Kasseler Neueste Nachrichten
Nr. 111.
Sechzehnter Jahrgang.
2. Beilage.
Donnerstag, 13. Mai 1926.
Russische Esten.
Vereinfachtes Verfahren in Sowjeiien.
Snfamntenlebe» bedeutet Ebe. I Der Max» mit 118 Ebesraar». I EigeatilmsoerbäUaiffe der Ber- betratet«,,. I Die kirchliche Trau»««. / Steine nu- ebelichen Linder. / Warn» Rnbland die Ehe nicht ablchasft.
ES ist schon viel über die Reformen geschrieben worden, die das Sowjetregime in der Ehe einzusichren versucht; ein klares Bild über die wirklichen Zustände, die vielfach tendenziös ent- stellt wiedergegeben worden sind, ermöglichen die beiden neuen Gesetzentwürfe, die zurzeit zur Diskussion durch die gesamte Bevölkerung gestellt sind. Eines dieser beiden Projekte stammt vom Jnnenkommtssariat und hat den Professor Werhowski zum Verfasser der srüher Professor für orthodoxe Theologie an der Warschauer Universität war Der Gelehrte, der srüher im Ruf stand, fanatischer Reaktionär zu sein,erweist sich in seinem Entwurf als außerordenU'ch liberal, indem er fünf Arten sog. ebeähnlicher Beziehungen zuläßt: Der Kerltpuutt seiner Anschauungen besteht darin, daß die Ehe auf der Grundlage unbeschränkter Freiheit von Mann und Frau aufgebaut wird. Die Ehe kann in jeder Form, mündlich und schriftlich, abgeschlossen werden. Wenn sich zwei Menschen össentlich als verehelicht erklären, obwohl diese Ehe aus irgendeinem Grund nicht registclert ist, so wird dieses Verhältnis als durchaus legitim angesehen und vom Gesetz geschützt. Falls sich die Eheleute trennen, und finanzrelle Auseinandersetzungen notwendig werden, hat sich das Gericht mit der Feststellung der Rechtsverhältnisse zu befassen: Beweis: Zeugenaussagen.
Das neue Gesetz will also die Ehe nicht aus der Registrierung, sondern aus der Tatsache, daß zwei Menschen zusammengelebt haben, hergeleitet wissen. Daß dieses System grotesken Uebertreibungen Tür und Tor öffnet, ist wohl selbstverständlich. So konnte z. B. einem Mann nachgewiesen werden, daß er 118 legitime Ehefrauen besaß. Der gesetzliche Schutz, den solche nicht registrierte Ehen genießen, erstreckt sich auf die finanzielle Auseinandersetzung und die gegenseitigen Ansprüche der Eheleute aus Unterhaltung nach der Trennung. Das Gesetz bestimmt, daß das Vermögen, das die beiden Ehel-ute während ihrer Ehe erworben haben, Gc ingut bleibt. Man darf sich daber nicht wunoern, daß im kommunistischen Staat par ex- xellence da- Eigentumsrecht geschützt ist; ein gewisses, wenn auch beschränktes Besitzreckt an Heineren Vermögen besteht auch heute in Ruß- land. Ein Vernrögen dagegen, das einem der Eheleute schon vor der betrat gehörte, gilt nicht als Gemeingut. UebrigenS können die Eheleute auch in Gütertrennung leben.
Auf diese Weise sind also in Rußland illegitime Verhältnisse ohne juristische Konsequenzen unmöglich gemacht. Jedes Liebesverhältnis kann auf Wunsch einer Partei zur Ehe mit allen daraus entstehenden finanziellen Verpfllch- tungen erklärt werden. Der vollständigen Gleichberechtigung der Geschlechter entspricht es, daß unter gewissen Umständen auch der Mann an feine Ehepartnerin finanzielle Ansprüche stellen kann Das Gesetz bestimmt, daß der arbeitsunfähige Mann auch nach der Scheidung von der Frau unterhalten werden muß Obwohl di? Registrierung jeder entscheidenden Bedeutung entbehrt, ist sie trotzdem nicht aufgehoben, wenn sie auch nicht als unbedingter Beweis für das Bestehen einer Ehe grlt Sie kann jedoch zu jeder Zeit erfolgen, und es ist klar, daß ans dieser Bestimmung große Schwierigkeiten erwachsen können. Es könnte z. B. einem der Ehegatten nach Auflösung der ehelichen Beziehungen ohne Scheidung trotzdem einfallen, die Ehe registrieren zu lassen, während der andere Ehegatte inzwischen schon wieder „verheiratet" ist. Aus diesem Grund steht das Projekt des Jn- nenkommissartatS die obligatorische Registrierung vor. Die kirchliche Trauung ist keineswegs abgeschafft. Sie hat aber keine juristische Bedeutung, obwohl man ste ebenfalls als Beweis einer Eheschließung anführen kann.
