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Mittwoch, 18. Juni 1926.

Raffele« Reuest« Rachrichte«

16. Jahrgang. Nr. M.

linten heißt eS: Die Wasser-, GaS- und Elektti- zitätsbetriebe gehören ebenso wie die Verkehrs- bettiebe fest in die Hand der Gemeinden oder Gemeindeverbände.. Die Wahrnehmung der Tienswblregenheiten in öffentlichen Betrieben ist Berufsbeamten zu übertragen.

war nicht schwierig: auch in Deutschland gab es eine Anzahl Chauvinisten, und der Stolz Wil­helms des Zweiten ließ ihn zeitweilig als- belraßler- und alsRitter in schimmernder Wehr- erscheinen. Die Wahrheit aber ist, daß stch das deutsche Volk, die deutsche Regierung und der deutsche Kaiser über vierzig Jahre lang als Anhänger des Friedens be­währt hatten. Es ist allen Forschern heute völ­lig klar, daß das französische, ruffische, deutsche und österreichische Volk im Geiste der Treue, der Vaterlandsliebe und mit ehrlichem Herzen in den Krieg zog und Gott zum Zeugen für die Reinheit seiner Absichten anrief. Sie waren durch die kriegsvorbereitende Verwendung ihres Geldes, das ihnen durch Steuern genommen worden war, irregeführt worden. Um der französischen Regierung die Verpflichtung auszuerlegen, mit den russischen Führern bei einem Angriff aus Deutschland zusammenzu­wirken, war es nur nötig, Oesterreich zur Mo­bilmachung zu zwingen. Das war keine schwie­rige Ausgabe. Es wurde durch die mit russi­schem Geld unterstützte panslawistische Bewe­gung und ihre blutige Folge in Sarajevo er­reicht. Me Nationen trugen ihr Teil zum Kriege durch den Geist des Chauvinismus, Mi­litarismus und des Handelsimperialismus bei, aber die verantwortlichen Führer Deutsch­lands wünschten den Krieg nicht und begannen ihn nicht. Sie waren die Opfer der Ver­schwörung der russischen Staatsmänner, die mit unendlicher List ein so kunswolles Einkrei­sungsnetz woben, daß selbst viele Staats­männer ihrer Alliierten keinen Begriff davon hatten, was die russischen Absichten waren. Als Oesterreich am 23. Juli 1914 sein Ultimatum an Serbien richtete, waren die Feinde der deutschen Regierung bereits zum Kriege fertig. Aber während am 24. Juli England, Frankreich, Bel­gien, Rußland und Serbien unter vertraglichem Kontrakt zum Kriege bereit standen, kreuzte Wilhelm der Zweite in den nördlichen Gewäs­sern, ohne zu ahnen, daß sein völliger Untergang drohte. Er kam am Sonntag, den 26. Juli, zurück und begann seine rasenden, aber nutz­losen Bitten um den Frieden. Selbst Sasonow mußte zugeben, daß der Kaiser den Zaren be­schwor, seine Truppen von der Grenze fernzu­halten, und daß Wilhelm der Zweite sichbei­nahe wahnsinnig- gebärdete. Die Würfel wa­ren gefallen, der Krieg war schon in die Wege geleitet und das Schicksal nahm seinen Lauf.

«Selöftrofen tür das... Deulschlanötteö

Im besetzten Gebiet verboten!

Berlin, 15. Juni.

Im besetzten Gebiet wurde ein Kreuznacher Einwohner, der in einer Gastwirtschaft das Deutschland-Lied" gespielt und gesungen hatte, zu hundert Mark Geldstrafe verurteilt, weil es nach wie vor verboten sei, das Lied in öffent­lichen Lokalen zu fingen. Wenn das Lied hie und da öffentlich gesungen werde, so liege das darin, daß dies stillschweigend gedul­det (!) und daß nur da eingeschritten werde, wo das Singen und Spielen in Provokatorischer Weise von de» Einwohnern erfolge.

Subiel Beamte?

Et» Wirtschaftsprogramm für die Gemeinden. Breslau, 15. Juni.

