Ih. M. — M. Jahrgang.
Kasseler Rerrrssk Rachrichte«
1 B6ri 1906.
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Aus Lrm LvseuksoaUrr-Mtm: hugurttr Suflos als Marschallm
Nund um den Erdball.
Der eine macht's, der andre belacht's.
Eine wirkliche Prinzessin lernte in einem kranzösischen Seebad, das als besonders exklusiv bekannt ist, zwei entzückende junge Leute kennen, die nicht nur ganz ausgezeichnet ranzten, sondern die sich auch als Söbne reicher Großindustrieller aus Prag entpuppten, was einer Prinzessin aus verarmtem Hause unter Umständen nicht unlieb sein kann. Dieser Prinzessin war es nun nicht unlieb und sie tanzte
Die häusliche Amerikanerin.
Die Küche kommt wieder zu Ehren.
Die Amerikanerin ist von einem neuen Sport gepackt worden. Mag sie nun Studentin sein oder Geschästsdame, mit einem Berus oder ohne — sie interessiert sich plötzlich brennend für
alle Dinge des Haushaltes, nimmt Unterricht im Kochen und in der Wirtschassführung. In dem elegantesten Viertel Newyorks sind zahlreiche Haushaltungsschulen entstanden, wo die Töchter der Millionäre ihre Nachmittage damit verbringen, einen Eierkuchen zu machen oder eine gute Sauce anzurühren. Man schreibt die Entstehung der neuen Mode dem Vorbild einer der bekanntesten Erbinnen der Neuen Welt zu: Als Abbie Rockeseller vor einiger Zeit den Mann-ihrer Wahl heiratete, da bestand sie darauf, mit ihm in einer ganz gewöhnlichen Mietswohnung zu Hausen, und erklärte, daß sie juf) alles allein mache." Ob dieses Beispiel einer berühmten Dollarprinzessin so anfeuernd gewirkt hat oder ob der Mangel au guten Dienstboten und der Wunsch der Frauen, auch auf diesem Gebiet ihre Selbständigkeit zu zeigen, dazu führte — jedenfalls mutz eine Dame in der Reuen Welt, die „auf der Höhe" sein will, mit allen so lange gering geschätzten häuslichen Arbeiten vertraut fein und nicht nur sachverständig über diese Tinge sprechen, sondern sie auch praktisch ausüben können. Die Haushaltungsinstitute machen glänzende Geschäfte. Da gibt es z. B. eine „Hochschule für Bräute", in der junge Damen der Gesellsaft, die heiraten wollen oder kürzlich in die Ehe getreten sind, alle die Kenntnisse sammeln, die zum Glück ihres jungen Bundes nötig sind. Außerdem gibt's auch Lehrerinnen, die ins Haus kommen und dort Unterricht erteilen. Eine solche „Hauslehrerin" kommt täglich einige Stunden zu der jungvermähltcn Frau, bringt mit ihr zusammen die Wirtschaft in Ordnung, zeigt ihr alle Handgriffe, unterweist sie darin, wie sie sich
die Arbeit möglichst angenehm unli zeitpaffend gestalten kann.
Der Unterricht in den Schulen wind sowohl teoretisch wie praktisch erteilt. Die jungen Damen werden mit all den zahlreichen Einrichtun- gen und Apparaten bekannt gemacht, die die Hausarbeit in einer modernen Wohnung so sehr erleichtern; sie werden durch „nationalökonomische Studien" dazu angeleitet, recht sparsam zu wirtschaften; sie müssen unter Aufsicht Einkäufe machen usw. Unterrichtskurse finden auch am späten Abend statt, damit Frauen, die den Tag über beruflich tätig sind, sich in ihrer Freizeit mit diesen wichtigen Dingen beschäftigen können. Die Amerikanerin tut dadurch, daß sie „häuslich" wird, einen wichtigen Schritt zur wahren Selbständigkeit, denn sie macht sich auf diese Weise unabhängig von der Tienstbo- tensrage, die in der neuen Welt ein unlösbares Problem ist, Von dem kostspieligen Leben in Hotels und Pensionen und von dem ebenso teuren wie schlechten Essen in den Restaurants.
Man lernt nie ans.
Die ältesten Steinzeitmenschen Verstanden noch nicht, sich ein künstliches Obdach herzustellen. Sie waren Höhlenbewohner, und ans zahlreichen Höhlen hat man wertvolle, urO- schlchtliche Fundstücke ans Licht gezogen. Dies« Funde enthielten unter anderem Reste von Höhlenbären, von der Höhlenhhäne, vom H'öh- lenpanther, vom Mammut, Urochsen, Nashorn usw. und gaben Kunde von den Tieren, die-Vie Zeitgenoffen des Altsteinmenschen waren.
