Kasseler Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
Mittwoch, 2. Juni 1926
Nummer 126. Amtliches Organ der Stadt Kaffel
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Moöcicki Staatspräsident von Voten.
Nätfel in Warschau.
Der Mann der Ueberraschungen. — Das Ende?
Pilsudski ist der Mann der Ueberraschungen. Im Weltkriege überraschte er durch sein Eintreten für die Mittelmächte, durch sein Mitkämpfen im Verbände der deutschen und österreichischen Truppen, dann wieder durch seine antideutschen Tendenzen, die ihn in das Kriegsgefangenenlager von Magdeburg führten. Dann lernte man ihn als den befähigten Organisator des aus einem Schutthaufen aufzurichtenden Staatswesens kennen, schließlich als das offizielle Oberhaupt des Landes, kurz daraus als einen resignierenden Menschen, der sich ins Privatleben zurückzieht, um aus der Ferne zu ver-, folgen, was aus dem wird, was zum größten Teil seiner Jnitative zu verdanken war. Dann hörte man wieder von seinem unstillbaren Ehrgeiz von seinem Einfluß, der die Massen seinem Willen gefügsam machte, von seiner inoffiziellen privaten Diktatur, die rücksichtsloser und energischer sich durchsetzte, als vielleicht die Tyrannei eines beamteten Staatslen- kers. Dann kam am Himmelfahrtstag sein Staatsstreich. Der Erfolg seines Feldzuges gegen Warschau. Die Begeisterung der Massen, die ihm zujubeln. Der äußere Erfolg feiner Revolution. Und auf dem Fuße folgte die neue Ueberraschung: sein Verzicht, den errungenen Sieg auszuwerten, das Neue, das er geschaffen hatte, zu befestigen. Sein Zögern, ein wahrer Diktator zu sein. Er lehnte ab, die Abrechnung mit seinen Gegnern bis in die letzten Konsequenzen durchzuführen. Verzichtete darauf, den arbeitsunfähig gewordenen Sejm mit seinem unentwirrbaren Parteienkonflikt aufzulösen. Nahm Abstand davon, seine Truppen, die ihm blindlings ergeben waren, gegen seine Widersacher nach Posen zu führen, um dort Ordnung zu schaffen und seine Machtstellung zu stabilisieren. Er verhandelte, ließ sich zu Konzessionen herbei, hoffte auf einen Ausgleich und setzte den Endpunkt seiner Revolution auf die Wahl fest, die dem polnischen Volk den neuen Staatspräsidenten bringen sollte.
Dann kam die allergrößte Ueberraschung. Trotz des von ihm begangenen Verfassungsbiuches und trotz der unglimpflichcn Behandlung, die er den Anhängern der gestürzten Regierung Witos angedethen ließ, wählte ihn die Nationalversammlung in Warschau mit großer Mehrheit zum Präsidenten. Das Ergebnis dieser Wahl war für ihn die vollkommene Krönung seines Sieges, die restlose Billigung seines Volkes für de» Umsturz. Und am gleichen Tage, die ihm die Erfüllung seiner Politik brachte, gab er der Welt die Ueberraschung, die inhaltlich all die Merkwürdigkei- len und Unterlassungssünden, die er in der Vergangenheit begangen harte, bei weitem in den Schatten stellte. Er erklärte strikt und entschlossen, daß er die Würde, die ihm die Rattonal- versammlung in so ehrender Form anbot, nicht annehmen könne. Das Merkwürdigste an diesem Verzicht ist die Begründung, mit der er ihn ausspricht. Er sagt, daß das Ergebnis der Wahl ihn nicht besriedigen könne, da er nicht einsttmmig gewählt worden sei, also nicht das Vertrauen aller Kreise gewonnen habe, daß der Wille zur Säuberung nicht klar genug in dem Ergebnis zum Ausdruck komme. Dies eine Feststellung, die recht sonderbar anmutet. Denn wie tonnte ein Pilsudski. der die Todfeindschaft seiner einflußreichen Gegner kannte, annehmen, daß ihm einstimmig ein Verttauen bekundet würde. Roch seltsamer als diese Begründung seine Ansicht, daß der Präsident durch die Verfassung an rasche und positive Arbeit so behindert sei, daß dies seiner aktiven Natur widerspräche. Will er damit sagen, daß er die Verfassung nicht anerkennt. daß er sich nicht in das Gesetz dieser Ver- faffnng zwingen lassen will! Will er damit bekunden, daß er fick doch nur innerlich als Diktator fühlt? DieS trotz seiner letzten letzten Taten, die darauf gerichtet waren, seinen Staatsstreich wieder in verfassungsmäßige Bahnen zu lenken?