Auf dem Verbandstag der Kommu­nalbeamten wurden in einer Entschließung u. a. die Vorwürfe der Wirtschaft gegenüber der Personalpolitik der Gemeinden auss schärfste zurückgewiesen. Die Steigerung des Personals gegenüber der Vorkriegszeit er­kläre sich aus der Fülle der neuen Aufgaben, Wobei es sich gerade auch um Angelegenheiten im Interesse von Handel, Gewerbe und Industrie handele. Entschieden wurde die Forderung der Wirtschaftskreise auf ein Mitbestimmungs- und Gestaltungsrecht über die Haushaltspläne der Gemeinden abgelehnt. Bei den weiteren Richt-

Echachts zweites Abschiedsbrlef.

Warum er die Demokraten verließ.

Berlin, 15. Juni.

Reichsbankpräfident Dr. Schacht wollte durch feinen Austritt aus der demokratischen Patteiorganisation zum Ausdruck bringen wie er ettlätt, daß er für einen nach seiner Auffas- sung grundsätzlich irrtümlichen Besch,uf! die Verantwottung nicht mit übernehmen wollte. Daß dieser Schritt von rechts her zu Angttsfen auf die Demotratische Pattei benutzt werde, werde hoffentlich aushören, wenn er nun aus­drücklich festftelle, daß von allen Parteien, die auf dem Boden des Privateigentums ständen, die Demokratische Partei diejenige gewesen sei, die die möglichen Folgen einer nicht rechtzeitig ergangenen gesetzlichen Regelung über die Fürstenabfindung erkannt und ihre Bemühun­gen am stärksten dafür eingesetzt habe.

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Der SUrflrnfi m ffiufi

Berlin, 15. Juni. Die Oberprüfstelle hat gestern den Fürstenenteignungssilm. den die Filmprüfstelle verboten hatte, ohne Ausschnitte genehmigt. Oberregierungsrat Dr. Seeger führte an, daß ein Film nicht allein wegen seiner poli­tischen Tendenz verboten werden dürfe. Der Sachverständige und Staatskommissar für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Oberregie- rungsrat Mühleisen habe keine Bedenken gehabt.

Ein üBerraWnöer Freispruch.

Keine Verfehlungen im Pfaudbriefprozetz.

Berlin, 15. Juni.

In dem Prozeß der LandeSPsandbriesan- stalt gegen die ehemaligen Direktoren Neh- rinfl und Lüders und das sogenannte Adelskonsortium v. Etzdorf, v. Karstedtu. v. Carlowitz wurden auf die Berufung der Angeklagten hin sämtliche Angeklagte auf Kosten der Staatskasse freigesprochen. Nach sechs- tägiger Verhandlung kam das Berufungsgericht zur Auffassung, daß keiner der Angeklagten sich strafrechtlich vergangen habe. Dem ehemaligen Direttor Lüders wurde nur attestiert, daß er ich fahrlässig und wenig geschäfts­tüchtig gezeigt habe. Der Hauptzeuge von Zitzewitz bekundete, daß es stch um ein gemein­sames Spekulationsunternehmen gehandelt ha­be und daß das Adelskonsortium berechtigt war, Vorschüsse auf den Gewinn zu entnehmen.

Sünden im Weltkrieg.

Was die Archive erzählen.

Berlin, 14. Juni.

Im Weltkriegs-Unterausschuß stellte Archiv­rat V a l k m a n n den machtpolitischen An­nexionsgedanken und den pazifistischen Rechts­gedanken einander gegenüber und schilderte den Annexionismus auch der Deutschland feindlichen Mächte vor und im Kriege. Die Abgg. Dr. Bell (Ztr.) und Landsberg (Soz.) wiesen nachdrücklich darauf hin, daß die Patteien der Friedensresolution des Reichstages unbedingt glauben mußten, daß in dem Antwottschreiben an den P apst der Verzicht auf Belgien mittelbar enthalten sei, da niemand von dem Schreiben des Reichskanzlers Dr. Michaelis an den päpstlichen Nuntius vom 24. September 1917 Kenntnis hatte, aus dem die Kurier das Gegen­teil entnehmen mußte. Sachverständiger Ge­neral v. Kuhl bejahte die Frage, ob die Oefsentlichreit über die Ereignisse an der Front hinreichend unterrichtet worden sei und er führte im besonderen hinsichtlich der Marneschlacht von 1914 aus, daß die Oberste Heeresleitung selbst bis in den November hinein an dem Ge­

danken einer Wiederaufnahme der Ope­rationen im Schlieffen'schen Sinne festhielt.

