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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 96 Amtliches Organ der Stadt Kassel

Sonntag, 25. April 1926

Amtliches Organ der Stadt Kassel 16. Iahrqang

Der Weg nach dem Osten frei.

Unser Freundschastövertrag mit Moskau wird am Montag unterzeichnet.

Welkende Blüten.

In den Nachtfrösten der Politik.

Kaum, daß die jungen Pflanzungen deut­schen Wiederaufbau- und Versöhnungsgeistes drinnen und draußen im ersten bräutlichen Frühlingsblütenschimmer standen, haben auch schon die giftigen Nebel der Mißgunst Ut Entfremdung, des bösen Gewiflens, die lähmen­den Nachtfröste innerer Zersetzung und Krisen« macherei den lichten Märchentraum erblassen lasten. Da Hai sich der stark nervöse und abge­takelte Themsesährmann Chamberlain nicht nur an den deutsch-russischen Aprilschauern einen bösartigen Lenzschnuvser geholt, sondern seine verdrießt.che, versalzene Locarnokaterlaune auch an dem ungebärdigen, unbeständigen Ber­liner Vetter ausgelassen, der mit der Moskauer Schönen außer der Reihe zu tanzen wagt. Wie kann man den störrischen deutschen Renner nach dem zweiten Ausbruch (wo der Genfer Schreck noch allen in den Gliedern steckt) wieder in die Völkerbundskarre einspannen? Sehr ein­fach, man zieht ihm tzje Entwafsnungspeitsche über, ruckt die Versailler Kandarre ein wenig schärfer an, hält ihm die Genfer Heubündel unter die Nase. . . . Fast ist das letzte Locarno­todesurteil Chamberlains im Unterhaus zu ernst, als daß man mit ihm seinen Spott trei­ben könnte: Die tausendfach bewiesene Wahr­heit von Deutschlands völliger Entwaffnung läßt er nicht fl-Iten, um . . . das Rheinpfand, die Kontrollgeißel, den Völkcrbundköder, das Versailler Henkerbeil in der Faust zu behalten

Aber ob auch? es-t-l laovokat Denesch verzweifelt mit seinem Gntmündigungsfragcho gen fuchtelt, ob die Ententeprefle die öffentliche Meinung gegen uns auszuputfchen sucht: Hier werden Luiher-Stresemann sich nicht nur jeden Eingriff in die Souveränitätsrechte, wie sie jedem Negervolk zustehen, aufs schärfste verbitten müssen. Die verantwortlichen Hüter des Staatswohls werden vielmehr dem wort­brüchigen englischen Pharisäer und der ganzen Völkerbundsklique von sich aus sehr energisch das doppelte Spiel ihrer Lügenpalittk Vorhalten und auf der Einlösung der Friedens­paragraphen bestehen müssen, die eine frühe- re Räumung b?8 Rheinlandes verheißen, sobald Deutschland den Nachweis der Entwaff­nung gebracht bat. Daß wir nicht gesonnen flnd. uns am Narrenseil der Weltgeschichte in die goldenen Käfige der Ausbeuter zerren zu lassen, haben sie stirnrunzelnd erfahren; denn nach den letzten Morgendepeschen wird vielleicht noch heute in Berlin der letzte Punkt unter dem rduflisch-deutschen Neutralitätsvertrag, folgen Daß wir mit der Rückendeckung im Osten nur dem Versailler Raubtiergebiß Zahn um Zahn ausbrechen, ohne von >hm verfchlunim zu we.- den. das ist die Herkulesaufgabe dieser oder . . jeder kommenden Regierung.

Womit wir denn schon mitten tot heißen ParlamentSgewühl deS Tages stehen. Noch ha­ben sich weder nach außen noch innen die Eisen­klammern um unsere wundgeriebenen Handge­lenke gelockert. Noch zehren achtzigtausend fremde Söldner am deutschen Lebensmark und alle Locarnoschlösser liegen ... im Monde Noch liegen Millionen Arbeiterhände schlaff tm Schoß und der Preisabbau schlummert dem jüngsten Tag entaea-n, trotzdem den Steuern doch schon am 1. April zur Ader gelassen wur­de. Aber schon wispert'S tn allen Pressespalten und Fraktionswinkeln von offener oder heimli­cher Regierungskrise, die uns in dem unseligen Fürstenkonflikt keinen Schritt vor- WSrtS bringen, unser außenpolttijcheS Konto dagegen unheilvoll belasten würde. Um dieses winzigen KompromißlernS willen wollte man daS zermürbte, fiebergeschüttelte Voll in neue Aengste und Wirren stürzen, wollte statt der eisernen Einheitsfront den mitleidlos lauernden Schützen an den Grenzen wieder die nackte Brust zum Fangschuß bieten? Sollte schon in diesem häßlichen Familienzwist die Verständi­gung so schwer sein, wo man die Bruderhand tausendmal der eiskalten Siegerfaust entgegen- streckte? Diese unabsehbaren Schrecknisse schei­nen doch auch die Landes- und Volksvertret r genfügiger zu macken, als man noch gestern ahnte. Und Preußens Ministerpräsident hat hier den Kanzler des Reiches nicht im S ick gelaeflen. Freilich worden die Ges tzgeber keinen Augenblick zögern dürfen, im Fürsten- wie im Aufwertungskonflikt einen gerechten Aus­gleich zu finden: Denn zweifellos geht es nicht an den einen zu gewähren, was man den anderen v-rsagt. Zweifellos war die Beschnei­dung verbriefter Vollsrechte bezüglich d-s Aus- wertungsbegehrens tot gegenwärtigen Zeitpunkt