Wirklich, dieser Pilsudski iss ein Rätsel. Aber ob dieses Rätsel der Entwirrung der katastrophalen Verhältnisse in Bolen dienlich sein wird, das ist eine andere Frage. Polen braucht einen starken M-'nu. Das Land benötigt eine Persönlichkeit, die gewillt ist, durfzugrei- fen und mit eisernem Besen alles das hinauszukehren, was unsauber, morsch und korrupt ist. Ist diese starke Persönlichkeit, diese reformatorische Natur gleichzeitig der Träger der höchsten Würde des Landes, umso besser für dieses Land. Es ist im Augenblick unmöglich. die wahren Untergründe festzustel- len, die Pilsudski veranlaßten, die Vertrauens- erklärung der Nationalversammlung mit einer Mißtrauenserkläruna ru beantworten. Auch
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Die vierte Milliarde.
Arbeitslosensürsorge: das brennendste Problem.
sende von Neugierigen, die von der Polizei
in Schranken gehalten werden.
W-e Hindenburg bestraft
Auch die Linke geht im zweiten Wahlgang zu Moseicki über.
Warschau, 1. Juni. (Durch Funkspruch.) Im zweiten Wahlgang erhielt Moseicki 281 Stimmen, Bninski 200 und Marek eine Stimme. Außerdem wurden 63 weiße Zettel abgegeben. Moseicki ist somit zum Staatspräsidenten gewählt. Im ersten Wahlgang wurden für Moseicki 215, Bninski 211, Marek 56 und 63 weiße Zettel abgegeben.
Nom gegen Paris.
Der Marokkokonflikt offen ausgebrochen.
(Eigene Drahtmeldung.)
Berlin, 1. Juni. (Privattelegramm.) Reichspräsident v. Hindenburg hat, wie die Blätter berichten, auf Grund des neuen Militärstrafgesetzbuchs eine neue Disziplinarverord- nung für das Reichsheer erlassen. Im Gegensatz zu früher gibt es jetzt nur noch gerichtliche Vergehen und Disziplinarübertretun- gen. Der Mittelarrest ist in verschärften Arrest umgewandelt worden. Der höchste Betrag der Geldstrafen wurde von ein Achtel auf ein Viertel des Monatsgehalts erhöht
Rom, 1. Juni.
Zu einer halbamtlichen Aeutzerung, daß dir französische Regierung nicht die Absicht habe, irgendeine Aenderung mit internationalem Charakter in der Zone von Tanger eintreten zu lassen, erklärt ein Blatt, daß, soweit Tanger in Frage komme, Italien nicht von der Verwaltung der internationalen Zone ausgeschlossen werden könne. Italien könne von diesem beherrschenden Teil deS Mittel- meeres nicht länger ausgeschlossen bleiben.
Moseicki für VMuVsss.
Vier Kandidaten in Polen. — Zwei Wahlgänge. (Eigener Drahtbericht.)
Warschau, 1. Juni.
Die Politische Lage hat sich gestern Nacht zu klären begonnen. Der Block der drei rechtsstehenden Parteien wird für den gestrigen Präsidentschaftskandidaten Blinski geschlossen stimmen. Die Mittelparteien, die polnische Linke mit Ausnahme der Sozialdemokraten, die Juden und wahrscheinlich auch ein Teil der deutschen und slavischen Minderheit werden den von Marschall Pilsudski empfohlenen Kandidaten Prof. Ignatz Moseicki unter- stützen. Hingegen haben die Sozialdemokraten beschlossen, einen eigenen demonstrativen Kandidaten in der Person des Abg. Marek aufzustellen. Auch die Kommunisten und die radikalen Zwergparteien stellen in dem Abg. Piederkiewiez einen aussichtlosen Kandidaten auf. Im ersten Wahlgange wird voraussichtlich keiner der Kandidaten die erforderliche absolute Mehrheit erhalten, sodaß ein sofortiger zweiter Wahl gang notwendig sein wird, bei dem die Sozialdemokraten der Ankündigung ihres Blattes gemäß den Kandidaten der Linken und des Zentrums unterstützen würden. In den Kreisen der Linken rechnet man infolgedessen mit einem Sieg Professor Ignatz Moseickis.
* * *
Die Spuren schrecken.
Warum Pilsudski die Wahl ablehnte.
(Eigene Drahtmeldung.)
Warschau, 1. Juni.