Die erste Stoppe für... voneuropa

Berlin, 14. Juni. In einem Aufruf eines in­ternationalen Komitees an alle Europäer wird die Notwendigkeit eines europäischen Zollvereins auseinandergesetzt und zur Mitarbeit am Werk der Aufklärung aufgesor- dett. Der europäische Zollverein bezwecke die Befriedigung der zwischenstaatlichen Beziehungen.

Das Ende öerMaffia".

Blutrache und Terror auf Sizilien.

Rom, 15. Juni.

Wie verlautet, wurden in Verfolg der im Gange befindlichen Ausmerzung der fizilanischen Maffia am Sonntag bei Palermo 160 Per­sonen verhaftet. Diese hatten eine Bande gebildet, die das Land terrorisierte, und die mehrere Morde auf dem Gewissen hatte. Die meisten dieser Morde wurden der allgemin ein­gewurzelten Familienrache begangen.

tinfer Eigentum bleibt drüben.

Seine Freigabe vor dem Winter.

Newyork, 15. Juni.

Zwar hat man jede Hoffnung auf die Frei­gabe des deutschen Eigentums vor dem SBintcr begraben, aber nach einer neuenBill" soll sämt­liches Eigentum nebst Zinsen mit Ausnahme der strittigen Patente zurückgegeben werden. Damit beläuft sich die Zahl der BillS und Resolutionen betreffend die Eigentumsrückgabe auf fünf und- dreißig! Von diesen hat keine einzige irgend­welche Aussicht auf Verwirklichung. Selbst die Green-Bill dürste wesentlich verändert werden, bevor sie in der Wintertagung eingebracht wird. Tas Schicksal des deutschen Eigentums hängt nunmehr zum guten Teil vom Ergebnis der Wahlen zum Kongreß ah.

Aus vottttt und WlttschaN.

Hört aus die Lokomotivführer! Die Lokomo- tivführettagung in Hamburg kam zu der Ueberzeugung, daß die dienstliche Belastung des Lokomotivpersonals weit über diejenigen Gren­zen hinausgeht, die zur Sicherung des Betriebs und zur Erhaltung der Dienstfähigkeit notwen­dig ist. Infolge der Sparmaßnahmen, der Ver- stärkung der Züge und der unzureichenden Be­setzung der Lokomotiven könne die Schuld an einem Eisenbahnnnsall einzelnen Personen nicht zugeschrieben werden. Es wurde auss schärfste gegen die weitere Jnhasthaltung des Münchener Lokomotivführers Aubele pro- testiett, gegen den nicht der gettngste Beweis vorläge.

Wie gewonnen, so zerronnen. Im Sprit­weberprozeß sagte der Angeklagte aus, daß von der ihm ausgezahlten englischen FeuerverMe- rimgssnmme seiner Familie nichts übrig geblie­ben sei, obwohl hunderttausend Mark allein für die Familie bestimmt gewesen seien. Seine Frau habe sogar ihr Vermögen von zehn­tausend Mark auch noch früheren Angestellten geopfert. Von seiner Wohnung gehöre ichn gar nichts mehr, weil alles beschlagnahmt sei.

Amerika will von uns lernen. Nachdem die amerikanische Aerzteschaft den Wiffenschaftsboy- kott über Deutschland aufgehoben hat, sind jetzt hundert Dollardoktors zur Studienreise durch deutsche Städte eingetroffen.

Aus der Reichswehr ausgestotzen. Oberleut­nant Büge wurde in Schwerin zu drei Monaten und einer Woche Gefängnis und Ausstoßung aus dem Heere Verurteilt, wett er Reichswehrsoldaten, denen er ein Dienstver­gehen vorwarf, dazu zwang, sich nachts auszu­ziehen und von ihm mit einer Lederpeitsche irügeln zu lassen.

Der Gekreuzigte zwischen Wolkenkratzern. Vor einer Viertel Million Zu- «Hauern durchzog am letzten Sonntag eine fast zwei Kilometer lange Prozession die Stra­

ßen New Yorks. An der Prozession nahmen acht Kardinäle, viele Bischöfe, Priester, Mönche, Militär und ein Kinderchor von fünftausend Stimmen teil.

Bischof gegen Duelle. Der Bischof von Limburg wendet sich scharf gegen den Duell­unfug, wozu auch die Studenten- und Verbin­dungsmensuren zu rechnen seien. Der Zwei- kanchf sei eine Sünde gegen Leib und Leben. Kein Katholik dürfe einerschlagenden Verbin­dung- angehören.

