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Kasseler Neueste Nachrichten

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Montag, 21. Juni 1926

Nummer 143. Amtliches Organ der Stadt Kaffe!

Amtliches Organ der Stadt Kassel 16. Jahrgang

Der Volksentscheid nicht burchgeömngen!

Nur 14'/- Millionen Wähler stimmen für Fürstenenteignung.

Berlin, 21. Zuni. (Durch Funkspruch.) Am 1 Ahr nachts lag ein vorläufiges Gesamtergebnis aus sämtlichen 35 Wahlkreisen des Reiches vor, nach dem von 39593362 Stimmberechtigten insgesamt 15551218 Stim­men abgegeben wurden. Davon waren 558256 ungültig, 14992961 gültig. Mit Za stimmten 14409608 und mit Nein 583353. Diese Zahl bedeutet einen Prozentsatz von 36,3"/° der Stimmberechtigten eingeschriebenen Wähler für Za.

Der Schuß ging fehl.

»ei« Grund zum Triumph. Faßt alle zu!

Der Schleier vom Antlitz der Maja ist ge­lüstet: DaS Boll hat sich nicht »um Fürsten« lichter aufgeworfen; eS hat nicht das Gottes­urteil der Enteignung über Vermögen und Rechte eins Standes zu verhängen gewagt, das «ach wie vor zwar von der Parteien Hatz und Gunst umstritten, von der in Weimar geschaffe­nen Volksstaatsverfassung jedoch unbebingt ge­deckt ist. So ist nun dieser Zankapfel leben» falls den Leidenschaften der Massen entrückt und der kühleren und sachlicheren Fürsorge der Parteimatadore anvertraut. Nichts wäre allerdings verfehlter, fruchtlsoer, und den Interessen der Volksgesamthett abträglicher, als nun im bürgerlichen Lager ein emphatisches »Hosiannah" und auf den Linksbastionen ein »Kreuzige, kreuzige!" anzustimmen. Nichts wäre verderblicher, als die entsetzlich zutagegetrctene Seuche der Volksverhetzung weiter zu nähren. Wenn nach diesenZeichen derZerklüftung,tödlichen Mitztrauens, verblendeter Mißgunst nun nicht wenigstens die Führer einlenken und die Flammen des Fanatismus und der Todfeind­schaft dämpfen, wenn der verbissenen, verwirrten vergifteten Jugend nun nicht bald höhere Ideale, Schwüre, Symbole eingeimpft wer­den, als die der Riederknüppelung jedes An­dersgesonnenen, dann fahrt wohl Träume von Wohlstand. Glück und Freiheit, senkt auch Zu- kunstsfahnen eines geeinten, stolzen, hochgemu­ten Grotzbeutschland, verhüllt Euer Haupt, Mu­sen unb Grazien einer nationalen Geisteskultur.

Darüber sollten sich zweifellos Sieger wie Unterlegene, Enteigner wie Rechtsschilbknappen vollkommen klar sein, batz auch mit bem Fias­ko bes Volksentscheids nicht bas Geringste we­der gewonnen noch verloren ist, denn die im­merhin hoch über die Stimmen der Radikalen binausgeschnellten Abstimmungsziffern können die Linkser mit Recht als starken,Zulauf aus den bürgerlichen Reihen der enttäuschten unb murrenden Sparer, RenMer, Arbeitslosen, der Hungernden, Darbenden und Enterbten jeder Art für sich buchen, während sie den Antipoden doch Grund zur Einkehr und Selbstbesinnung geben durften. In dem Riesenkampf um die Leitung der Staatsgeschicke, dessen Triebfedern wir in diesen Spalten öfter aufgedeckt haben, ist mit der gestrigen gewagten Episode nur eine Atempause, beileibe keine Entschei­dung eingetreten. Ein Grund mehr, die Leiden­schaften auf beiden Seiten zu zügeln und an menschlichere unb . . . würbigere Ziele zu ber» schwenben. Aus die starke Gefolgschaft pochend, werden die Enteignunqsparteien den Fürsten­bogen tm Reichstag wieder bis zum Zersprin­gen spannen. Sie werben es zweifellos, wenn die Ausgleichsparteien nicht bis an die Grenze bes Zulässigen neben unb bie Fürstenansprüche im neuen Kompromiss nicht um viele Löcher zu­rückstecken. auf eine Reichstagsauslösung an­kommen lassen, mit ber ja auch Reichskanzler Marr den Trotzkövfen drohte.

Die Parieipäpste unb Staatslotsen aber soll­ten sich gesagt sein lassen, batz die grotze Masse der Arbeitenden und ... zur Müßigkeit ver­dammten Untertanen das Würfelspiel um die S t a a 1 s s ch a b l o n e s a t t ist. daß die Steu­erzahler die erpreßten Millionen nicht in Flug­blättern unb Wahlaaubis vervulvern lassen wol­len. batz mit Wochen- und monatelangen Par­lamentsurlauben unb Kabinettsschläfen kein Laib Brot mehr geschaffen, keine Hand und kein

Wie sich Hessen-Nassau stellt

uni> ..