Marschall Pilsudski hat die auf ihn entfallene Wahl abgelehnt mit der Begründung, in den Ziffern des Wahlergebnisses komme seiner Auffassung nach nicht hinreichend der Wille zur Säuberung zum Ausdruck, den er vor dem Sejm als Voraussetzung für die Annahme einer Wahl gefordert habe. Der von ihm vorgeschlagene Kandidat ist Hochschullehrer von Ruf. Professor Moseicki ist Chemiker und wirkte als solcher in Lemberg. Marschall Pil s u d s k i erklärte in einem Brief: Leider könne er die Wahl nicht annehmen. Zu stark wirke noch auf seine Gefühle das tragische Geschick des Präsidenten Narutowiez, den er vor seinem schrecklichen Tode nicht habe bewahren können. Ueberdies könne er ohne Arbeit nicht leben, und die gegenwärtige Verfassung entrücke den Präsidenten der Arbeit. Es fei deshalb ein anderer Charakter für diesen Posten notwendig, Der Marschall entschuldigt sich wegen der Enttäuschung, die er seinen Anhängern habe bereiten müssen.
6ie lassen nichts durch.
Schikanen gegen Deutsche. — Erregte Massen.
(Eigene Drahtmeldung.)
Danzig, 1. Juni.
Seit gestern ist für deutsche Ferngespräche in Warschau die Militärzensur wieder einge- führt. Deutsche Berichterstatter wurden wiederholt in ihren Telephongesprächen unterbrochen und zum Gebrauch der polnischen Sprache aufgefordert. Verschiedene derartige Gespräche sind einfach getrennt worden, obwohl der ganze Verlauf des gestrigen Tages in Warschau keinerlei Rechtfertigung für derartige Maßnahmen
9teue 5-Sltarffcfteiiie in Sicht
Aber die alten bleiben gültig.
(Privat-Telegramm,)
Berlin, 1. Juni.
Die Deutsche Rentenbank teilt mit,, daß vom 15. Juni 1926 neue Rentenbankscheine über fünf Rentenmark mit dem Ausstellungsdatum 2. 1. 1926 ausgegeben werden. Die neuen Scheine werden an die Stelle der bisher ausgegebenen Rentenbankscheine über fünf Rentenmark vom 1. November 1923 gesetzt. Die noch umlaufenden Scheine der alten Werte behalten aber bis auf weiters ihre volle Gültigkeit.
das Schicksal des erschossenen Staatspräsidcu-ibietet. — Aus den Straßen bewegen sich Tauten Narutowiez hat ihn geschreckt, zumal noch kurz vor der Wahl Gerüchte über ein großangelegtes Mordkomplott des Generals Hal - ler im Umlauf waren. Zur Entwirrung der Lage hat dieser letzte Schritt Pilsudski nicht beigettagen. Wir müssen abwarten, ob er nicht zu einer Verschärfung der Situation geführt hat. Auf den Ausgang der neuen Mahl darf man gespannt sein. Mehr noch, wie sich Pil- sudski zu dem neuen Ergebnis stellen wird.
Kein? neuen Minister.
Schleppender Geschäftsgang in Berlin.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 1. Juni.
Ren Blättern zufolge beschäftigte sich der gestrige Kabinettsrat nur mit laufenden Angelegenheiten. Irgendein Beschluß wurde nicht gefaßt. Die Personalfragen bezüglich der freien Ministersitze werden bis auf weiteres nicht zur Erörterung kommen, da der Reichskanzler erst die Parteiführer befragen willl
Für oder genen Briend?
Ueber das Kabinett wird heute entschieden.
(Eigener Drahtbericht.)
Paris, 1. Juni.
Die Morgenpresse erwartet, daß heute in der Kammer eine wichtige Debatte über die allgemeine Politik der Regierung stattfinden werde. Man nimmt an, daß Briand nach einem Expose ein klares Vertrauensvotum fordern wird. Zu de nErklärungen des Ministerpräsidenten werden die Parteien alsbald Stellung nehmen. Besondere Bedeutung wird dem Beschluß der Radikalen beigelegt, die kürzlich zu saft gleichen Teilen für und gegen das Kabinett stimmten, besonders auch,'weil Briand gestern nachmittag eine längere Unterredung mit Malvy hatte, der die radikale Kammerfraktion von den Absichten des Ministerpräsidenten nunmehr in Kenntnis setzen soll.
