römhild, wurde Domela unterstützt, bis er ergriffen und mit acht Wochen Gefängnis bestraft wurde.
Xobesfadrt aus den Ferien.
Wie aus Moskau gemeldet wird, ereignete sich auf der Nordbahn eine große Eisenbahnkatastrophe. Von dem von Irkutsk nach Moskau gehenden Zuge entgleisten bei der Station Ar- saki vier Wagen, die die Strecke sperrten. Aus diese Wagen rannte ein aus Moskau kommender Zug mit aller Gewalt auf. Ein Teil Der Wagen wurde völlig zertrümmert. Die Maschine des Moskauer Zuges erlitt starke Beschädigungen. 16 Personen werden bisher als tot, 18 als schwer und 7 als leicht verletzt gemeldet. Es
handelt stch bei den Verunglückten hauptsächlich um Studenten und Schüler, die auf der Rückreise von ihren Weihnachtsferien sich befanden. Man nimmt an, daß die Zahl der Opfer höher ist, als bisher zugegeben wird.
* Zugunglück im letzten Augenblick verhindert. Auf der Reichseisenbahnsttecke Schöningen-Eisleben brach zwifchen den Stationen Schöningen und Offleben plötzlich zwifchen den Steifen der Bahndamm int Umfang von mehreren Metern in sich zusammen. Die Ursache ist vermutlich Unterspülung durch den Regen der letzten Tage. Ein schon abgelassener Personenzug konnte durch die Aufmerksamkeit des Streckenwärters kurz vor der Dammbruchstelle zum Halten gebracht und umgeleitet werden.
* Im Theater vergiftet. In einem Berliner Theater fand das Personal nach der Vorstellung auf dem Butzboden eine Frau besinnungslos liegend auf. Ein Arzt stellte fest, daß die Frau Gift genommen hatte.
* Selbsianklage und Widerruf. Bei der Magdeburger Polizei erschien der Sohn eines Magdeburger Pfarrers und beantragte seine Verhaftung, da er vor vier Jahren einen bisher noch nicht aufgeklärten Mord an einem Straßenmädchen begangen habe. Der junge Mann wurde zunächst in Haft behalten, obgleich er seine Aussagen bald wiederries.
* Eine neue Rheinbrücke. Für die neue Rheinbrücke zwischen dem Kölner Vorort Mülheim und dem linken Rheinufer war ein Wettbewerb ausgeschrieben worden. Unter 38 Entwürfen ist jetzt ein Brückenplan ausgesucht worden, der den Rhein ohne Strompfeiler überspannen will. Die Brücke wird elf Millionen Mark kosten.
* Von einem Einbrecher angeschoffen. In Fürstenberg-Oder wurde der Bäckermeister Fritz Müller von einem unbekannten Mann, der sich an der Wohnungstür Müllers zu schaffen gemacht hatte, durch einen Revolverschuß schwer verletzt. Der Täter, der anscheinend einen Einbruch beabsichtigt hatte, ist geflohen.
* Lebendig verbrannt. In einem Miethaus in Birmingham in England brach ein Feuer aus, das den Bewohnern des Hauses bald sämtliche Ausgänge abschnitt. Ein Mädchen und ein Junge kamen in den Flammen um, die Mutter und zwei Kinder wurden noch lebend geborgen, starben aber bald darauf.
* Mariaspring niedergebrannt. Das in aller Welt bekannte Vergnügungslokal Mariaspring, das im Leben jedes Göttinger Studenten eine bedeutsame Rolle spielt, ist bei Nacht vollständig niedergebrannt.
* Die Kuh mit dem Holzbein. Der Tierarzt von Niederhone führte kürzlich eine interessante Operation aus, indem er einer wertvollen, hochtragenden Milchkuh die rechte Hinterbein kurz unter dem Sprunggelenk amputierte. Die Kuh bekommt nach Abheilung der Wunde ein Holzbein. Infolge der Overation bleibt das wertvolle Tier wenigstens bis zum Abkalben seinem Besitzer erhalten.
* Beleidigung durch einen Papagei. In Graz verklagte ein Handlungsgehilfe einen Wand an Wand mit ihm wohnenDen Herrn wegen Beleidigung, weil jedes Mal, wenn sich der Handlungsgehilfe in seinem Zimmer nur rührte, im Nebenzimmer der Papaqet des Nachbars rief: „Ruhe, Du Lausbub!" Bei «er Gerichtsverhandlung erschien der Verklagte mit dem Papagei, der sich durch Die Würde des Ortes nicht einschüchtern ließ und den Richter mit den Worten anschrie: „Ruhe, Du Lausbub!" Auch das Publikum, das durch die Verhandlung sehr heiter gestimmt war, mußte «ch die gliche Liebenswürdigkeit sagen lassen. Der Pr.-zeß endete mit einem Vergleich zwischen den beiden Parteien.