Was die Kinder angeht, so kennt Rußland keine unehelich Geborenen. Während die Gesetzgebung in anderen europäischen Ländern die Verwandtschaft ansteht, bestimmt das Gesetz in der Sowjetunion, daß nicht die Ehe, sondern die faktische Abstammung die Grundlage jeder Verwandtschaft ist. Ein Kind, das in Westeuropa als unehelich gilt, kann daher in Rußland einen entfernten Verwandten beerben. Daß unter diesen Umständen Alimentationsprozesse zu heftigen Auseinanderfetznngen zwischen den Parteien führen, versteht stch von selbst. Die beiden Entwürfe haben in Rußland heftige Debatten hervorgerufen. Die Männer fühlen sich durch einige Bestimmungen des Gesetzes schwer benachteiligt, während die Frauen, die nach der neuen Regelung ausgedehnten Schutz genießen würden, begeistert zustimmen. Sie erklären, daß die „bourgeoise Gesetzgebung" in Europa nur die Interessen der Männer wahrnehme und ihnen erlaube, sich nach Gutdünken und Willkür jederzeit ihrer Verpflichtungen „unehelichen Frauen" gegenüber zu entledigen. Das dürfe in Rußland nicht zugelassen werden. Es fehlt nicht an radikalen Strömungen, die die Ehe überhaupt abschaffen und die Erziehung der Kinder ausschließlich dem Staat überlassen wollen Toch befinden sich diese entschiedenen Neuerer stark in der Minderheit.
Es ist übrigens bemerkenswert, welche Gründe mitunter für die Beibehaltung der Ehe vor- gebrackt werden. So hat ein maßgebender Korn, munist darauf hingewiesen.daß man um die von der Hausfrau geleistete Arbeit vollbringen zu lassen, allein in den Städten der Sowjetunion
3u Aachen in seiner Kaiserpracht...
Das Wettbad gegen Rheuma an der äußersten Westgrenze des Reichs.
Bilder von einer Studienreise in das Rheinland von Rudolf Heyneminn.
(Dritter Bericht.)
Der 'D-Zug brauste von Köln aus der deutschen Grenze zu, dorthin, wo Belgien und Holland und Deutschland eine innige Zusammenkunft feiern, aber ... auf dem Bahnhof Düren sckon saßen blaubemantelte Soldaten fremder Nation mit „Richrad Wagner-Kappen" auf den Stufen einer Bahnhosstür und pafften dicke Zigarettenwolken in die Luft.. - Belgier!
Besetztes Gebiet . . . in A a ch e n selbst laufen sie in Braungelb umher, mit Troddeln an den eckigen Käppis . . sonst merkt man nichts . . . ich bin weder angehalten, noch nach dem einzig und allein noch notwendigen polizeflichen Personalausweis gefragt worden . . . man läßt die fremden „Herren" laufen.
In den Lokalen sieht man ste so gut wie gar nicht mehr. Ich blickte in ihr Militär-Restaurant . . . auch leer . . .
Ein Aachener, mit dem ich an der Theke eine Tulpe trank, raunte mir die Erklärung zu: „Sie haben kein Geld . . . auch ihre schönen Zeiten find >wrbei!"
Und noch um einige Tonlagen leiser flüsterte er mir zu: „Gott sei Dank . . .!"
Aha, Aachen ist Großstadt ... am Bahnhof strebt ein gewaltiges Eisengerüst in die Höhe . .. turmhoch ... ein Hochhaus wird auch hier gebaut Und in der Tat . . . Aachen i ft Großstadt .. man darf nicht nur die buckligen, aber blitzsauberen Straßen durchwandeln, man mutz hinausgehen zu den Villenalleen und . . . man staunt über diese Stadt! Die rauchenden Schornsteine von Eschweiler an sollten eigentlich darauf vorbereiten, denn ... auch hier Hingt gewaltig das Lied der industriellen Arbeit!
Zu Aachen langweilen die Hunde stch
Auf der ©trabe und flebn untertänig:
Versetz uns einen Subtritt, o Fremdling, das Unterbält uns vielleicht ein wenig ...
