Kasseler Neueste Nachrichten
Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
Sonntag, 2. Mai 1926
Nummer 102. Amtliches Organ der Stadt Kassel
Amtliches Organ der Stadt Kassel 16. Jahrgang
Die Reichstagswogen gehen hoch.
Graf Bernftorff als Abrüstungsapoflel für Senf.
Mr werden frei!
Aber nur von schmachvollen Luftsesseln.
Nach fast halbjährigem Ringen scheint man sich in Paris nun endlich zu einem Luflabkom- tnen bequ.mt zu haben. Die außerordentlich lange Dauer der Verhandlungen erklärt sich daraus, daß es sich um technisch recht komplizierte Fragen handelte und daß auf jeden Fall verhindert werden mußte, daß etwa die jetzigen .Begriffsbestimmungen-, die unsere Luftfahrt schwer hemmen, in irgendeiner Form in das neue Abkommen aufgenommen würden. Die Befreiung der deutschen Luftfahrt von den Fesseln, die chr durch die Entente auserlegt sind, hat bekanntlich auch in Locarno den Gegenstand, von Erörterungen gebildet, sodaß man, wenn man so will, das jetzt bevostehende Abkommen als eine allerdings recht spät eintretenbe „Rückwirkung- bezeichnen kann. Es ist ja bekannt, daß im schroffen Gegensatz zu dem klaren Wortlaut des Versailler Vertrages, der durch den Artikel 198 nur bestimmt, daß „Deutschland Luststreitkräfte weder zu Lande noch zu Wasser halten darf-, auch der deutschen Zivilluftfahrt schwere Beschränkungen auferlegt wurden und zwar durch das Londoner Ultimatum vom Mai 1921, dessen Lustfahrtklausel jedoch erst ein ganzes Jahr später verhängt wurde. Bedeuteten schon die Begriffsbestimmungen an sich einen Vertragsbruch, so wurden doch nicht einmal diese Bestimnnm- gen von den Alliierten Ungehalten. Ausdrücklich wurde nämlich in den Bestimmungen festgelegt, daß die „Neun Regeln- alle zwei Jahre den etwaigen Fortschritten des Flugwesens angepaßt werden sollten. Demzufolge erinnerte Anfangs 1924 die deutsche Regierung die Botschafterkonferenz daran, daß die zweijährige Frist ablaufe. Aber erst nach mehr als einem Jahr wurde die deutsche Note durch die Botschasterkonseren, beantwortet.
Diese Antwort stellte jedoch keineswegs die Anpassung der Begriffsbestimmungen an den gewaltigen Fortschritt der Flugzeugbautechnik dar, sondern sie war vielmehr eine Verschärfung dieser Bestimmungen, die nur durch zwei ganz unbedeutende Zugeständnisse gemildert wurden. Dahingegen wurden Tinge die bisher keinerlei Beschränkungen unterlagen, wie zum Beispiel der Motorenbau einer Kontrolle unterworfen, die Menge des Luftsahrtmaterials und Luftsahrtpersonals wurde In das Ermessen des Luftfahrt-Garantie-Komitees gestellt. Da damals schon Verhandlungen im Gange waren, die schließlich nach Locarno führten, unterblieb eine Stellungnahme der Reichsregierung, die ganze Frage wurde vielmehr in Locarno mit erörtert und diese Besprechungen führten dann zur Aufnahme der Lustsahrtverhand- lungen in Paris. Zu solchen Verhandlungen fand sich die Gegenseite zweifellos um so eher bereit, als die Deutschland ausgezwungenen Be- grifsbestimmungen sich in der Praxis gegen ihre Urheber kchrten. Diese Bestimmungen zwangen nämlich Deutschland, auch jedem ausländischen Flugzeug das Uebersliegen deutschen Gebieteszuverbieten, das nicht den Bestimmungen entsprach. Da man aber im Auslande natürlich leistungsfähigere Flugzeuge baute, mußten diese jedesmal einen großen Bogen um die deutschen Grenzen machen. Frankreich wie auch die Tschechoflowakei hat sich an dieses Verbot nicht imm^r gekehrt, Flugzeuge, die bei solchen Flügen in Deutschland not» landen mußten verfielen dann aber der Beschlagnahme und so sollen nach französischer Darstellung im Laufe oer Zeit nicht weniger als zwölf Flngzruge von Deutschland einbe- halten worden sc>n.