Ein Friedenssignal der Jugend. Am 28. Juni wird in Wannsee (Berlin) ein akade­mischer Abend ausländische, auslandsdeutsche und inländische Studenten zusammenführen, um an der Lösung des großen ProblemsStellung­nahme verschiedenartigen Volkstums zueinander- mitzuarbeiten.

Die Winzerrevolte . . . Landstiedensbruch. In Trier wurde das Verfahren wegen der Bernkasteler Winzerunruhen gegen neunund- zwanzig Personen wegen Landfttedensbruchs bezw. wegen Vernichtung von Urkunden eröffnet,

Neues aus Kastel.

Die Damenfchneiöerinnen.

Sie verlangen die Eignungsprüfung.

Gestern abend hielt im Restaurant Kleeblatt die Zwangsinnung für das Damenschre:der- handwerk ihre Vollversammlung ab. Im Mit­telpunkt stand der Vortrag einer Dame von der Berufsberatungsstelle des städtischen Arbeits­nachweises über Einstellung von Lehrlingen. Der große Zustrom von jungen Mädchen und vor allen Dingen der vielen Ungeeigneten und Unbefähigten zum Erlernen des Schneiderin- nenhandwerkS müsse unbedingt abgedämmt werden. In dieser Zeit sei es erste Pflicht, einen guten und tüchtigen Nachwuchs heranzu­bilden der befähigt ist das Handwerk wieder auf seine alte Höhe zu bringen, Pfuscher aber von vornherein auszuschalten.

In Zukunft dürften von den Lehrmeistern und Meisterinnen nur zu diesem Beruf ger'g- nete Kräfte angenommen werden. Das kann aber nur dann erreicht werden, wenn lediglich solche Lehrmädchen eingestellt werden, die bei der Berufsberatungsstelle des städtischen Arbrits- t-achweises die Eignungsprüfung abgelegt und bestanden haben. Wie notwendig es ist, diese Eignungsprüfung innerhalb der Zwangs innung des Damenschneiderhandwerks obligatorisch ein« zuführen, beweist, daß allein zu Ostern 1926 über 180, während zu Ostern und im Herbst vorigen Jahres zusammen kaum 200 Lehrmädchen sich ver Eignungsprüfung unterzogen haoen. Un­bedingt erforderlich ist, daß die sogenannten gu­ten Beziehungen und Empfehlungen beim Ein­stellen eines Lehrmädchens vollständig Wegfäl­len und nur die Eignungsprüfung maßgebend ist. Ist diese bestanden, so wird von der Berufs­beratung eine Lehrstelle nachgewiesen.

Nach lebhafter Aussprache wurde einstimmig beschlossen, die Eignnngs- und jährlich zweimal stattfindende Teilprüfunz obligatorisch einzu. führen. Durch letztere ist Meistern und Meiste­rinnen Gelegenheit gegeben, diejenigen Mädchen die Wohl die Eignungsprüfung bestanden haben, sich aber dennoch nicht zum Handwerk eignen, ftistlos zu entlassen, wenn sie bei der ersten Teil- Prüfung die Note ungenügend erhalten, «ge.

Aus dem Reiche des Films.

Nordische Filme im St. d W.

DieProduktion der nordischen Filmgesell- chaften ist im Vergleich mit der anderer San­ier (Amerika!) sehr klein aber sie steht nach wie vor auf einer künstlerischen Höhe, die jeder neue Film wieder bestätigt. Es nützt Amerika nichts, wenn es den lästigen Konkurrenten da­durch erdrücken will, daß es ihm die besten Re­gisseure wegkauft: Es scheint, daß die Skandi­navier eine ganze Familie von der Art Viktor Sjöströms haben.

Da ist zum Beispiel dieKameliendame-. Ein FUm, der vor Manon Lesccaut entstanden

Auf öer Landstraße

Wanderung eines romantischen Menschen.

Von

Robert Walser.

