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Nr. 76.

Sechzehnter Jahrgang.

Kasseler Neueste Nachrichten

1. Beilage.

Mittwoch. 31. März 1926.

Hölle des Vergnügens

Quer durchs Hamburger St. Pauli.

Von

cÖMk ÄUwtt- OVwywtytv

Ernst Schäffer.

Auch eine Reitbabu /Damen" im Arreste. Wie man t» St. Pauli tamt.

Wer eine Rundfahrt durch den Hamburger Hafen gemacht hat, und einen Bummel Wer die schöne Hauptstraße an der Alster, den Jhrug- fernstieg, der glaubt, nun kenne er Hamburg. Dies ist aber durchaus nicht der Fall. Dazu gehört noch etwas anderes. Man muß nämlich unbedingt die Reeperbahn in St. Pauli gesehen haben. Aus jedem der unzähligen Vergnügung-, lokale dringt knallige Musik, schreiende Lichtre­klamen und vierschrötige Portiers laden zum Eintritt ein. Andere Hafenstädte in England, am Mtttelmeer oder wo auch immer haben auch ihre Tingel-Tangel, ihre Singspielhallen und Kneipen aller Art. Diese Zusammenballung jedoch von Vergnügungsstätten, dieses lärmende Chaos von Mtlsik, Farben, Schreien, Geruch und Lüsternheit, das gibt es nur ein einziges Mal, nämlich in St. Pauli. Unmöglich ist es, alle Lokale, oder auch nur einen größeren Teil von ihnen aufzusuchen. Es sind ihrer zu viele, aber eS genügt ja, einige Stichproben zu ma­chen, wobei wir uns minderwertigere Typen an­sehen wollen. So steigen wir also zuerst einmal auf vielen Stufen

hinab in den Chinesenkeller

Die Besitzer, die an der Theke stehen, find Chi­nesen, die Kellner Deutsche, die Jazzkapelle ir­gendwelche Exoten mit Musik im Leibe. Noch bunter gemischt aus aller Herren Länder 'ft das Publikum. Jeder Erdteil scheint hier seine Vi­sitenkarte abgegeben zu geben. Dunkelhäutige Gestalten mit stahlblauen Haaren und breiten Backenknochen, Inder, Malaien, Neger, Japaner und viel Chinesen, die zu ihren Landsleuten kommen, aber auch Deutsche trifft man hier. So hocken sie bei abgeblendeter magischer Beleuch­tung, eng umschlungen mit ihren Mädchen, in Nischen verborgen oder auch ungeniert an offe­nen Tischen bei Wein, Bier oder Schnaps. In der Mitte des Raumes ist ein winziger Platz zum Tanzen. Dort nun schieben nach den auf­reizend monotonen Klängen der Jazzband, alle eng aneinander gedrückt, für den kleinen Fleck unwahrscheinlich viele Menschen langsam vor­wärts, fast auf der Stelle und lärmen und sin­gen dabei. Hier packt ein großer, hübscher Kerl mit tätowierten Händen sein Mädel, hebt es hoch und tanzt so mit ihm weiter, als ob es die leichteste Last sei. Und die Augen der Frauen, die noch keinen Mann für diesen Abend gefun­den haben, gehen zu dem Riesen und saugen sich gleichsam an ihm fest. Diese Frauen sind auch ein buntes Gemisch, Dirnen niedrigster Sorte, Koketten, die einst bessere Tage und Lieb­haber gesehen, man merkt es noch an ihrer Klei­dung, und Verkäuferinnen, Dienstmädchen, Ar­beiterinnen, die sich ihren trüben Alltag verschö­nen wollen und dabei oft dorthin entgleiten, woher es kein Zurück mehr gibt. Aus diesem Gewühl voll erotisch geschwängerter Luft klim­men wir wieder die steilen Stufen hoch und atmen die nicht etwa reine, aber immerhin kalte wohltuende Nachtluft ein. Wohin soll es nun geben? Ein knalliges Plakat, entblößte Frauen auf galappierenden Pferden, ist vielverheißend.

Also auf ins Hippodrom!