De« Staub des im Breuupuukt des Jutereffes fteScube« Arbeitslofeuvroblerns nub die benot» fteheude Bester««« der Grwcrbsloieulatzc lest er« Abgeordneter i« be« folgende«, für jeder- manu verständlichen Anssnhrnngc, dar:
Auch Wenn auf manchen Produktionsgebieten (wofür einige Anzeichen sprechen) ganz allmählich eine Besserung eintreten sollte, so Wird es vermutlich noch lange dauern, vis die Riesenzahl der Arbeitslosen sich wesentlich vermindert hat. Der Weltkrieg und seine Folgen haben das Gleichgewicht der einzelnen Nationalwirtschaften sowohl wie der Weltwirtschaft derart zersetzt, daß cs nicht so leicht fein wird, wieder dasjenige Maß des Äufeinander-Abge- stelltseins zu erreichen, ohne das eine stete Weiterentwicklung der einzelnen Volkswirtschaft kaum möglich ist. Der zur Wiederherstellung des Gleichgewichts nötige Rationalisierungsprozeß, der sich nicht allein innerhalb der einzelnen Nationalwirtschaft,' sondern auch für größere, mehrere oder viele Staaten umfassende Gebiete vollziehen muß, wird sowohl weitgebende berufliche Umschichtungen der Bevölkerung wie auch die Freisetzung vieler Arbeitskräfte mit sich bringen. Die Arbeitslosigkeit, d. h. die Massenarbeitslosigkeit, wird da- her für die nächsten Jahre, sicherlich in Europa, eines der wichtigsten gesellschaftlichen Probleme überhaupt darstellen, und am meisten werden sich wohl die beiden größten europäischen Jndusttiestaareu, Detttschland und England, mit ihm herumzuscklag^v haben. Während aber England immerhin L.ufsenauswandc- rungen zu organisieren vermag, und aus diese Weise die Zahl der arbeitsuchenden Menschen vermindern kann, fehlt ^Deutschland diese Möglichkeit vollkommen.
In Deutschland hat man sich der Pflicht der Arbeitslosenunterstützung nicht entzogen. Deutschland halt seine Arbeitslosen durch die Erwerbslosenfürsorge über Wasser. Gegenwärtig werden die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer fsix die Erwerbslosenmittel von drei Prozent des Grundlohnes erhoben, womit aber nur ein Drittel bis ein Viertel der Kosten gedeckt werden können. Die für die Arbeitslosen aufgewendeten Gesamtsummen betragen seit einigen Zeit 150 Millionen Mark im Monat. der für den einzelnen Vollarbeitslosen aufgewendete Betrag beläuft sich auf 65 Mk. im Monat. Die Erwerbslosenfürsorge erfordert also (die heutige Arbeitslosenziffer zugrund gelegt) auf das Jahr umgerechnet 1800 Millionen Mark, sodaß der gesamte deutsche Sozialetat die vierte Milliarde (2300 plus 1800 Millionen) bereits überschritten hat. Nach dem neuen Bezugsentwurf soll der Arbeitslose eine Anwartschaft von 26 Wochen erfüllt haben. Die Mittel für die Unterstützung der Arbeitslosen sollen durch in Prozenten vom Grundlohn zu erhebenden Beiträgen, die je zur Hälfte vom Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu zahlen sind, aufgebracht werden. Dazu treten in Zeiten großer Arbeitslosigkeit, öffentliche Mittel, die in Form von Darlehen vom Reich vorgestreckt werden. Die Prüfung der Bedürftigkeit soll im Prinzip fortfallen; sie kann aber dann wieder stattfinden, wenn Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln erforderlich sind. Für die Bemessung der Höh- der Arbeitslosenunterstützung sollen nach dem Regierungsentwurf fünf Lohnklassen gebildet werden, in jeder Lohnklaffe wird ein wöchentlicher Einheitslohn zugrunde gelegt (in der ersten Klasse 10 Mark, in der zweiten Klasse 15 Mark, in der dritten Klasse 25 Mark, in der vierten Klasse 35 Mark, in der fünften Klasse 40 Mark). Die Hauptunterstützung soll vierzig Prozent des Einheitsloh- nes betragen, als Familienzuschlag soll für jeden zuschlagsberechtigten Familienangehörigen 5 Prozent gewährt werden, einschließlich der Familienzuschläge soll jedoch die Gesamtunterstützung in keinem Falle 65 Prozent des Gin- beitslohnes übersteigen.
Das Lohnklassensystem wird von allen Seiten gebilligt. Strittig ist begreiflicherweise sowohl die Anzahl der Lohnklassen wie der damit in engem Zusammenhang stehende Einhcitslohn. Strittig ist ferner, welcher Prozentsatz des Einheitslohnes für die Hauptunterstützung und für den Familienzuschlag festgesetzt werden und welcher Prozentsatz des Einheitslohnes als höchste Gesamtunterstützung in Betracht kommen soll. Während von den Arbeitern^ am liebsten die Schaffung von sieben oder acht Lohnklassen gesehen würde, eine wesentliche Erhöhung der Hundertsätze aber in jedem Fall gefordert wird, würden die Unternehmer den Vorschlägen des Regierungsentwurfs in diesem Punkte vermutlich glatt zustimmen, wenn di: sich hieraus ergehende Gesamtleistung die ge-