Für Deutschland war die Parole für die Verbandlungen mithin klar. Diese unerträgliche Luftstrangulierung mutzte fallen unv damit zugleich die „Ordonnanz-, welche deutschen Flugzeugen das Uebersliegen des besetzten Gebietes untersagte. Es mußte ferner erstrebt Werden, die Zurückziehung des Luftfahrtgarantiekomitees, die Beseitigung der Beschränkung deS Lustverkehrs in der neutralen Zone und schließlich die Beseitigung des Verbotes, den polnischen Korridor zu überfliegen. Wie weit im einzelnen diese Ziele in Paris erreicht worden sind, läßt sich im Augenblick nicht ohne weiteres erkennen Versichert wird daß die Gegenseite sich daraus beschränkt habe, daß in dem Abkommen noch einmal wiederholt wird. daß. wie der Versailler Vertrag vorsieht keine Flugzeuge gebaut werden dürfen, die nur Kriegszwecken dienen, worüber hinaus von Deutschland noch zugesichert worden fein soll, daß die Reichs
wehr selbständig keine Flieger ausbtldct. Das endgültige Urteil wird man zurückst:llen müssen, bis das Abkommen veröffentlicht wird. Jedenfalls wird jetzt aber der deutsche Lnstver- kehr ganz andere Ausmaße annehmen wie bisher und dem eleganten Salonpariser wird das donnernde Surren deutscher Luschremsen bald wieder wie noch 1918 in den Ohren klingen.
Llvö Oie Fürsten?
Die Kommunisten ziehen vom Leder.
(Eigene Drahtmeldung.)
Berlin, 30. April.
Bei der Reichstagsdebatte über das Für- 'ienabfindungsgesetz fragt Abg. Dr. Rosenberger (Komm.), wo denn die Regierung tu dieser wichtigen Frage bleibe. Bei dem Volksbegehren handele es sich eigentlich garntcht um eine Enteignung, sondern den Fürsten solle das Volkseigentum wieder abgenommen werden, das sie sich durch Rechtskniffe nach der Revolu- tion erkämpft haben. Es gehen jetzt Gerüchte um, der Reichspräsident wolle einem Enteignungsgesetz die Unterschrift verweigern Dazu tönen wir erklären: Wenn Herr von Hindenburg versuchen sollte Mac M ahons Politik zu treiben, so werde er das Schicksal Mac Mahons teilen. — Ganz trugensck ei die Hoffnung der Herren von der Rechten auf einen K o m mu n i ste n p ut s ch, der ihnen Luit schaffen solle. Wir werden ihnen ein solches Glück nickt verschaffen, sondern weiter in einer Einheitsstonte mit den werktätigen Mas- eit des Volkes kämpftn für das Volk gegen die Fürsten-Parastten.
* * *
Republik oder Monarchie.
Eine völkische Attacke gegen die Juden.