ein schwerer taktischer Fehler und wird Parla­ment und öfjentliche Meinung noch tiefer aus­wühlen als bisher. Gewiß wird man den ver­bitterten Sparern viel weiter entgegenkommen müssen und Härten mildern, wie es kürzlich der Hiesige Reichseenwettig veilcugte. Aber ebensogut wird man von den einsichtigen Massen des Volkes fordern müssen, daß es die Grundlagen der Währung und Damit sk'mi ei­genen Existenz nicht leichtfertig untergräbt, die man nach Jahren bitterster Röt kaum erst müh­sam geschaffen. F. R.

Alpdruck an orr Themse.

London, 24. April. (Eigener Drahtbericht.) Ein diplomatischer Korrespondent vertritt die Ansicht, daß eine baldige Veröffent­lichung des deutsch-russischen Vertrages zur Beruhigung beitragen könnte. Wie schon bei dem russisch-türkischen Vertrag, beginnen in Eng­land wieder Gerüchte umzugehen, wonach der Bettrag gewisse Klauseln militärischer Art enthalten soll.

Hand in Hand mit Moskau. Vor dem Abschluß des Freundschaftsvertrages. lDurck Funksprnck-

Berlin, 24. April.

Die deutsch-russischen Verhandlungen sind so weit gediehen, daß, wie ein Blatt wissen will, mit der Unterzeichnung des Vertrags wahrscheinlich schon für Montag gerechnet roerve-tkann. Der Inhalt des Abkommens wird im Grunde genommen nichts anderes bringen, als eine Bestätigung des bestehenden Freund­schaftsverhältnisses zwischen beiden Ländern. Die Berüsfenüichung dürfte für Mitt­woch oder Donnerstag zu erwarten sein. Sie wird nicht nur in Berlin und Moskau gleich­zeitig erfolgen, sondern der Weltpresse wird Gelegenheit gegeben werden, das Material zur selben Zeit zu veröffentlichen.

* * *

Sin Keil im Osten.

Auch Litauen an der Seite Rußlands.

(Eigener Drahtbencht.)

London, 24. April.

Ein Warschauer Korrespondent will von zu­verlässiger Seite erfahren haben, daß die Ver­handlungen zwischen Rußland und Litau­en über einen Vertrag nach dem Vorbild des ruffisch-türkischen Vertrages so gut wie obge­schloffen seien. Damit würde sich Litauen end­gültig unter die Aegide Rußlands stellen.

Das leere Portemonnaie.

Keine Staaisgelder für die Sohlenindnstrie.

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 24. April.

Wie Reuter erfährt, betonte Baldwin wäh­rend der Verhandlungen mit den Bergarbeitern und den Grubenbesitzern wiederholl, daß k e i a e Fortsetzung der Kohlensubvention erwartet werden dürfe, und daß eine zeitweise Beihilfe für wirtschaftlich schwächere Bergwerke streng noch begrenzt werden müsse.

Mir mit HMe von rechts.

Die Fürstenabfindung stark beschnllten.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 24. April.

Auch wenn die Sozialdemokratie bei der end­gültigen Abstimmung im Plenum dem Fürsten­kompromiß zuftimmt, wird noch eine teilweise Stimmenthaltung der Deutschnationalen zur Sicherheit der Zweidrittelmehr- he i t erforderlich sein, denn darauf ist die Füh­lungnahme der Koalitionsparteien mit den Deutschnattonalen zurückzuführen. Während bisher die Hohenzollern 290 000 Morgen, der preußische Staat nur 110000 Morgen erhalten tollte, werden, wenn das Gesetz zustande kommt, die Hohenzollern 156 000 Preußen 244 000 Mor­gen erhalten. Die Barabfindung wird von vierundzwanzig auf zwölf Millionen verringert

Segen den Dolloenlllheld Der Sparer.