Von einem zarten Rechtsanwalt verneh­mend, man dürfe so ungerecht fein, als man Lust habe, man sei zum Erobern geboren, abenteuerte ich eines Tages aus heißer und weißer Landstraße, die schneeweiß vom Staub war, der auf ihr lag, in:6 sorgenvoll und doch auch wieder kummerlos lächelnde Grüne hin­aus. Ich rief aus:Ich bin ein Anhänger alles Gesunden und schreibe hoffentlich bald über die hohe Wichtigkeit des Vorhandenseins der Herzlichkeit in den Brüsten der Menschen einen ellenlongen, schlanken, korrekten, nicht zu dicken und nicht mageren, nicht zu gescheiten und nicht zu iinbesoitnenen, ruhigen und formvol­lendeten Aufsatz-.

Meine so sehr nach Anständigkeit aussehen­de Hornbttlle für einen Moment von der Nase auf der sie ruhte, herunternehmend u. sie sorg­fältig putzend, erreichte ich, in's Himmelsblau hinaufschauend, und hie und da ein Schokola- dentäfeli tn die Oeffnung hineinsteckend, die man mit dem Namen Mund kennzeichnet, einen rührenden Austritt, der sich mitten auf der Straße abspielte. Ein mit blonden Locken ge­schmückter, anscheinend überaus lieber junger Mann hielt wie die Dienstfreudigkeit selbst ein Pferd mit jäh zufassender Hand aus, das mit dem Waaen durchbrannte, in dem eine Dame saß. die sich durch das Tragen eines Wunders von Biedermeierkostüm denkbar vorteilhaft von der Landschaft abhob.

Aeckr schienen sich in's Unendliche anszu- dehnen. Häuser wiesen braune, gelbe, und, was Dächer betraf, rote Farbentöne auf. Und nun sah ich, wie die Dame, mit vom Schrecken her, den sie ausgestanden hatte, noch etwas bleichen Antlitz dem ritterlichen Hinzuspttnger und reiterlich veranlagten Zügelanpacker artig dankte, indem sie ihm zum Andenken an seine schöne Tat sowohl ein Strumpfband schenkte, dos sie sich mit unaussprechlich anmutiger Be­

wegung abschnallte, als sodann einen Kuß auf die Jünglingsstirn- drückte. Nachdem einer­seits der Kutscher fortgefahren und anderseits die Summe von Tugendhaftigkeit, dieses Er­zeugnis offenbar redlichster Eltern, das Ergeb­nis einer gewiß vorzüglichen Erziehung, wei- tergewandett war, wanderte auch ich weiter, indem ich wandervögelige, überschwängliche, freiheitliche Liedchen vor mich hinpfiff, wo­durch sich dieser und jener Bauer veranlaßt sah, sich über mich zu wundern.

Tannenwälder brummten brnmmbärenhast irgend ttwas, was mir unverständlich blieb, in ihre dunkelgrüne Ernsthaftigkeit hinein. Ein Ulan aus der Glanzzeit eleganten Spie­lens mit dem Soldatentum ritt und sprengte auf seinem Klepper oder Roß an mir vorüber, als wolle er eine Maschinengewehrabteilung Überresten, tun dazu vielleicht noch einige Hau­bitzen zu überwinden. Auf einem Hügel ließ es sich natürlich wieder einmal einer jener Menschen wohl sein, die man Dichter nennt, und die hauptsächlich auf die Welt lammen, um mit allem, was sich daraus befindet, hübsch einverstanden zu fein, dadurch, daß sie fortge­setzt schwärmen und es in einemfort schön ha­ben, während andere in den Büros sitzen und schwitzen.

Ich war ihm eine Idee zu, er besaß aber so viele eigene Ideen, daß er, was ich ihm gab, entbehren konnte. Sehr originell erschien er mir, und nachdem ich diese Beobachtung ge­macht hatte, schritt ich in der Schnttatt eines von Holbein gezeichneten Landsknechtes mar­kant weiter und oefand mich um vier Uhr nach­mittags in einem Städtchen, während vielleicht fetzt durch größere Städte Größen und Be­rühmtheiten durch eine Menschenmenge schrit­ten. in welcher sie total, wie man sagen kann, verschwanden. In einem Wirtshaus^ in das ich einkehrte, sah ich mich recht rasch beschäfttgt, eine an Govamalerei mahnende Putzfrau mit Artigkeiten zu überhäufen Beweise von Fä­higkeit auf dem Gebiet der Galantheit abgelegt habend, studierte ich nun das Bild eines Soh­nes von Napoleon, das an der Gaststuben­wand hing. Abends saß ich in einer Dilettan­tenvorstellung, die mir um ihres frischen Spie­

les willen, das mit Urwüchsigkeiten gespickt war, sehr gut gefiel. Man kann ziemlich un- geschickt und dennoch sehr gut spielen.' Man kann ohne Routine fein und mit diesem Man­gel einen Erfolg haben, der den Vorzug hat, daß er echt ist. Können kann Schablone fein. Wie wenig Leben hat diese. (AuS denVier- teljahrshesten- deS Volksverbandes der Bü­cherfreunde.)