Abg. Käbe (Völk.) verlangt die Ueberwei fung des völkischen Enteignungsantrages für die Börsenfürsten an den Recktsausschuß. Es ist kein Zweifel, daß die sozialdemokratischen Wortführer für die Fürstenenteignung im Aus- 'chuß Rosenfeld und Laiidsberg heiße» und daß die alljüdische Presse ihren Kampf unterstütze. (Heiterkeit rechts.) Früher sagten die Ingen --nders: 1913 schrieb die Zeitung „Jüdische Presse- zum 25. Regierungsjubiläum Wilhelms des Zweiten: „Dem Kaiser jauchzen heute die Kinder Israels zu- Die sozialdemokratisch>n Inhaber fetter Posten hätten schon längst den Kamps für das Proletariat aufgegeben, wenn sie nicht von den Kommunisten dauernd aufgeputscht würden. Eine gute Republik ist uns lieber wie eine schlechte Monarchie. Die gute Republik sind Sie uns aber bisher schuldig geblieben. (Beifall bei den Völkischen, Lachen und Heilrufe bei den Sozialdemokraten.)
Rupprecht« Friedensprogramm von 1917
Abg. 8 oibl (Bayr. Volkspartei) gibt den Inhalt eines Briefes, den der bayerische Kronprinz Rupprecht an den damaligen Ministerpräsidenten Hertling am 19. Juli 1917 aus dem Großen Hauptguartier gerichtet bat wie folgt an: Es sei deshalb von grundsätzlicher Wichtigkeit bis zum Herbst zu einem Frieden mit Rußland zu gelangen unter Verzicht auf irgendwelche Annektionen iHört, hört. Links) und Entschädigungen. Irgendwelche etwa bei der Obersten Heeresleitung bestehende Einwendungen für eine An. gliederung Kurlands, die unsere militärische Position für die Zukunft verschlechtern würde, ist deshalb entschieden zu bekämpfen. Das ist auch die Meinung des den t. scheu Kronprinzen (Hört, hört, Links). Abg. Müller (Soz.): Beide Kronprinzen wollten also einen Sck^idemanu-Frieden. (!)
3n der Schmiede der varteivertre'er.
Der demokratische und der Zentrumsantrag sowie der eigentliche Enteignungsantrag wurden alsdann mit 200 gegen 143 Stimmen dem Rechtsausschutz überwiesen. Dagegen stimmten die Deutschnationalen, die Deutsche Volkspartei, die Völkischen und dir Kommunisten
Umsonst aufgeregt.
Sie finden kein Haar im RuflensuPPchen.
(Eigene Drahtmeldung.)
London, 30. April
Die englischen Juristen gaben daS Gutachten ab. datz ver deutsch-russische Vertrag sowohl an sich wie auch der beigefügte Schriftwechsel mit dem Locarnovertrag und dem Völker bundsstatut nicht in Widerspruch steht.
Ein diplomatischer Korrespondent sagt, die Entscheidung der Juristen werde die Stellung der englischen Regierung gegenüber denjenigen, die den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund stören wollen, beträchtlich stärken, was Chamberlain willkommen sein werde, da er unter allen Umstäudcu auf der Durchführung seiner Locarno-Politik bestehen werde.
Go mutzte es kommen.
Paris, 30. April. (Eigener Drahtbericht.) der rad! aie Abg. Milhaud bat eine Interpellation über die Tragweite und die Folgen des deutsch-russischen Vertrages eingereicht.
Bravo, Herr Graf!
BernstorsfS Rüstzeug für Genf.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 30. April.
Laut Pressenotiz ist der ehemalige deutsche Botschafter in Washington, Graf Bernstorfs, zum deutschen Delegierten bei der vorbereiten- ude Abrüstungskonferenz bestimmt worden. Graf iScrnftorff wird sich voraus' rwi 1 Wir nach Genf begeben. Ter demokratische Abgeord- nete erNürte heute über seine Mission, die Konferenz müsse der schweren wirtschaftlichen B e» lastung Rechnung tragen, die weitere Rüstungen für die Weltwirtschaft bedeuten würden. Nach neuesten Berechnungen werde der LebenSstandart in Europa durch die bisherigen Rüstungen
um etwa 10 Prozent herabgedrückt.
