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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 120. Amtliches Organ der Stadt Kaffel

Mittwoch, 26. Mai 1926

Amtliches Organ der Stadt Kaffel 16. Jahrgang

Abö el Krim hat den Krieg verloren.

Jetzt oder nie!

Abrüstung: Das Gebot der Stunde.

Mit erfreulicher Deutlichtett hat Deutsch­lands Vertreter auf der vorbereitenden Ab­rüstungskonferenz erklärt, daß der Zeitpunkt zur Erreichung der allgemeinen Abrüstung jetzt gekommen sei. Die militärisch-politische Seite der Herstellung des Weltfriedens wird erreicht durch .Sicherheit, Schiedsgerichtsbarkeit und Abrüstung". Die beiden ersten Teile sind in Locarno erledigt, aber sie hängen in der Luft, wenn sie nicht durch eine Abrüstung ergänzt werden. Deutschlands Sicherheit kann nur durch Ausgleich des schreienden Mißverhält­nisses im derzeitigen Rüstungsstande entweder nur durch seine Aufrüstung oder nur durch Ab­rüstung seiner Nachbarn erreicht werden. Schon die Zahlen der Friedensstärken und die Zahl der ausgebildeten Bürger von zwanzig bis vierzig Jahren erhärten diese Notwendigkeit; von einem Vergleich der Geschütze, Tanks, Flugzeuge, Munition kann hier abgesehen werden. Deutschland hat eine Friedensstärke von hunderttausend Mann; Frankreich. Polen und Tschechei von 1179000 Mann. Die letztge­nannten vier verbündeten Staaten haben 12,5 Millionen ausgebildeter Mannschaften. Ueber das gleiche Miß­verhältnis in der Waffen-, Ausrüstungs- und Munitionsbeschaffung braucht hier kein wei­teres Wort verloren zu werden. Es genügt, noch einmal auf den Unterschied zwischen deut­schen und französischen Mobilmachungs­vorbereitungen hinzuweisen.

Deutschland ist nicht einmal imstande, einen Verteidigungskrieg «egen feindliche Einfälle und Uevergrrfie fremder Besatzungstruppen, auch nicht gegen einen neuen kommunistischen Umsturz zu führen die Grundlage jeder staat­lichen Selbstständigkeit, nämlich die Wehr- hoheit ist ihm genommen. Angesichts seiner erdrückenden militärischen Üeberlegenheit gegenüber dem wehrlosen Deutschland bereitet das neue französische Armeeorganisationsgesetz die stärkste und schnellste Zusammenfassung aller militärischen, wirtschaftlichen und technischen Kräfte der Nation zur höchsten Kriegsbereit­schaft und größten Leistungsfähigkeit vor, um gegen einen feindlichen Angriff wirksam zu sein. Trotz Herabsetzung der aktiven Dienstzeit von achtzehn auf zwölf Monate sind die aktiven Truppen in ständiger Kriegsbereit­schaft, die Reserve- usw. Formationen in ständiger Mobilmachungsbereitschaft. Im tief, sten Frieden und im Vertrauen auf Volksver- söhnung ist Frankreich ein einziges Kriegslager. Die Kriegsvorbereitung der noch nicht wehr­pflichtigen Jugend ist durch Vereine, Schule, Kirche, Behörden, kurz durch alle Art nationaler Organisationen zur gleichen Schlagfertigkeit durchgeführt. Unsere geographische Lage ist ja neben Wirtschastsreichtum und politischer Ohn­macht und Zwietracht seit zwei Jahrtausenden zu Eroberungszügen gegen unsere Heimat ous- genützt worden. Kein zweites Land der Erde hat gleiche ungünstige, ungeschützte Grenzen von gleicher Länge und im Verhältnis zur Hohe des Landes, gleich große Landesteile in exponierter und abgegrenzter Lage, die zu kon­zentrischen Angriffen geradezu einladen. (Süd­deutschland, Ostpreußen, Schlesien). Da in dem auf Menschenalter verarmten, mit wachsenden Kriegsentschädigungen belasteten, nur dem friedlichen Wiederaufbau lebenden Deutschland eine Aufrüstung unmöglich ist, so kann nur ein gleich starke Abrüstung unserer Nachbar­staaten das friedensichernde Gleichgewicht zwi­schen den Nationen Europas herstellen. Der andere Weg zur dauernden Befriedigung und Erreichung dauernden gegenseitigen Ver- trauens ist mangels guten Willens illusionär. Erst der konzentrische Angriff auf die Wäh­rungen dieser kriegslüsternen Nationen kann die finanzielle Rüstungspolitik so einengen, daß der militärische Abbau zwangsläufig folgen muß.