Berlin, 24. April. (Privattelegramm.) Der Vorstand des Deutschen Landwirtschastsratos hat die Deutschnationale Partei aus die Beun­ruhigung hingewiesen, die entstehen würde,

wenn ein Zulassungsantrag der Sparer für ein Volksbegehren Erfolg hätte. Die Partei solle dem Gesetzentwurs, wo­nach die Aufwertungsfrage vom Volksentscheid ausgeschlossen sei, ihre Zustimmung geben. (Siehe auch Depeschen 2. Seite.)

Menn die Sache schief geht Botschafter Hoesch in der Studienkommisston.

(Durch Fun,'sprach >

Berlin, 24. April.

Wie wir hören, hat die Reichsregierung den deutschen Botschafter in Paris, Herrn von Hoesch, für die Prüfungskommission zur Um­gestaltung des Völkerbundsrates ausersehen. Die Kommission tritt am 10. M a t d. I. in Genf zusammen. (Indem man diese Mission gleich­sam in den Rahmen der laufenden Außenpolitik einspannt, erkennt man ihre hohe Bedeutung an, ohne einem Sondervertreter das Risiko einer Bloßstellung bei Scheitern der Ver­handlungen aufzubürden. Die Red.)

©thtoeoenfl Senser Kämpen.

Stockholm, 24. April. (Funkdienst.) Die schwedische Regierung hat den Staatssekretär A. E,. H- S j ö b o r g und den Gesandten in Bern, E. Hennings, zu Vertretern Schwe­dens in der Genfer Studienkommiffion ernannt. Auch für die Abrüstungskonferenz ist der Ge­sandt- in Bern. Hcnnnings, ernannt worden.

' *

Das beste vserv tm Ticheckenstall.

Gens, 24. April. (Privattelegramm.) Die tschechische Regierung wird sich in der Kom­mission für die Reorganisation des Völker­bundsrates druch Außenminister Ben«sch und den Gesandten in Bern vertreten.

Vrenßen als Gcvlicvter.

Ein Rückkaufsrecht auf Schlösser und Land.

(Eigener Drahtbericht.)

Berlin, 24. April.

Bezüglich des Abstandes der preußi­schen Regierung von einer Erweite­rung der Rückwirkung deS Fürstenge« sctzeS ist, wie die Blätter Mitteilen, ein Rück« kaufsrecht vorgesehen, das die preußische Regierung sich auf verschiedene Schlösser und Herrschaften zu sichern beabsichtigt. Diese Rege­lung hat jedoch in den Kreisen der Deutschen Bolkspartei Bedenken erregt. Ein Abändc« rungSantrag deS Kompromitzentwurfes wird dem RechtSausschutz heute vorgelegt werden, der nur von den Dem ok raten und dem Zen­trum unterzeichnet ist, während eS die Deutsche Volkspartei abgelehnt hat, den Antrag mitzu- unterschreiben. Sie wird ihn aber tolerieren, also für ihn stimmen. (S. a. Dep. 2. S.)

Staffen mutz arötzer fein.

Mussolinis KaisertraumDie überfüllte Partei (Eigene Drahtmeldung.)

Mailand, 24. April.

Mussolini, der hier zur Teilnahme an der Sitzung deS faschistischen Generalrats weilt, f»rnrt) zu den »oltsmafleni ,ür die größere Würde, die wir erstreben, müffen wir rin grö­ßeres Haus schaffen. Wir find auf dem Wege dazu und vertrauen aus Italiens Glück und Tapferkeit. Laut Stastistik beträgt die Zahl der eingeschriebenen faschistischen Parteimitglie­der 742 178. was eine Vermehrung um 326 596 gegenüber 1925 bedeutet. Weitere Ausnahmege­suche werden nicht angenommen.

Stolz WM ich den Spanier

Für den Abbruch mit Abd el Krim.

(Eigener Drahtbericht.)

Paris, 24. April.

Laut Preffenotiz flnd dir Spanier der Bn- icht, daß die Gegenvorschläge Abd el Krim; nicht berücksichtigt werden können und daß die Unterhandlungen abgebrochen wer­den sollen Der Gouverneur von Marokko wird deswegen am Sonntag mit Primo de Revers eine Unterredung haben. Danach wird in Audienz vom König empfangen werden.

Tanz auf dem Vulkan.

Bummel durch das nächtliche Schanghai.