Die kommende Konferenz müsse die Welt von übermäßigen Rüstungslasten befreien. Nicht zuletzt aber habe Deutschland ein Recht, die A ü - r ü st u n g der anderen Mächte zu fordern, denn der Versailler Vertrag sah ausdrücklich vor, datz die deutsche Abrüstung nur die Einleitung einer Rüstungseinschränkung aller Ratio- neu sein solle. Ebenso lege Artikel 18 der Völ- kerbundssatzungen allen Mitgliedern die bindende Verpflichtung zur Abrüstung auf.
Immer langsam voran.
Will man so die Weltwirtschaft befruchten? (Eigener Drahtbericht.)
Genf, 30. April.
Der BorbercitungSausschntz für die internationale Wirtschastskonferenz wird in einer Schlußsitzung am Sonnabend sein Ar bett s- programm bekannt geben. Der ursprüngliche Plan, den Ausschuß noch diesen Sommer zusammeitzuberufen. wurde fallen gelassen. Die nächste Tagung ist für Oktober vorgesehen. Tie Finanzfragen sollen dem Völkerbundssekre- tariat das BcvLlkerungsproblem dem internationalen Arbeitsamt und die Agrarfragen dem Ackerbaulnstitut in Rom überwiesen werden. Bezüglich der industriellen Produktion sind besondere Untersuchungen in den einzelnen Lär, der» vereinbart worden. Der Unterausschuß über Handel und Märkte wird das dokumentarische Material vom Völkerbundssekretariat zusammenstellen und bearbeiten lassen.
Mgilmwalle m Varis?
Gewerkschaften gegen Regierung.
(Eigene Drahtmeldung.)
Genf, 30. April.
Rach Meldungen aus Paris fordern die Gewerkschaften auf, entgegen dem behördlichen Verbot, am 1. Mai große Umzüge zu veranstalten. Die Stzudikalisten wellen ihre Umzüge direkt in die innere Stadt trag n. Paris steht in Erwartung von Zusammenstößen falls die Regierung das angeküudigte scharfe Vorgehen durchsetzt. Vertreter der Sozialisten und Kommunisten waren Donnerstag beim Ministerpräsidenten, um ihn zur Zurückziehung des Versammlungsverbotes zu bewegen.
StaHener gegen Araber.
Mugolinis erster TripoliSsieg.
(Eigener Drahtbericht.)
Rom. 30. Avril.
Infolge des letzten Angriffes gegen Dor Omar Elmuetar versuchten verschiedene Gruppen von Aufständischen südwärts gegen die Grenze an der Syrte zu ziehen. Sie wurden jedoch auf dem Marsch von italienischen Kolonialtruppen angegriffen und zerstreut Es wurden zweihundert Kamele. Waffen und Ausrüstungsgegenstände et beutet. Die Verluste der Aufständischen betragen fünfzehn Tote und dreißig Verwundete.
Nirgends ein Obdach
In Paris noch schlimmer als bei unS.
(Von unfernt Pariser Korrespondenten.)
Die irtamoien sieben nicht in be« Ruf eines Volkes, fi-s sich schnell ans neue Dinge nmzn- si-llen versiebt ««fi mit verrottete» Znftanben aufränmt. Diele Cüaraktereigenichaften lassen bas Festhalte« am alten Schlendrian erklärlich erscheinen, fier sich ans so viele« Gebiete« b«s össcntliche« Lebens bemerkbar macht. Am kras» Iksicu leim sich bas kreil'ch ans dem Gebiet der Wotmungssrage, fiere« Answitchse ««ltt MU- arbeiter in Folg««bem schonungslos auf deckt.
Paris, Ende April.