Heinrich Heine, der dies in feinem „Wlnter- märcken" über „Deutschland" schrieb, würde heute unbedingt dementieren. Mich aber trieb's zum großen Münster, zu dem Prachtbau, emporge- sührt auf dem Grunde deS Domes, den Karl der Große erbaute und von dem derselbe Heinrich Heine schrieb;
Sn Aachen int alten Dome liegt
Sarolus MagnuS begraben ...
Irgendwo las ich einmal, daß auf einer Marmorplatte „Carolus MagnuS" stehe. Ich trat in daS funkelnde Heiligtum mit seinen Kapellen und romanischen Zahlenspielereien — 16 Wandflä- chen mit 13 Fenstern — und lauschte Gesang, der aus der hohen Kuppel kam — er kam aus einer Rebenkopelle . . .
Ich suchte innerhalb der schummrigen Pracht aus Marmor und Gold und Säulen und Gewölben, bis ein junger Priester mir sagte: DaS Grab Kaiser Karls ist schon oft gesucht und nie gefunden worden ... dort in der Mitte des Bodens unter der großen Kuppel s o l l es sein,..!
Kenner von Aachen haben es mir später bestätigt mit dem Bemerken: „Als einst die Normannen gegen Aachen anrückten, hat man es wahrscheinlich unkennbar gemacht, um Vandalismus vorzubeugen!"
In der „Kaiserpfalz" sah ich karolingische Mauerspur ... sie soll der Rest des Palastes fein, den Pipin der Kurze hier baute, jener Major domus, von dem es heißt:
Pipin der Kleine war nicht groß, Doch Karls des Großen Vater.
Dennoch, . . karolingischer Kaiserglanz umgibt noch heute Aachen, er strebt durch die Tonnengewölbe des Kaisersaales im Rathaus, der Krönungsstätte vieler deutscher Könige ... vor diesem „altertümlichen Saale" stehl auf der Straße in Stahlhelm und mit dicken Patronen- gürieln der belgische Posten ... ein blutjunges Bürschchen ... wie bei uns eine Jugendwehr ihn stellen würde!
„Dieses hier," sagte mein freiwilliger Führer, ist eine RömerrSule. Sie wurde ausgegraben und wieder aufgerichtet!
„O, Aachen ist viel alter als die Römerzeit es bekundet, die hier festes Kastell hatte. Schon sein Name geht auf altgermanische Zeit zurück, auf Ahha, das heißt Wasser . . .!"
Stimmt . . Aachen ist ja Weltbad! In den Wirren der Nackkrieaszeit hat man es fast vergessen . . . zum Schaden dieser kühnen Grenzwacht, die so tapfer ihr Deutschtum verteidigt!
*
Aachen als Weltbad.
Durch wunderbare Gärten fuhr ich zum Kurpark hinaus, zu Palästen und Palasthotels. Im „Quellenhof", unbestritten eines der vornehmsten deutschen „Häuser" mit zweihundert Zimmern, 75 Badezimmern, sechzehn abgeschlossenen Wohnungen, alles blitzend, alles funkelnd, von auserwählten und berufenen Künstler geschaffen, erst im Weltkrieg vollendet, überragt von der Buchenhöhe des Hoben Venn der Eifel, bestätigte mir einer der Direktoren, daß Aachen ganz besonders unter der Besatzung litt und leidet ... oft wußte man nicht, wie durchgehal- ren werden sollte. Dabei sind die Quellen vorzüglich, die Heilergebniffe geradezu wunderbar. Und dazu die idealste Umgebung, für den Kran
ken sowohl, der beste VerkehrSmöglichkeiten vorstndet, wie für den rüstigen Wanderer, der weite Wald- und Bergtouren unternehmen kann, eine schöner als die andere!
Die Lage in einem Kesseltale ist besonders günstig. Sie bietet Schutz gegen kalte Ostwinde. Hier ist „Uebergangswirtschast" deS See- zum Landklima.
UebrigenS erwartet Aachen noch eine besondere Zukunft. Im Jahre 1737 schrieb einmal ein SaöUenner: „. . . dieser Stadt würde nichts mangeln, wenn sie von einem Flusse befeuchtet würde ober wenn der, so durchflüsset und nur ein kleiner Bach ist. stark genug wäre, selbige zu erfrischen und zur Fortbringung derer Maaren bienete . . .“
DaS soll jetzt kommen ... ber Rhein- MaaS-Kanal ist im Projekt bereits genehmigt worben. Er bedeutet als Abschluß des Mittellandkanals für Aachen einen gewaltigen Aufschwung!