Am Eingang steht ein martialisch dreinblicken­der Portier, dessen Hauptberuf das Hinauswer- fen sich übel betragender Gäste ist. Denn gera­de, als wir eintreten wollen, fliegt ein Men- schenknäuel auf den Fahrdamm uns entge­gen und bleibt liegen. Der Empfang soll uns nicht abschrecken. Durch einen engen, dunk­len, schlauchartigen Gang gelangt man hinein: Eine kleine Sand-Manege, um die herum Bo-

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xen angelegt find, in denen Pärchen ziemlich unbeobachtet sich amüsieren. In der Mitte der Reitbahn stehen fünf Pferde und ein mit langer Peitsche bewaffneter Stallmeister. Selbstver­ständlich gehört auch eine Musikkapelle dazu, nach deren Tempo geritten wird. Meistens tun s nur .Damen", natürlich im Herrensitz, für den sie in Bezug auf ihre Kleidung allerdings gar nicht eingerichtet sind. Aber das macht nichts, man ist nicht zimperlich, und gerade an diesem Aicklick weiden sich die Kavaliere. Als beson­derer Spaß ist ein Pferd falsch aufgeschirrt, das dressiertermaßen nach der ersten Runde seine Rei­terin prompt mit Elan abwirft. Auch hier Lärm und Gekreisch, dazu der intensive Manegege­ruch, eine betäubende Atmosphäre!

Unser letzter Besuch gilt einem Ballhaus mittleren GenreS, in dem noch großer Bettied herrscht. Die Männer, auch alles Seeleute, sind schon eine Nuance eleganter. Bemerkenswert ist, wie gut hier getanzt wird. Ein schon stark betrunfener Asiate jazzt hervorragend, wobei er offenbar nur durch die Musik aufrecht -rhalten wird, denn bei ihrem Verstummen fällt er hin und wird bald von Freunden und Freundinnen im Triumph fortgetragen. Es ist vier Uhr geworden. Das Ballhaus und die anderen Lo­kale schließen. Aber es ist dafür gesorgt, daß man weiter bummeln kann, denn einige Restau­rants öffnen bereits um dieselbe Zeit ihre Psotten. Ms wir St. Paule verlassen wollen, fällt mein Blick, wir waren nämlich in eine klei­ne Nebengasse geraten, auf deren Namen. Er lautet sonderbarerweise .Goldene Freiheit". Vielleicht deswegen, weil die armen Geschöpfe, die hier gelandet oder vielmehr gestrandet sind, sie niemals wieder erringen.

Aus aller Well

eine Falfchmünzervanve feftgenommen.

Schon feit längerer Zeit war es der hanno- verfchen Polizei bekannt, daß von einer Falsch­münzerwerkstätte zahlreiche Dreimarkstücke in Umlauf gebracht wurden. Das Falschgeld, das eine gute Herstellung zeigt, wurde in Nürnberg, Kassel, Frankfurt am Main und in Hannover in den Verkehr gebracht. Jetzt gelang es, das Falschmünzernest auszuheben, sowie acht Perso­nen, die an der Herstellung und dem Vertriebe beteiligt gewesen sind, festzunehmen. Die Ver­hafteten sind jüngere Leute, darunter ein Waler, der als Führer der Bande in Frage kommt, ein Drogist, ein Händler und zwei Kaufleute. Die Falschmünzer geben an, etwa neunhundert fal­sche Dreimarkstücke in den Verkehr gebracht zu haben. Bei der Haussuchung ist außer den Formen und dem Material noch ein größerer Bestand fertiger Falschstücke vorgefunden worden. Man geht wohl in der Annahme nicht fehl, daß eine die Zahl von neunhundert weit übersteigen­de Menge an den Mann gebracht wurde.

Der Mörder im Olflzierskaflno

Unter schweren Umständen ist es gelungen, einen gefährlichen Räuber, den Schrecken der Vogesen-Wälder in St. Die (Frankreich) zu ver­haften. Er ist des dreifachen Mordes ange­klagt und hat außerdem schwere Einbrüche auf dem Kerbholz. Der Verbrecher hatte seine An­gehörigen für kurze Zeit ausgesucht, die für ihn wachten, so daß er in den Wald flüchten konnte,

ehe ihn die Gendarmen des OrteS errek&ten. Man holte ihn aber doch ein und so kam eS »u einem regulären Feuergefecht. Schließlich wurde er überwältigt und gefesselt abgeführt. Man hat festgestellt, daß er nach feinen Mordtaten längere Zeit als Ordonnanz im französischen Of­fizierskasino in Köln tätig gewesen ist und etn gutes Zeugnis besonders für seine Ehrlichkeit und feine guten Dienste ausgestellt erhalten hat.

