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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Kasseler Neueste Nachrichten

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Nummer 145. Amtliches Organ der Stadt Kassel

Mittwoch, 23. Juni 1926

Amtliches Organ der Stadt Kassel 16. Jahrgang

Fürsten- und Zollrätsel noch ungelöst!

Nur Zeit!

Der Geist im Elsaß läßt sich nicht totschlagen.

Anstatt durch Maßregelungen der Unterzeich­ner des Aufrufs desElsaß-Lothringischen Hei. matbundes" Märtyrer zu schaffen ohne damit natürlich der Bewegung irgendwie im Ideellen und in der Wucht etwas anzuhaben, hätte der starke Mann in Paris, Herr Justiz- und Elsaß- Minister Laval, vielleicht gut daran getan, stch die gerade erschienene Broschüre des radikal-so­zialistischen Straßburger Politikers Georg Wolf: .Das elsässische Problem" oder auch die Sonder- nummer der Straßburger ZeitschriftDar Eifer- ne Mann" stch vorlegen lasten sollen, die die Ant- Worten auf eine Rundfrage enthält: »Was denn- ken und was halten Sie von der autonomi- stischen Bewegung im Elsaß?" Hier hätte der Herr Minister über Sinn und Umfang der von ihm alsantinationale Kampagne" gekenn- zeichnete Bewegung vielleicht eine ganze Menge gelernt. Auch ein durch Frankenkrise nervös ge­wordener Minister sollte sich .Sanktionen" nicht aus dem Aermel schütteln.

Aus diesen Beiträgen ist wieder einmal klar erkenntlich, wie fest der Selbständigkeits-. der Selbstverwaltungsdrang im elsaß-lothringischen Volke sitzt. Durch die Laval'schen Sank- tionnen, die lauten Widerhall in der inter­nationalen Welt gefunden haben, ist die elsaß- lothringische Oefsentlichkeit aufs tiefste aufge­wühlt worden. Die letzten Meldungen haben gezeigt, wie erregt die Geister sind, wie die Lei­denschaften der französischen Auwnomistentöter sich mit denen der Heimattreuen treffen, wie der französische Hohn aus dieplumpen germa­nistischen Allüren" der Verfafler und Unterzeich­ner des Aufrufes niederprasteln, wie die beiden streitenden Lager sich gegenseitig das Recht ab- sprechcn, im Namen, oder auch nur im Interests Elsaß-Lothringens zu reden.

Man ist bei der Lektüre der elsaß-lothringi­schen Presse leicht in Gefahrseekrank" zu wer­den (wie ein Züricher Blatt ausdrückt), wenn man nicht die großen Linien der Auseinander­setzung im Auge behält. Die Grundgedanken dez Gegensatzes, der heute in Form der Pariser Dik­taturmenschen gewaltsam beseitigt werden soll, haben stch schon bald nach dem Waffenstillstand und dem Einzug der Franzosen herausgebildet; sie sind unter freiwilliger Mithilfe der Franzo­sen immer klarer heraubsgearbeitet worden. Was sich heute zeigt ist die Auswirkung. Die Gegensätze sind zurückzuführen auf die Tatsache, daßEelsatz-Lothringen einenationale Min­derheit im Rahmen des französischen Staate« ist, sich als solche bewußt fühlen gelernt hat und daraus seine und Frankreichs Konsequen­zen gezogen sehen haben will. Dem Franzosen» tum, wie es in Jahrhunderten gewachsen ist, ist die Einheit und Einheitlichkeit des Staates biS ins Letzte hinein ein Dogma, während dem El- saß-Lothringer wie den übrigen deutschen Stäm, men der Gedanke der Selbstverwaltung, des de­zentralisierten Staatsbaues, dielokalen Frei­heiten" unentbehrlich sind.