„Ist Aachen," so fragte ich, „nur daS berühmte Rheumabad. . . ?:
„Sn der Hauptsache, ja," lautete die Antwort, „sonst aber noch ist es altbewährtes Heilbad gegen Erkrankungen des Zentralnervensystems, chronische Metallvergistungen und Haut- erkrankungen. Das wurde erst kürzlich auf dem Aachener Balneologentag, der Jahressitzung Deutscher Bädersorscher, bekundet.
Die Aachener Thermalquellen bestehen zur Hauptsache aus Kochsalz, kohlensaurem Natron, schwefelsaurem Natron und schwefelsaurem Kali ... Ich kostete später ... bas Wasser schmeckt etwas nach fauligem Ei, aber nicht so unangenehm. Wer mehr als einmal babon getrunken hat, sagte mein Führer burch bie Eleganz bes Weltbabes Aachen, den mir bie Kurbirektion stellte, finbet es sogar schmackhaft!
Die Hauptquellen sind das Kaiserbab, bas nach einer Königin von Ungarn sogenannte Ungarnbab und das Quirinusbab. Hinzu treten noch bie Quellen von Burtscheid, einem Nebenort, bie aber viel stärker ftnb und heißer als die von Aachen seihst. Diese haben durchschnittlich eine Wärme von 32, Jene biS über 40 Grab Celsius unb sind besonders geeignet für sehr alte Fälle.
Im Ganzen sprudeln die Aachener Heilquellen auS etwa 30 Vorbrüchen, die allerdings nicht alle Heilzwecken dienen, täglich bis zu 6000 Kubikmeter Thermalwasser. Verschiedene Hotels ber Stabt haben ihre eigene Quelle. Frü- her war das Kurhaus in der Stadt, jetzt dient es lediglich als Konzertgarten, seit der Stadtpark zum Kurpark umgewandelt worden ist... gehen Sie hinaus und sehen Sie mit eigenen Augen!"
Was ich sah, wäre eines Dichters würdig. Ein Zaubergarten Klingsors wurde mir geöffnet mit Blumenbeeten und idyllischen Winkeln, aufgehend in dem Hochwald und Im „Uralt« Aachen zur römischen Jmveratorenzeit" erstand aufs Neue in dem Kurhaus ... ein römisches Säulenatrium ist die Wandelhalle mit den Trinkbrunnen ganz aus Marmor. Büsten edelster Römer blicken ernst von den Marmorwänden hernieder.
Und draußen wieder blühende Terrassen und Tennisplätze, Plätze für Hockey und Golf, für jeden Sport. Aus dem „Quellenhof" klingt das Abendkonzert deS großen Kurorchesters und in einem Nebenraum wird dem neuesten „Seu" gehuldigt, dem „Troula", das Wiesbaden importiert bat ... es ist ein wirklich nettes Geschicklichkeits-Roulette.
Ja, Aachen ist Weltbald, erftHafftg sogar und wert, daß man es im Reiche „draußen" weiß. Sä m 1 l i ch e Bäder sind in der „A. G. für Kur- unb Babebetrieb" unter einen Hut gebracht worben. Dadurch wird eine zweckmäßige Behandlung aller nach Aachen kommenden Kranken gewährleistet.
Diese Großgestaltung der Dinge hat Aachen auch veranlaßt, ber Stabt selbst ein neues Gepräge zu geben, Schmuckanlagen zu schaffen, ben Straßenbahnverkehr zu vervollkommnen unb für Zerstreuungen zu sorgen.
Ich bin zum Schluß in bie originellste Gaststätte gegangen, einen Anbau bes Rathauses, feiner Form wegen ber „Postwagen" ge- nannt und habe mit Original-Aachener Stammgästen, bie „auch" ihren Oberbürgermeister kritisierten, bie Eifel priesen und ihre Heimat feierten (mit vollem Recht, abgesehen vom Ersteren) eine wundervolle Abendstunde verlebt.
Und dennoch ...!
Aachen, ber alten Kaiserpracht entkleidet, von der nur bie Räume blieben, in benen bie beutschen Könige unb Kaiser gekrönt wurden, auf stch selbst gestellt unb bie Schätze, bie fein Boben spenbet, das gelitten hat und leidet, gab für seine Bevölkerung eine Losung aus, bie es schon zu allen Zeiten in Bedrängnis hatte, bad trotzige „Unb dennoch...!" Für das Reich aber gibt es nur eine Losung für Aachen und alle anderen Bäder des besetzten Gebietes: „Vergeßt den treuen Grenzschutz nicht!"