Die Schätze auf dem Meeresgrund. Vor der französischen Hafenstadt Nantes ging 1922 ein Dampfer mit einem Goldtransport iyt Wer­te von sünsundreißig Millionen Mark unter. Da das Schiff in 160 Meter Tiefe liegt, konnte es bisher nicht gehoben werden. Jetzt sollen mit Hilfe der deutschen Tiefseetaucher abermals Bergungsversuche unternommen werden.

* Der zehnte englische Landsitz niederge- brannt. Einer der schönsten Landsitze Englands Spowotthouse, der dem Bruder des Lord Derby gehörte, ist niedergebrannt. Dies ist in kurzer Zeit der zehnte englische Landsitz, der den Flam­men zum Opfer gefallen ist.

Millionen - Unterschlagung rumänischer Staatsbeamter. Der Generaldirektor der Buch- halterei des Außenministeriums in Bukarest, Stefan Popescu, «nd ein zweiter Direttor sind wegen Unregelmäßigkeiten in Höhe von drei Millionen Lei verhaftet worden.

Eine Millionärin in Armut gestorben. In Manchester (England) wurde eine vierundsieb­zigjährige Greisin tot aufgefunden, die feit zwanzig Jahren von ungefähr fünfzig Pfennig täglich gelebt hat. In ihrer Wohnung fand man für mehr als eine Million Wertpapiere.

* Im Erzgebirge versinkt eine Stadt. In der Stadt Oelsnitz im Erzgebirge macht uch eine allgemeine Beunruhigung der Bevölke­rung bemerkbar, weil durch Bergschäden be­reits gegenwärtig saft kein einziges Haus mehr lotrecht steht. Fachmänner erflären, daß für die nächste Zeit Senkungen von vielen Metern zu erwarten seien.

* Opfer der Spielleidenschaft. Ein Steuer­einnehmer von Venedig, der im Spiele zwanzig Millionen Lire aus Staatskassen verloren hatte, wurde in Monte Carlo, wohin er sich begeben hatte, verhaftet. Er wird demnächst nach Vene­dig ausgeliefett werden.

Ein polnisches Militärarsenal ausgebrannt. In Pinsk (Polen) sind ausgedehnte Werkstätten und große Magazine der polnischen Kriegsma­rine, in denen sich das Material für die Luft­flotte befand, vollständig niedergebrannt Der Schaden beträgt mehrere Millionen Zloty. Man vermutet Brandstistuna.

" Ein Theater durch Feuer zerstört. Durch eine Feuersbrunst ist das Theater Albonic in Granada (Spanien) zerstört worden.

" Gnadengesuch eines dänischen Bischofs. Wie aus Kopenhagen gemeldet wird, hat der wegen Betruges zu drei Monaten Gefängnis verurteilte Methodistenbischof Bast auf eine Berufung gegen das Urteil verzichtet, dagegen ein Gnadengesuch um Erlaß der Strafe an den König von Dänemark gerichtet. Da Bast noch immer große Sympathien genießt, hofft man auf einen Erfolg des L»sucheS .

* Dreißig Pilger ertrunken. In der Bucht von Bahia Bianca (Brasilien) hat sich ein schweres Dampferunglück ereignet. Ein Damp­fer, der über hundert Passagiere an Bord hatte, die sich zu einer religiösen Feier begeben woll­

ten, sank plötzlich in der Bucht. Rach den bisher vorllegenden Mitteilungen sind dreißig Pasta- giere bei dem Unfall ertrunken.

* Ein Zug in eine Schlucht gestürzt. Wie aus Rio de Janeiro (Brasilien) gemeldet wird, ist bei Pedra am Rio Grande ein Zug in eine Schlucht gestürzt, lieber fünfzig Personen sol­len bet dem Unglück getötet worden fein.