Der Gegensatz gärte längst in allen Lagern, bekam aber rechts Gestalt erst, als kürzlich ein" üherparteiliches Blatt ausgehend von der bisher zumeist aus parteiischer Taktik oder aus Zag­haftigkeit oder gar Liebedienerei ahgestrittenrn Tatsache des deutschen Volkstums die An­sprüche einernationalen Minderheit" aufstellie. Als die Einsicht von der Notwendigkeit einer Einheitsfront .allerHeimattreuen", allerauf­rechten Elsaß-Lothringer" als der Vorbedin­gung eines Erfolges Allgemeingut geworden war, konnte zum Sammeln geblasen werden und derElsaß-Lothringische Heimatbund' trat mit einem Aufruf in die Oefsentlichkeit.

So töricht es an sich ist, wenn man in Pa­ris aus die Einflüsterungen bedenklicher Rat­geber hin mit dem Dreschflegel dreinschlug, so kann man es freilich den ratlosen, die Dinge nicht fastenden Herrschaften nachfühlen, daß sie die Gelegenheit wahrnahmen, es mit der Ge­walt zu veriuchen, mit Einschüchterung, mit Diktatur. Es ist .Katastrophenpolitik" oder besser gesagt: Va banque-SPiel. lind es hätte gegenüber einer wirklich nur aufMachenschaf­ten", aufVerhetzung", aufPropaganda" aus- gebauten Bewegung Aussicht auf Erfolg. Wie aber, wenn die Bewegung naturhaft gewachsen, «in unumgänglicher Ausdruck eines Wesenhaft ten ist, daS losgelöst von Namen und Personen sich immer wieder Luft schaffen wird? Dann hat Herr Laval das vom französischen Stand­punkt aus etwas zweifelhafte Verdienst, durch die Züchtung von Märtyrern eine Bewegung aus der ruhigen, gesetzlichen Bahn rettungslos in den Erttemismus hineingeworfen zu haben. Die elsaß-lothringischen Heimatsbeweaung ist cttvaS Elementares, etwas, was bestehen wird, solange es bodenständiges, gesundes Elsäster-

und Lothringertum gibt. Daher können iss auch Rückschläge, die ihr aus der gegenwärtigen Unfertigkeit ihrer Front erwachsen könnten, letzthin nichts anhaben. Elsatz-Lot-Hringen kann warten. ES hat Zeit. Was heute nicht wird, kann morgen oder übermorgen werden.

* * *

ein Au schrei der Quai. .

,Hch hab eS getragen sieben Jahr..

In einem Aufruf desHeunatbundes" heißt es u. a.:Sieben Jahre lang haben wir zuge< sehen, wie man uns Tag für Tag in unserer Heimat entrechtet hat, wie alle die Ver­sprechungen. welche man uns feierlich gegeben, mißachtet worden sind »wie man unsere Raffen­eigenschaften und Sprache, unsere Ueberlieft- rungen und Gebräuche zu erdrosseln suchte. AU dies Leid wollen und werden wir unter keinen Umständen weiter ertragen. Wir fordern, daß die deutsche Sprache im üfftntlichen Leben un­seres Landes den Rang einnimmt, der ihr als Muttersprache des weitaus größten Teiles unseres Volkes und als einer der ersten Kultur­sprachen der Welt zukommt. Als ureigenstes Recht, aus Selbstbewußtsein, aus sozialen und sprachlichen Gründen verlangen wir Platz an der Sonne für unsere Landesrin­de t. Der Aufruf schließt mit den Worten Es lebe ein starkes u. freies Elsass-Lothringen!"

Es geht ums Brot.

Verlängerung der geltenden Zollsätze? (Privat-Telegramm.)

Berlin, 22. Juni.

an zuft-inviE .Stelle alaubt, daß im Hrtsirta Luf die Regierungsvorlage zur Fürstenabfindung eine Einigung sich werde er­zielen laffen, ist gegenüber den Zollfragen die Haltung der einzelnen Frakttonen sehr unent­schieden. Heute Vormittag versuchten die Par- teisüluer die Lage zu klären. Wie wir erfahren, würden mindestens beim Zentrum u. bei den De­mokraten zahlreiche Stimmen laut, die sich gegen die zum 1. August gesetzlich vorgesehene Einführung des autonomen Zolltarifs wenden Tie Sozialdemokraten und Kommunisten neh men unbedingt gegen diese Zollerhöhunp Stellunig. Wie uns mitgeteilt wird, erwartet man in Regierungskreisen gegenwärtig, daß die bisherigen Zölle verlängert werden sollen, da­mit allen parlamentarischen Wünschen Rechnung getragen wird. Der Landwirtschaftsminister will die Erhöhung der Agrarzölle vornehmen, 'weil sonst die Landwirte die-gesamte Ernte zu rückhalten werden, bis die neuen Zollsätze ge­setzlich in Kraft treten werden.