Da dies das Ende des französischen und westflavisckien Imperialismus bedeuten Würde, so zieht Frankreich die praktische Inangriff­nahme des Abrüstungsproblems, die, den deut­schen Wünschen zu liebe erfolgt, durch verschlei­erte Sabotage ins Endlose hinaus. Die Debatte über den berüchtigten Vorschlag der .Potentiel de gurrre", wie auch über jeden an­deren, der aus der Pariser Garküche nach Genf geschickt wird, soll jede .übereilte Abrüstung" vermeiden. Mit diesem Vorschlag hat Frank­reich allerdings das moralische Todesurteil für seinen Fmverialismus ausgesprochen, was dessen Wirksamkeit aber nicht deeinträchtigt. Selbst der belgische Vertreter bezeichnet es in Genf als eine zynische Grausamkeit, wenn einem Lande verboten ist. sich gegen Luftangriffe zu schützen. Auk solcher zvnischen Grausamkeit ist aber die ganze Abrüstungspolitik aufgebaut; jeder französische Hinweis auf Deutschland .potentiel de guerre" ist ein widerlicher Hohn.

Em zweites Kreiensen in Mönchen. !^Geist und Gesetz des Bolschewismus.

Sechsundzwanzig Tote bei einer Zugkatastrophe.

München, 25. Mai. (Privattelegramm). Gestern abend fuhr ein Personenzug in der Station Ostbahnhof auf einen dort haltenden anderen Personenzug, anscheinend durch Aeberfahren des Signals von hinten auf, sodaß mehrere Wagen des vorderen Personenzuges zertrümmert wurden. Bisher find 26 Tote und viele Schwer- und Leichtverletzte festgestellt. Genaue Zahlen und Namen der Toten «nd Verletzte» kaffen fich erst nach Beendigung der Aufraumungsarbeite« angeben.

München, 25. Mai.

Ein Blatt bringt noch folgende Einzelheiten von der Zugkatastrophe: Die Unglücksstätte bie­tet einen entsetzlichen Anblick. Bei dem beschleu­nigten Personenzug aus Berchtesgaden, auf den der Zug aus Rosenheim aufgefah­ren ist, sind von den zwei letzten Wagen nur noch unscheinbare Trümmer vorhanden. Die Verletzten und Toten mutzten zum Teil aus dem Wagen herausgehauen werden. Teilweise werden sie auch durch Schweißapparate aus ihrer Lage befreit. Sechzig bis siebzig Schwerverletzte sind bisher geborgen. Dazu eine größere Anzahl Leichtverletzter.

Wer trägt die Schuld ?

Das Haltesignal überfahren.

(Prioat-Telegramm.)

München, 25. Mai.