Rudolf Heynemann.
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psul Wsrnckk Bö yshrr.
Am morgigen Donnerstag wird ber Schriftsteller Paul Warncke 60 Jahre alt. Paul Warncke ist bekannt burch seine plattdeutsche Reuterbiographie und durch zahlreiche plattdeutsche und nationale Gedichte.
ungefähr sieben Millionen Hansa gestellte brauchen würde. Bei einem Mindestgehalt von nur 15 Rubel im Monat wäre im Jahr mehr als eine Milliarde Rubel erforderlich um die Privathaushalte in den Städten überhaupt aufrecht zu erhalten Daher müsse an der Ehe fest- gehalten werden, da diese Summen nicht auszubringen wären.
Wichtige Kleinigkeiten.
Was alles über das Taschentuch zu sagen ist.
Es ist ein vielseitig Ding, das Taschentuch: bient dem Gebrauch, dem Luxus, der Eitelkeit und der Koketterie, erscheint daher in vielfach wechselnder Gestalt, und es ist wert, genauerer Betrachtung unterzogen zu werden, wenngleich jene Epoche gefühlsseliger Schwärmerei längst überwunden ist, in der das Taschentuch der An- gebetenen zmn Talisman wurde.
Sachlich betrachtet, zerfällt daS Taschentuch in zwei streng voneinander getrennte Gruppen: das ber Dame unb das des Herrn, unb innerhalb dieser beiden ergeben sich bann noch vielfache Abstufungen, bie von Geschmack, Kulturbedürfnis unb Zahlungsfähigkeit des Trägers bestimmt sind. Das elegante Damentaschentuch hat mäßigen Umfang, ist aus feinstem Leinenbatist — seltener aus Seide — hergestellt und weist als einzige Zier zumeist nur den Hohlsaum auf. Man wählt es in Weiß, sieht aberncuerbingS auch sehr hübsche farbige Linontüchelchen, die einen mittels Hohlsaum angesetzten weißen Rand zeigen. Daneben hält sich nach tote vor das Taschentuch mit der schmalen Spitzenkante, bie handgenäht, geklöppelt, gehäkelt ober in irgendeiner anderen Weise verfertigt sein kamt, aber jedenfalls echt sein muß, wenn sie vornehm wirken soll. Auch feine Weißstickerei sieht, sparsam angebracht, sehr gut aus. Von wesentlicher Bedeutung ist auch das Monogramm, dem gegenwärtig viel Sorgfalt zugetoandt wirb und dessen Buchstaben man mit Vorliebe leicht verschlungen nebeneinander stellt, oftmals mit einer zierlichen Umrandung versteht.
Das Taschentuch des Herrn ist groß und toirft in betonter Schlichtheit am elegantesten Auch hier ist feiner, weißer Leinenbatist das bevorzugte Material, das durch gleichfarbig eingetoeb- te dichte Bordürenstreifen eine männliche Rote erhält. Doch auch das bunte Tuch mit weißem Rand u. das weiße Tuch mit farbigen Streifen ist beliebt. Zu Frack unb Smoking wählt ber elegante Herr als letzte Neuheit bas weiße Batisttuch mit schwarz-weiß gesticktem Monogramm Das sieht sehr hübsch ans, muß aber mit Geschmack und so ausgeführt werden, daß die Buchstaben selbst weiß sind und ihre Umrisse ganz setn schwarz nachgezogen, oder aber die Umrahmung in Form eines auf die Spitze gestellten Quadrates ober eines Ovals in Schwarz unb Weiß gestickt wird Das seidene Taschentuch des Herrn ist lediglich dekorativen Zwecken Vorbehalten, und auch hier wird der Mcmn von Geschmack alles Auffällige meiden. e ,
Sonniger Maientag.
Von
Franz Cingia.
Nun reich' mir deine Hand, Daß wir zusammen wandern geljen.
So schön ist rings das Land Und wundersame Lüste wehen.
Es strömt durch Sinn unb Herz GeheimniStiefes, frohes Walten.
O komm', laß' deinen Schmerz Unb folge sonnigen Gestalten.
Ins weite Himmelsblau
Laß' uns bie hellen Blicke senken, Durch Wald unb grüne Au Die leichtbeschwingten Schritte lenken.
Nun reich' mir belne Hand, — Es hat ein wundersames Hoffen, Vom Himmel selbst gesandt. Mich wunderbar und tief betroffen.
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