*

Kein Ausweg aus dem Slirstenlovurtntb

Berlin, 22. Juni. (Privattelegramm.) Der Gesetzentwurf, betreftend die Fürstenabfindung wird, wie man aus parlamentarischen Kreisen hört, auf Wunsch des Reichskanzlers vorausflcht- lich von der heutigen Tagesordnung im Rechts­ausschuß a b g e s e tz t werden, da der Reichs­kanzler vorher noch einmal Fühlung mit den Deutschnationalen, der bayrischen Bolks- partei und den Sozialdemokraten nehmen will ¥

Die Kommunisten für Auflösung.

Berlin, 22. Juni.

Die kommunistische Reichstagsfraktiou ist bei Auffassung, daß das Millionenvotum für die entschadigungslose Enteignung der Fürsten eine klare Entscheidung der Mehrheit des werftäti­gen Volkes gegen Hindenburg, gegen die Regierung Marx und gegen den Reichstag ist. Sie fordert deshalb die sofortige Auf- lösung des Reichstages und die Durchfüh­rung deS Enteignungsgesetzes."

Laßt uns nicht untergehen!

Die Sparer wenden sich an Hindenburg.

(Eigene Drahtmeldung.)

Freiburg i. B., 22. Juni Der Sparerbund weift in einem Schreibe an den Reichspräsidenten u. a. auch auf das un beschreiblich« Elend all der Millionen hin, die durch den in der Inflationszeit mangelnden Rechtsschutz ihre Ersparnisse verloren haben und durch die dann folgende Aufwertungsgcsctz- gebung bis zu 97)4 Prozent enteignet und zu Bettlern gemacht worden seien. Der Bund wendet sich an den Reichspräsidenten als den berufenen Schirmer der Verfassung und der Ge­rechtigkeit für alle. Er habe bisher vergebens auf eine ähnliche Kundgebung gewartet, wie sie der Reichspräsident zugunsten der Für­sten ergehen ließ. Er könne nW frusten, daß eine kleine Anzahl Männer dem Relchspräsi denken näher üche als der staatstreueste und

staatsbejahendste Teil der Mitbürger, als der in seiner Existenz vernichtete und zu Boden ge- orückte Mittelstand, auf dessen Gedeihen sich von jeher eine gesunde deutsche Volkswirtschaft auf­baute. DaS Schreiben gibt der Erwartung Ausdruck, daß der Reichspräsident dem geplan­ten Sperrgesetz zur Verhinderung des Aufwer­tungs-Volksbegehrens entgegenwtrken möge.

Verkehrte Wett.

Hier zuviel Regen und Brasilien verdorrt.

(Eigener Drahtbericht.)

Amsterdam, 22. Juni.

Nach aus Surinam (Brasilien) eingetrof- senen Berichten ist dort infolge der langaichal- tenden Trockenheit die Kaffee-, Kakao- und Zuckerernte fast vollständig vernichtet worden. In Surinam hat es noch niemals eine solche Dürre gegeben. Zehntausende von Bäumen und Pflanzen verdorrten. Der angerichtete Scha­den wird auf über sieben Millionen Gulden ge­schätzt. Da der Bevölkerung Hunger und Elend drohen, hat die niederländische Vereini­gung von Surinam einen Ausruf an däs Mutter­land zur Hilfsaktion ergehen lassen.

D?e Oder tm Bergwerk.

Berlin, 22. Juni. (Privattelegramm.) Infolge des Hochwassers der Oder sind große Wassermen- aen in die Untertagebettiebc der niederschlesischen Bergwerke einqedrungen. Bei den gesamten Fürstensteiner Gruben mußten Feierschichten ein­gelegt werden.

Mnteten für Ramek?

Vor großen Umwälzungen in Oesterreich. (Privat-Telegramm.)