* Der Wettrekord im Hungern. Der berliner Hungerkünstler Jolly hat den 44. Tag überstan­den. Er ist Welttekord-Künstler" und stieg am Montag abend aus seinem Gefängnis, .be­schwert" mit einem Reingewinn von 130 000 X

Der Friedhof des Meeres.

Die Wrackflotte vor Vancouver.

An der Westküste von Canada, unweit der Grenze der Vereinigten Staaten, dort, wo dir Insel Vancouver Britisch-Cotumbien vorge­lagert ist und die Hafenstadt Vancouver Aus- gangshafen und Endziel für den regen Verkehr aus den Dampferlinien von und nach Australien, Yokohama, Hongkong, San Francisco, Sitka und den Häfen am Pugetsund ist, breitet sich der be­rüchtigte, von täten Kapitänen gefürchtete .Friedhof des Pazifik"; an der Südspitze der Insel, an der die Dampfer vorüberfahren müs- sen, um durch die Juam de Fuca-Straße in den Hasen von Vancouver einzulaufen, häufen sich die Wracks der Schiffe, die auf die felsige Küste aufgefahren und gescheitert sind.

Den Ruf, Friedhof des Pazifik zu sein, ver- dantt diese gefährliche Ecke der merkwürdigeit Tatsache, daß über der Südspitze ter Insel eine Zone des Schweigens" gelagert ist, die die Nebelsignale der Leuchtturmsirenen nicht zu durchdringen vermögen. Auf Grund der Be­richte der Kapitäne und Schiffssührer, deren Dampfer in diesen Gewässern kreuzten, werden feit langer Zeit Untersuchungen angestellt, um diese merkwürdige Erscheinung zu erklären. Die Feststellungen der Forschungskommisston empfeh­len den maßgebenden Stellen als einzige Mög­lichkeit, das Problem zu lösen, die Verlegung des Leuchtturms. Die Kapitäne, die von Asien oder Australien her in die Juam de Fuca- Straße einliefen, haben immer und immer wie­der in ihren Berichten darüber Klage geführt, daß sie die Sirenen des Leuchttnrms nicht ge­hört hatten, obgleich an anderen, viel ferner ge­legenen Stellen diese Warnungsstgnale zumeist deutlich vernommen werden konnten. So haben Jahr für Jahr Schiffe aus allen Teilen der Welt, die im Nebel den Weg verfehlten und auf die Fellen aufliefen, das Schicksal ihrer unglück­lichen Vorgänger geteilt und die große Wrack- flotte auf diesem Schiffsfriedhof um ein neues Opfer vermehrt.

Die entscheidende Wendung führte der Be­richt herbei, den der Kapitän des Frachtdapfers Eemdyk" von der Hollcmd-Amenka-Linie den kanadischen Behörden erstattet hatte, nachdem sein Schiff bei der Bentick-Jnsel, unweit der Signalstation, gescheiten war. Kapitän Rynink von derEemdyk" führt in seinem Bericht aus, daß, bevor das Schiff auf den felsigen Grund auffuhr, kein Nebelsignal zu vernehmen gewesen fei. Eingehende Nachorschungen erbrachten dann den Beweis, daß die Kapitäne anderer Schiffe, die in ungleich größerer Entfernung von dem gefährlichen Felsen fuhren, diese Signale deut­lich gehört batten. Die Sachverständigen sind auf Grund dieser Tatsache nunmehr zu dem Schluß gelangt, daß Wind und Gezeiten in be­stimmten Perioden zusammenwirken, um eine Zonetoter Lust" zu schassen, die keine Ton- und Klangwellen durchläßt. Man nimmt an, daß diese Zone einen Radius von vielen Meilen be­sitzt. Als die Gelrheten bei ihren Untersuchungen einmal an Bord eines kleinen Dampfers in der gefährlichen Gegend kreuzten, konnten sie im Nebel den Leuchtturm so deutlich vor sich liegen sehen, daß es ihnen sogar möglich war, die Ge­stalten der Wachtposten genau zu erkennen. Trotzdem vermochten sie nicht einen Ton der heu­lenden Sirenen zu hören.

Der Sieger

Roman

15)

Sie kam Sie stöhnte

eines große« Tenors.