* Bubikopf im Armenhaus. Der Bubikopf nimmt in England noch immer an Beliebtheit zu. Die Frauen des Armenhauses des Städtchens Begaleswade baden den Antrag gestellt,
Am morgigen Sonnabend beginnen wir mit dem Abdruck eines neuen Romans aus der Feder von Vaul Rosenvayn mit dem Xitel ,/Vas Glück Ser dreißig Tage".
daß ihnen auf Kosten der Gemeinde Bubiköpfe geschnitten werden. Der Antrag wurde bewilligt.
(Sin neuer Gaunertrick.
Kinder die nur auf dem Papier stehen.
„Am 4. Juni erscheint, sich durch Ouit- tungskarte ausweisend, der Arbeiter Willi Geige beim Standesamt und zeigt an, daß am 3. Juni, vormittags 10 Uhr, die unverehelichte Elise Schubert ein Mädchen geboren habe, wie er unter Anerkennung seiner Vaterschaft aus eigenem Wissen bezeuge. Elfmal verlas der Vorsitzende des Schöffengerichts Berlrn-Mrtte eine derartige standesamtliche Eintragung, immer mit anderem Namen. Und einmal fügte er hinzu: Immer um 10 Uhr vormittags haben die Brüder ihre Kinder gekriegt." Die „Brüder" wie sie der Vorsitzende nannte, saßen auf der Anklagebank und hießen Kurt und Erich Damast und waren der Urkundenfälschung und des Betruges angeklagt.
Der Hauptschuldige ist Kurt Damast. Er hatte einen neuen Gaunertrick erfunden, der Nicht einer gewissen Komik entbehrt. Unter falschem Namen, mit gefälschten Ausweispapieren aus- gestattet, erschien er, bei verschiedenen Berliner Standesämtern, meldete die Geburt eines unehelichen Kindes an unb ging dann mit der Geburtsurkunde zur allgemeinen Ortskrankenkasse, zur Barmer Ersatzkasse, Ortskrankenkasse der Mechaniker oder zur neuen Maschinenbauerkrankenkasse und hob dort die Wöchnerinnen- und Stillgelder und die Unterstützungsbeträge für uneheliche Mütter ab, die er auf gefälschte Vollmachten der jeweils von ihm bezeichneten unehelichen Mutter quittierte. — Vollständig konnte Der Trick nicht gelingen, denn Damast mußte existierende Personen als Väter und Mütter angeben, und so kam der Tag mit tödlicher Sicherheit, an dem seine Schwindeleien der Kriminalpolizei offenbar wurden. Eines Tages wurde nämlich der Mechaniker Erich Jammink auf fein zuständiges Polizeirevier gerufen und gefragt, was denn aus seinen drei unehelichen Kindern werde, ob er auch ordentlich für sie sorge. Dem Bedauernswerten sträubten sich die Haare, und er schwor Stein unb Bein, daß er keine Ahnung von irgendwelchen Kindern habe. An einem anderen Tage erschien die Polizei bei einer jungen Darnch und erkundigte sich teilnehmend nach dem Wohlergeben ihres unehelichen Söhnchens Heinz, nach dessen Geburt sie Still- u. Wöchnerinnenunterstützung von der Krankenkasse bezogen habe. Die junge Dame war entsetzt. Sie wußte nichts von ihrem Mutterglück, aber die Polizei war naturgemäß zunächst gegen die vermeintliche Mutter mißtrauisch und in einem Falle wurde gegen eine der „Mütter" ein Ermittlungsverfahren wegen Kindesmordes eingeleitet.
Endlich kam man dahinter, daß die Brüder Damast die Uebeltäter waren, daß die unehelichen Kinder — elf hat man bisher festgestellt — gar nicht existierten und die angegebenen Väter und Mütter von ihrem Glück nichts wußten. Als Opfer hatten stch die Angeklagten meist Freundinnen ihrer Schwester ausgesucht. Die „Väter" fanden sie, indem sie als angebliche Steuerbeamten ihre Personalien auskundsch.'s- teten und dann nach den erhaltenen Angaben gefälschte Legitimationspapiere anfertigten. Das Gericht verurteilte Kurt Damast zu zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust Erich Damast zu acht Monaten Gefängnis.