Wien, 22. Juni.

Der steirische Landeshauptmann Dr. Rin- telen hat gestern das Unterrichtsportefeuille end­gültig übernommen, womit di« Regierungskrise beigelegt ist. Die Nachricht, daß Bundeskanzler Ramek als Statthalter für Dr. Rintelen auf den Poften des Bundeskanzlers anzusehen sei, wird als Kombination bezeichnet. Grundlegende Umwälzungen im Kabinett sind vor der Rück­kehr Dr. Seipels aus Amerika nicht zu erwarten

Brland mustert noch immer.

Poincarö wird Polizist im Elsaß!

(Eigene Drahtmeldung.)

Paris, 22. Juni

Die Entsl^idung, ob Briand das Kabinett bilden kann, dürste heute vormittag in einer Konferenz mit Poincare, Doumer und anderen Persönlichkeiten ftüten. In dieser Konferenz soll das Finanzprogramm geprüft werden. Poincarö hat das Finanzministerium offenbar abgelehnt, weil dieser Angriffen im Parlament ausgesetzt sei, denen er sich als Chef der Re­gierung nicht ausfetzrn könne. Außerdem könne Poinrarö die Ratifizierung des Washingtoner Schuldenabkommens nicht beantragen, da er sich öffentlich gegen das Abkommen ausgesprochen habe. Unter diesen Umständen soll Poincark es vorziehen, das Justizministerium und damit die Verwaltung der elsässischen und lothringi­schen Angelegenheiten zu übernehmen.

Gr hat in Prag verspielt.

Trommelfeuer gegen Benesch.

(Eigener Drahtbericht.)

Prag, 22. Juni.

Gestern konferierte Außenminister Benesch in Angelegenheit seiner Deutifston mit der natio- nalsozialistiscksen Partei ebenso auch Präsident Masaruk. Auch von tschechisch-agrarischer Seite wird jetzt in heftiger Weise sein Rücktritt ge­fordert, sowie der Rücktritt des Senatspräsiden- fen Klosas, und des Vizepräsidenten der Ab­geordnetenkammer, Slaviesl.

Kein Interesse an Locarno

Kanada behätt sich seine Beschlüsse vor.

(Eigener Drahtbericht.)

Ottawa, 22. Juni

Premierminister Mackenzie King erklärte im Unterhaus, er sehe im Augenblick keinen Grund, weshalb Kanada die Verpflichtuna des Vertra­ges von Lorarno übernehmen sollte, insbesondere, da die britisch« Regierung dir Ueberseedominirn ersucht habe, sich ihr Urteil über die Frage vor- zubehalten, bis die gesamte Lage nttf der Rechts­konferenz im Oktober erörtert werden könnte.

ANe Schuld rächt sich.

Ein dunkles Kapitel aus der Franzosenzeit.

Bor de« OTener Schöttengericht klagte die Cbertonllcbterin Christel 2 -imi> ach die an der Mädchenschule au Esien-Weft angestellt -st. gegen den üanaleisekretar Joiel Hardick wegen verleumderischer Beleidigung. D« Pro- ,eb brachte folgende fkaudalou Zustande aus der Trauroieuzeu aus Tageslicht:

Bei der jetzt fünsunddreißigjährigen Klägerin ging während der Besatzungszeit ein Deutsch­amerikaner namens R i S k aus und em, der Mitglied der Internationalen Kohlenkommisston war. Dieser Mann lebte mit einer Französin zusammen, die er als seine Ehefrau ausgab. Bei diesen Leuten machten französische Cfm ziere und Mannschaften Tag und Nacht Besuche, vor allen Dingen bann, wenn der Amerikaner abwesend war. Zu den Stammgästen gehörte auch die Oberschullehrerin Heimbach, die in et» nem b'sonders engen Vertrauensverhältnis zu de» Franzosen und vor allen Dingen der so­genannten Frau des Risk stand. In der Woh­nung des Risk wurden Orgien geseiort, tue in der Nachbarschaft öffentliches Aergernis er- regten, aber kein Mensch hatte wohlweislich den Wut. gegen den Skandal einzuschreiten, solange die Fremdlinge im Lande waren. Erst als die Besatzungstruppen abgezogen waren, kam der Stein ins Rollen. .