Zur Zugkatastrophe erfahren wir weiter' In­folge des starken Pfing st Verkehrs konnte der Zug 820 nicht sofort i» den Bahnhof Mün­chen Ost-Personenbahnhof gelassen werden, mußte also vor das Einfahrtssignal gestellt werden. Mittlerweile war der um etwa dreißig Minuten verspätete Per­sonenzug 814 gleichfalls fällig geworden. Der Blockwärter der Blockstelle Laimberg gab demzufolge das Blocksignal -Halt". Dieses Block­signal hat der Führer des Personenzuges 814 überfahren. Er behauptet, es sei auf .Fahrt" gestanden. Die bisherigen Ermittlun­gen haben diese Behauptung nicht zu be­stätigen vermocht. Die Frage wird noch ge­nauestens untersucht werden. Der Zug 820 hatte sich schon in Bewegung gesetzt und war eine Strecke gefahren, als der ZuZg 814 mit einer Geschwindigkeit von sechzig Kilometer in der Stunde angefahren kam. Erst aus ver»

hältnismäßig kurze Entfernung bemerkte der Lokomotivführer des 814 eines der Lichter des eben in Bewegung gesetzten Zuges 820. Er gab sofort Notbremse und traf alle Maßnahmen, um den Zug noch in seine Gewalt zu bekom­men. Der Ausstoß erfolgte mit großer Gewalt, lieber hundert Schwerverletzte und sechsund- wanzig Tote sind bis jetzt gemeldet.

Die falsche Welche in OeiS.

Breslau. 25. Mai. (Privattelegramm.) Auf Bahnhof Oels stieß die Zuglokomotive bei Ue- bernahme eines Personenzuges auf den mit Rei­senden besetzten Zug auf Sechzehn Reisende und dreizehn Beamte wurden leichter verletzt.

Die letzten und die ersten Xoveswagen.

München, 25. Mai. (Privattelegramm.) Bei dem Ausstoß wurden von Zug 820 die zwei letzten Wagen vollständig zertrüm­mert, der übrige Teil des Zuges blieb so gut wie unversehrt. Vom Zug 814 war die Ma­schine entgleist, die dem Schutzwagen folgenden Wagen vierter Klasse wttrden ineinan­der geschoben. Mehrere Reisende wurden in schlimmster Lage eingeklemmt. Fast alle Ver­letzten und Toten stnd bis ein Uhr Nachts ge­borgen worden.

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Sin schmerzlicher Nachhall in Berlin

Berlin, 25. Mai. (Durch Funkspruch.) Der Herr Reichspräsident hat nach München ein herz­lich empfundenes Beileidstelegramm für die Hinterbliebenen der mns Leben Gekom­menen und die besten Wünsche für rasche Ge­nesung der Verletzten gerichtet.

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Buch Berlin an Sri und Stelle.

Berlin, 25. Mai. (Durch Funksprucho Auf die Meldung von der Katastrophe wurden sofort Sachverständige der Reichsbahn nach München zur Untersuchung entsandt.

Die Möglichkeit, unsere Friedensindusttie dank technischer Geschicklichkeit in eine Kriegsindu­strie umzustellen, ist bei Ausbruch eines Krie­ges durch rasch Besetzung des Ruhrgebietes und Mitteldeutschlands, durch Lustangrisfe auf die deutschen Städte sofott unterbunden. Ge­gen die Ausschaltung bezw. Herabsetzung ge­wisser Waffenarten gibt es ebensowenig stich­haltige Gründe wie gegen die Abrüstung über­haupt. .

Noch nie stnd die militärischen Strett- sragen so sehr der Klärung entgegengereist, als nach den Locarnoverträgen. Nur der hun­dertprozentige böse Wille unserer Nachbar­staaten, die ihre schlecht verhehlte Raublust ge­gen das fiiedliche, wehrlose Arbeitsvolk im Herzen der menschlichen Werkstatt und Gesittung, nicht zügeln können, trägt die Verantwortung für das unsagbare Elend, das ein neuer Krieg über Europa bringt.

Go gut wie verloren.

Ein zweites Friedensangebot Abd el Krims.

(Eigener Drahtbericht.)

Paris, 25. Mai.