Von Her«»«» Weick.

sich plötzlich schwach und elend vor.

auf. Sie fühlte, daß ,ett'mar ihr

von Mann zu Mann getaumelt war in einem unllaren Verlangen ihrer Sinne .... sie war durch das Erlebnis mit Fellmar von Grund aus gewandelt worden.

Die tiefe Leidenschaft zu dem geliebten Man­ne hatte keinen anderen Gedanken mehr in ihr aufkommen lassen. Ganz war sie in ihm auf« gegangen. .

Und nun sollte das zu Ende sein ....

Ihr Selbstgefühl bäumte sich dagegen auf.

War sie denn eine Frau, die man einfach wegwarf, wenn man ihrer überdrüssig gewor­den war? ....

Sollte sie kampflos ihren Platz diesem klei- nen, unbedeutenden Bürgermädchen überlassen, das, nur weil es reiche Eltern hatte, Fellmar für sich beanspruchen zu können glaubte? . . .

Hanna Martens sprang auf. Etwas Wildes, Fanatisches flammte in ihren Augen auf.

So einfach lasse ich mich nicht beiseite schie­ben, Hans Fellmar!" sagte sie laut und sah das Bild auf dem Schreibtisch feindselig an.

Als Fellmar den in blendendes Licht getauchten Salon betrat, verstummte das Sprechen. Die Augen aller Anwesenden richteten sich in sichtli­chem Interesse auf den Ankömmling.

Der Hausherr, ein großer, vierschrötiger Mann mit bäuerischem Gesicht, kam aus Fell­mar zu.

Das ist schön von Ihnen, daß Sie noch kommen!"

Er führte ihn zu seiner Frau, die den Gast in überschwänglicher Weife willkommen hieß Frau Schindler war eine rundliche, rotwangige Frau; sie stak in einem eng anliegenden Sei­denkleid von auffallend grellroter Farbe.

Meine Tochter ist ganz begeistert von Ihrem Lobengrin!" sagte sie schmachtend.

Lore Schindler stand plötzlich neben Hans Fellmar. Sie war das gerade Gegenteil ihrer Eltern; schlank, blaß, zart. Ein halbes Kind noch

In unverholener Hingabe sahen ihre hellen Augen Fellmar an. Wortlos streckte sie ihm die Hand entgegen.

Ich danke Ihnen für Ihre Blumen, gnädi­ges Fräulein!" sprach Fellmar.

entglitt.

Ihr bangte davor, jetzt in ihre Wohnung zu gehen. Daheim, wo jedes Möbel, jeder Winkel sie an Fellmar erinnerte, wurde sie wahnsinnig werden.

Ziellos wanderte sie durch die Straßen. Einige Male wurde sie von Herren angespro­chen, die sich von der allein gehenden Dame ein nächtliches Abenteuer versprachen. Hanna Martens sah sie nicht.

Sie befand sich in einem ungeheuren Auf­ruhr ihrer Gefühle.

Die mit Hans Fellmar verlebte Zett zog an ihr vorüber. Blitzesklar erkannte sie in dieser Stunde, was immer unbewußt in ihr geklagt hatte; daß Fellmar nicht mit tieferen Gefühlen an sie gebunden war.

Hatte er jemals mit heißen, leidenschaftlichen Worten zu ihr geredet?... Hatte er, wenn sie ihm einmal ferne war, sich nach ihr gesehnt, sich um sie gebangt?....

Immer war es wie eine Mauer :tm ihn gewesen.

Schwerfällig stieg Hanna Martens die Treppe zu ihrer Wohnung hinaus. Wie unter einem Bann legte sie Mantel und Hut ab. Kalt und fremd erschien ihr das Zimmer.

Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch. Da stand Fellmars Bild. Es zeigte ihn als Troubadour.

Hanna Martens riß das Bild an sich. Ihre Augen floaten darauf, als heischten sie von dem Bild Antwort auf eine Frage.

Ein verzweifelter Schrei brach über ihre Lippen. Sie sank auf den Stuhl und barg auf­weinend den Kopf zwischen ihren Händen.

Sie fühlte in diesem Augenblick mit peini­gender Klarheit, daß sie von Hans Fellmar nie mehr loskommen würde. Sie, die früher Liebe nur als tändelndes Spiel betrachtet hatte, die

Sie errötete.