Der einzige Verlaß.
Von
Karl Ettlinger-gjlündbeit.
Ms er zwei und zwanzig Jahre alt war, sagte (er zu seinem Vater: „Deine guten Lehren sind wertlos, sie passen nicht für mich. Denn es spricht aus ihnen Mißtrauen gegen die Menschheit, Enttäuschung. Ich aber glaube an die Menschheit. Wenn du schlechte Erfahrungen gemacht hast, so liegt die Schutt» an dir, Papa! Lch weiß, ich fühle: nur auf eines kann man sich in diesem kurzen Leben verlassen, und dies ist die Güte der menschlichen Natur. Mso spare deine guten Lehren und lasse mich ruhig in das, was du mein „Verderben" nennst, hinein- Xennen!“
Er küßte seinen Vater, streichelte ihm die Wangen und dachte: „Armes, verbittertes Papachen!"
Dann ging er hinaus zu feinen Freunden.
Ms er vierunddreißig Jahre alt war, sagte 6r zu feiner Frau: „Gewiß, es ist schmerzlich, daß mich alle meine Freunde betrogen haben! Am wenigsten hätte ich es von Mex geglaubt, ich hätte für ihn ohne Bedenken den letzten Heller geopfert, unb er verriet mich um mein Linsengericht. Aber ich komme darüber hinweg, denn ich habe ja dick! Frauenliebe ist das einzige, auf das man sich in dieser unbeständigen Welt verlassen kann! Laß mich deine schönen flauen Augen küssen!"
Er streichelte ihr die Wangen und dachte: »Wie reich bin ich! Wie unermeßlich reich!"
Ms er fünfundvierzig Jahre alt war, sprach ir zu feinem Pudel: „Heute jährt stch zum dritten Male der Tag, feit sie uns verlassen hat. Ach. und mit welch einem Gecken ist sie auf und davon gegangen! Sie ist sicher sehr unglücklich geworden! Wie habe ich sie geliebt und wieviel Gutes habe ick ihr getan! Wenn ich dich nicht hätte, mein lieber Pudel, wäre td> stanz allein Ihr treuen Tiere seid die einHaen Geschöpfe auf die man sich in dieser fatschen Welt, verlassen kann! Ich habe, dich, sehr lieb."
Er streichelte den weißen Pudel und gab ihm ein Stück Zucker.
*
MS er dreiundfünfzig Jahre alt war, betrachtete er sinnend den marmornen Apollokopf auf feinem Schreibtisch und sprach: „Gestern habe ich ihn auf der Straße wiedergesehen. Er erkannte mich gleich und sprang an mir hoch. Aber bann wandte er sich feinem neuen Herrn zu und ließ mich sichen. Ich könnte ihn ja zurückverlangen, denn er ist mir gestohlen worden, — aber er hat feinen neuen Herrn lieber als mich. Was man sich von der Treue der Tiere erzählt, — alles Märchen. Nur auf euch, ihr leblosen Dinge, ist noch Verlaß. Wer dich wohl geschaffen haben mag, du schönes Marmorbild? Und ob er auch so viel gelitten hat?"
Er streichelte den kalten Marmor und küßte ihn.
•
Mit siebenundsechzig Jahren starb er. An einem Herzschlag. Man fand in seinem Nachlaß einen Zettel, auf dem zu lesen stand: „Es ist seltsam, ich fange an, an die Menschen zu glauben. Heute sah ich ein Kind, das--"
Mitten tn diesem Satz hatte ihn der Tod Überrascht.
Entfernte Verwandte teilten sich in die willkommene Erbschaft. Nur ein kleines Päckchen warfen sie weg: es enthielt einen längst verjährten Schuldschein, unterzeichnet von einem unbekannten Alten, eine Frauenlocke, ein Hundehalsband und die Trümmer einer Marmorfigur.
Am falschen platze.
Der Reinfall einer Theatergesellschaft.
Eine britische Operngesellschsst bereist gegenwärtig den fernen Orient. Man war in Indien China und kam auch nach Japan. Was soll man den Japanern Vorspielen? Lobengrin? Nun — die Entscheidung war naheliegend Japan den Japanern! Man setzt Madame Butterflp aufs Programm. Wenn das nicht gefiel, bann war überhaupt nichts zu machen Zur Premier- her Puccini-Oper hatte sich die große Gesellschaft
Tokios, Vertreter der Regierung und der Diplomatie, kürz, das glanzvollste Premierenpubliknm, das in Japan denkbar ist, eingefunden Japanisches Leben in europäischem Licht — das war ein Ereignis.