I« Cbiua herrscht das Chaos: die Fieberschaner des Aufruhrs haben das unglückliche Reich der Mitte erfaftt.Manchmal glaubt man, der Aufführung einer Groteske beizuivohne«, schreibt ein in Schanghai weilender italienischer Berichterstatter,bis der Fenerschei» der in der Berne brennenden Dörfer daran erinnert, daß eine furchtbare Tragödie gesvielt wird. Doch amh hier berühren sich di« G-acasütze: und im Angesicht des Todes tau,t Schanghai auf dem Bnlkan." I« dem Bericht heiftt es weiter:

Wen die schöne Märznacht verführt, auf der Fu Tscheu Road, einer der längsten und schön­sten Straßen Schanghais, zu lustwandeln, tut gut daran, sich bis an die Zähne zu bewaffnen; denn in dlescn unruhigen Zeitläuften ist der entsicherte Revolver in der Tasche Der zuverlässigste und unentbehrlichste Begleiter. Ein paar dunkle Seitengassen des Fremdenvier­tels, wo man unter dem Schutz der acht euro­päischen Konsuln ruhig schläft, werden durch­quert, dann biegen wir um die Ecke und tau­chen in ein Meer von Licht. Das ist die Fu Tscheu Road Auf den Veranden der zahllosen Restaurants spielen die Orchester der Flöten, Violinen und Schlaginstrumenten, plärren Ge­sangschöre, die den Namen Buddhas und Kon- futses preisen; dazwischen aber tobt der Jazz- rummel der Weißen. Da rufen Zigeuner-Ka­pellen, Jazz-Banden, Klaviere, Drehorgeln und Kastagnetten zum Tanz. Fu Tscheu Road sttahlt in Licht und Farbe. Die elektrischen Bo­genlampen der europäischen Stadtverwaltung erließen Ströme von Licht über ihre Flaggen. Aber alles überstrahlt die Illumination, mit der die chinesischen Restaurants,

Tanzlokale, Tee-Häuser, Opiumspelunken tausendjähriger Ueberliefetung getreu, ihre Fassaden erleuchten. Da blitzen rote, dort vio­lette Lichter, hier lodern gelbe Fanale, dort dre­hen sich grüne Feuerräder, schimmern blaue Refl'xe und schwanken farbige Oellampen Auf allen Balkons schaukeln Tausende von Lam­pions aus Papier und Seide, buntfarbig und mit allen Drachen der chinesischen Mythologie geschmückt, im kühlen Wind. Verschwenderisch gleißt das Gold an allen Ecken und auf den Türen der Häuser. Der Chinese liebt das kost­bare Metall wie die Seide und berauscht sich an seinem Glanz tote am Knistern der weichen Stoffe. In dieser märchenhaften Umwelt flu­tet eine unabsehbare M nschenmenae hin und her, durch die sich Aberhunderte von Fahrzeu­gen mühsam winden müssen Eine ganze Armee von Geishas trippelt zwischen den phantastisch aufgeputzten Gestalten der Mandarine, Bonzen und Samurais einher Da und dort tauchen in der Menge ein paar europäische Seeoffiziere und Matrosen im Ausgehanzug, Schiffsheizer in blauer Wolljacke auf. In Abständen von hun­dert Meter haben die eingeborenen Polizisten Ausstellung genommen. Daneben fehlt es nicht an Gauklern, Kurvfusckern und Barbieren, die mitten im Gewühl ihr Gewerbe ausüben, Srraßenhändlern und Bauchrednern, die unter Sckirmcn die Aufmerksamkeit der Vorüberge­henden zu erregen versuchen Der Mont- mar 1 r e in P a r i s ist. verglichen mit dieser Bergnügungsstraße Schanghais, eine Stätte der Langeweile. In verschwiegenen Sckluvs- winkcln, den Teehäusetn Opiumspelunken, Mu­sikballen. Theatern und Kinos feiern Einhei­mische und Fremde eine einzige große Orgie. In den großen Kafseebäusern gibt cs zwei Ab­teilungen. Zu ebener Erde liegen die den Ar­beitern und KuliS vorbehaltenen Räume, im l beten Stockwerk die

goldftrotzenden Salons für die Reichen. Eine Holztreppe führt vom Proletariat nach der Bourgeoisie. Klassen- und Standesunterschiede gibt es 6;er nicht. Wer Geld hat, kann In die oberen Räume eingehen, tretntnter er fein mag. Di« Salons sind über­füllt von Leuten in prachtvolken Seidengewän- >.ern. Die Gäste hocken auf kleinen lackierten Stühlen. Europa ist in diesem eleganten Re­staurant .Zur Annamitischen Schildkröte", in das wir neugierig eintrten. von Engländern in tadellosem Smoking, aufs Würdigste vertre­ten: Amerika hat seine Seeoffiziere in schlichtet Uniform geschickt, während das international» Element von zahlreichen Schiebern unbekannter Nationalität repräsentiert wird. Obgleich die Märznacht recht kühl ist, stehen die Fenster des Salons weit offen. Im mittleren Salon befindet sich der Tanzsaal, wo eine Schauspie- letgesellschaft gerade den 57. Akt einer tausend- äbrigen chinesischen Tragödie mimt. Tann produzieren sich Chanson tten, Kartenspieler, ein Improvisator und Bauchredner zur Belu-