Nach einer Havasmcldung aus Fez wurde gestern nacht dem Generalgouverneur Steeg ein Brief Abd el Krims überbracht, der zwar nicht die bedingungslose Unterwerfung angebo­ten habe, sondern einen Waffenstillstand und die Wiederaufnahme der Friedcnsverhand- lungen verlangt habe. Immerhin gibt er da­mit zu, daß er den Krieg a l s v e r l o r e n be­trachtet. Ein Ministerrat wird heute im Clyfee darüber weiter Beschlüsse fassen.

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Mro Ado ei Krim nach Tanger entkommen.

Paris, 25. Mai. (Privattelegramm.) Nach Meldungen aus Fez geht dort ein Gerücht, daß Abd el Krim auf dem Wege nach Tanger ist. Wenn er diese Stadt erreichen würde, würde er dadurch der Gefangennahme durch die Franzo­

sen oder Spanier entgehen. Abd el Krim soll sich unter seinen Stämmen nicht sicher fühlen.

Auf Gnade und Ongnade.

Ein düsteres Finale im Rif.

(Eigener Drahtbericht.)

Paris, 25. Mai.

Ueber die Schrift Abd el KrimS berichtet eine Nachrichtenagentur, daß Abd el Krim in zwei Briefen wegen der durch das Borrücken der französischen und spanischen Truppen geschaffe­nen Lage sich der Großmut der franzö­sischen Regierung anvertraut.

Gegen den Gifttrieg.

Bölkerbundkonirolle über alle Erfindungen? (Eigener Drahtbericht.)

Genf, 25. Mai.

Der angenommene Antrag de BrockerS- Belgien betreffend die dauernde Kontrolle der Rüstungsstände und der Rüstungsindustrie nimmt auf einen entsprechenden Absatz im Völ­kerbundspakt Bezug. Die technischen Unteraus­schüsse, denen, wie bereits gemeldet, die Einzel­sragen vorgelegt werden, sollen u. a. über eine ständige Organisation in Genf beraten, die die Auskünfte der verschiedenen Regierungen sam­meln soll, ferner Entscheidungen für den Ab­schluß eines internationalen Abkommens, daß die Veröffentlichung aller für den che­mischen Krieg in Betracht kommenden Er­findungen obligatorisch mache und die gleiche Verpflichtung für den bakteriologi­schen Krieg und ganz allgemein für alle Kriegsformen enthalte, die von der öffentlichen Meinung der Kulturwelt verworfen werden. Ge­gen Staaten, die die Anzeigepflicht nicht genau einhalten, soll das Verfahren vor dem interna­tionalen Gerichtshof anhängig gemacht werden. Schließlich soll untersucht werden, ob auf Grund der heutigen Erfahrungen militärisch überhaupt eine Abrüstungskontrolle möglich ist.

Ei»« zum rniudefte» sehr originelle Methode derBolksaufklärnng" wird in Moskau »nd im moderne« Rußland überbaust befolgt, rote die folgende» seltsamen Vorgänge erkeuue» las­se». die dem i» Kürze ers»ei»erck>e« Werk Re»« Fülöv-MilkosGeist »«d Gesicht des Bolschewismus" entnommen sind.

Sogar die volkshygienische Aufklärung wird in Rußland mit den Mitteln schauspielerischer Darstellung durchgeführt. Während man in Eu­ropa Bolksseuchen mit Hilfe von Broschüren und Flugschristen zu bekämpfen sucht, veranstal­tet man in Rußland zu diesem Zweck Theater- aussührungen, besonders sogenannteGerichts­szenen", deren Wirkung aus die Massen ohne Zweifel bedeutend ist. Derartig symbolische Gerichtsverhandlungen sind keineswegs feiten? zur Mitwirkung an ihnen werden mit Vorliebe amtierende Richter, Staatsanwälte und Advoka­ten herangezogen, während die übrigen Figuren von berühmten Schauspielern dargestellt werden. Dies alles macht es begreiflich, daß aus solche Weise das Interesse der Oeffentlich- leit für diese Angelegenheiten erhöht wird, sq daß man dabin gelangte, auch soziale, kulturelle und künstlerische Probleme, besonders aber dis jeweils aktuellen politischen Ereignisse auf diesy Artszenisch zu diskutieren". Es hat in Mos­kau einenProzeß gegen die Mörder der Roses Luxemburg" gegeben,ein Gericht über die An- alphabeten", einVerfahren gegen die aber­gläubische Frau" und einenProzeß gegen Wrangel". Insbesondere dieser wurde mit ei­nem großen Apparat durchgesührt, da eS sich hier um ein höchst wichtiges politisches Thema Ham beite; es nahmen daran