Die Unterhaltung, die gestockt hatte, war rasch wieder im Gange.

Fellmar saß schweigsam da. Er langweilte sich und ging nach einer Weile in das Neben­zimmer.

Lore Schindler folgte ihm.

Gefällt es Ihnen heute nicht bei uns? fragte sie ängstlich.

Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?"

Sie spielte verlegen mit der dünnen, silber­nen Kette, die sie um den schmalen Hals trug.

Sie haben die ganze Zeit, während ich ne­ben Ihnen saß, kaum ein Wort gesprochen, und nun sind Sie auch noch weggegangen!"

Sie tat ihm leid in ihrer Hilflosigkeit, die etwas Rührendes hatte.

Verzeihen Sie, ich bin etwas müde!"

Das kann ich mir denken!" sagte sie rasch, wie von einer Sorge befreit.Wenn man eine solche Leistung vollbracht hat! Da hat man keine Lust, sich mit einem so dummen Mädel zu unterhalten, wie ich es bin!"

Er lachte.

Jetzt waren Sie ungerecht gegen sich, gnädi­ges Fräulein!"

Sie sah ihn ernst an.

Verspotten Sie mich?"

Habe ich Ihnen schon einmal Grund gege­ben. etwas Derartiges von mir zu denken?"

Ein feines Lächeln kam in ihr schmales Kin­dergesicht.

Nein! .... Sie waren immer gut zu mir!

... Gut und aufrichtig!.... Deshalb habe ich auch so großes Vertrauen zu Ihnen!"

Der warme kindliche Ton ihrer Stimme be­rührte ihn seltsam. Er mußte an Ellen Petry denken. Etwas Verwandtes bestand zwischen ihr und Lore Schindler. Das Schlichte, Naliit- liche und Echte war beiden gemeinsam.

Elftes Kapitel.

Der Oberregisseur Sonntag schlug plötzlich mit der Faust auf das kleine Tischchen, an dem er saß.

Schluß!" schrie er und steckte das Regiebuch in die Tasche.Falls Sie Lust haben, können

Sie allein weiter probieren! Ich habe es satt! Wenn Fräulein Martens ihre Rolle kann, so mag sie sich melden. Dann fange ich wieder zu proben an! Vorher nicht! Guten Morgen!"

Er ließ die Schauspieler, die lange Gesich­ter bekamen, stehen. Als er schon an der Türe war, rief er zurück:

Ich darf Sie wohl bitten, Fräulein Mar­tens, nachher in mein Zimmer zu kommen!"

Die Schauspieler tuschelten erregt miteinan­der; einige warfen schadenfrohe Blicke auf Han­na Martens. Mit knappem Gruß verließen sie den Probesaal.

Hanna Martens stand noch immer an der­selben Stelle. Sie war todesblaß. Ihre Blicke gingen verstört umher, als müsse sie sich besin- neft, was geschehen sei.

Mit müder Bewegung schlüpfte sie in ihren Mantel. Langsam ging sie aus dem Saal.

Sonntag sah kaum von seinem Schreibtisch auf, als Hanna eintrat.

Bitte, nehmen Sie Platz!" sagte er und blät­terte hastig in dem Probeplan, den er vor sich liegen hatte.

Sein Gesicht wurde immer finsterer.

^Jetzt müssen wir Ihretwegen das ganze Re- pertoire umwerfen!" stieß er wütend hervor, Daß ich denErdgeist" so, wie er jetzt steht, in den paar Tagen nicht herausbringe, können Sie sich denken!"

Hanna Martens erwiderte nichts. Mit ab­wesendem Blick saß sie da. Was geht das mich an? . . . dachte sie ... . Was liegt mir am Erdgeist"? .... Was überhaupt an dieser gan­zen Theaterspielerei? ....

Sonntag heftete seine Blicke forschend auf Hanna Martens

Nun sagen Sie mir einmal unter vier Au­gen, was ist mit einem Mal in Sie gefahren, daß Sie so elend versagen?"

Hanna Martens senkte das Haupt.

Daß ein Mitglied einmal auf einer Probe nichts kann, das bin ich ja schließlich gewohnts Aber bei Ihnen wird das von Probe zu Probe schlimmer!"