Königsberg kom-

I fen, als jemanden einen Strick darum zu legen.

Varis in Erwartung.

Was die Zeitungen sagen.

(Eigene Drahimezdung.)

Paris, 21. Juni, nachts.

men Meldungen über ernstere Zusammenstösse, bie zeitweilig einen bedrohlichen Charakter an­nahmen. Aus den Kreisen der Nichtsozialisten haben allem Anscheine nach kaum mehr als 8 bis 10 Prozent für den Volksentscheid gestimmt. Daraus ist zu ersehen, bass bie Demokraten und die enttäuschten Sparerkreise der Enteignungs- Parole nur in schwachem Ausmasse Folge gelei­stet haben. Für eine Reichstagsauflösung dürfte das Ergebnis des Volksentscheids kaum einen hoffnungsvollen Anstoss bieten. Mit der grundsätzlichen Frage der Staatssorm, ob Mo- nachie oder Republik hatte der Volksentscheid an sich nichts zu tun, denn es handelte sich nur um das Prinzip ber Enteignung.

Zusammenstössen geführt hätte«, wenn bie Po­lizei nicht sofort energisch eingeschritten wäre. Auch aus Hamburg, Köln unb Königsberg kom-

Hirn weniger feiern wirb, daß jeder echte deut­sche Mann jetzt aus einer praktischen unb aus dem Mehrheits willen bes Volkes geschöpften Fürstenberetnigung noch vor bem 2. Juli be­fiehl, also noch ehe bie vom Fürstenmatch schwer erschöpften Reichstagskämpen sich bem süßen bolee sar niente an blauen Gestaben unb in reineren Bergeshöhen hingeben. Kein Schü­ler geht mit einem unerlebigten Pensum in bie Ferien oder aber er hat sie schlecht verbient. Ober wollen uns bie reiselustigen Akteure in diesem dunklen, regenschweren, apokalytischen Schicksalssommer in Zweifeln, Qualen, Empö­rung unb Siechtum an Leib unb Seele zurück- lassen? Wie will man biese Unterlaflungssünbe verantworten? F. E.

...es scheint nur so.

Der Berliner ist garnicht so gefährlich, s Ei« Stimmungsbild oom Wahltag. voll»«

Die Abstimmung selbst ist ruhig verlaufen. Zusammenstösse ereigneteu sich erst nach bem Wahlgange. Die Stimmung war nicht überall einheitlich. In ben grossen Städten Berlin, Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. M., Köln unb München brachten bie Anhänger des Volksent­scheids durchschnitttich 35 bis 40 Prozent aus, während in ben nördlichen Wahlbezirken eine sehr schwache Stimmenabgabe zu verzeichnen war. In Ostpreussen, Pommern, Schleswig- Holstein, Brandenburg, Schlesien und Hannover gab es grössere Bezirke, bie kaum zehn Prozent der Stimmberechtigten für ben Volksentscheid aufbringen konnten, während bie durchschnitt­liche Höchstziffer in ben Bezirken etwa 15 bis 20 Prozent betrug. Besonbers auffallend war bie überaus starke Stimmenthaltung im katholi­schen Rheinland und in Westfalen. Selbst in ben Jndustriebezirken mit ihrer zahlreichen Ar­beiterschaft. wie Duisburg. Essen (Ruhr!, Mühl­heim usw. würbe nicht viel über 30 Prozent Stimmen für den Volksentscheid aufgebracht Sehr schlecht schnitten die Enteigungsparteien in Süddeutschland, in Bayern. Württemberg Baden, Hessen und Thüringen ab- wo sie kaum 30 Prozent aufbringen konnten. Als Gesamt­ergebnis kann man feststellen, bass die Hoffnun­gen der Sozialdemokraten und Kommunisten -ine durchschnittliche Wahlziffer von minde­stens 40 Prozent erreichen zu können, fast überall schwer enttäuscht worden sind. Infolgedessen

Da stehen in einer Chanffeurkeipe drei beisammen, lieber dem Schanftisch hängt zwar ein Scknlb mit der Aufschrift: .Sans dich voll und fretz dich dick unb halt bein Maul von Poli­tik". aber deshalb politisieren sie ttotzdem. Ter Wirt neigt sich über ben Schanktisch unb tut so­gar mit Denn er hat bas Schilb nur au8 Angst nm seine schönen Gläser angebracht unb diese ist jetzt nicht am Platze. Die drei Leute, von denen jeder eine andere Anschauung bat boren, schie­ßen unb raufen nicht es gebt viel ruhiger und höflicher zu. wie wenn etwa eine deutsche Dichter- akademie gegründet werden soll. Einer klapst dem anderen ab und zu begütigend aus bie Schulter unb jeber beginnt seine Rede mit ,Ra ja. bat iS ja recht schön unb jut, aba. ." unb man schließt mit »Herr Wirt ick zahl noch drei Helle und drei Koujack!" Auch wenn man sich als