Die Anstrengungen, die das Ausland unternommen hat, um neue Wohnungen mit Licht und Lust zu schassen, sind offenbar von den Verantwortlichen in Frankreich kaum beachtet worden, sonst würde man nicht mit einer derartigen Verblendung die unzweckmäßigsten und sogar schädlichsten Maßnahmen ergreifen. Paris ist zu einem Museum geworden das beinahe acht Jahre nach Kriegsende, getreulich den Zustand der Wohnungsnot konserviert, wie er in jenen Jahren fast überall anzutreffen war. Nicht nur, daß
Zehntausende ohne Obdach
herumlaufen, zum Teil kinderreiche Familien, nicht nur, daß der W o hnu ng swucher in Reinkultur blüht; es werden auch jetzt noch trotz allen Erfahrungen der letzten Zeit genau dieselben verkehrten Maßnahmen ergriffen, die man anfangs in manchen Ländern angewandt hat, und die allmählich überall als die schwersten Hemmungen erkannt worden sind. Die Mieten stehen in Frankreich in einem schreienden Mißverhältnis zu den übrigen Kosten der Lebenshaltung. Während alleS andere um das Fünffache des Friedenspreises gestiegen ist, sind die Mieten jetzt eben erst auf das Doppelte festgesetzt worden; nachdem sie bislang noch fast den gleichen Betrag in Papierfranken ausmachten, den man früher in Goldfranken zu zahlen hatte. Ein verkehrt verstandener „Mieterschutz- sorgt weiter dafür, daß keine Wohnungen leer werden, und wer einmal ohne Wohnung ist, kann sich vergeblich um ein Obdach bemühen. Dabei wird ganz fleißig gebaut; aber gerade die Neubauten tragen zur Verschlimmerung des Wohnungselendes bei. Sie erheben sich meistens an Stellen, an denen vordem Gebäude mit zahlreichen kleinen Wohnungen standen, deren Insassen behördlich irgendwo notdürftig, zum Teil in Baracken, untergebracht worden sind. Die Neubauten aber sind viel zu kost spieli g, als daß sie für die breiten Schichten in Frage kommen könnten. Sie werden lediglich mit großen Etagen errichtet, bereit
Mieten irrsinnig hoch
sind und weit über der Goldmiete stehen, die in übrigen Ländern üblich ist. Aber selbst zu diesen übertriebenen Preisen ist in neuerrichteten Gebäuden kaum eine Wohnung zu haben, denn es besteht die Sitte, oder vielmehr Unsitte, die Etagen für eine längere Zeit von Jahren zu verkaufen. Dabei handelt es sich ost um Summen von sechshundert- bis siebenhunderttau- scnd Franken, für die man einige Kilometer im Umkreis von Paris bereits ein Schloß mit Park erstehen kann. Vielfach sind die Etagen schon längst verkauft, bevor das Gebäude fertig- gestellt ist, und die findigen Unternehmer bauen meistens mit dem Geld ihrer zukünftigen Mieter. Auf diese Weise sind schon Wohnungen vermietet worden, die niemals im Bereich der Wirklichkeit anzutreffen waren, und die um ihre Franken erleichterten Wohnungssuchenden suchen noch heute. Die Stadt Paris glaubt dem Elend abhelfen zu müssen, indem sie an den Toren des Weichbildes einige große et- bäu f er errichtete, die einigen hundert Familien Platz bieten, und deren Mieten angeblich recht mäßig sind. Für französische Begriffe sind jedoch die Mietpreise, im Vergleich zu den bisher gezahlten, fo beträchtlich, daß eine ganze Reihe dieser Wohnungen, die für den Mittelstand gedacht waren, noch heute angeboten werden. Im übrigen wird nichts getan, um die Umwandlung von Wohnhäusern für Geschäftszwecke oder zu Vergnügungsstätten zu verbieten, und ebenso wird die Benutzung von Vrivathäufern zu Hotels nur oberflächlich kontrolliert. Daher ist Paris mit Hotels überschwemmt, sofern man diese Bezeichnung für den großen Teil dieser recht bescheidenen Unterkunttsbäuser anwenden will, in denen die „sans logis-
wie die Sardinen zusammengepfercht
leben. Das grauenvollste Kapitel des Pariser Wohnungselends sind indessen die Baracken,