Es gibt Palmstämme, aber kein Palmholz. — Katzen mit schwarz, gelb und weiß gestreiftem Fell sind immer Weibchen. — Napoleon der Erste litt unter der Zwangsvorstellung, an allen Gebäuden die Fenster zählen zu müssen. — Die Kiefer allein nimmt nicht weniger als zwei Drittel der gesamten Waldfläche des Deutschen Reiches ein. — iDe Wedda, die in den östlichen Urwäldern der Insel Ceylon wohnen, leben auf einer fehr niedrigen Stufe der Gesittung. Ganz wie die Affen leben sie auf Bäumen und besitzen Holzgeräte und Holzwaffen. Die Benutzung von Stein und Metall ist ihnen unbekannt. — Der berühmte Gelehrte Euler soll die homerischen Gesänge binnen zweiund zwanzig Tagen auswendig gelernt haben. — Mn schöner Vogel, der „Bienenwolf", füHt sich ungestraft den Kropf mit lebenden Wespen.
Chicago hat seinen Namen von Checagua, der wilden Zwiebel, welche vor Jahrhunderten in der Umgebung dieser Stadt wuchs.
daher sehr ost mtt den beiden. Eine- Tageware« die jungen Leut« verschwunden, schickten dafür aber einen wenig freundlichen Brief, in dem sie sofortige Auszählung von 50 000 Franken verlangten, andernfalls sie die intimen Beziehungen der Prinzessin zu ihnen publik machen würden. Da- war nun zum Lachen, denn ine Prinzessin wäre selbst stoh gewesen, wenn sie 50 000 Franken gehabt hätte. Sie übergab daher die Sache der Polizei, die zwei Verhaftungen vornahm. Dabei stellte sich heraus, daß die beiden Äno6en Willi Nigrin und Znekdek Kuhn hieben und außer zwei aus die Namen persischer Prinzen lautenden Pässen nur noch 20 Centimes ihr Eigen nannten. Bei dem Stand des Franken nicht sehr viel. Warum haben sie sich aber als Söhne reicher Eltern und nicht als persische Prinzen ausgegeben? Auf ihre Pässe hin hätte ihnen sicher mancher Dumme 50000 Franken geliehen.
Mit der Heiraterei ist das so eine Sache. Man muß sich furchtbar in acht nehmen. Beson- derS wenn man eine Zweite heiratet. Da mutz man nämlich dafür sorgen, daß man vorher von der ersten geschieden ist. DaS hatte ein Mann in England dreimal vergessen und deshalb muß er jetzt für vier Jahre ins Gefängnis Er hat's aber auch toll getrieben! wie kann mhn in sechs Jahren viermal heiraten! DaS ist an sich schon Strafe wett. Er aber ließ jedesmal die eine Frau sitzen und zog mit der nächsten zmn Standesamt, ohne sich um die verflossene weiter zu kümmern. Vor Gericht behauptete er zwar, er habe das Scheiden vergessen, vtel- mchr nicht das Scheiden, sondern das Schei- denlaffen. Bei den ersten drei Frauen ging die Sache auch gut, sie kümmetten sich nicht um den Manch der sie verlassen hatte, und suchten sich einen anderen. Die vierte aber hing sich wie eine Klette an ihn und, als er ihr entkommen wollte, machte sie ihm eine Szene, daß Leute und Polizei herbeiliefen und beide gewaltsam trennen mußten Allerdings nur bi» zur Verhandlung gegen ihn wegen vierfacher Bi- gamie. Ta traten sie alle in Erscheinung und zeugten wider ihn. Ein Glück, daß sich die erste nun wirklich von ihm scheiden läßt, denn wenn er nach 4 Jahren aus dem Gefängnis kommt, kann er seinen Heiratsdrang wieder von neuem betätigen. Vielleicht ist er dann etwas vorsichtiger und läßt sich etwas früher scheiden.
England ist von einer furchtbaren Gefahr befreit worden. Die Regierung wollte sämtliche Reden im Unterhaus durch Radio verbreiten lassen. Auch da» noch, stöhnten die Engländer, die stoh sind, wenn sie das Gerede nur zu lesen brauchen. Aber die Mitglieder des Unterhauses waren weise genug, der Regierung abschlägigen Bescheid zu geben. Sie ahnten, daß es nicht gut sein werde, wenn das Volk ihre Reden ohne Korrektur imb mit allen Fehlern und Redestockungen zu hören bekäme, und so hat die Regierung wieder abgeblnsen. Gott behüte, daß unser« Regierung mal auf solche Idee kommen könnte, denn die deutschen Parlamentarier sind wohl kaum so einsichtsvoll zu glauben, daß man stoh ist, wenn man ihre Reden nicht zu hören braucht, .y- v ■.