Trotz der verschärften Regierungskrise er­wartet mau hier mit Spannung das Er­gebnis des Volksentscheids. Ein grö­sserer Teil ber Pariser Presse geht bei dem ge­genwärtigen Kampf tn Deutschland von der Ansicht aus, baß die Rechtsparteien ihren poli­tischen Einfluss behalten werden, ohne bah die Linke eine Stärkung ihrer Position erwarten dürfte. Eine Rieberlage bes Volksentscheids würbe den Eindruck erwecken, bass bie Deutsch­nationalen grösste Aussicht haben, alsbald in die Reichsiegiernng einzutreten, da die Sozial­demokratie für bie Rieberlage beim Volksent­scheid verantwortlich gemacht wirb unb deswe­gen von ber Regierungsbildung ausgeschaltei bleibe. Einzelne Blätter behaupten, daß die monarchistische Richtung wohl bie Oberhanb habe unb die Republikaner eine aussichtslose Kraftprobe eingegangen seien.

: Dialog. Anders wie in Warschau Lissabon. Morgen ist alles eet- «essen...?

Berlin, den 20. Juni.

Schupo nicht erschlägt, ebenso wenig, wie die braven Leute aus bei Straße eigentlich Schweine­banden botschlagen ober hineinsprengen lwohin auch?) unb irgendjemanden auf bangen möchten. Sie tun man nur so. Oder aber sie tun auch gar nicht so. sondern man bat ihnen nur gesagt, daß sie so tun sollen als ob sie tun wollten.

Um aber der Erscheinung auf den Grund zu kommen: die Leute sind nicht so gefährlich, tote sie tun. Wenn man sie so einzeln sicht unb hört, merkt man, daß sie nicht nuv niemanden totschla­gen wollen, sondern daß sie im Gegenteil ganz liebe nette Jungens sind, denen ein Schtoeinekotelett lieber ist als eine totzuschla­gende Schweinebande und die die Gurgel lieber dazu benutzen, um einen hindurchrinnen zu las-

war bie Stimmung in ben Abendstunden, wo bie ersten Wahlresultate bekannt würben, im rabikalen Lager ausserordentlich erregt. Aus verschiedenen Städte« liegen Meldungen vor, wonach es bei bem Bekannlwerben ber Resultate zu heftigen Zusammenstössen zwischen Anhän­gern ber Rabikalen und ber Rechten gekommen ist. In Berlin gab eS zahlreiche Reibereien, bie bei den starken Ansammlungen zu ernsten

Rückblick und Ausblick.

Einiges über den Sonntag im Reiche.

(Eigene Drahtmeldung.)

Berlin, 21. Juni, nachts.

1581716

23207 659687

635382

24305 109/7 538098

Viele Bürgerliche folgen der Enteiguungsparole.

Stimmberechtigte............

LlngMtig........

Gesamtzahl der überhaupt abgegebenen Stimmen Davon mit Za Davon mit Nein Auf Stimmschein

Beim Volksbegehren

ReichStagswahl 7. Dez. 1924 (Soz. «. Som.) 428166

ReichStagswahl 7. Dez. 1924 ^Demokraten) 99634

Hoch! Niedar! Niedar! Hoch! .. und dann wird hineingesprengt und die Bande aufge­hängt . . . Hoch! Niedar( Hoch! Niedar! . . , und dann schlagen wir die Schweinehund- bot.., Hoch! Hoch! Hoch! . . . Mutta, ber Schupo hat dein Kind erschlagen . . . Niedar! Niedarf Medar! . . .

Ein kleines Stückchen Volkspoesie, wie eS jetzt auf ber Straße zu hören ist. Wer die viel­edlen Sänger sind, die diese entzückenden Worte und Melodien zum erstenmal in einer lauen Mondnacht mH süßer Stimme gesungen haben, läßt sich nicht feststellen. Aber es ist auch gleich­gültig, woher die neue Kunst stammt. Schön ist sie jedenfalls unb leicht verständlich. Ordent­lich handgreiflich. Niemand muß fein zartes Köpfchen anftrenaen und trotzdem kommt eS so leicht aus den zarten Kehlen: . . .

Man sucht ordentlich den Schupo, den gewis­sen Schupo, der das gewisse Kind (man sollte Kinder nicht zu Demonstrationen mitnehmen) erschlagen bat. Hu, muß das ein Kerl sein!. Etwa ein Breslauer Lustmörder mit Tschako. Man sticht ihn vergebens. Da sitzen ein paar blaue Leute urgemütlich in einem schokolabe« braunen Lastwagen beisammen und machen Ge­sichter als ob sie einen Transport Lebkuchen vor den Fliegen zu hüten hätten.

Dem Außenstehenden mag dieser Kontrast würdig Vorkommen. Der Berliner ist dos alles längst selbstverständlich. An ber Bordschwelle stehen bie kleinen Kinder und alten Mütterchen und zeigen mit bem Finger wie in ber Menage­rie. Die kleinen Kinder wissen, daß sie der