Das schamlose Treiben der Oberschullehrerrn veranlaßte nun den im gleichen Hause wohnen­den Angeklagten, an die Regierung in Düssel­dorf eilten Bries zu schreiben, in dem das öf­fentliche Aergernis wie folgt gobrandmarkt wurde: Die Lehrerin Heimbach scheute sich nicht einmal, ihre Beziehungen »u ihren Freunden, wie sie die Franzosen selbst bezeichnete, öfsrnt- lich an den Tag zu legen. Als de-r Deutschame­rikaner infolge Kohlenschiebungen Deutschland verlassen mußte, nahm die Lehrerin Heinchach von diesen Leuten mit Umarmungen und Küssen aus öffentlicher Straße Abschied. Zur Beurteilung des Charakters dieser deutschen Lehrerin diene der Regierung noch die Tatsache, daß die Lehrerin Heimbach sogar so weit ging, die Französin zu bitten, stch bei den französischen Offizieren zu verwenden, daß ich, weil ich preu­ßischer Reserveoffizier sei, ausgewiesen werde. Aus Grund der geschilderten Vor­kommnisse dürste meines Erachtens die Anstel­lung einer solchen Lehrerin die noch dazu be­rufen ist, an der Erziehung der deutschen Ju­gend mitzuwirken, nicht ohne Gefahr für die ihr anvertraute Jugend sein. Soweit das Schreiben. Die Regierung in Düsseldorf leitete auf Grnud dieser Schilderungen, die kaum glaublich klangen, ein Ermittlungsversahren ein. Die angeschuldigte Lehrerin aber brachte den Mut auf, bei der Staatsanwaltschaft den Antrag zu stellen, gegen den Briefschreiber öffent­liche Anklage wegen verleumderischer Be­leidigung zu erheben. Vor dem Strafrichter er­gab stch das interessante, den Rechtsnormen zwar Rechnung tragende, dem Volksempfinden allerdings befremdliche Bild, daß der Brief­schreiber, der diese Eiterbeule angestochen hat­te. in die Anklagebank mußte, die Oberschul­lehrerin aber sich auf das hohe Roß der in ihrer Ehre angeblich tief gekränkten Klägerin setzen konnte. Zu der Verhandlung war eine Reihe von Zeuacn aufaeboten worden, bereit Aussagen mm größten Teil geradezu niederschmetternd für die Lehrerin aussielcn. Die wichtigste Zeugin in dieser widerwärtigen Episode aus der Franzosenzeit fehlte allerdings. DaS war das Dienstmädchen Therese Blömer, das bei der angeblichen Frau deS Deutschamerikaners, der Französin, in Stellung war. Diese Zeugin, die alle Kulissengeheimnisse aus eigener An­schauung kannte, die sich in der Wohnung ab­gespielt haben, ist in der Zwischenzeit gestorben. Aber es ist so mancherlei, wenn auch nicht al­les, durÄaesickert. waS das Dienstmädchen in diesem Mileu in b.t Justusstraße erlebt hat.

Aus den Zeugenaussagen ergab sich, daß die Wohnung der Französin ein Tauben­

schlag war. Die Hausbewohner batten unter diesen Skandalzuständen schwer zu leiden. Der Hausbesitzer ist ein Eisenbahnbeamter, dem Sie Hände gebunden waren und der dem Treiben untätig zusehen mußte. Das Dienstmädchen hat den Mann schon mehrfach gewarnt, auf der Hut zu sein und ihm angedeutet, daß er seine Ausweisung durch die Franzosen zu aewärti- gen habe, falls er irgendwelche Schritte gegen die Zustände unternehme. Die Zeugenaussagen ergaben weiter, daß die Oberschullehrerin ösfent- lich auf der Strasse die Franzosen geküßt und umarmt hat. Es kam zur Sprache, daß sie der ^ranröfln Klavierunterricht erteilte, daß sie nach den Zechgelagen häufiger betrunken auf dem Sofa in der Wohnung gelegen hat, in der die Franzosen ein- und ausgingen. Auf Grund der