Der Rosenkavalier.
Die verfilmte Stnmß.Oper im PaüP-Theater.
Unsere Leser erinnern sich unseres Berichts über die Uraufführung de» Rosenkavalier-Films im Dresdner Opernhaus. Richard Strauß selbst dirigierte das Orchester. Es war ein Ereignis: eine Anerkennung des Films in Kreisen, für di« das Wort Kino noch immer einen minderen Klang hat.
Run können wir in Kassel selbst urteilen tote die Umformung der Sttautzschen Oper zum Film unter fast vollständiger Beibehaltung der Originalmussk gelang. Bei der Kritik des Filmes muß zunächst einmal das Technische besprochen werden, weil gerade in .der Verbindung einer Film-Oper-Pattttur und dem abzerollten Filmstreifen ein schwer zu lösendes technisches Problem liegt. In Dresden war man der Ansicht, daß die Straußsche Musik immer noch wertvoller ist als der Filmstreifen und hat pietätvoll die Sttaußsche Musik so erklingen Iaffen, wie sie gesetzt worden ist. Man kann sich vorstellen, daß schon die Aufnahmen für den Film aus den musikalischen Zeitmaßen der Partitur heraus außerordentlich schwierig waren. Aber das dürste jedem ohne wieteres einleuchten, im Rhythmus der Musik die Bilder auszunehmen und zu spielen ist unmöglich, aber umgekehrt kann man die Musik dem Film entsprechend komponieren, bezw. streichen. DaS hat man natürlich auch in der Bearbeitung für das Filmtheater getan. Zusammen mit den für die RTeil stark veränderte Filmhandlung von
rd Strauß neu geschriebenen Stellen ergab sich eine fast völlige Uebereinstimmung der Musik mit dem Film, ergab sich der Eindruck einer ganz neuen Komposition.
Und nun zu dem Film selbst, den Robert Miene schuf, einer der ganz großen deutschen Filmregisseure, der sich um die künstlerische Belebung des Films hochverdient gemacht hat Das Textbuch des .Rosenkavaliers" ist von Hoffmannsthal für den Film stark verändert worden. Das Hauptmotch des Buches, die Tragödie der alternden Frau tritt durch die Ereignisse des Filmbuches stark in den Hintergrund, besonders da der Schluß wegen des glücklichen Endes verändert worden ist. Die schauspielerischen Leistungen der Darsteller sind hervorragend. Besonders verdient Michael Bohnen als Ochs v. Lerchenau hervorgehoben zu werden. Schon früher hat er gezeigt, daß er einer von den wenigen Sängern ist, die über eine fabelhafte Mimik und Darstellungskunst verfügen. Der Marschall, der nichts wie im Opernbuch, hinter der Szene bleibt, sondern neben Ochs v. Lerchenau die führende Rolle spielt, wurde von Paul Hartmann ausgezeichnet gespielt. Die Marschallin ist Hnguette Duf- los, etwas süßlich, aber reich in der Entfaltung weiblicher Reize. Ebenfalls von einem Franzosen, dem schlanken, tänzerischen Jaques Ca- tolein — also nicht wie in der Oper von einer Frau dargestellt — wird der „Rosenkavalier" gespielt. In größeren Rollen sind noch beschäftigt Elly Folicis Borger als Sophie, Karl Forrest als Fanninal.
Wien« hat mit Alfred Roller für den Film Bilder von so vollendeter Schönheit von so unfehlbarem Stilinstinkt in der Darstellung der Rokokokultur geschaffen, wie wir sie vordem noch nicht gesehen haben. Die verliebte Atmosphäre der maria-theresianischen Zeit weht durch diese einzigartige Geschichte einer späten Liebe. Und die ganze unruhige Fülle der Rokokzeit erleben wir: Maskenfeste und heimliche Liebesszenen, lärmendes Soldatenleben und friedliches Menschengewoge in den Straßen Wiens, Theaterspiel einer fahrenden Truppe und Morgenempfang bei einer großen Dame.
Ein Problem der hiesigen Aufführung ist nicht der Publikumsersolg — der dürfte und muß gewiß fein — fondern die Wiedergabe der Musik. Da es sich aber um eine filmische, nicht eine musikalische Darbietung handelt, verlangen wir nicht das Mustkniveau eines Theaters sondern eines Kinos. Und wir müssen anerkennen, daß das verstärkte Orchester des Palasttheaters die Ansprüche eines Kinopublikums erfüllt. Es erreichte, daß wir durch die einzigartioe Musik auch ein ganz neuartiges optisches Erlebnis batten. So weist der Rosenkavalier nach zwei Seiten in filmisches Neuland. V.
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