etwa zehntausend rote Soldaten teil, die seinerzeit ^egen Wrangel gekämpft hak­ten. Nach Eröffnung der Sitzung verlas der Militärauditor eine Anklageschrift, in der dem General die Unterdrückung und Hinrichtung von roten Arbeitern und Bauern, der Verrat des Landes an die französischen Kapitalisten und ein Geheimbündnis mit Polen zur Last gelegt wur­de. Als Zeugen wurden Soldaten aus der wei­ßen Armee, Arbeiter und Großgrundbesitzer vernommen, von denen nur die letzten, der Klasse der Ausbeuter angehörend, für Wrangel günstig aussagten und von den Wohltaten be­richteten, die dieser den Kapitalisten erwiesen ha­be. Ein Schauspieler in der Maske WrangelS brachte läppische Argumente zu seiner Verteidi­gung vor, verwickelte sich andauernd in Wider­sprüche und machte damit der Anklagebehörde die Sache so leicht als möglich. Nach den letzten Reden des Anklägers, des Verteidigers und des Angeklagten wurde der Wahrspruch gefällt, welcher lautete:Wrangel muß vernich­tet werden! Das Urteil ist von allen werk­tätigen Proletariern Rußlands zu vollstrecken.« Nach der Verkündigung des Verdikts wurde her Angeklagte Wrangel!" in Ketten abgeführt. Auch die Diskussion über Ereignisse aus dem Theaterleben werden in Rußland fast immer in der Form von Gerichtsszenen geführt. Ist etwa ein bekannter Regisseur mit einer Neuinsze­nierung vor die Oessenttichkeit getreten, so findet alsbald eineProzeßverhandlung" über das neue Werk statt. Einer der Theaterleute spielt den Ankläger, ein anderer den Verteidiger;

als Richter fungiert gleichfalls ein Regisseur ober Schauspieler.

Der Unglückliche, der sich die Neuinszenierung hat zuschulden kommen lassen, sitzt auf der An­klagebank und muß sich verantworten. Mit ern­ster Miene werden alle Formalitäten eines or- bentlichen Verfahrens eingehalten und unter der größten Aufmerksamkeit des Publikums alle Argumente für und wider abgewogen, bis schließlich betRichter" fein Urteil fällt. Doch nicht nur Angelegenheiten des Theaters, son­dern auch andere Probleme literarischer oder überhaupt künstlerischer Natur wer­den auf diese Art öffentlich diskutiert und ausgetragen. Wohl als die seltsamste szenische Darbietung muß jenesBegräbnis der massa­krierten Bücher" bezeichnet werden, das im Fahre 1919 in Leningrad stattgefunden hat. Kurz vorher waren die konterrevolutionären Truppen bis vor die Tore der Stadt gedrungen, hatten auf ihrem Vormarsch allenthalben di« von den Kommunisten zurückgelassenen Biblia? tbeken konfisziert und den größten Teil der Bus eher vernicklet. Als der Aufstand niedergebro» chen war. fanden die bolschewistischen Behörde^ die traurigen Ueberreste der verbrannten odei) zerrissen r- Druckwerke vor, ließen diese forgi faltig sammeln und verwendeten sie zur Abhal­tung eines Volksfestes. Man bettete nämliä) alle Ueberbleibsel der zerstörten Bibliotheken trt einen großen Sarg, stellte diesen auf einem beO