A usstkllung öer Berliner «Sezession.

Im Kasseler Kunstverein.

Der starke Eindruck, den Willv Jaeckel in der ersten Hälfte der Sezessions-Ausstellung aus uns machte, geht in ganzer Stärke noch einmal von der großen dalmattnischen Landschaft aus, die zusammen mit dem Rest der Werke der Se­zession jetzt ausgestellt ist. Die vielfach geschil­derte Eigenart der wildzerrissenen östlichen Adriaküste wird hier so persönlich gestaltet wie Jaeckel seine riesigen Menschen sieht und kom­poniert: Der welligen Küste ist eine Landzunge mit tiefen Steilrändern wie ein trotziger Sturmbock vorgelagert. Die massive Befestigung des Felsens wirkt unmittelbar wie ein Kopf, weich zieht sich das grün-braune Fell des Rük- kens bis zu dem anstoßenden Vorort von Du- brownik, das hinter seinem Mauergüttel aus dem tiefblauen Meer aufsteigt.

Eine ähnlich starke Belebung des Landschasts- bildes (beut Jaeckel keineswegs die Sachlichkeit der Natur nimmt) gelingt den übrigen Malern nur bis zu einem gewissen von impressionisti­scher Auffassung geschwächten Grade. Locker und duftig faßt Bato die südliche Welt auf. Am besten ist sein Tatra-Bild. Hans Gerson (in seinemHerbst am Inn-) blickt ans riesigem Abstand auf Wälder und Berge, die dadurch et­was Kosmisch-urwelthastes gewinnen. Oswald Galle beweist, daß ein tausendmal behandeltes Motiv (Elblandschast bei Dresden) immer noch originell behandelt werden kann. Wilhelm K o h l h o s s baut aus kräftigen, vitalen Farben eine Frau, die Rubens auch ohne Kleider so arbig gemalt hätte. Joses Oppenheimer streichelt- sehr delikat das Notwendigste der

Bestandteile eines Potträts auf die Leinwand und gibt das Charakteristische einer Ameri­kanerin.

Ans der Reihe der vom Impressionismus herkommenden Landschafter und Porträttsten fällt Magnus Zeller mit seinen im Alko- holrausch erstarrten Zechern. Auch Felixmül- ler hat mit dem Impressionismus nichts als die Palette gemein, der er die elementarsten Farben entnimmt. Seine Art kennen wir aus einer früheren Ausstellung. Ernst Fritsch und Georg Schrimpf vettreten dieNene Sach­lichkeit-, die der Natur mit primitivem Gemüt auf den Leib rücken, ohne sich an Licht und Schatten und andereNebensächlichkeiten- der impressionistischen Malatt zu stören.

Es gibt noch ein paar Außenseiter, einige sehr interessante Aquarelle (im graphischen Ka­binett) und die Plastiken, die wir von dem ersten Teil der Ausstellung her kennen. Sie im Verein mit den hier genannten Künstlern zu erleben, sollte die Pflicht jedes Kasselaners sein, der für hochwertige Kunst Interesse zu haben vorgibt oder wirklich hat. G. M. Vonau.

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Die nächste der Sezession folgende Ausstel­lung des Kunswereins wird Werke westdeutscher Künstler zeigen.

Aus Kunst und Misten.

* Deutsche Künstler im Ausland. Maria Orska gaftiert mit einem kleinen Trupp deutscher Schauspieler in Oslo (Norwegen). Sie wird in einem Sketsch auftreten, der ein Teil der Som­merrevue ist, die Chat Noir während der kom­menden Monate alltäglich gibt.

** Vom Internationalen Kongreß der Büh­nenschriftsteller. Der internationale Kongreß der Bühnenschriststeller tn Paris, auf dem achtzehn Nationen vertreten sind, hielt unter dem Vor» itz von Andre Rivoire eine Sitzung ab, in der die Bildung einer allgemeinen Vereinigung der Bühnenschriststellerverbände grundsätzlich ange­nommen wurde.