Bis zur Mitte des ersten Aktes herrschte banges Schweigen.Beifallsbezengungen blieben aus. Dann löste sich plötzlich die Spannung. In der ersten Reihe erhob sich ein Mann und rief: Dieses Stück ist ja eine Karrikatur! So etwas können Sie in Europa, aber nicht in Japan spieln!" Unb nun erhob sich im weiten Saale ein ohren- hetäubenbes Gelächter, das nicht endenwollte.Die Sänger und Sängerinnen vergaßen das Singen, die Musiker ließen die Instrumente sinken. Langsam schloß sich der Vorhang.
Und die Moral von der Geschicht? Das „Erotische gilt nichts im eigenen Lande. Denn es ist nur erotisch, weil es von weit der kommt. Japan ist stch selbst sehr selbstverständlich Aber das haben die Herren, die diese Blamage veranstalteten. vergessen. Sie dachten, sie kämen ins Reich der Butterfly, unb nun Wundern sie sich, daß sie die „Preußen des fernen Ostens" vor- fanben.
Feinde der Ehe.
Glück und Ende der „Shakers".
Anderthalb Jahrhunderte ist cs her, daß Die Anhänger der „Mutter Lee", die sich auch „Shakers" nannten, aus England nach Amerika her» überkamen und sich als Ackerbauer namentlich in Ohio niederlleßen. Männer und Frauen, die in ihre Reihen eintraten, mußten ihre ehelichen Bande lösen und wie Brüder unb Schwestern ein mönchisches Dasein führen. Die Zeit war den Shahers günstig Tie Sekte zahlt- bald viele tausend Anhänger, und ihre Mitglieder waren als fleißige und stille Leute überall beliebt und geachtet
Heute ist die Sekte verfallen Ein kläglicher Rest von wenigen alten Leuten ist von bet stolzen Vereinigung übrig geblieben, unb diese werden in ganz kurzer Zeit ausaestorben fein Die steil ist ihre" Ideen nicht gnn»ig i^rst in diesem Tagen ist eines der angefchcusteir Mitglieder, ein
Führer der Shakers, den Idealen der Gründerin untreu geworden. Er hat geheiratet. In einem offenen Brief an feine einstigen Brüder unb Schwestern erklärt er, baß er jahrelang innere Kämpfe geführt habe, bevor er sich zum endgültigen Entschluß burdjrang. In feinem Herzen sei die Liebe zu einer edlen Frau entbrannt, und er habe sie durch die anstrengendsten Arbeit nicht löschen können. Er sehe ein, daß der Menschheit nicht durch die Abkehr von den Geboten der göttlichen Natur gedient werden könne.
Damit war der Sekte das Todesurteil verkündet Die wenigen jüngeren Mitglieder haben ihren Austritt erklärt und sind meist untereinander eheliche Bündnisse eingegangen. Niemand zweifelt daran, daß sie durch diesen Schritt ihrer Frömmigkeit unb ihrem Wirken für Wahre Menschlichkeit keinen Abbruch getan haben.
Gtachelbmht.
Ein paar Zeitglossen von Peter Lee.
Alle, auch große Herrscher, finb unb Waren in ihren politischen Anschauungen Sckwan- fungen unterworfen, aber nicht alle suchten in den Aeußerungen von Güte und Generosität einen schätzbaren Ausgleich.
Die extremsten politischen Ueberzeuaungen blühen heilte auf dem Mistbeet der Zeitzerrissenheit. Der Sinn für historische Tradition gilt vielen als nationales Muckertum.
Warum Unbesonnenheit unb Jähzorn? Die Araber sagten: Räche dich nicht! Setze bich auf die Schwelle beines Hauses unb warte: du wirst noch die Leiche deines Feindes vorübertragen sehen.
Die politische Küche hat schon vielen Köchen ben Geschmack verdorben
Es gibt nicht wenige Politiker, deren Karriere die Widersprüche befestigt haben, die sie logischerweise hätten zerstören müssen. Auf dem Boden der Gegenwart gedeihen solche Anomalien besonders üppig.
In einer chaotischen Zeit bedeutet Schwimmen allein schon eine Kunst
Die wirkliche Macht liegt einzig unb allein im Charakter — wenn man feiner Art treu bleibt.